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Es gab und gibt zahlreiche russische Trägerraketenprojekte, über die es zu wenige Informationen gibt um einen eigenen Aufsatz über die Rakete zu schreiben. Diese sollen hier summarisch zusammengefasst werden. Die meisten von Ihnen kamen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf und wurden mittlerweile eingestellt.
Die KWANT-1 besteht aus zwei Elementen der Zenit 3L, jedoch unter Verwendung der Sojus Fertigungsanlagen. So verwendet die erste Stufe eine Variante des RD-0120 der zweiten Stufe der Zenit. Allerdings hat sie nur 2,70 m Durchmesser, wie bei der Sojus. Die zweite Stufe ist die Oberstufe der Zenit 3L, Block DM. Die Elektronik stammt von den Yamal Satelliten. Bei einem Gewicht von 83 t hätte die KWANT-1 je nach Startort (Plessezk, Baikonur, Sea Launch Plattform) zwischen 1,70 und 1.950 kg in einen 200 km hohe Bahn befördern können.
Der große Bruder der KWANT-1 war die KWANT. Sie hat aber den gleichen durchgängigen Durchmesser von 3,90 m wie die Zenit und ist mehr als dreimal so schwer. Die erste Stufe setzt vier RD-0120 Triebwerke ein, die zweite Stufe ist der normale Block DM der Zenit 3SL. Auch sie setzt die neue Elektronik der militärischen Yamal Satelliten ein. Bei einer Startmasse von 275 befördert sie je nach geografischen Breitengrad des Startorts zwischen 4.700 und 5.800 kg in einen 200 km LEO Orbit.
Ein russisches Gegenstück zur Pegasus sollte die Diana-Burlak sein. Die geflügelte Rakete wird von einer Tu-160SC (Space Carrier) in 13.500 m Höhe bei Mach 1,7 abgeworfen. Sie hat nur zwei Stufen, bei angetrieben von flüssigen Treibstoffen. Der Start wird von einer IL-76 aus gesteuert und überwacht. Die Rakete hat eine Länge von 22,50 m und einen Durchmesser von 1,60 m (ohne Flügel). Die Nutzlastverkleidung hat eine Länge von 3,50 m und einen Durchmesser von 1,40 m. Die erste Stufe hat rund 450 kN Schub und eine Brenndauer von 140 Sekunden Die Zweite einen Schub von 98 kN. Sie wird nach der Mission wieder deorbitiert. Die Startmasse beträgt rund 28,5 t. Von einem äquatorialen Startplatz aus können rund 1.100 kg in einen 2o0 km hohen Orbit gebracht werden. In einen polaren Orbit in derselben Höhe sind es noch 770 kg. Selbst in einen 1000 km hohen SSO Orbit beträgt die Nutzlast noch 550 kg. Dies sind sehr gute Leistungen für eine so kleine, zweistufige Rakete.
Die Diana-Burlak sollte 1997/98 erstmals starten. Westlicher Partner war OHB System. Russische Partner war ein Konsortium unter der Führung des RADUGA Mechanical Design Bureaus. Es wurde ein sehr attraktiver Startpreis von 5 Millionen Dollar angegeben. Es fehlte jedoch an den 50 Millionen DM, um das Projekt umzusetzen.
Die Berkut ist eine fünfstufige Rakete. Sie besteht aus der ersten Stufe der U-Boot ICBM RSM-52 (SS-N 20) als erste Stufe und einer RSM-54 (SS-N 22) als zweiter und dritter Stufe. Dazu sollten nun zwei weitere feste Oberstufen kommen.
Daraus entstand eine sehr lang gestreckte Rakete mit einem maximalen Durchmesser von 2,40 m und einer Länge von 27,50 m. Die Startmasse beträgt 104 t. Die maximale Nutzlast 2.400 kg. Es gab zwei Nutzlastverkleidungen von 1,65 m Durchmesser und 2,28 und 4,28 m Länge. Die Erstere ist geeignet für maximal 1.200 kg schwere Satelliten, die Zweite nutzte die volle Kapazität von 2.400 kg.
