The most relaible Launch Service Provider

Diese Aussage nach dem SES-8 Start schreit ja direkt nach einer Kommentierung. Mal abgesehen davon dass man natürlich bei nur einem Start immer von 100% (oder 0%) Zuverlässigkeit sprechen kann. Aber das Fällt in die Abteilung, „Lügen, verdammte Lügen und Statistiken“. Ich will heute mal – wie immer mit Fakten mal beleuchten wie zuverlässig SpaceX ist. Immer wenn ich sage, die Firma kündige viel an, informiere aber nur schlecht und habe manchmal Verhalten das man nur in kommunistischen Ländern kennt (Abschalten von Lifestreams, gezielte Fehlinformationen, zeitverzögerte Lifestreams …) heißt es ja die eigentlichen Kunden wären ganz zufrieden mit der Firma und das wäre das wichtigste. Ich kann dem nicht folgen, denn gerade Elon Musk, der denke ich pro Jahr dutzende von Interviews macht, ist genau informiert wie man eine gute Public Relation aufbaut, die auch wichtig ist, wenn die Firma Regierungsgelder erhalten will. Dazu gehört es Gallionsfiguren wie den Astronauten Ken Bowersox anzuheuern (das er kündigte wurde nicht bekannt gemacht, es kam erst raus, als das Email Postfach nicht mehr existierte und Journalisten einen Fehler beim Zustellen von Mails bekamen). aber ignorieren wir dies und sehen SpaceX nur aus der Warte eines potentiellen Kunden.

Was ist für mich als Kunde wichtig?

  • Das ich die Leistung die ich buche zum gewünschten Termin erhalte
  • Das die Kosten dem entsprechen was ich bezahlt habe
  • Das das gebuchte Produkt auch das ist was ich bekomme und nicht ein anderes.

Die Information der Öffentlichkeit und Übertreibungen und ähnliches lasen wir also mal vollständig außen vor. Gut, fangen wir mal an mit der Falcon 1. Als diese entwickelt wurde gab SpaceX einen Startpreis von 5,7 Millionen Dollar an bei einer Nutzlast von 670 kg. Beim Jungfernflug war der Startpreis schon auf 6,7 Millionen Dollar geklettert, (Quelle), dafür aber im Ausgleich die Nutzlast auf 570 kg gesunken (bitte merken, kommt bei SpaceX öfters vor…). Beim zweiten Flug blieb die Nutzlast gleich groß, der Preis stieg auf 7 Millionen Dollar (Quelle). Beim vierten Start war sie dann schon 8 Millionen Dollar teuer. (Quelle) und als man dann die Performance kannte, sank die Nutzlast auf 420 kg und der Startpreis stieg auf 9,3 Millionen Dollar.

Konsequenterweise stellte man die Falcon 1 dann ein, wenn die Nutzlast so weit absinkt und der Preis so ansteigt. Eine neue Version, die Falcon 1e sollte das Kostenproblem lösen. Angepriesen mit 1010 kg Nutzlast musste man diese bald auf 899 kg senken und gebaut wurde sie nie. Obwohl eigentlich schon 2010 mit dem Erstflug der Falcon 9 (die dasselbe Triebwerk einsetzte) klar war, dass sie nie kommen würde, gab es sie auf der Webseite bis 2011.

Die nächste Falcon Version war die Falcon 5. Angekündigt 2004 sollte sie schon 2006 zum ersten Mal starten (eine weitere Konstante bei SpaceX ist, das bei neu vorgestellten Raketen deren Jungfernflug immer in den nächsten zwei Jahren erfolgt – zumindest bei Ankündigung). Als 2006 näher rückte wurde aus der Falcon 5 als eigenständiger Trägerrakete (Startmasse 181,4 t, maximale Nutzlast 6 t) eine Variante der größeren Falcon 9, bei der man einfach vier Triebwerke wegließ und die Tanks weniger voll füllte. Doch auch diese Version (Startmasse 154,5 t, Nutzlast nur noch 4 t) wurde nicht gebaut.

