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Die Geschichte von Turbo Pascal / Delphi

Die frühen Jahre des PC...

Im Jahre 1983, als Turbo Pascal 1.0 erschien, war die PC Welt noch anders als heute. Ein PC für geschäftliche Anwendungen kostete ab 8000 DM und hatte 64-128 K RAM, keine Festplatten sondern eines oder zwei Diskettenlaufwerke. Ein Heimcomputer kostete um die 1000-1500 DM, ohne Monitor und Diskettenlaufwerk, und nur 16-64 K RAM. Neben dem MS-DOS waren auch CP/M Rechner noch sehr weit verbreitet.

Es gab schon Programmiersprachen für PCs: PL/M, COBOL, FORTRAN, FORTH, auch Pascal. Eingesetzt wurden vor allem aber BASIC und Assembler. Die meisten Rechner kamen mit einem BASIC Interpreter und wurden auch gekauft um Programmieren zu lernen. Programmiersprachen waren viel wichtiger als heute und Microsoft machte seinen Umsatz bis 1982 vornehmlich mit Programmiersprachen.

Der Grund das man BASIC überall fand, war das die Sprache so einfach war, wenn auch im Vergleich zu heutigen Dialekten wie Visual BASIC eine sehr rudimentäre Untermenge der Sprache eingesetzt wurde. Die Umsetzungen von größeren Sprachen auf die kleinen Maschinen krankte an vielen Unzulänglichkeiten, vor allem daran das der Speicher der Computer zu klein war.

BASIC selbst war als interpretierte Sprache dafür sehr langsam, weshalb fast jeder zeitkritische oder systemnahe Arbeiten in Assembler kodierte und diese Routinen in BASIC einband.

Version 1.0: Der erste brauchbare Pascal Compiler für PCs

Am 20.11.1983 erschien Turbo Pascal 1.0 für die Betriebssysteme MS-DOS, CP/M 86 und CP/M. Der Compiler schlug sofort ein wie eine Bombe, den er schlug Konkurrenzprodukte um Längen:

Vor allem der letzte Punkt ist aus Anwendersicht wichtig: Damals ging man bei Hochsprachen, wie anderen Pascal Compilern (MIT USCD, JRT Pascal) so vor:

Hatte man Pech so gingen alle Programme nicht auf eine Diskette und man wurde zum Diskjockey. Bei Turbo Pascal waren Compiler und Linker verbunden und bei Fehlern wurde die Quelltextzeile angesprungen. Es war das was man heute als IDE (Integrated Development Engine) bezeichnet. Und alles war untergebracht in einem 33280 Byte großen Compiler/Editor! (Viele UNIX Programmiersysteme haben bis in die neunziger Jahre nicht diesen Komfort zu bieten, aber auch hier gibt es inzwischen IDE's). Anders Hejlsberg war der Softwarearchitekt der hinter Turbo Pascal steckte und auch bis zu den ersten 3 Delphi Versionen bei Borland an dem Compiler arbeitete. Er hatte einen Pascal Compiler für CP/M entwickelt, der von Borland gekauft wurde. Anders Hejlsberg wurde dann bei Borland beschäftigt und leitete seitdem die Entwicklung von Turbo Pascal.

Vor allem aber erzeugte Turbo Pascal schnellen Code: Es war damit zum ersten Mal möglich mit einer Hochsprache Anwendungen zu programmieren. Untersuchungen ergaben, dass der Code annähernd so schnell wie Maschinencode und etwa genauso kompakt war. Zahlreiche Entwickler begannen mit Turbo Pascal ihre Karriere, das erste Star Office entstand für CP/M unter Turbo Pascal. Zur Popularität verhalf auch der günstige Preis von 50 USD, ein Bruchteil der Kosten die anderen Pascal Systeme kosteten oder das wesentlich weniger leistungsfähige Microsoft BASIC. Der Name Turbo Pascal wurde gewählt, weil der Compiler wirklich schnell war: Er erzeugte nicht nur schnellen Code sondern compilierte auch deutlich schneller als Konkurrenzprodukte wie JRT oder MIT Pascal.

