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Was ist drin... in "Children-Ländlich"?

Einleitung

Immer wieder gab es Anfragen für neue Aufsätze in dieser Rubrik. Ich verzichte, weil mein Studium nun schon etwas länger zurückliegt auf eine rechtliche Beurteilung, denn die ändert sich. Bleibend ist dagegen die Chemie und Technologie, die wird auch in 100 Jahren noch gelten. Auf diese werde ich mich bei diesem Produkt weitgehend beschränken.

Da es sich bei dem Produkt um ein recht bekanntes und viel beworbenes Produkt handelt will ich nicht Winkeladvokaten Gelegenheit für eine Klage geben, und habe den Namen verändert.  Es ist ein gefüllter Schokoriegel mit einer Füllung die weiss ist und einige Getreidekörner in aufgepuffter Form enthält.

Verkehrsbezeichnung

Alles was neu ist, der Verbraucher also nicht als traditionelles Lebensmittel sofort erkennt, braucht eine umfangreichere Verkehrsbezeichnung, die in diesem Falle eine Umschreibung des Lebensmittels beinhalten muss. Das ist bei diesem Produkt nicht anders.

Gefüllte Vollmilchschokolade mit reichhaltiger Milchfüllung und verschiedenen Cerealien: Mit dieser Beschreibung hat der Hersteller auch einige Pflichtangaben sich eingehandelt. Jede Zutat die hier ausgelobt wird, muss im Zutatenverzeichnis mit ihrer prozentualen Menge angegeben werden. Also in diesem Lebensmittel sind es: Vollmilchschokolade, Milchfüllung und Cerealien. Die Milchfüllung wird als "reichlich" beschrieben. Es muss also recht viel vorhanden sein.

Zutatenverzeichnis:

Gesamtmilchbestandteile im Produkt 30.5 %: Diese Aussage klingt toll sagt aber nichts über den Wert aus. Denn sie differiert nicht danach was für Milchbestandteile es sind: Butter besteht z.B. auch aus 100 % Milchbestandteilen. Erst danach folgen die eigentlichen Zutaten:

Vollmilchschokolade: 33.5 % (Zutaten: Zucker, Kakaobutter, Vollmilchpulver, Kakaomasse, Emulgator: Sojalecithin, Vanillin): wie ausgelobt das ist normale Vollmilchschokolade. Da dies ein eigenes Lebensmittel ist, muss auch dessen Zusammensetzung aufgeschlüsselt werden. Die Schokolade bildet den äußeren Teil der gefüllten Riegel.

Zucker: Schon die erste Überraschung. Noch vor der "Reichhaltigen Milchfüllung" kommt der Zucker!

Magermilchpulver: So dass versteht der Hersteller also unter Milchfüllung. Ich hätte da laienhaft auf aufgeschlagene und verdickte Milch getippt, zumal auf der Verpackung nicht erkennbar ist, dass diese ganz fest und hart ist.

pflanzliches Fett: Der Zusatz von weiterem Fett ist wohl einfacher und preiswerter als der Einsatz von Vollmilchpulver oder Sahnepulver. Damit kann man auch den Vitamin E Gehalt denn man ja hervorheben will anheben.

gepufftes Getreide: 7.5 % (Gerste, Reis, Weizen, Dinkel, Buchweizen): Das sind nun die Cerealien (zu deutsch: Getreide), die auch in der Werbung so hervorgehoben werden.

Butterreinfett: Damit hebt man nochmals den Milchanteil an und bekommt einen leichten Buttergeschmack.

Emulgator Sojalecithin: Irgendwie muss das ganze Fett ja verteilt werden.

Vanillin: Das eigentliche Aroma der Füllung, denn Magermilchpulver, Zucker und Fett schmecken ja nach nichts.

Nährwertkennzeichnung

Noch lustiger wird die Nährwertkennzeichnung. Der Hersteller hält sich nicht an gängige Standards, die zwar freiwillig sind, aber von vielen Herstellern befolgt werden. Normalerweise findet man eine komplette Nährwertkennzeichnung (mit Ballaststoffen, Zucker, ungesättigten Fettsäuren, Natrium) pro 100 g und pro Portion. Hier findet man nur eine von einigen Stoffen, dafür die 100 g Angaben von zahlreichen Vitaminen die der Hersteller heraus loben will. Zutaten die negativ vorbelastet sind (gesättigte Fettsäuren, Zucker) werden weggelassen und Zutaten die in zu kleiner Menge vorhanden sind (Ballaststoffe) ebenfalls.

  je 100 g je Stück (23 g)
Brennwert 2309 kJ / 553 kcal 543 kJ/ 130 kcal
Eiweiß 9,5 g 2.2 g
Kohlenhydrate 53.0 g 12.5 g
Fett 33.7 g 7.9 g
Vitamine und Mineralstoffe je 100 g  
Vitamin B2 0.42 mg = 26 %
Vitamin B3 0.92 mg = 15 %
Vitamin B12 0.70 µg = 70 5
Vitamin E 1.5 mg = 15 %
Calcium 290 mg = 36 %
Phosphor 280 mg = 35 %
Magnesium 45 mg = 15 %

Das fällt schon in die Rubrik "Lügen, verdammte Lügen und Statistiken". Als erstes einmal macht die RDA Angabe nur einen Sinn, wenn man dies auch bei den anderen Nährstoffen macht. So decken 100 g dieses Naschwerks z.B. 28 % der RDA Empfehlungen für die Energie. Der Hersteller hat sich das raus gesucht, was ihm passt und auf eine vollständige Deklaration verzichtet die auch die Vitamine und Mineralstoffe aufführt die in kleiner Menge vorhanden sind.

