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Das deutsche Lebensmittelrecht hat eine hohe Meinung vom Verbraucher - es geht von einem verständigen Verbraucher aus, der sich informiert und der realistische Ansprüche an Lebensmittel stellt - die so genannte "berechtigte Verbrauchererwartung".
In der Zeit in der ich an einer Untersuchungsanstalt gearbeitet habe, sowie in zahlreichen Gesprächen und beantworteten E-Mails auf dieser Website, habe ich den Eindruck gewonnen, das dieser vernünftige Verbraucher nur der ein kleiner Teil der Verbraucher ausmacht. Der größte Teil informiert sich nicht, liest in den seltensten Fällen Zutatenlisten und achtet vor allem auf den Preis der Ware.
Ein kleiner, aber sehr lautstarker Teil hat ein tief sitzendes Misstrauen in alle Angaben auf der Zutatenliste, befürchtet überall giftige oder krebserregende Stoffe. Besonders interessant wird es, wenn man solche E-Mails beantwortet. Denn wenn man den Leuten sagt, dass an ihren Befürchtungen nichts dran ist so sind sie nicht erleichtert sondern haben eher das Gefühl man will sie anlügen und zitieren dann irgendwelche obskuren Quellen. Ich frage mich dann immer, warum man eine E-Mail an einen Lebensmittelchemiker schickt, wenn man dann sowieso lieber Laien glaubt, die vom Fach keine Ahnung haben.
Was hat das nun mit BSE zu tun? Nun diese drei Gruppen reagieren sehr unterschiedlich auf Lebensmittelskandale. Der Vernünftige Verbraucher ist informiert und kann das Gefahrenpotential realistisch einschätzen. Die große Mehrheit ist aber verunsichert. Bei den Medien und damit auch bei den Politikern melden sich aber dann die Gruppe drei. Die Verbraucher die nun Todesangst haben, wenn sie ein Steak essen und so wird eine Hysterie in Gang gesetzt die dann durch die Berichterstattung schnell auch die große sonst interessenlose Mehrheit ergreift.
Um es klar zu machen: Es geht nicht darum BSE oder andere Lebensmittelskandale zu verharmlosen, aber es geht darum, den Verstand zu benutzen. Wenn derzeit (Dez.2000) eine Umfrage unter Verbrauchern gemacht wird, so geben viele an, sie würden kein Rindfleisch essen, weil sie Angst um ihre Gesundheit oder ihr Leben haben. Das ist natürlich völlig übertrieben.
Zum Leben gehört es auch Risiken realistisch abzuschätzen:
Nun was hat das mit BSE zu tun? Ganz einfach: Haben sie sich jemals Gedanken gemacht wie wahrscheinlich es ist, das sie an der neuen Form der Creutzfeldt-Jakobs Krankheit erkranken? Nach Ansicht von Wissenschaftlern, welche die Situation in England und hier kennen, ist damit zu rechnen das wir erheblich weniger Probleme als Großbritannien haben. Da dort infiziertes Tiermehl anders als bei uns, breit eingesetzt wurde. Dort gelangten mehrere hunderttausend infizierte Rinder in die Fleischtheke, dort wurde das stark infizierte Gehirn sogar in Hamburger untergemischt.
Man geht davon aus, das die Situation also nicht so schlimm wird wie in England. Nehmen wir trotzdem an es wäre so. Dort gibt es aber 86 Fälle von Creutzfeldt Jakob in 5 Jahren bei 55 Millionen Einwohnern. Das ist eine Gefahr, die 3 mal kleiner ist als die vom Blitz erschlagen zu werden. Es besteht also kein Grund für eine Hysterie, denn die reelle Gefahr ist wirklich gering. Es gibt bis jetzt auch keinen einzigen Fall, dass die von BSE verursachte neue Form der KFJ Krankheit in Deutschland beim Menschen aufgetreten ist.