Die Technik von Turbo Pascal wurde bis zur Version 3.0 beibehalten: einer fixen 7-8 K großen Laufzeitbibliothek bildete die Basis, ab der Code angelegt wurde. Turbo Pascal 1.0 erzeugte auch unter MS-DOS nur "COM" Files, d.h. es war auf 64 K Code/Datengröße beschränkt. Das war aber bei der damaligen Speichergröße kein Problem, denn um ein 64 K großes Programm laufen zu lassen brauchte man 1984 128 K RAM, und das war ziemlich teuer.

Heute ist Turbo Pascal 1.0 von Borland als Freeware freigegeben worden. Sie können es hier downloaden.

Werbeanzeige Turbo Pascal 3.0Version 2.0 und 3.0

Sehr bald erschien die Version 2.0. Sie beseitigte vor allem einige Inkompatibilitäten mit dem Standard Pascal (Einführung von New und Dispose anstatt Mark und Release) und unterstützte mehr MS-DOS. Es gab nun Möglichkeiten Interruptroutinen zu programmieren und einfacher DOS Serviceroutinen aufzurufen. Es war jedoch mehr ein Release zur Behebung einiger Probleme, als dass man den Sprachstandard weitgehend erweitert hätte.

1986 erschien dann die sehr populäre Version 3.02. Obgleich immer noch 64 K große ".com" Files erzeugt wurden, war es mit Overlays möglich erheblich größere Programme zu erzeugen - Der Autor erstellte auf einem 62 K CP/M Programme mit bis zu 152 K Größe. Diese Version enthielt zum ersten Mal Unterstützung für den 8087 Coprozessor (obgleich dieser kaum verbreitet war, er kostete damals 500 DM!) und für BCD Arithmetik. IBM Nutzer profitierten von der Sound und Grafikunterstützung und der Turtle Grafik - Eine Nachbildung der Sprache LOGO. Die 3.02 Version war die letzte die noch für CP/M erschien, da dieses Betriebssystem nun keine sehr große Rolle mehr auf dem Markt spielte.

Heute ist Turbo Pascal 3.02 von Borland als Freeware freigegeben worden. Sie können es hier downloaden.

Version 4.0 - die Evolution beginnt.

Die 1987 erschienene Version 4.0 brachte den großen Bruch in dem User Interface mit sich: Die bis zur Version 7.0 bleibende IDE mit Syntax Highlighting und integriertem Debugger tauchte zum ersten Mal auf. Neu waren auch die ersten wirklichen Weiterentwicklungen des Compilers:

Units sind eine echte Neuerung wo Borland den Pascal Standard erweiterte. Sie erlaubten es den Code zu modularisieren (das Konzept wurde auch von Modula 2 übernommen). Man konnte so häufig benutzte Funktionen auslagern und diese wurden dann nur einmal übersetzt. Auch für Softwaretools Entwickler war es ein Segen - man musste nun nicht mehr den Source Code weitergeben, wenn man nützliche Funktionen geschrieben hatte, es reichte eine Liste der bekannten Funktionen, den Interface Teil auszudrucken.

Das wichtigste an Turbo Pascal und auch der Grund warum diese Sprache heute noch so populär ist, begann mit den Units: Man beließ es nicht dabei pro Version ein paar nützliche neue Funktionen einzuführen sondern sah was in anderen Sprachen gut war und übernahm es. Das Unit Konzept stammt aus Modula. Der Vorteil war das man nicht eine neue Sprache erlernen musste sondern nur was neu war.

Mit Version 4.0 bekam Turbo Pascal eine Konkurrenz. Microsoft wollte mit einem Turbo Pascal Klone namens "Quick Pascal" auch ein Stück vom Kuchen. Doch immer war dieses Produkt Turbo Pascal in Leistung und Sprachumfang unterlegen. Es war in Benchmarktest Vergleichen erheblich langsamer. Nach einigen Jahren des Verlustgeschäftes stellt MS die Entwicklung von Quick Pascal ein - einer der wenigen Fälle in denen sie einen Wettbewerb verloren.

Turbo pascal 5.5 Webung Version 5.5 - das objektorientierte Pascal

In den späten siebziger Jahren wurde als erste grafische und objektorientierte Sprache Smalltalk entwickelt - allerdings war der Ansatz für viele Programmierer zu radikal und Smalltalk war interpretiert, also langsam. 1987 legte Bjarne Stroustrup die erste Version von C++ vor eine Erweiterung von C um objektorientierte Konzepte. Diese zogen auch in Turbo Pascal ein und erlaubten es damit noch mehr Code und Daten zu trennen.

