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Was ist drin... in "Rinds-Bouillon" (2010)

Bei dem heute untersuchten Produkt handelt es sich um eine Neuauflage. 10 Jahre nach der ersten Beurteilung einer Brühe in Granulatform als Suppengrundlage will ich mich dieser erneut widmen und auf die Veränderungen eingehen. Ich will an dieser Stelle einmal ein Produkt eines Markenherstellers, der mit "M" beginnt besprechen (sie können auch eines Hersteller, der mit "K" beginnt nehmen oder ein Noname-Produkt, die Zusammensetzung wird fast die gleiche sein, doch dazu später mehr). Schauen wir uns erst mal das Zutatenverzeichnis an:

"Klare Rinds-Bouillon": Der Name des Produktes

Zutatenverzeichnis

Jodsalz: Also der Hauptbestandteil ist nicht Fleisch oder Fleischextrakt, es ist Salz. Schon das sollte uns zu denken geben.

Geschmacksverstärker Mononatriumglutamat, Dinatriumguanylat: Es gibt noch keinen Geschmack in der Zutatenliste, aber er wird schon verstärkt durch zwei Geschmacksverstärker für fleischartige Aromen. (bzw. nach neueren Erkenntnissen stellen sie selbst einen Geschmack dar, der "unami" japanisch für "herzhaft" bezeichnet wird.

pflanzliches Öl gehärtet: Kein tierisches Fett, kein Speck, dafür das billigere pflanzliche Öl, damit das Pulver pulverförmig und fest bleibt, ist es gehärtet.

Aroma (mit Weizen, Sellerie): Nun kommt die erste Aromakomponente, doch nicht Sellerieextrakt, sondern künstliches Aroma und "Weizen" meint wohl angeröstetes Weizenmehl das extrahiert wurde.

Milchzucker: Füllstoff und leichte Geschmackabrundung

Fleischextrakt*: Nun, an sechster Stelle im Zutatenverzeichnis kommt der Fleischextrakt. Davon kann es nicht viel geben. Wie viel darüber informiert uns die Anmerkung zum Stern(*).

Hefeextrakt: Ist vom Wirkprinzip hier kein Lebensmittel sondern ein weiterer Geschmacksverstärker. Er besteht aus Aminosäuren und Purinen, die geschmacksverstärkend für Fleischaromen wirken.

Gewürze: Muss nicht kommentiert werden

karamellisierter Zucker: Bislang waren alle Bestandteile mehr oder weniger farblos oder nicht intensiv gefärbt. Der Verbraucher wünscht jedoch eine goldgelbe Brühe obwohl er nur einen Teelöffel Pulver zugibt, das erreicht man durch karamellisierten Zucker als natürlichem Farbstoff.

Kräuter: Zur Geschmacksabrundung, offensichtlich noch weniger als Gewürze in der Brühe enthalten.

Maltodextin: Wahrscheinlich der Trägerstoff für die Gewürze und Kräuter oder zur Geschmacksabrundng / Färbung

pflanzliches Öl: Da es hier nochmals kommt wahrscheinlich Trägerstoff für Aromen oder zur Einstellung der Konsistenz zugegeben

[Spuren: Eier, Senf]: Offensichtlich scheut der Hersteller sich vor einer korrekten Belehrung von Allergikern, wonach das ganze beginnen sollte "Allergikerhinweis kann Spuren von Eiern und Senf enthalten". So wäre das schon ein Grund dies zu beanstanden

*335 mg/l, 50 % der Vorgabe gemäß EU-Beurteilungskriterien: Dazu später mehr

Nährwertkennzeichnung

Nährwerte pro 100 ml
Brennwert: 23 kJ = 6 kcal
Eiweiß 0,3 g
Kohlenhydrate 0,2 g
Fett 0,4 g

Beurteilung

Nun man wird sicher nicht erwarten, dass eine Fleischbrühe, pardon "Rinds-Bouillon" aus 100 % Fleisch und Gemüse besteht, wenn sie industriell hergestellt wird. Das kann der Verbraucher nicht im Ernst erwarten. Aber es ist hier schon arg weit gekommen. Fleisch taucht her erst an sechster Stelle auf. Gemüse überhaupt nicht. Stattdessen entdecke ich zweimal Geschmacksverstärker einmal natürlich und einmal synthetisch und Aromen. Mit Rindsbouillon hat nur noch der Fleischextrakt zu tun, dessen Menge man nur abschätzen kann, weil die Menge im Glas nirgends angegeben ist. Das ist leider erlaubt. Es ist erlaubt die Menge im verzehrsfähigem Produkt anzugeben, das heißt nun eben pro Liter. Da der Hauptbestandteil Salz ist, kann man auch schlecht unter- oder überdosieren außer man will eine fade oder übersalzene Suppe.

