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Ein Lebensmittelchemiker muss von drei Dingen fundierte Kenntnisse haben: Der Zusammensetzung der Lebensmittel, der Analyse (wie ich stelle ich fest ob etwas drin ist und wie viel) und der rechtlichen Beurteilung. Erstere Dinge haben viel mit Naturwissenschaft zu tun, letzteres mit menschlichen Gesetzen. Die Gegensätze könnten nicht krasser sein. Wären Gesetze aus Materialen, so wären Naturgesetze aus Diamant und menschliche Gesetzte aus Kaugummi. Sehr viele Lebensmittelchemiker tun sich oft schwer in dem Drahtseilakt zwischen naturwissenschaftlicher Genauigkeit und den Rechtsvorschriften.
Das oberste verbindliche Recht ist das europäische der EU. Es steht über dem Bundesrecht und betrifft vor allem Dinge die vereinheitlicht werden sollen um einen freien Verkehr innerhalb des EU Binnenmarktes zu gewährleisten. Das prominenteste ist die Lebensmittelkennzeichnung.
Die EU hat zwei Möglichkeiten in die Gesetzgebung einzugreifen. Das erste sind EU Verordnungen. EU Verordnungen gelten so wie sie sind in jedem EU Mitgliedsstaat und stehen über den nationalen Gesetzen. Das zweite sind EU Richtlinien. Eine Richtlinie bedeutet, das die EU Mitgliedsstaaten diese in nationales Recht umsetzen müssen, dabei muss der Sinn der Richtlinie umgesetzt werden. Tut dies ein Statt innerhalb einer bestimmten Zeit nicht, so gilt nach Ablauf der Frist die EU Richtlinie in ihrem Wortlaut als nationales Gesetz. Sinn der Richtlinie ist, vor allem das durch die Frist, den Nationalstaaten die Möglichkeit gegeben ist, ihre abweichende Gesetzgebung an die Richtlinie anzupassen.
Die EU legt vor allem die Rahmenbedingungen fest. EU Richtlinien befassen sich nur selten mit Grenzwerten oder der genauen Zusammensetzungen von Lebensmitteln. Dies ist Aufgabe der nationalen Gesetze.
Das Lebensmittelrecht der BRD besteht aus 3 wesentlichen Säulen. Den Rahmen bildet das Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände Gesetz LMBG. Es legt die wesentlichen Grundlagen fest: Was ist ein Lebensmittel? Wer ist für die Überwachung verantwortlich? Was sind grundlegende Verbote und welche Strafen sind dafür vorgesehen? Wie der Name schon sagt befasst sich das Gesetz nicht nur mit Lebensmitteln sondern auch mit Bedarfsgegenständen. Das sind Dinge die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, aber auch auf andere Weise mit der Haut und Schleimhäuten wie Verpackungen, Fingerfarben, Kleidungsstücke oder Spielzeug. Weiterhin regelt das LMBG auch den Verkehr von Tabakerzeugnissen.
Auf Basis des LMBG können zwei Verordnungen erlassen werden. Normale Verordnungen betreffen allgemeine Rahmenbedingungen wie Rückstände, Kontaminanten oder die Nährwertkennzeichnung. Andere Verordnungen betreffen nur einzelne Lebensmittel wie z.B. Fleisch, Eier oder Milch.
Eilverordnungen können für kurze Frist ohne Beteiligung des Bundesrates erteilt werden. Sie werden verordnet wenn man gesundheitlich gefährdende Stoffe in Nahrungsmitteln festgestellt hat und die Einfuhr oder den Verkehr schnell unterbinden will. Ein Beispiel war das Verbot von spanischem Olivenöl 1993, nachdem man in Proben Benzol fand.
Darüber hinaus gibt es in unserem Recht noch einige spezielle Gesetze die älter als das LMBG sind, und für einzelne Lebensmittel wie Nudeln oder Butter gelten.
Schön wäre es, wenn die Welt der Gesetze so eindeutig wäre wie in der Naturwissenschaft. Schon bei den Gesetzen findet man wenig konkretes und viel zu interpretierendes. Nun wird es aber erst wirklich schwierig. Die Zusammensetzung der Lebensmittel ist fast nie gesetzlich geregelt. Wie soll man aber feststellen können ob ein Lebensmittel einen unzulässigen Stoff enthält oder bestimmte Qualitätsansprüche nicht einhält?