Das objektorientierte Pascal war 1989 der erste objektorientierte Compiler der für die PC Plattform verfügbar war - lange bevor Anfang der neunziger Jahre die ersten C++ Compiler auftauchten. Auch hier blieb Borland dem Konzept treu soviel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu übernehmen, so wurden Objekte in Units unterbracht, es gab nur Objekte und keine Klassen, da Klassenvariablen und Klassenmethoden im Prinzip normale Variablen und Methoden von Units sind.

Die Syntax von Objektpascal orientierte sich stark an C++, auch hier gibt es einen Interface Teil und einen Implementierungsteil (aber vielleicht hat dies auch C++ nur von Turbo Pascal 4.0 übernommen?)

Heute ist Turbo Pascal 5.5 von Borland als Freeware freigegeben worden. Sie können es hier downloaden.

Version 7.0 die letzte Turbo Pascal Version

Mit der Version 6.0 führte Borland eine neue Klassenbibliothek ein zur Herstellung von Textoberflächen im einheitlichen SAA oder CUA Stil: Turbo Vision. Zu DOS Zeiten war dies ein Standard um Oberflächen zu erstellen, denn viele Anwendungen besaßen. DOS Anwendungen hatten wie Windows Anwendungen ein Menü oben, eine Arbeitsfläche in der Mitte und eine Statuszeile unten. Doch die Umsetzung in Pascal war komplex und die Erstellung von Oberflächen damit mit einiger Arbeitszeit verbunden. Inzwischen hatte Turbo Pascal aber ernste Probleme, die vor allem an der Beschränkung von DOS lagen. Der 8086 Prozessor limitierte Daten auf 64 K Segmente (sofern man nicht das Datensegment verschob, was möglich war, aber dann die Geschwindigkeit enorm herabsetzte) und DOS das gesamte Programm auf 640 K, was für größere Programme zu wenig war. Als 1992 Turbo Pascal 7.0 erschien, hatten neue Rechner schon 4 MB RAM. Es gelang bei Turbo Pascal 7.0 noch für den Compiler selbst diese Beschränkungen aufzuheben, jedoch nicht für die erstellten Programme.

Mit Ausnahme von Turbo Vision hatte sich in den letzten 3 Jahren seit 5.5 auch Turbo Pascal sprachlich nicht viel weiterentwickelt, man hatte vielmehr C Elemente in Pascal umgegossen wie Nullterminierte Strings, offene Parameter oder Konstante Parameter. Vieles, wie die Nullterminierten Strings waren inkompatibel zum alten Pascal String. Man hatte nicht wie früher konsequent neu integriert.

Inzwischen war auch Windows sehr wichtig und Turbo Pascal hatte diesen Zug verpasst. Es gab eine Version Borland Pascal 7, welche auch Windows Programme erstellen konnte, doch wie DOS Programme durch Schreiben von Unmengen an Code. Nebenbei erlaubte Borland Pascal 7 auch für Programme den erweiterten Speicher bis zu 16 MB zu nutzen, wenngleich die Datenfelder auf max. 64 K beschränkt blieben.

Turbo Pascal für Windows - der falsche Weg

Während man bei DOS ein paar Zeilen schreiben muss um einen Text ausgeben hat man sich bei Windows durch eine Unmenge von Routinen zu kämpfen und ein kleines Meldungsfenster aufzubauen. C Kenner, die Windows programmieren erkannten zwar, das man bei Turbo Pascal für Windows nur 20 % des Codes schreiben musste, weil viele Routinen andere Aufrufe kapselten, aber der Käufer von Turbo Pascal von Windows war eben der typische DOS Nutzer, der spätestens nach dem ersten Projekt sich fragte, warum er bei einem so angeblich benutzerfreundlichen Betriebssystem nun plötzlich erheblich mehr Arbeit für die Oberfläche als das Programm investieren musste, und das kostete Turbo Pascal für Windows den Kragen - es erschienen nur zwei Versionen, 1991 die Version 1.0 und 1992 die Version 1.5. Danach wurde die Entwicklung eingestellt.