Gebaut wurde die Falcon 9. Sie taucht Ende 2004 zum ersten Mal auf der Webseite auf, mit einem angekündigten Erststart 2006 (zwei Jahre in der Zukunft). Die Nutzlast war mit 8,7 t LEO und 3,4 t GTO angegeben, zu einem Startpreis von 27 Millionen Dollar. Die Nutzlast kletterte nun langsam im Juni 2008 auf 12.500 kg, also gute 50%,während der Startpreis sich bei 54 bis 59 Millionen Dollar mit Schenkungen einpendelte. Die Nutzlast trat dann erst einen langsamen, dann schnelleren Rückzug an. Verwirrend dabei war, dass die Nutzlast für eine „Block II“ Konfiguration mit 334 t Startmasse (erste Typen: 314 t) und schubstärkeren Triebwerken galten, es aber keine Angabe für die ab 2010 geflogene Version gab. Die tatsächlich geflogenen Exemplare hatten eine maximale Nutzlast von etwa 7 t.

Die Block II kam natürlich nie, obwohl sie am Schluss nur noch 9,8 t in LEO und 3 t in GTO transportierte, also 50% weniger als noch drei Jahre vorher versprochen. Dafür wurde 2011 eine neue Version mit 50% hehrer Startmasse (die dann noch von 480 auf 505 t ansteigen sollte) abgekündigt, die nun schon 2012 starten sollte. Es wurde Ende 2013 draus und die Nutzlast ist in zwei Jahren wieder von 16 t t LEO und 5,5 t GTO auf 13,15 t LEO und 4,85 t GTO gesunken.

Ein ähnliches Schicksal hatte die Falcon heavy, die ja auf Bündelung der Falcon 9 Erststufen basierte. Sie hatte zuerst eine Nutzlast von 24,75 t in LEO und 9,675 t in GEO bei 885 t Startmasse. Dies stieg an auf 32 t in LEO und 19,5 t in GTO – bei gleicher Startmasse. Immerhin stieg auch der Startpreis moderat von 78 auf 95 Millionen Dollar an. Die noch zuerst „Falcon 9 Heavy“ machte dann 2011 Platz der Falcon Heavy, die schon Ende 2012 starten sollte. Bei 1400 t Startmasse (später auf 1462 t steigend) sollte sie nun 53 t in den LEO bringen, aber nur wenig mehr nämlich 21,2 t in den GTO. Dafür stieg der Startpreis von 108 auf 135 Millionen Dollar während der letzten zwei Jahre.

So verwundert es nicht, das Kunden doch etwas warten müssen. Das ist das erste Launch Manifest vom November 2005: (per Internet Wayback Machine)

 

Customer Launch Date Vehicle Departure Point
US Defense Dept (DARPA) Q1 2006 Falcon 1 Kwajalein
US Defense Dept (OSD/NRL) Q2 2006 Falcon 1 Vandenberg
Malaysia (ATSB) Q4 2006 Falcon 1 Kwajalein
US Government Q2 2007 Falcon 9 Kwajalein
Bigelow Aerospace Q1 2008 Falcon 9 Kwajalein
SpaceDev Q2 2008 Falcon 1 Vandenberg
MDA Corp. Q3 2008 Falcon 1 Vandenberg
Swedish Space Corp. Q4 2008 Falcon 1 Vandenberg
US Air Force $100 million contract thru 2010 Falcon 1 TBD

ATSB musste bis zum 14.7.2009 warten, also nur zweieinhalb Jahre, MDA bis zum 29.9.2013, also lächerliche 5 Jahre. Die anderen Kunden die das Launchmanifest aufweist sind alle abgesprungen auch der 100 Millionen Kontrakt der USAF, nur Bigelow ist noch auf der Liste, allerdings auch in einer ferneren Zukunft. Da trifft es sich gut, das es mit den aufblasbaren Raumstationen nicht so richtig vorwärts geht.