Noch verrückter wird das ganze, das man nun kein Rindfleisch mehr essen will - bisher wurde nur nicht getestet, so dass man keinen BSE Fall erkennen konnte. Dadurch ist aber das Fleisch in der Vergangenheit nicht sicherer gewesen - Man wusste nur nicht, wie viele infizierte Rinder verspeist wurden. Daran kann auch ein kurzfristiger Essensverzicht nichts mehr ändern.
Nun ist dies natürlich schwer zu vergleichen, viele haben zum Essen eine andere Beziehung als zu anderen Risiken im Leben. Zu tief steckt auch die archaische Angst etwas giftiges zu essen. Aber man sollte eben auch Risiken für sich persönlich einschätzen. Wer nur als Freizeitspaß Ski fährt, Bungee Jumping betreibt oder auf Rollerblades durch die Straßen prescht geht Risiken ein, die um den Faktor 100-1000 über denen liegt irgend ein giftiges oder krankmachendes Lebensmittel zu sich zu nehmen - und dies freiwillig. Das gleiche gilt auch bei Ernährungsbedingten Krankheiten. Schließlich sterben noch immer mehr als 30 % der Bevölkerung an den mittelbaren Folgen falscher Ernährung, auch wenn sie damit alt werden können, sterben Sie zur Freude des Bundeshaushalts doch früher als nötig. Da wirkt es schon etwas absurd, kurzfristig bestimmte Nahrungsmittel zu meiden.
Es ist eigentlich immer dasselbe Spiel, das nur aufgeht, weil die meisten Verbraucher sich keine Gedanken um ihr Essen machen: Politiker sind im allgemeinen sehr zurückhaltend was Verbote durch einstweilige Verordnungen betrifft. Spätestens als man bei Birkel zweistellige Schadensersatzsummen in Millionenhöhe bezahlen musste, weil ein Regierungspräsident nicht Gutachten lesen konnte. Sonst gäbe es viele Skandale nicht. Auch bei BSE hätte man schon seit 5-7 Jahren Tiermehl komplett - und nicht nur für Rinder - verbieten können, wie es nun plötzlich möglich ist. Diese Halbherzigkeit macht erst viele Skandale möglich.
Teil 2 sind die Medien die nicht immer objektiv informieren. Warum sollen aber auch Privatfernsehsender und Boulevardblätter objektiv informieren, wenn man mit aufgebauschten Tatsachen und denn immer gleichen Bildern humpelnder Kühe (komme sie ihnen denn nicht allmählich bekannt vor?) Quote machen kann? Quote hat uns auch schon Talkshows, Peep! und Bild beschert. Da wäre etwas mehr Distanz bei den Verbrauchern angebracht.
Es gibt natürlich auch wirklich sehr wenig Fachjournalisten. Das ist ein wirkliches Manko, denn natürlich kann man sich in einem Vormittag nicht in eine wirklich komplexe Thematik einarbeiten. Nur wer aber von dem über das er berichtet eine Ahnung hat kann auch kompetent darüber berichten und Fachleuten sinnvolle Fragen stellen. Ein Journalist hat in einem solchen Fall primär die Aufgabe zwischen den Fachleuten mit ihrem Wissen und der Allgemeinheit zu vermitteln. Dieses Wissen zu nutzen und auf ein verständliches Niveau herunterzubrechen.
Dass schönste ist aber das man durch Fernsehen so richtig schön die Meinungen beeinflussen kann. Nichts wirkt so gut wie im Fernsehen gezeigte eine "zufällige" Umfrage unter Menschen, die nun plötzlich alle kein Rindfleisch mehr essen wollen, um die öffentliche Meinung zu ändern. Erst dann reagieren Politiker. Gerade wie mit einem schlechten Gewissen, reagieren Sie nun übers Ziel hinaus und unterstreichen damit bei vielen die Vermutung das ihr Leben durch Steaks massiv bedroht ist. Indem bei BSE Fällen ganze Ställe notgeschlachtet werden - völlig sinnlos und oft auch ohne Verstand, wenn z.B. die meisten Rinder jung sind und man so kein BSE nachweisen kann. Denn normalerweise kommen zur Schlachtung die alten und nicht jungen Rinder, so das dass Rind bei dem ein Befall nachweisbar ist in der Regel das älteste im Stall ist...