Delphi 1.0 - der Neubeginn

Turbo Pascal für Windows erschien Anfang der neunziger Jahre und es schien, als würde Borland die Pascal Reihe nicht fortsetzen. Intern arbeitete man jedoch seit 1993 an einem neuen Tool, welches Turbo Pascal in seinen Möglichkeiten weit übertreffen sollte. eine der wichtigsten Neuerungen war der Datenbankzugriff auch an Großrechnerdatenbanken. Das Codewort "Oracle" für das Projekt als Reminiszenz für die führende SQL Datenbank Oracle fand jedoch keinen Anklang im Team. Danny Thorpe schlug dann Delphi vor " If you want to talk to [the] Oracle, go to Delphi.". Dieses wurde sofort akzeptiert und erstaunlicherweise wurde auch das endgültige Produkt so benannt,

Da erschien 1994 Delphi. Schon der Name deutete an: Delphi ist nicht Turbo Pascal. Borland hatte aus den Fehlern gelernt und bot nun wieder dem Benutzer dass, was er gewöhnt war: eine einfach zu bedienende und erlernbare Sprache. Nun musste sich der Benutzer nicht mehr um die Fensterprogrammierung kümmern, er konnte aus Vorlagen visuell die Grundelemente auswählen, Eigenschaften setzen und brauchte dann nur noch den Code zum Bearbeiten zu schrieben. Die bei Windows so ubiquitär vorkommenden Zeiger wurden vor dem Programmierer ganz im Sinne der objektorientierten Programmierung verborgen. Diesen Benutzerkomfort hat Visual Studio von Microsoft in der 6.0 Version noch immer nicht erreicht. Erst Visual Studio .NET erreicht 7 Jahre nach Delphi dessen Programmierkomfort.

Delphi 1.0 hatte nur 3 Mängel:

Delphi 2-7 - der visuelle Traum

Was Delphi 1 versprach, löste die 2.0 Version ein: Es vereinfachte die Programmierung noch mehr, schaffte einen zum alten Pascal String kompatiblen Typ ab, der keine Längenbegrenzung hat und auch die Schranken von 16 Bit. Neue Komponenten erleichterten noch mehr die Programmierung. Delphi 2.0 ist eine Entwicklungsumgebung für 32 Bit Programme für Windows 95 und NT.

Seit der Version Delphi 2.0 hat sich Delphi evolutionär weiterentwickelt. Es werden schrittweise neue Möglichkeiten eingeführt und das Programm wird runder, doch die große Neuerung bleibt aus. Natürlich kann man nun auch immer mehr erstellen - Internetprogramme, Web Server, Systemsteuerungsappletts, ActiveX Elemente, COM Server doch die radikale Neuerung wie beim Übergang von Delphi 1 auf 2 ist ausgeblieben.

Wesentliche Änderungen betreffen von Version zu Version nur die mitgelieferten Komponenten, die es aber auch von Drittanbietern in reicher Auswahl gibt. Von der Dominanz die Pascal unter DOS hat ist nicht viel geblieben. Durch die C-API und die Dominanz von Microsoft, die kein Pascal anbietet arbeiten die meisten Windowsprogrammierer mit C++, die meisten Einsteiger mit Visual BASIC.

Doch es gibt noch genügend Entwickler die ihrem Pascal die Treue halten. Schlussendlich verheiratet der CBuilder beide Welten - Er schluckt Pascal Dateien die man einfach zum Projekt hinzufügt. Leider geht es (noch) nicht in die umgekehrte Richtung. Java, die Sprache die seit 1996 einen enormen Hype verzeichnet konnte erst im Jahre 2003 mehr Programmierer vorweisen als Delphi. Leider sind aber die meisten von Ihnen Hobbyisten.

.NET - Man hats mal probiert

Beginnend mit Delphi 8 begann Borland auch eine Version für das .NET Framework zu veröffentlichen. Delphi 8 war zuerst nur als solche zu erhalten, weshalb man für die normale Windows Entwicklung Delphi 7 mit hinzubekam. Später enthielten die RAD Studios beide Versionen und man konnte in der IDE angeben, welches Projekt man anlegen wollte. Solange man sich auf die VCL Standardelemente beschränkte war der Wechsel auch nicht so groß.

Leider zogen die meisten Hersteller von Komponenten nicht mit. Wer eine gut funktionierende Komponentenbibliothek aufgebaut hat und darauf aufbauende Projekte, der überlegt sich den Wechsel. Später wurde diese Version auch wieder ausgegliedert und erhielt die Bezeichnung "Delphi PRSIM". Der große Durchbruch blieb aus. Heute ist Delphi Prism keine eigenständige Anwendung mehr, sondern ein Plugin für Visual Studio.