Hier ist der Lebensmittelchemiker auf eine Beurteilungsgrundlage angewiesen. Das ist im Prinzip eine Stellungnahme was "normal" bei einem Lebensmittel ist. Dazu gibt es drei Probleme:
Ein Lebensmittelchemiker hat es nicht einfach. Als Naturwissenschaftler hat er Probleme mit den Gesetzen und ihrer undeutlichen Sprache und biegsamen Auslegung. Andererseits ist er auch in einer schwierigen Situation. Er ist in der Regel Gutachter, genauer gesagt vereidigter Sachverständiger (entweder für die Staatsanwaltschaft tätig oder für einen Betroffenen). In der Zwickmühle ist der Lebensmittelchemiker an einer staatlichen Stelle: Er sollte den naturwissenschaftlichen Befund allgemein verständlich darlegen. Zu ermitteln gegen welches Gesetz die Tatsachen verstoßen, wäre eigentlich Aufgabe der Staatsanwälte. Aber die scheinen davon nur sehr wenig Ahnung zu haben. In dem Amt in dem ich arbeitete, war es Praxis im Gutachten die Vorschriften anzuführen gegen die Verstoßen wurde.
Das birgt die Gefahr, das ein Lebensmittelchemiker seine Arbeit mit der des Staatsanwalts verwechselt. Viele schießen dann übers Ziel hinaus. Der Lebensmittelchemiker hat auch nicht die Aufgabe das nur hochwertige Lebensmittel auf den Markt kommen oder möglichst ohne Zusatzstoffe hergestellt wird. Orientieren muss man sich an der "berechtigten Verbrauchererwartung".
Das ist nicht ganz einfach, da ein großer Teil der Beschwerdeproben die es in Untersuchungsanstalten gibt, von sehr besorgten Verbrauchern stammen, die bei kleinsten Veränderungen das schlimmste befürchten. Auch auf meine Seiten bekomme ich vornehmlich Antworten von Personen die hoch kritisch sind und überall Gift sehen. Das birgt die Gefahr, das man ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit bekommt. Es sind kleine Kreise der Bevölkerung mit anderen - höheren - Ansprüchen, die eben nicht die Bevölkerung repräsentieren.
Nicht viel besser sind Lebensmittelchemiker bei Firmen dran. Auch sie sind nicht wirklich unabhängig. Wie das Produkt aussieht bestimmen weitgehend Technologen, wie damit geworben wird Juristen. Es bleibt ihnen nur die Produktkontrolle. Wäre ein Lebensmittelchemiker wirklich an der Produktvermarktung beteiligt, so würde es Werbung wie für Nestle LC1 - mit offensichtlichen Verstößen gegen das LMBG - nicht geben.
Dieser Text stammt von Bernd LeitenbergerZum Thema Lebensmittelchemie/recht Ernährungsberatung ist bislang ein Buch von mir erschienen:
Das Buch Was ist drin?: Die Tricks der Industrie bei der Lebensmittelkennzeichnung verstehen und durchschauen
wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Unabhängig heißt: Eine Beschreibung des Nutzens und der Risiken, ohne eine eigene Wertvorstellung dem Leser aufzwingen zu wollen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung (wozu werden Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß benötigt, was sind die Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr und bei Vitaminen und Mineralstoffen). Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geographischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).
Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Dieser Teil ermöglicht es, schnell nachzuschlagen, was sich hinter bestimmten Stoffen auf der Verpackung verbirgt.
Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist.
Geplant ist für das Jahr 2011 ein zweites Buch mit dem Titel „Das ist drin!“. Es ist eine Ergänzung zu dem ersten Buch. Es wird die einzelnen Lebensmittelgruppen genauer beschreiben und neben Angaben über den Nährwertgehalt, ernährungsphysiologische Bedeutung (die man auch in anderen Büchern findet) auch die eingesetzten Zusatzstoffe, mögliche Rückstände und Kontaminationen beschreiben.
Beide Bücher wenden sich an interessierte Laien, wobei ich mich speziell auf den Themenbereich Kennzeichnung und Zusatzstoffe konzentriere, da es sehr viele Bücher zum Thema Ernährung oder die Inhaltsstoffe der Grundnahrungsmittel gibt. Dagegen wird der Bereich der verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln und die rund 300 möglichen Zusatzstoffe meist ignoriert. Des weiteren gibt es kaum Bücher für den Laien, die über die rechtlichen Grundlagen oder was die Angaben auf den Verpackungen bedeuten informieren. Die meisten haben dann auch eine Zielsetzung, wie die Industrie anzuprangern oder eine vorgefasste Meinung dem Leser näher zu bringen. Ich halte es für wichtiger den Leser zu befähigen selbst sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass dies auch Kritik mit einschließt, zeigt sich durchaus im letzten Teil des Buchs „Was ist drin?“, da die meisten dort besprochenen Lebensmittel Mängel in der Kennzeichnung haben, Zusatzstoffe zur Täuschung eingesetzt werden oder Aufmachung und Inhalt im krassen Gegensatz stehen. Diese abschreckenden Beispiele sind aber gerade deswegen besonders lehrreich.
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