Also:

SpaceX hat Zeitverzögerungen von teilweise mehreren Jahren (Produkt nicht termingerecht geliefert)

Die Preise sind kräftig angestiegen, so waren mal 19,5 t in den GTO für 78 Millionen Dollar bei der Falcon 9 Heavy zu haben, nun kosten 21,2 t 136 Millionen Dollar und einen „gesharten Start“ für 77,5 Millionen gibt es auch, aber nur für 6,4 t – 200% Preissteigerung!.

Die Produktspezifikationen wurden ständig geändert (Nutzlasten, Startmasse). Wer Starts auf bestimmten Trägern, wie der Falcon 1e oder 5 buchte, weil er einen Einzelstart brauchte und nicht die volle Nutzlast einer Falcon 9, der hat die Arschkarte gezogen. Insgesamt hat bisher SpaceX mehr Projekte eingestellt als verwirklicht: verwirklicht: Falcon 1, Falcon 9 „v1.0“ und „v1.1“. Eingestellt: Falcon 1e, Falcon 5, Falcon 9 Block II, Falcon 9 Heavy. Von dem Dragonlab will ich gar nicht erst reden (andere Baustelle). Bei Stratolaunch flogen sie aus dem Projekt raus und  wurden durch den Konkurrenten Orbital ersetzt.

Ich kann mir nicht vorstellen, das das auch Kunden so lustig finden, aber vielleicht brauchen die ja auch kurzweilige Unterhaltung wenn sie Monate oder Jahre auf einen Start bei SpaceX warten müssen…

Zu den Spezifikationen zählen natürlich auch die erreichten Orbits. Nach dem Falcon 9 User Guide von 2009 werden zugesichert: Abweichung im Perigäum und Apogäum 10 km, in der Inklination 0,1 Grad. Nun vergleicht man das mal mit den Angaben vor dem Start und den bisher erreichten Orbits:

Startdatum Version und Nummer geplanter Orbit erreichter Orbit Bemerkungen Quelle
4.6.2010 Falcon 9 „v1,0“ Nr. 1 250 x 250 km x 34,5° 235 x 276 km x 34.5″ Oberstufe torkelt um Längs- und Rollachse, Wiederzündung scheitert http://planet4589.org/space/jsr/back/news.629
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/001/100603prelaunch/index.html
8.12.2010 Falcon 9 „v1,0“ Nr. 2 300 x 400 km x 34,5° 279 x 308 x 34,5° Rakete kollidiert fast mit Startturm, Leitungen zerstört http://planet4589.org/space/jsr/back/news.636
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/002/cots1_presskit.pdf
22.5.2012 Falcon 9 „v1,0“ Nr. 3 310 x 340 km x 51,6° 297 x 346 x 51,6° http://planet4589.org/space/jsr/back/news.659
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/003/launchtimeline.html
8.10.2012 Falcon 9 „v1,0“ Nr. 4 310 x 325 km x 51,6° 202 x 323 km x 51,65° Ausfall eines Triebwerks nach 68 s, Oberstufe brennt 30 s länger
Bruchstücke fallen ab. Angeblich keine Explosion
http://planet4589.org/space/jsr/trans/deutsch/jsr668de.html
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/004/status.html
1.3.2013 Falcon 9 „v1,0“ Nr. 5 200 x 325 km x 51,66° 199 x 323 x 51,7!° Ausfall eines Thrusterblocks der Dragon http://planet4589.org/space/jsr/back/news.675
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/005/status.html
29.9.2013 Falcon 9 „v1,1“ Nr. 1 300 x 1500 km x 81° 325 x 1485 x 81,0° 12 „Debris“ Stücke von der zweiten Stufe in der Umlaufbahn.
Wiederzündung scheiterte.
http://planet4589.org/space/jsr/trans/deutsch/jsr688de.html
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/006/UpgradedF9DemoMission_PressKit.pdf
3.12.2013 Falcon 9 „v1,1“ Nr. 2 295 x 80.000 x 20,75° 423 x 79977 x 20,46° Über 150 km Abweichung im Perigäum http://www.spaceflightnow.com/falcon9/007/status.html
http://www.spaceflightnow.com/falcon9/007/ses8_presskit.pdf
http://planet4589.org/space/jsr/back/news.691
6.1.2014 Falcon 9 „v1,1“ Nr. 3 295 x 90.000 x 22,5° 375,6 x 90.038 x 22,45° 140 km Abweichung im Perigäum http://www.spaceflightnow.com/falcon9/008/status.html
http://www.spacex.com/sites/spacex/files/spacex_thaicom6_presskit.pdf