Also zur Aufklärung: Die RDA Empfehlung für Vitamin B12 ist nicht die, welche die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Nimmt man diese als Basis, so sinkt die Deckung auf 20 % ab. Vitamin B3 klingt toll, die Bezeichnung ist veraltet und wird schon seit Jahrzehnten nicht mehr eingesetzt. Korrekt wäre Niacin. Aber das macht sich wohl nicht so gut. Phosphor aufzunehmen macht sich zwar gut (es kommt zusammen mit dem Calcium in der Milch in gleichen Anteilen vor), aber da Jugendliche und Kinder durch Colagetränke jede Menge Phosphat zu sich nehmen völlig überflüssig. Kinder haben eher das Problem zu viel als zu wenig Phosphat zu sich zu nehmen. Ach ja: Es heißt Phosphat und nicht Phosphor. Sonst stimmt auch der Umrechnungsfaktor nicht. 1 g Phosphat enthält nur 0.4 g Phosphor.

Beurteilung

Das Produkt ist in seiner Zusammensetzung noch schlimmer als die Molkeschnitte von derselben Firma. Während bei der in der Füllung ja wenigsten noch Milch verwendet wurde, findet man hier als "Füllung" ein Gemisch von Magermilchpulver, Zucker und Fett. Würden Sie das so essen? Es ist vor allem extrem süß und wendet sich auch an Kinder Für diese ist es jedoch definitiv nicht geeignet. Children-Ländlich enthält genauso viel Energie wie Schokolade. Auch die Zusammensetzung ist nicht viel besser. Sicher, es ist etwas mehr Calcium und einige Vitamine mehr enthalten. Setzt man diese aber in Beziehung zum Energie und Nährstoffgehalt, so ist es eine ungesunde Süßigkeit. Bei der Zielgruppe für die Werbung: Kinder zwischen 4 und 7 - reicht schon ein kleiner 23 g Riegel aus um 8 % des Tagesbedarfs zu decken. 3 dieser kleinen Riegel reichen aus um eine größere Mahlzeit zu ersetzen! Dabei isst man schnell mehr als einen der Riegel: Sie sind nicht groß und durch en Zucker sättigen sie kaum. Mann ist schnell wesentlich mehr als man sich vorgenommen hat.

Eine Unverschämtheit ist es auch sich die Vitamine und Mineralstoffe herauszusuchen, die in größerer Menge vorhanden sind und diese zu deklarieren und die anderen die nicht vorhanden sind wegzulassen.  Dazu nimmt man Bezeichnungen die falsch sind (Phosphor anstatt Phosphat) oder die besser klingen und die keiner mehr benutzt (Vitamin B3 anstatt Niacin).Lächerliche 7.5 % aufgepuffte Getreidekörner groß als Cerealien herauszustellen und diese vor allem in der Werbung zu betonen "enthält 5 verschiedene Cerealien" ist ziemlich unverfroren. Da entfällt pro Getreidesorte nicht mal 2 %.Der Hersteller reitet auf der Gesundheitswelle, doch gesund ist der Riegel nicht: Ein Riegel enthält nicht einmal 2 g Getreide.

Nach der Molkenschnitte ist das das zweite Produkt dieser Firma, das als besonders gesund und vollwertig beworben wird und in Wirklichkeit eine Zucker/Fettmischung mit homöopathischen Dösen an Milch und Getreide ist. Was kommt als nächstes? Die Children-Butter mit "100 % Milchbestandteilen" oder "Dem besten aus 2 Liter Milch"?

Bücher vom Autor

Zum Thema Lebensmittelchemie/recht Ernährungsberatung ist bislang ein Buch von mir erschienen:

Das Buch Was ist drin?: Die Tricks der Industrie bei der Lebensmittelkennzeichnung verstehen und durchschauen wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Unabhängig heißt: Eine Beschreibung des Nutzens und der Risiken, ohne eine eigene Wertvorstellung dem Leser aufzwingen zu wollen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung (wozu werden Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß benötigt, was sind die Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr und bei Vitaminen und Mineralstoffen). Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geographischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Dieser Teil ermöglicht es, schnell nachzuschlagen, was sich hinter bestimmten Stoffen auf der Verpackung verbirgt.

Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist.

Geplant ist für das Jahr 2011 ein zweites Buch mit dem Titel „Das ist drin!“. Es ist eine Ergänzung zu dem ersten Buch. Es wird die einzelnen Lebensmittelgruppen genauer beschreiben und neben Angaben über den Nährwertgehalt, ernährungsphysiologische Bedeutung (die man auch in anderen Büchern findet) auch die eingesetzten Zusatzstoffe, mögliche Rückstände und Kontaminationen beschreiben.

Beide Bücher wenden sich an interessierte Laien, wobei ich mich speziell auf den Themenbereich Kennzeichnung und Zusatzstoffe konzentriere, da es sehr viele Bücher zum Thema Ernährung oder die Inhaltsstoffe der Grundnahrungsmittel gibt. Dagegen wird der Bereich der verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln und die rund 300 möglichen Zusatzstoffe meist ignoriert. Des weiteren gibt es kaum Bücher für den Laien, die über die rechtlichen Grundlagen oder was die Angaben auf den Verpackungen bedeuten informieren. Die meisten haben dann auch eine Zielsetzung, wie die Industrie anzuprangern oder eine vorgefasste Meinung dem Leser näher zu bringen. Ich halte es für wichtiger den Leser zu befähigen selbst sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass dies auch Kritik mit einschließt, zeigt sich durchaus im letzten Teil des Buchs „Was ist drin?“, da die meisten dort besprochenen Lebensmittel Mängel in der Kennzeichnung haben, Zusatzstoffe zur Täuschung eingesetzt werden oder Aufmachung und Inhalt im krassen Gegensatz stehen. Diese abschreckenden Beispiele sind aber gerade deswegen besonders lehrreich.


© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.

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