Wenn ich die Angabe von "einem leicht gehäuften Teelöffel in 250 ml Wasser" mal mit 5 g pro 250 ml gleichsetze, so enthalten 100 ml rund 2 g Pulver. Bei den Nährwertangeben hat der Hersteller bewusst nur das genommen was ihm gefällt und sich nicht mal den GDA Angaben (die der Autor als verwirrend ablehnt) angeschlossen, da diese Natrium ausweisen. So kann man aber durch Differenzberechnung zu den 0,9 g an energieliefernden Bestandteilen leicht ausrechnen, dass 1,1 g pro 100 ml nur auf das Salz entfallen. Anders ausgedrückt: Rund die Hälfte der "Rinds Bouillon" ist Salz. Wäre das leider nicht in allen Produkten so und erlaubt, man würde sicher von Betrug sprechen. Gesetzlich erlaubt ist Salz bis zu einem Anteil von 65 %.

Ein Besuch auf der Website des Herstellers für die Großpackung für die Gastronomie belehrt mich, dass dieser mit 1,6 g Pulver pro 100 ml rechnet und in der Tat 53,6 % Salz in dem Produkt sind - also gut geschätzt!

Nun interessiert den Verbraucher natürlich eines: Wie viel Fleisch ist drin? Nun Fleisch in dem Sinne ist gar keines drin, zumindest nicht in der Form wie sie es erwarten, also Fleisch das in einer Brühe ausgekocht wird. Es wird Fleischextrakt zugesetzt. Dieser entsteht wenn man Rindfleisch sehr fein zerkleinert und dann mit 90° heißem Wasser auslaugt. Dann wird das Fett abgeschieden und die Masse getrocknet. Fleischextrakt enthält freie Aminosäuren, Purine und Mineralstoffe. Obgleich maximal 4 % des Fleisches in Lösung gehen ist das noch deutlich mehr als wenn sie Fleisch selbst auskochen. Dieser echte oder "Liebigsche" Fleischextrakt ist ein hochwertiges Produkt das in Argentinien noch hergestellt und auch zukaufen ist. Industriell wird das Kochwasser aufgearbeitet das bei der Herstellung Corned Beef entfällt oder andere Fleischabfälle ausgelaugt. Bei letzteren wicht dann die Zusammensetzung schon vom echten Fleischextrakt ab, da der Muskelfleischanteil dann deutlich geringer sein dürfte und dafür mehr Bindegewebseiweiß enthalten ist.

Die Angabe 335 mg/l bedeutet dass in einem Liter rund 335 mg Fleischextrakt vorhanden sind, in dem ganzen Gläschen (das 6 l Brühe entspricht) also rund 2 g Fleischextrakt. Zu dessen Herstellung wurden dann 80 g Frischfleisch verwendet, bzw. das Kochwasser von 80 g Corned-Beef oder der entsprechenden Menge Fleischabfällen. Das entspricht einem Anteil von rund 2,1 % im Produkt. Das ist recht wenig und es wird immer weniger, denn ich habe dasselbe Produkt vor einigen Jahren schon mal beurteilt, damals waren es noch doppelt so viel, rund 670 mg/l.

Es ist natürlich dass die Industrie sparen will. Echter Fleischextrakt aus magerem Rindfleisch hergestellt kostet pro 100 g im Einzelhandel rund 12,95 Euro. Die 2 g da drin entsprechen also maximal einem Wert von 26 ct. (Maximal, weil der Preis bei großen Mengen deutlich günstiger ist und der Fleischextrakt in der Bouillon garantiert nicht aus magerem Rindfleisch stammt sondern eher der Resteverwertung, was kein Nachteil sein muss es aber erheblich preiswerter macht).