Wenn man ehrlich sein soll, muss man sagen, das man noch fast nichts über die Krankheit beim Menschen weiß. Man vermutet einen Zusammenhang mit einer neuen Form an Creuzfeldt-Jakob, aber dies ist nicht sicher. Vor allem man weiß nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit einer Infektion ist, oder wie häufig diese ist. Sind die 86 Fälle in Großbritannien die Spitze? oder fängt es erst an? Weil die Inkubationszeit lang ist wissen wir es nicht. Natürlich sind deswegen Vorsichtsmaßnahmen nötig: Das Verbot der Tiermehlfütterung und der Verzicht auf die Teile die infiziert werden. Aber man sollte bitte es auch realistisch sehen:
Wenn man dies bedenkt, so ist klar, das kein Aktionismus hilft und die Gefahr nicht übertrieben werden sollte. Im Gegenteil: Durch sofortigen Verzicht forciert der Verbraucher eine Tendenz die zwar offiziell keiner will, aber durch den Griff zu dem billigsten Produkt die meisten betreiben: Die immer weiter ansteigende Zahl von Großbetrieben. Denn ein Kleinbauer kann die Sofortschlachtung oder sinkende Preise nicht abfedern, dazu verdient er schon zu wenig. Großbetriebe können das.
Ganz einfach: Ein kleiner Betrieb muss Futter zukaufen und kann dabei auch an Futter gelangen in dem verbotener Weise Tiermehl beigemischt wurde. Ein Großbetrieb mischt das Futter aus den Rohstoffen selbst. Bislang hat man bei den aufgetretenen Fällen von BSE in der BRD übrigens keine Ahnung, woher sie kommen - im Futter fand man kein Tiermehl und es war nur jeweils ein Tier betroffen.
Als Lebensmittelchemiker wünsche ich mir mehr aufgeklärte Verbraucher. Aufgeklärt heißt informiert. Aufgeklärt heißt aber auch vernünftig. Benehmen sie sich nicht wie eine Herde Schafe die dem Leittier hinterherläuft, schalten Sie ihren Verstand ein! Gerade zu BSE gab es nicht nur reißerische Sendungen sondern auch Sendungen die Information vermittelt haben wie z.B. die Sondermeldung von Quarks & Co. Bewerten Sie auch die Quellen die Informationen anbieten. Wenn Sie einmal meine Seite über Sendungen die Wissenschaft zum Thema haben durchgelesen haben, dann wissen Sie das diese bei den Privatsendern sehr oberflächlich und voller Fehler sind. Genauso wenig wie sie jedem Tratsch glauben, sollten sie auch Quellen auf Glaubwürdigkeit abchecken.
Leider tun diese viele nicht und vor allem wird negativen Nachrichten mehr geglaubt als positiven. Ich kenne dies durch die Beantwortung zahlreicher E-Mails wo verunsicherte Personen meinen Zusatzstoff × oder y wäre krebserregend. Meistens dringe ich bei solchen Personen nicht durch mit der Message, dass alle Zusatzstoffe vor der Zulassung auf absolute Unbedenklichkeit getestet werden und falls man nur den Hauch eines Verdachtes auf ein cancerogenes Potential entdeckt diese nicht zulässt. Wenn dies der Fall ist so gibt es drei Möglichkeiten:
Bei der dritten Antwort gebe ich Ihnen den Rat, da ja überall Gift drin ist und sie ja nun nur einen Giftstoff kennen, am besten alle Lebensmittel als Selbstversorger selbst zu erzeugen.... Nein im Ernst, es gibt zu viele selbsternannte Experten. Für Lebensmittel, ihre Inhaltsstoffe und Zusammensetzung sind eigentlich Lebensmittelchemiker Experten - unterstützt bei mikrobiellen Ursachen durch Mikrobiologen und bei dem genauen Wirkmechanismus von Giften von Toxikologen. Im Fernsehen tauchen als Experten aber regelmäßig Angehörige von Berufsgruppen auf die eigentlich von der Materie keine Ahnung haben, wie Ernährungsberater oder Ökotrophologen - gut wenn Sie eine Diät machen, schlecht wenn sie wissen wollen ob E150 d giftig ist oder nicht (wenn sie überhaupt wissen was E150 d ist...). Auch Mediziner die gerne jedem Patienten mit hohem Cholesterinspiegel eine Diät empfehlen - ignorierend, das 80-90 % des Cholesterins im Körper gebildet wird - sind gerne als Experten gesehen. Ärzten muss man doch glauben oder?
