Home Site Map Lebensmittelchemie und Ernährung Werbung und Wirklichkeit counter

Was ist drin ... In Gourmet Vanilla?

Einleitung

Bei dem Produkt handelt es sich um einen 200 g Becher eines ... ja was eigentlich? "Gourmet Vanilla" sagt ja nun nicht aus über das Produkt. Immerhin ist der Becher durchsichtig und man kann eine gelbe Masse darin erkennen. Ein Löffel auf dem Deckel zeigt einen gelben Klecks auf einem weißen Bett, das eher an ein Spiegelei als an die gelbe Füllung erinnert An der Seite werden wir belehrt was es ist: Creme mit Vanille Geschmack auf lockerleichtem Sahnehäubchen cremig sahniger Genuss. Nun ja schauen wir es uns mal genauer an.... Wie immer sind angaben auf der Verpackung in blauer Schrift wiedergegeben.

Zutatenverzeichnis

Vanille Crem mit Vanille Geschmack auf Sahnehäubchen: Das ist nichts anderes als die Verkehrsbezeichnung. Die LMKV (Lebensmittelkennzeichnungs- Verordnung) fordert, dass diese klar und deutlich zu sehen ist. Das ist hier auch nötig, denn "Vanilla Gourmet" sagt ja nun gar nichts über das Produkt aus. So hätte man auch Vanillinzucker oder Eis bezeichnen können. Die Bezeichnung ist auch hier unsauber: Warum hat man das "Vanille" zweimal hervorgehoben? Nun wer es isst weis es: Die Creme schmeckt recht aufdringlich nach Vanillin, aber nicht nach echter Vanille. Es fehlt das runde Aroma von echten Vanilleschoten.

Zutaten: Nun kommt erst das Zutatenverzeichnis, bisher fand man eine Beschreibung des Produkts und seiner wesentlichen Eigenschaften:

Fettarme Milch (1.5 % Fett): Klar dass ist natürlich die Hauptzutat. Es wird aber noch besser... Bis hierhin denkt man dass der Hersteller wohl sparen wollte oder auf den Energiegehalt achten wollte....

Zucker: Das letztere kann man ausschließen wenn nun gleich der Zucker noch vor dem Bindemittel Stärke kommt. Also nichts mit "leichtem" Dessert

Sahne (12 %). Damit weis man zum einen dass mehr als 12 % Zucker drin sind (Das Zutatenverzeichnis ist nach absteigenden Mengen zu sortieren) und man weis auch warum es nur ein "Sahnehäubchen" sein kann, denn bei 12 % ist es nicht mehr als ein Klecks.

modifizierte Wachsmaisstärke (acetyliertes Distärkeadipat): Diese Stärke ist durch chemische Behandlung so verändert, dass mehrere Stärkemoleküle miteinander vernetzt sind. Die Stärke kann dadurch Flüssigkeit besser einschließen und - das ist der Hauptvorteil - dieser Einschluss ist stabiler als bei normaler Stärke. Insbesondere wird bei Scherkräften (Transport) oder beim Abkühlen (Kühlregal) keine Flüssigkeit abgegeben.

Gehärtetes Pflanzenfett: Also so was wie Biskin oder Palmin. Ein bisschen Fett muss man in der Creme haben, sonst schmeckt sie nach nichts, und es scheint ofensichtlich billiger zu sein das als Pflanzenfett zuzusetzen anstatt Vollmilch zu nehmen.

Speisegelatine: Ein Dickungsmittel das gerade die luftaufgeschlagene Creme sehr gut stabilisiert, da es sehr stabile Netze ausbildet

Traubenzucker: Kommt wahrscheinlich wie das folgende Milcheiweiß als Trägerstoff für die Farbstoffe, Aromastoffe und Emulgatoren ins Produkt

Milcheiweiß: In dieser Menge kurz vor den Emulgatoren technologisch wie der Traubenzucker ohne Bedeutung.

Verdickungsmittel: Carrageen, Guarkernmehl: Gleich 4 Verdickungsmittel auf einmal? (Stärke und Gelatine sind auch Verdickungsmittel). Guarkernmehl ist ein recht universell einsetzbare Verdickungsmittel die mit Milch besonders feste Geld bilden. Carrageen bildet mit den Calcium Ionen und dem Casein der Milch sehr stabile Gele bei sehr kleinen Dosierungen und wird daher sehr häufig in Milchprodukten eingesetzt. Zusammen mit den obigen Verdickungsmitteln hat man aber den Eindruck, der Hersteller will ganz auf Nummer sicher gehen, dass die Creme stabil bleibt.

Emulgatoren: Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren, Milchsäureester von Speisefettsäuren: Diese sind nötig um das Pflanzenfett zu stabilisieren, die stabilisieren aber auch die geschlagene Sahne und die Creme, da sie ebenfalls Flüssigkeiten/Gas Phasengrenzen stabilisieren.