Kylix - Neubeginn bei Linux

Der Tod für Turbo Pascal für Windows war, das es zu spät erschien und von den DOS Programmierern zuviel umdenken erforderte. Borland hatte vergessen, das es nun bei Windows mit den Compilerwerkzeugen des Betriebssystemherstellers konkurrieren musste, die natürlich bevorzugt wurde. Und rein zufällig sind alle Windows Funktionsaufrufe in C geschrieben und dadurch musste der DOS Programmierern sich plötzlich mit untypisierten Zeigern herumschlagen und nullterminierten Strings - alles Dinge die man unter DOS nie brauchte.

2001 erschien Kylix - Delphi für Linux. Und man scheint gelernt zu haben, denn es soll weitgehend kompatibel zu dem Windows Pendant sein, und es ist wohl das erste visuelle Produkt für Linux. Man erscheint also früh und nimmt die Entwickler von dort mit woher sie kommen. Das könnte dazu führen, das Kylix einmal für Linux so bedeutsam wird wie Turbo Pascal für DOS. Solange aber Linux sich nicht wirklich Mühe gibt benutzerfreundlich zu werden, reicht nur eine gute Programmiersprache auch nicht aus.

Inzwischen ist die Version 3.0 aktuell, leider ist der große Run auf Linux, denn man vermutete bislang ausgeblieben. So hat man das Projekt stillschweigend wieder begraben.

Borland Quo Vadis?

Angesichts der aktuellen Preise sollte man bei Borland sich etwas mehr an seine Wurzeln erinnern Die neuesten Versionen sind unverschämt teuer. Betrachtet man sich den Weg seit Delphi 4 so wird eine Verlagerung in die teurere Versionen sichtbar. Die Datenbankkomponenten gibt es ab Delphi 5/CBuilder 5 nur noch in der Profi Version (vorher gab es wenigstens die lokalen Zugriffe und SQL Zugriffe in der Standardversion). Gleichzeitig wurde diese von 560 auf 860 DM teurer. Doch schlimmer noch bei Delphi 6/Kylix, JBuilder 5: Es gibt "Personal Versionen" umsonst zum Download. Toll, reicht immerhin für normale Windows Anwendungen ohne Datenbanken und Internet. Allerdings auch ohne eine Reihe von Annehmlichkeiten in der IDE und viele Hilfsprogramme. Will man aber mehr - und das ist der Fall wenn man ernsthaft programmieren will - dann wird's teuer. 2599 DM für jede der Professionalversion und 5499 für die Enterprise Versionen (Die braucht man wenn man verteilte Anwendungen schreibt oder an Großrechnerdatenbanken anbinden will).

Was will man damit erreichen? Sicher, man gewinnt durch die kostenlose Personalversion neue Einsteiger. Doch wer als Privatmann kann es sich leisten 2599 DM zu löhnen? Ich bin mir nicht mal sicher ob viele Profis und Firmen das mitmachen, waren die alten Versionen schon nicht schlecht. Lieber wäre mir weiterhin eine Personalversion. Aber bitte dann mit allen Features in der IDE (neue werden gerne nur ab der Profi Version eingeführt) und einem Satz grundlegender Internetkomponenten (für alle Protokolle) und lokalen Datenbanken. Wer wirklich Geld verdienen muss braucht natürlich SQL und meist auch Sockets für Remote Datenbanken (übers Internet). Das kann man dann in die Profi Version reinpacken für die ihr gerne 800 Mark verlangen könnt. Aber ermöglicht es dem kleinen Hobbyisten noch euer Produkt zu bezahlen!

Von dem Leistungsvermögen her geht Delphi in die richtige Richtung: Delphi 7 wird einen Kommandozeilen Compiler für .NET Programme enthalten. Mit Delphi 8 wird es für .NET eine eigene IDE geben als dritte vollwertige Plattform neben Windows Maschinencode und Linux. Damit ist Delphi so universell wie keine andere Programmiersprache: Es kann Windows und Linux Maschinencode und .NET Code. Bei anderen Sprachen ist es zwar auch möglich Code zwischen Betriebssystemen auszutauschen, aber weitaus schwerer. Es gibt zwar bei Java und C# jeweils Projekte diese auf der Konkurrenzplattform (.NET bei Java und Linux bei C#) laufen zu lassen. Doch dass man wie in Delphi auch tausende von Komponenten für Datenbankzugriff, Internerprogrammierung etc. nutzen könnte, das ist bislang einmalig.