Im November 2001 jährt sich zum ersten mal die Panik, die beim ersten BSE Fall auftrat. Was ist seitdem passiert? Nun es gab 121 BSE Fälle - die Gefahr - egal wie man sie einschätzt, ist also noch immer gegeben. Doch ist davon was beim Verbraucher zu spüren? Nein! Denn der Verbraucher hat zum einen ein sehr kurzes Gedächtnis, zum anderen liegt es in der Natur des Menschen nur auf Veränderungen zu reagieren. Wenn etwas konstant bleibt, sich nicht oder nur langsam verändert, dann verdrängen wir es aus dem Bewusstsein.
Was ich jedoch nicht glaube ist das der Verbraucher vernünftiger geworden ist, oder die Medien nun besser informieren. Dazu habe ich in den letzten 14 Jahren meines Studiums und Beruflebens schon genug "Skandale" mitgemacht.
Dieser Text stammt von Bernd LeitenbergerZum Thema Lebensmittelchemie/recht Ernährungsberatung ist bislang ein Buch von mir erschienen:
Das Buch Was ist drin?: Die Tricks der Industrie bei der Lebensmittelkennzeichnung verstehen und durchschauen
wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Unabhängig heißt: Eine Beschreibung des Nutzens und der Risiken, ohne eine eigene Wertvorstellung dem Leser aufzwingen zu wollen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung (wozu werden Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß benötigt, was sind die Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr und bei Vitaminen und Mineralstoffen). Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geographischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).
Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Dieser Teil ermöglicht es, schnell nachzuschlagen, was sich hinter bestimmten Stoffen auf der Verpackung verbirgt.
Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist.
Geplant ist für das Jahr 2011 ein zweites Buch mit dem Titel „Das ist drin!“. Es ist eine Ergänzung zu dem ersten Buch. Es wird die einzelnen Lebensmittelgruppen genauer beschreiben und neben Angaben über den Nährwertgehalt, ernährungsphysiologische Bedeutung (die man auch in anderen Büchern findet) auch die eingesetzten Zusatzstoffe, mögliche Rückstände und Kontaminationen beschreiben.
Beide Bücher wenden sich an interessierte Laien, wobei ich mich speziell auf den Themenbereich Kennzeichnung und Zusatzstoffe konzentriere, da es sehr viele Bücher zum Thema Ernährung oder die Inhaltsstoffe der Grundnahrungsmittel gibt. Dagegen wird der Bereich der verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln und die rund 300 möglichen Zusatzstoffe meist ignoriert. Des weiteren gibt es kaum Bücher für den Laien, die über die rechtlichen Grundlagen oder was die Angaben auf den Verpackungen bedeuten informieren. Die meisten haben dann auch eine Zielsetzung, wie die Industrie anzuprangern oder eine vorgefasste Meinung dem Leser näher zu bringen. Ich halte es für wichtiger den Leser zu befähigen selbst sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass dies auch Kritik mit einschließt, zeigt sich durchaus im letzten Teil des Buchs „Was ist drin?“, da die meisten dort besprochenen Lebensmittel Mängel in der Kennzeichnung haben, Zusatzstoffe zur Täuschung eingesetzt werden oder Aufmachung und Inhalt im krassen Gegensatz stehen. Diese abschreckenden Beispiele sind aber gerade deswegen besonders lehrreich.
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