Bruce, die Styling Show

Eigentlich schaue ich das nicht an, doch heute morgen kam ein kurzer Bericht darüber im Radio, der mich neugierig gemacht hat. Also habe ich mir die Sendung von gestern runter geladen (Wer es noch nicht weis: Es gibt den Dienst OnlineTVRekorder bei dem man Sendungen mitschneiden kann. Hat man sich durch fleißiges Klicken auf die Werbung (oder Einzahlung von Geld) einen Premium Account verschafft geht dies sogar im Nachhinein. Sofern man die Dateien dann von Mirrors runterlädt belastet dies auch nicht das Konto beim OnlineTVRecorder und man bleibt im Premium Account).

Aaalso: Da wird Bruce, offensichtlich ein bekannter Stylist, von einem 22 jährigen Mädchen um Hilfe gebeten, welches sich als "hässlich" empfindet. Sie findet ihren Körper unproportioniert und insbesondere ihren Busen zu klein. Schaut man sie so an, so ist dies objektiv nicht nachzuvollziehen. Sie hat ein schönes, strahlendes Gesicht, ist schlank und der Busen ist "normal" und (da streiten sich nun sicher die Meinungen) zumindest für mich nicht zu klein.

Der Meinung ist auch Bruce und sagt es ihr in einem Gespräch und da kommt dann raus, dass sie 22 jährige schon an eine Brustvergrößerung gedacht hat (vielleicht auch diese Show mit einer dieser "Doku-Soaps" verwechselt hat wo Fernsehsender Schönheits-Ops bezahlen und die Patienten sich dabei filmen lassen). Im Gespräch versucht Bruce ihr klar zu machen, dass man einen Menschen nicht auf die Größe seines Busens reduzieren sollte, indem er ihr ein Kissen unter die Bluse stopft. Bis dahin fand ich die Show gut. Dann verspricht er der Mutter, dass sie sich keine Sorgen mehr um Christina machen muss. Ein Styling soll alle Probleme lösen, denn das eigentliche Problem sei "Das Mädchen braucht einfach Spaß am Leben". Sie soll zu ihrem Körper stehen, dann hätte sie wieder Spaß am Leben.

Das Vermitteln von "Spaß am Leben" geht durch Herumtollen und Zureden, dass sie gut aussieht. Dann geht es zum Einkauf von Dessous und zum Foto-Shooting. Natürlich in Dessous. Und natürlich sieht Christina aufgestylt und ins rechte Licht gerückt noch besser aus. Anschließend kommt dann noch eine neue Garderobe, jenseits der Jeans und Rollkragenpullover und eine Session im Schminkstudio – wobei sie mir ungeschminkt weitaus besser gefiel, als danach mit den stark betonten Augen (Stil: Altes Ägypten)

Nun ist Christina so attraktiv wie sie immer sein wollte – auch ohne Schönheitsoperation und es geht zur Demonstration in die Disko.

Ein schönes Happy-end oder etwa nicht?

Ich denke nicht. Denn einige Sätze von Christina gehen mir nicht aus dem Kopf und ich kenne sie von Leuten die ein wirkliches psychologisches Problem haben – Mädchen die unter Annorexia nervosa leiden. Nun ja, Christina will mehr Busen, das ist etwas anderes. Aber was dahinter steckt, ist doch das gleiche: Man empfindet sich subjektiv anders, als man objektiv ist: Hässlich, sieht im Spiegel nicht das, was man sehen will.

Und da habe ich meine Zweifel, dass man so etwas mit 1-2 Tagen bei einem Stylisten ändern kann. Das ist eine über Jahre gewachsene innere Einstellung, bei manchen Personen sogar eine richtige Psychose. Das ändert sich nicht so einfach. Man kann daran etwas tun, selbst oder mir fremder Hilfe, aber das dauert sicher Monate.

Was bleibt ist dass die junge Frau einige Tage das Gefühl genossen hat, dass sie im Mittelpunkt steht, dauernd gesagt bekommt wie toll sie ist und gesehen hat, dass sie sich kleidungsmäßig durchaus verbessern kann. (Wie schon gesagt, von der Schminke bin ich nicht so überzeugt). Vielleicht bringt sie dies zum Nachdenken und stößt eine Prozess an, der aber sicher mühevoller ist als es die Show vermittelt. In einem hat Bruce recht, auch wenn er es anders ausdrückt: Wichtig ist nicht das Aussehen, das sich ändern kann und ändern wird, sondern der Charakter, oder wie der Volksmund sagt: "Gutes Aussehen vergeht, ein schlechter Charakter besteht".

Ich halte diese Show für keine gute Idee, weil sie doch genau das Gegenteil vermittelt. Im Prinzip lautet doch die Botschaft, dass man mit einem Styling und den richtigen Klamotten effektiv etwas gegen Minderwertigkeitsgefühle und Probleme mit dem eigenen Körper machen kann. Diese Botschaft ist aber gerade die Falsche. Anstatt zu sagen: Jeder Mensch ist anders, die einen sehen gut aus und die anderen nicht, man sollte lernen damit zu leben wie man ist, vermittelt sie die Botschaft: Du musst dich nur Stylen und alle Probleme die Du mit deinem Aussehen hast sind gelöst. Und das ist natürlich nicht der Fall, denn jenseits von Schminke und Gucci Klamotten sieht sie ja noch so aus wie vorher. Vor allem reduziert dass den Menschen wirklich aufs Aussehen. Das ist aber kein Fundament für irgendeine Art von Beziehung. Da geht es um andere Dinge, um den Charakter, Zuneigung, gemeinsame Interessen. Ich würde aus meiner Erfahrung her sagen, dass gut aussehende Menschen gerade hier ein Problem haben: Jeder von uns hat Macken, Egosimen, schlechte Eigenschaften. Die meisten lernen recht bald, wo ihre Grenzen sind und andere ein verhalten nicht mehr tolerieren. Diese Schwelle ist deutlich höher wenn jemand gut aussieht. Insbesondere jungen Frauen lässt man da vieles durchgehen, was sich dann im "Zickentum" bei einigen manifestiert. Das dies seit einigen Jahren geradezu normal geworden ist, zeigt auch wie sich unsere Gesellschaft auf Äußerlichkeiten fixiert hat. Dazu tragen solche Shows oder andere wie "Germanys next Top-Modell" und die Werbungsflut im Fernsehen und Presse ihren Teil bei. Promis die Schönheitsoperationen durchführen sind da auch kein gutes Vorbild.

Ich wüsche Christina, dass ich unrecht behalte und sie in der Tat nun keine Probleme mit ihrem Erscheinungsbild mehr hat. Ich fürchte allerdings so einfach wie es die Show andeutet ist es nicht.

 
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