Die Konkurrenz ist aber auch nicht kleiner geworden: Java und C# haben von Pascal gelernt und sind einfacher zu erlernen als C++ und bieten mehr Komfort beim Programmieren. Bei C# merkt man auch das Anders Hejlberg inzwischen bei Microsoft arbeitet: Die Sprache hat zahlreiche Details von Pascal übernommen wie die Schlüsselworte finally, overwrite oder virtual.

Turbo kommt wieder

Im Jahre 2006 beschloss Borland die Programmiersprachen aus dem Produktsortiment zu nehmen und zu verkaufen. Damit endet eine 23 jährige Geschichte. Borland hat sich sehr stark gewandelt in dieser Zeit. Zu den Programmiersprachen kamen in den achtziger Jahren Anwendungsprogramme: Man entwickelte die Tabellenkalkulation Quattro und das Datenbanksystem Paradox. Diese Anwendungen waren unter DOS sehr populär, doch man schaffte nicht den rechtzeitigen Umstieg auf Windows. Später kaufte man DBase hinzu. Auch hier portierte man zu spät und halbherzig auf Windows. Später wurden diese Programme an Word Perfect verkauft und man zog sich aus dem Anwendungsgeschäft zurück. In den letzten Jahren hat man sich auf den Life Cycle bei der Entwicklung konzentriert und mit Together ein Produkt eingekauft. Obwohl man dazu Programmiersprachen braucht - irgend etwas muss ja den Code compilieren scheinen diese nun nicht mehr ins Konzept zu passen.

Was bringt es an Änderungen ? Nun "Turbo" als Produktname kommt wieder. Die letzte Version von Delphi war die im Borland Developer Studio 2006 (BDS 4.0). Da bekam man neben Delphi für .NET und Windows 32 auch den C# und C++ Compiler mitgeliefert. Genauso wie Microsoft nun die Sprachen seines Visual Studios auch einzeln anbietet gibt es wieder Turbo Produkte die nur eine Sprache abdecken. Es wird Turbo Produkte für Delphi, Delphi .NET, C++ und C# geben.

Wie Microsoft gibt es eine kostenlose Version - und diesmal dauerhaft, nicht wie bisher sporadisch oder nur über eine Zeitschriften CD zu erhalten und eine etwa 500 US-$ teure Professional Version. Die Professional Version deckt im wesentlichen das ab was auch heute das BDS kann, nur eben beschränkt auf eine Sprache. Die kostenlose "Explorer" Version beinhaltet wieder einige Kompromisse. Bei den bisherigen Personal Versionen war für den Autor das größte Manko, dass viele neue Features der IDE vor allem beim Debugging wegfielen und die Komponenten für Datenbanken und Internet fehlten. Für letzteres gab es aber Abhilfe (MySQL, Firebird bei Datenbanken, auch wenn das für kleine Programme Overkill war und Indy beim Internet). Daher waren viele mit der kostenlosen Personalversion von Delphi 6 glücklich.

Die neuen Explorer Versionen bieten zwar nun die Unterstützung für Internet und Datenbanken. Borlands Datenbank Interbase wird mit dabei sein. Doch als neues Manko kann man keine Komponenten von Drittherstellern einbinden. Also einfach mal eine Komponente installieren und dann benutzen - ist nicht mehr . Ich finde diese Einschränkung ist recht heftig. Denn auch wenn es 200 mitgelieferte Komponenten gibt, so gibt es eben unzählige Spezialfälle für die es Komponenten gibt. Wer erfahren ist, kann dies umschiffen indem er die Komponente im Quelltext instanziiert und die Werte setzt und die Ereignisroutinen von Hand verknüpft, aber das ist aufwendig. Dafür gibt es die UML Unterstützung der großen Versionen, auf die reine Entwickler sicher eher verzichten könnten.