Beide Nutzlastverkleidungen sind wasserfest, da dieselbe Rakete unter der Bezeichnung Priboj von einem auf dem Wasser schwimmenden Container gestartet werden sollte. 1995 wurde noch ein Erststart für 1997 angekündigt, danach wurde das Projekt eingestellt.
Eine weitere Nutzung von U-Boot Raketen ist die RIF/MA. Auch hier wird die RSM-52 eingesetzt, jedoch in unveränderter Form. Das Volumen für die Nutzlast ist dadurch beschränkt. So stehen nur 4 m³ zur Verfügung. Geplant war ein Start von einem An-124 Transportflugzeug aus. Die Nutzlast der zweistufigen Feststoffrakete sollte dann 950 kg in einen niedrigen Erdorbit transportieren bei einer Startmasse von 79.000 kg. Auch dieses Projekt GRZKB Makejew kam nicht über die Projektphase hinaus.
Das Unternehmen KompoMasch, dem unter anderem Makejew und Energomasch angehören, plante eine leistungsfähige Rakete, die bei lediglich 64 t Startmasse eine Nutzlast von 1.700 kg aufweisen sollte. Beide Stufen werden mit LOX/Flüssigmethan angetrieben. Die Erste mit sechs RD-190 Triebwerken, die Zweite mit einem RD-185. Bei einem maximalen Durchmesser von 2,40 m ist die Rikscha 24,30 m lang. Die Entwicklungskosten wurden auf 135 Millionen Dollar geschätzt. Ein Start sollte rund 10-15 Millionen Dollar kosten. Auch dieses Projekt verließ niemals die Zeichenbretter.
Die Rus-M ist das letzte bisher gestrichene Projekt. Obgleich der Name Rus schon benutzt wurde für eine Sojus-Variante hat er mit diesem Projekt nichts zu tun. Es handelt sich wei bei der angara um eine modulare Rakete, die unterschiedlich große Nutzlasten durch die Wahl der Booster transportieren kann. Allerdings liegt die Rus-M mit 23 bis 50 t über der Angara.
Die erste Stufe setzt das RD-180 Triebwerk ein, das gleiche gilt für die Booster. Es sind zwei Booster (23 t Nutzlast) oder vier Booster (35 t Nutzlast) geplant. Eine Version mit einer verlängerten ersten Stufe (da die vier Booster nun über genügend Schub verfügen) würde sogar 50 t in den Erdorbit bringen. Die zweite Stufe setzt das Triebwerk RD-0146 ein, das auch in der KVRM Oberstufe der Angara eingesetzt werden soll. Es nutzt die Treibstoffkombination Wasserstoff/Sauerstoff. Da sein Schub nur rund 75 kN beträgt und es sich um eine echte Schwerlastrakete handelt werden davon 4 Triebwerke eingesetzt.
De Durchmesser der Rakete bzw. der Booster beträgt 3,80 m. Damit sind die kompletten Stufen noch über das Schienennetz transportierbar. Es ist der gleiche Durchmesser wie bei dr Atlas V, eventuell kann hier auf Erfahrungen mit dieser Rakete zurückgegriffen werden. Es ist nicht bekannt wie viel Energomasch über den Bau der Stufe weiß, doch diese Firma fertigt auch die RD-180 Triebwerke für Lockheed Martins Atlas V. Das ganze Projekt wird geleitet von dem Kombinat Progress.