Trotzdem muss man sich fragen, wann eigentlich die Irreführung anfängt. Es mag Industriebrauch sein, weil es seit Jahrzehnten so üblich ist eine Fleischbrühe aus Geschmacksverstärkern, Salz und Aromen zu bilden und mit etwas Gemüse, Kräuter und Fleischextrakt abzurunden. Doch was ist, wenn diese wertgebenden Substanzen immer weniger werden? Als ich 1999 eine Fleischsuppe (übrigens von einem Noname Hersteller) auseinandernahm fanden sich dort noch Gemüse, Petersilie und die doppelte Menge Fleischextrakt. Kann man die Rindbouillon noch so nennen, wenn nur noch die Halbe Menge drin ist?

Was ist mit den gesetzlichen Vorschriften über die Lebensmittelkennzeichnung die Mengen wertgebender Substanzen (hier Fleischextrakt) in Prozenten anzugeben? 335 mg/l ist keine Prozentangabe und sie ist auf das fertige Produkt bezogen anstatt auf das Pulver Weiterhin gibt es einen in der LMKV vorformulierten Text für die Kennzeichnung von allergischen Bestandteilen und dieser wurde hier nicht verwendet. Der Hersteller hat sich bewusst vor dem Wort "Allergie" gedrückt. Man sieht hier gibt es zum einen Handlungsbedarf und zum anderen eine gewisse Betriebsblindheit haben und auch vor großen Konzernen gerne kuschen.

Das ganze gilt natürlich nicht nur für diesen Hersteller. Ich habe mir das Konkurrenzprodukt von "K" angesehen, dass sich allerdings nur "Klare Delikatessbrühe" nennet. Dort ist gar kein Fleischextrakt enthalten aber dafür Gemüse, nur bleibt der Hersteller auch hier die Menge schuldig. Eine Noname Fleischbrühe enthält Fleischextrakt und Gemüse, weist aber nur bei den Zwiebeln und der Sellerie den Gehalt (jeweils unter 1 %) aus. Auch hier keine Angabe der Menge an Fleischextrakt.

Die Frage stellt sich: Ist das rechtens? Nun bei den "EU-Beurteilungsrichtlinien" handelt es sich nicht wie man meinen könnte um eine EU-Richtlinie, dann wäre sie praktisch geltendes Recht. Es handelt sich um eine Vereinbarung der Suppenindustrie. der komplette Titel lautet "Europäische Beurteilungsmerkmale für Brühen (Bouillons) und Consommés = European Code of practice for bouillons and consommés" Als Autoren werden genannt: "Suppenindustrie e.V., Reuterstrasse 151, 53113 Bonn".

Das erklärte einiges. Zum einen kannte ich vorher keine Leitsätze oder Vorschriften über den Mindestgehalt von Fleischextrakt. Ich fand auch weder etwas in meiner alten Rechtssammlung auf Papier noch im Internet. In der Tat ist das kein rechtsverbindliches Dokument. Es ist eine freiwillige Vereinbarung der Industrie. Damit diese aber wirksam ist, muss sie auch von anderen am Lebensmittelverkehr Beteiligten akzeptiert werden: Den Verbraucherverbänden als Vertreter der Verbraucher und der gesetzliche Überwachung. Schlussendlich kann es nicht angehen, dass die Industrie einfach einen niedriger(en) Standard setzt und das dann einfach so gilt: Er gilt sicher irgendwann, wenn niemand sich dagegen wehrt. 

Bei der Recherche stellte ich fest, dass zumindest in Bayern nach Herabsetzung der Mindestwerte auf die Hälfte im Jahre 2003 die Zahl der beanstandeten Proben von 25 auf 42 % zunahm. Inzwischen scheinen sich alle damit abgefunden zu haben und nur noch eine fehlende Deklaration des prozentualen Anteils an Fleischextrakt wird beanstandet. Das zeigt wie die Industrie praktisch die Standards niedriger setzen kann und damit durchkommt. Dabei ginge es auch anders: Der Konkurrent von "M" der mit "K" anfängt deklariert sein Produkt nur als "Delikatessbrühe" - ohne Fleisch und es ist auch keines drin. Ich bezweifele dass der Anteil von 2 % auch noch viel zum Geschmack beiträgt. Das Produkt ist zwar nicht besser aber ehrlicher.