Weiterhin kann man nur eine Turbo Komponente pro Rechner installieren, also nicht gleichzeitig Turbo Delphi und Turbo Delphi .NET. Die Explorer Versionen sollen Kunden die Professionelle Version wässrig machen. Denn funktionell sind diese identisch. Man kann mit einem später erworbenen Schlüssel die Explorer Version zur Professional Version aufrüsten. Herunterladen konnte man die kostenlosen Versionen  bei http://www.turboexplorer.com/. Man hat es eingestellt, als die Verkäufe der Professional Versionen einbrachen.

Verkäufe und Chaos

Kurz nach der Vorstellung der Turbo Versionen wollte Borland seine Entwicklersparte loswerden. Zuerst wurde Codegear als Tochter gegründet und dann wurde daraus Embaccadero. Dieses Chaos hat sich auch in der Lizenzpolitik ausgewirkt. So wurden die kostenlosen Turbo Versionen rasch wieder eingestellt und schlimmer noch, die Lizenzserver für die alten kostenlosen Versionen abgeschaltet. Das bedeutet ein nachträgliches Deaktivieren dieser Versionen. Das ist kontraproduktiv. So unterrichtet der Dozent Informatik und seitens der Hochschule ist auch Delphi lizensiert. Es gibt aber keine Möglichkeit mehr für Studenten sich eine Delphi Version kostenlos zu installieren, selbst wenn eine Personalversion von Delphi 6,7, oder 2005 die mal verschenkt wurde als Datenträger vorliegt - man kann sie nicht mehr aktivieren. Ob man sich damit einen Gefallen tut? Ich bezweifele es.

Die inkrementelle Weiterentwicklung von Delphi ging im Jahresabstand weiter, doch wie bisher betraf sie vor allem die IDE und ihre Funktionen (automatisches Code-Formatieren ab 2010, inkrementelle suche ebenfalls ab 2010) oder weitere Hilfsfunktionen oder (mittlerweile schon mehr gefürchtet als gewünscht) die ständig neuen INdy-Bibliotheken mit jeweils neuen Parameterlisten bei den Aufrufen.

Der Sprachkern wurde nur sehr moderat renoviert. 2009 wurden Generics eingeführt, eine Abart der For Each Schleife von C# gibt es inzwischen auch. Die wohl größten Änderungen war der Umstieg auf die Widechar Bibliothek, das bedeutet alle Stringfunktionen wie auch der Datentyp String arbeiten nun mit Widestrings anstatt Ansistring.

Delphi XE2 brachte nach eigener Auskunft die größte Neuerung mit sich: einen neuen Compiler der auch 64 Bit Code erzeugt. Allerdings ist das Feature noch nicht richtig umgesetzt. Zum einen ist die IDE immer noch 32 Bittig. Damit kann man zahlreiche Komponenten nicht übersetzen welche den Objektinspektor um Eigenschaftseditoren ergänzen wollen. Es fehlen die 64 Bit Versionen von DesignIDE, DesignInt und DesignEditors sowie anderer Units die man dazu braucht.

Zum anderen ist der Compiler darunter immer noch de alte. Er erzeugt immer noch 386 Code und AMD64 Bit Code, aber sonst keine Erweiterung des Befehlssatzes seit dem 386. Er kennt kein MMX, SSE (egal welche Version), AVX und er tut immer noch so, als wäre der Coprozessor extern und fügt nach jeder Fließkommainstruktion einen WAIT Befehl ein. Immerhin sind Fließkommaoperationen wo Delphi lange aktuellen C-Compilern nachhinkte nun doppelt so schnell geworden.

Neu ist die visuelle Bibliothek Firemonkey, die nun  eine 3D-Grafikschnittstelle hat und auch Programme für iOS und MacOS Geräte erzeugt. Sie ist aber inkompatibel zur VCL. Man wünschte sich, auf dies wäre verzichtet worden und der 64-Bit Ansatz wäre sauber durchgezogen worden. In den folgenden Versionen XE4 und XE5 hat man dann Firemonkey auch noch auf Android Geräte erweitert.