Starten sollte die Rus-M von dem ebenfalls neu errichteten Kosmodrom Wostochny. An die Ordentlichkeit kamen Pläne im Laufe des Jahres 2009. Seitdem gab es auch Entwicklungsarbeiten an der Rakete, so für eine Version des RD-180, das RD-180V mit zusätzlichen Sensoren die genügend Zeit verschaffen Anomalien rechtzeitig zu entdecken und die Besatzung zu retten, denn die Rus-M war von Anfang an als Träger für bemannte Missionen wie zum Mond konzipiert. Zwar erlaubt auch die größte Version keine Mondlandung, aber zumindest eine Mondumrundung und weitere Versionen wären denkbar. Damit einher gingen Forderungen von 15 bis 25 Starts pro Jahr, eine solche Startrate benötigt man eigentlich nur wenn man z.B. eine Mondmission erst im Erdorbit aus verschiedenen Einzelelementen zusammenstellt.
Auf der anderen Seite machte stutzig, dass bisher Russland schon Probleme hat seine Module für die ISS fertigzustellen und auch die Angara mehrere Jahre hinter dem Zeitplan hinterherhinkt. Ein russisches Mondprogramm gibt es schon gar nicht und auch ein neues bemanntes Raumfahrzeug für den Erdorbit ist nicht im Bau. Das letzte geplante, der Raumgleiter Kliper wurde eingestellt, weil die ESA nicht die Finanzierung zu großen Teilen übernehmen wollte, ohne technisch genauso weitgehend in das Projekt involviert zu sein.
So verwundert es nicht, dass am 7.11.2011 Vladimir Ppopvkin, Leiter der Raumfahrtagentur Roskosmos im russischen Parlament, der Duma ankündigte die Rus-M werde eingestellt. Ob Wostochny gebaut wird ist offen, eventuell wird dort eine Startanlage für die Angara entstehen.
Die kleinste Version der Rus-M hätte eine Startmasse von 665-688 t aufgewiesen und wäre rund 60 m lange gewesen. davon wären bis zu 19 m für die Nutzlast verfügbar. Die Maximalnutzlast sollte 23,8 t in LEO und 7 t in GTO betragen. Bei bemannten Einsätzen (mit Rettungsturm) wären es noch mindestens 18 t gewesen. Stufe 1 und die Booster hätten jeweils etwa 200 t gewogen, die zweite Stufe wahrscheinlich etwa 55 t, davon 46,5 t Treibstoff.
Von mir gibt es mehrere Bücher zum Thema Trägerraketen. Mein bisher
umfassendstes Werk ist ein zweibändiges Lexikon über Trägerraketen mit jeweils
rund 400 Seiten Umfang. Eine sehr gute, kompakte Übersicht über die Trägerraketen Russlands,
Europas, Chinas, Japan Indiens und verschiedener Nationen (Brasilien, Israel,
Australien, Nordkorea, Südkorea, Iran) ist das Raketenlexikon: Band 2: Internationale Trägerraketen
Der dazu gehörende Band 1 (Raketenlexikon: Band 1: US Trägerraketen
) behandelt die amerikanischen Trägerraketen. Jeder Band
behandelt die Technik und Geschichte von rund 100 Submodellen in kompakter
Form. Die grundlegende Technik eines Modells wird in einem einführenden ersten Kapitel
ausführlicher besprochen. Die folgenden Kapitel beinhalten dann die
Veränderungen von Subversion zu Subversion. Jeder Typ wird mit einem
ausführlichen Datenblatt und einem Startfoto dokumentiert.
Speziell mit der Geschichte der Trägerraketenentwicklung in Europa beschäftigt sich das zweibändige Wert Europäische Trägerraketen 1+2. Band 1 behandelt die nationalen Trägerprogramme (Black Arrow und Diamant) , die glücklose Europa-Rakete und die Ariane 1-4. Band 2 die beiden aktuellen Projekte Ariane 5 und Vega. Beide Bücher sind voll mit technischen Daten, Details zur Entwicklungsgeschichte und zu den Trägern.
Mehr über diese Bücher und weitere des Autors zum Themenkreis Raumfahrt, finden sie auf der Website Raumfahrtbucher.de.
© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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