Bücher vom Autor

Zum Thema Ernährung, Lebensmittel und Lebensmittelchemie/recht sind bisher vier Bücher von mir erschienen:

Das Buch „Was ist drin?“ wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung. Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geografischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist. 2012 erschien eine Neuauflage, erweitert um 40 Seiten. Sie trägt zum einen den geänderten Gesetzen Rechnung (neue Zusatzstoffe wurden aufgenommen, Regelungen über Lightprodukte beschrieben) und zum anderen ein Stichwortregister enthält, das sich viele Leser zum schnelleren Nachschlagen gewünscht haben.

Wie sich zeigte, haben die meisten Leser das Buch wegen des zentralen Teils, der die Zusatzstoffe beinhaltet, gekauft. Ich bekam auch die Rückmeldung, dass hier eine Referenztabelle sehr nützlich wäre. Ich habe daher 2012 diesen Teil und den Bereich über Lebensmittelrecht nochmals durchgesehen, um die neu zugelassenen Zusatzstoffe ergänzt und auch um neue Regelungen, wie bei der Werbung mit nährwertbezogenen Angaben. Ergänzt um eine Referenztabelle gibt es nun die zwei mittleren Teile als eigenes Buch unter dem Titel "Zusatzstoffe und E-Nummern" zu kaufen.

Nachdem ich selbst über 30 kg abgenommen habe, aber auch feststellen musste wie wenig viele Leute von Ernährung oder der Nahrung wissen, habe ich mich daran gemacht einen Diätratgeber "der anderen Art" zu schreiben. Er enthält nicht ein Patentrezept (wenn auch viele nützliche Tipps), sondern verfolgt den Ansatz, dass jemand mit einer Diät erfolgreicher ist, der genauer über die Grundlagen der Ernährung, was beim Abnehmen passiert und wo Gefahren lauern, Bescheid weiß. Daher habe ich auch das Buch bewusst "Das ist kein Diätratgeber: ... aber eine Hilfe fürs Abnehmen" genannt. Es ist mehr ein Buch über die Grundlagen der Ernährung, wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man dieses Wissen konkret bei einer Diät umsetzt. Es ist daher auch Personen interessant die sich nur über gesunde Ernährung informieren wollen und nach Tipps suchen ihr Gewicht zu halten.

Das Buch "Was Sie schon immer über Lebensmittel und Ernährung wissen wollten" wendet sich an alle, die zum einen die eine oder andere Frage zu Lebensmitteln und Ernährung haben, wie auch die sich für die Thematik interessieren und auf der Suche nach weitergehenden Informationen sind. Während andere Autoren zwar auch populäre Fragen aufgreifen und diese oft in einigen Sätzen beantworten und zur nächsten Frage wechseln, habe ich mich auf 220 Fragen beschränkt, die ich mehr als Aufhänger für ein Thema sehe, so hat das Buch auch 392 Seiten Umfang. Jede Frage nimmt also 1-2 Seiten ein. Sie sind nach ähnlichen Fragestellungen/Lebensmitteln gruppiert und diese wieder in vier Sektionen: zwei Großen über Lebensmittel und Ernährung und zwei kleinen für Zusatzstoffe und Lebensmittelrecht/Werbung. Man kann das buch daher von vorne bis hinten durchlesen und so seinen Horizont erweitern, aber auch schnell mal nach einer Antwort suchen. Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, vor allem weil der Stil nicht reißerisch ist und ein Dogma verbreiten will, sondern aufklärend ist.

Sie erhalten alle meine Bücher über den Buchhandel (allerdings nur auf Bestellung), aber auch auf Buchshops wie Amazon, Libri, Buecher.de und ITunes. Sie können die Bücher aber auch direkt bei BOD bestellen.

Mehr über diese Bücher und weitere des Autors zum Themenkreis Raumfahrt, finden sie auf der Website Raumfahrtbucher.de.



© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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