Vergleicht man dies, so gab es nur einen Orbit, der die schriftliche zugesicherten Spezifikationen erfüllt: beim fünften Start lagen die Abweichungen bei 1 und 2 km in Peri- und Apogäum. Das kommt vielleicht davon das der Chef der Softwareabteilung ein ehemaliger Videoprogrammierer ist (da kommt es auf Genauigkeit nicht so an) und er eine etwas komische Meinung von der Zuverlässigkeit der Software hat: „and the software chief [at SpaceX] said he didn’t worry about errors because ‘there were no mistakes in the software.’  (Quelle). Konsequenterweise wird auch wenn die Programme einen Start abbrechen weil ein Triebwerk nicht die Sollparameter erreicht dann einfach die Grenzwerte geändert – so zweimal geschehen, das letzte Mal beim SES-8 Start. (Wozu wurden dann die Grenzwerte so festgelegt?). Nun ja bei SpaceX ist alles irgendwie anders, wie in einem Wurmloch verlängern sich Dimensionen, nimmt das Gewicht zu und dehnt sich die Zeit. Vielleicht sollten sich die Astrophysiker dies mal genauer ansehen.

5 thoughts on “The most relaible Launch Service Provider

  1. Bei Start Nr. 7 und 8 sollte man vielleicht dazu sagen, dass es wahrscheinlich Verträge mit den Satellitenbetreibern gibt, wonach Performance-Reserven der Rakete zur Anhebung der Perigäums, nicht zur weiteren Anhebung des Apogäums, genutzt werden sollen. Bernd hat das ja in einem anderen Blogpost erläutert.

    Zu den Kostensteigerungen ist anzumerken, dass diese wahrscheinlich nicht die Kunden betreffen, die einen konkreten Startvertrag geschlossen haben und dann gewartet haben, bis SpaceX so weit ist. MDA hat für den Start seines Satelliten mit der (mit der konkreten Nutzlast komplett unterforderten) Falcon 9 v1.1 sicher nicht mehr bezahlt, als sie auf der Falcon 1 auch bezahlt hätten, und gegenüber SpaceX auf der Einhaltung des geschlossenen Vertrags bestanden. Denn es gibt ja genügend alternative Launcher, die einen so kleinen Satelliten in ein SSO hieven können, allen voran die VEGA.

    Kai

  2. Das könnte stimmen, wenn die Nutzlast wirklich gestiegen wäre. Ist sie aber nicht, im Gegenteil. Etwas zu verkaufen, was man gar nicht liefern kann, nennt man hierzulande schlicht und einfach Betrug.

    Kernstück der Firmenpolitik war ja, die Preise durch Einsatz von billigerer Standard-Technik zu senken. Nur wenn man sich die Sache genauer ansieht, bleibt nicht mehr viel davon übrig. Statt die billigere Ablativkühlung wird bei den Triebwerken inzwischen die teurere Regenerativkühlung angewendet. Statt billigen Standardlegierungen sauteure Speziallegierungen…
    Um auch nur in die Nähe der versprochenen Werte zu kommen, geht es nicht anders. Naturgesetze lassen sich gemeinerweise nicht schön reden.

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