Neu ist auch das es wieder eine Starter Version gibt, die erschwinglich /aber auch nicht mit 173 Euro bei XE5 billig) ist. Die wichtigste Einschränkung im Umfang ist dass es nur ein 32 Bit Compiler ist, der 64 Bit Compiler wie auch die Möglichkeit für iOS Geräte (MAC, iPAD) und Android zu entwickeln entfällt. Native Komponenten für Datenbanken gibt es keine, doch wer sowieso mit freien Datenbanken wie MySQL oder DSQLlite gearbeitet hat wird diese nicht vermissen weil er eh die dort mitgelieferten Wrapper einsetzt. Die Starter Edition ist wieder für Hobbyisten erschwinglich wenn auch mit 149 Euro + MWst nicht billig. Für kommerzielle Entwickler, selbst wenn sie von der Leistung ausreichend ist, ist sie nicht gedacht, da man maximal 1000 Dollar mit Programmen verdienen darf die mit der Edition erstellt wurden.

Alternative Lazarus

Seit Jahren wird an einer Alternative zu Delphi gearbeitet, die aber möglichst kompatibel sein soll. Lazarus basiert auf dem Free Pascal Compiler. Lange Zeit war Lazarus recht instabil und ich hätte es nicht als Alternative zu Delphi empfohlen. Das hat sich geändert. Die Versionsnummer hat nun die 1 übersprungen und Lazarus ist eine schlanke Alternative zu Delphi. Die Oberfläche erinnert an die Versionen vor Einführung der Jahreszahlen, also noch mit schwebenden Fenstern (wie Delphi 7). Viele Komponenten konnte ich für Lazarus kompilieren, wenn man mal die bedingten Compilereinstellungen durchfrostet hat (die Abfrage des Versionssymbols wird sonst ein Problem ergeben.

Was Lazarus noch nicht hat, ist dass es nur wenige Komponenten gibt, die Palette ist sehr übersichtlich und deckt nur die wichtigsten Grundkomponenten für Anwendungen ab. Der Codeeditor auf Basis der Synedit Komponenten (mit denen auch mein Smarteditor entstand) hat noch nicht die Leistungsfähigkeit der aktuellen IDE, vor allem bei der Codevervollständigung.

Die größte Einschränkung ist der Debugger, der bei mir nach 2-3 Breakpoints nicht mehr stoppt oder abstürzt. Aber Lazarus ist einen näheren Blick wert. In einem ist Lazarus sogar Delhi noch voraus - es kann Code für noch mehr Plattformen erzeugen und ist auch für Linux verfügbar. So kann man auf dem PC für den Raspberry Pi Programme erstellen und testen. und dann nur noch auf dem Pi  erproben, denn auch dort kann man dieselbe IDE einsetzen (nur wegen des ARM Prozessors etwas langsamer).

Lazarus hat dem kommerziellen Vorbild Delphi eines voraus. Er unterstützt sehr viel mehr Plattformen. Nicht nur zahlreiche X86-Betriebssysteme wie OS/2, Windows und verschiedene UNIX/LInux Varianten sondern auch noch SPARC und PowerPC. Wenn man den FPC, den eigentlichen Compiler den Lazarus einsetzt, hinzunimmt und der in einer Textoberfläche läuft (wie seinerseits Turbo Pascal, dann kommen sogar noch Amiga und Atari ST hinzu.


Zum Thema Computer ist auch von mir ein Buch erschienen. "Computergeschichte(n)" beinhaltet, das was der Titel aussagt: einzelne Episoden aus der Frühzeit des PC. Es sind Episoden aus den Lebensäufen von Ed Roberts, Bill Gates, Steve Jobs, Stephen Wozniak, Gary Kildall, Adam Osborne, Jack Tramiel und Chuck Peddle und wie sie den PC schufen.

Das Buch wird abgerundet durch eine kurze Erklärung der Computertechnik vor dem PC, sowie einer Zusammenfassung was danach geschah, als die Claims abgesteckt waren. Ich habe versucht ein Buch zu schreiben, dass sie dahingehend von anderen Büchern abhebt, dass es nicht nur Geschichte erzählt sondern auch erklärt warum bestimmte Produkte erfolgreich waren, also auf die Technik eingeht.

Die 2014 erschienene zweite Auflage wurde aktualisiert und leicht erweitert. Die umfangreichste Änderung ist ein 60 Seiten starkes Kapitel über Seymour Cray und die von ihm entworfenen Supercomputer. Bedingt durch Preissenkungen bei Neuauflagen ist es mit 19,90 Euro trotz gestiegenem Umfang um 5 Euro billiger als die erste Auflage.

Mehr über das Buch auf dieser eigenen Seite.

© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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