Farbstoffe: Riboflavin, Beta Carotin: Daher kommt die viel zu hellgelbe Farbe her (Riboflavin ist hellgelb. Bei echter Vanille wäre beides nicht nötig gewesen, doch wie der folgende Punkt zeigt: Vanille ist nicht drin. Immerhin handelt es sich um natürliche Farbstoffe. Riboflavin ist Vitamin B2 und Beta Carotin eine Vorstufe des Vitamins A.

Aroma: Der erste Löffel überzeugt einen von dieser Zutat, denn nach Vanille schmeckt es nicht.

Mit Luft aufgeschlagen: Dadurch wird es zur Creme und die Sahne zum Sahnehäubchen.

Brennwertangaben:

Brennwert 475 kJ/100 g
Eiweiß 3.4 g
Kohlenhydrate 14.1 g
Fett 4.8 g

Beurteilung

Ein sogenanntes "High-Class" Erzeugnis weckt natürlich andere Erwartungen als ein Billig-Produkt. Der Hersteller bewirbt dies mit "Gourmet" und auch der Deckel ist hochwertig gestaltet (dick, königsblauer Hintergrund mit goldfarbenen Rändern). Um so enttäuschender ist den Eindruck denn es hinterlässt.

Das positive: Crem isst luftig und stabil auch bei zweimaligem Transport in einer Umhängetasche. Dass war es aber auch schon. Warum das bisschen Sahne das vorhanden ist, sich am Boden des Bechers befindet bleibt wohl ein Rätsel das nur der Hersteller aufklären könnte. Vielleicht dachte er daran das Dessert zu stürzen, doch die meisten Leute werden wie ich es aus dem Becher löffeln. Überhaupt: Die Sahne schmeckt nach gar nichts, nicht mal nach Sahne und es ist viel zu wenig. (Sogar weniger als die 12 % die angegeben sind, eventuell ist auch in der Creme Sahne herunter gearbeitet worden). Die Creme selbst schmeckt nicht vollmundig. Hier fehlt das Milchfett und das Aroma ist am besten mit "künstlich" umschrieben. Es schmeckt nicht mal nach Vanillin, sondern irgendwie vanilleartig, eventuell Ethylvanillin. Schon Vanillin isst ein so süß-Vanille Geschmackston, dass er nur in kleinen Dosen in Gebäck erträglich ist. Jeder der mal Billig-Eis mit Vanillegeschmack gegessen hat weis was ich meine. Aber das ist hier noch schlimmer.

Mit Gourmet und High-End hat das Produkt nichts zu tun, eher mit billig und künstlich: Pflanzenfett und fettarme Milch anstatt Vollmilch weil es billiger ist. 4 Verdickungsmittel und eine ganze Latte von Emulgatoren und alles zusammenzubringen und zu stabilisieren was nicht zusammen gehört und zuletzt die künstliche Farbe und das noch künstlichere Aroma.

Kurzum: Ein echter Fehlkauf, denn ich genau einmal getätigt habe. Außerdem habe ich nach dem Genuss mehr Hunger als zuvor : Der hohe Zuckergehalt in leicht verdaulicher form hat wohl den Glucosespiegel hochschnellen lassen. Was lernen wir daraus: Es ist kein Gourmet Produkt sondern wohl eher ein Gourmand Produkt, denn um satt zu werden muss man wohl mehr als eines davon essen....

Bücher vom Autor

Zum Thema Lebensmittelchemie/recht Ernährungsberatung ist bislang ein Buch von mir erschienen:

Das Buch Was ist drin?: Die Tricks der Industrie bei der Lebensmittelkennzeichnung verstehen und durchschauen wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Unabhängig heißt: Eine Beschreibung des Nutzens und der Risiken, ohne eine eigene Wertvorstellung dem Leser aufzwingen zu wollen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung (wozu werden Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß benötigt, was sind die Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr und bei Vitaminen und Mineralstoffen). Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geographischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen. Dieser Teil ermöglicht es, schnell nachzuschlagen, was sich hinter bestimmten Stoffen auf der Verpackung verbirgt.

Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist.

Geplant ist für das Jahr 2011 ein zweites Buch mit dem Titel „Das ist drin!“. Es ist eine Ergänzung zu dem ersten Buch. Es wird die einzelnen Lebensmittelgruppen genauer beschreiben und neben Angaben über den Nährwertgehalt, ernährungsphysiologische Bedeutung (die man auch in anderen Büchern findet) auch die eingesetzten Zusatzstoffe, mögliche Rückstände und Kontaminationen beschreiben.

Beide Bücher wenden sich an interessierte Laien, wobei ich mich speziell auf den Themenbereich Kennzeichnung und Zusatzstoffe konzentriere, da es sehr viele Bücher zum Thema Ernährung oder die Inhaltsstoffe der Grundnahrungsmittel gibt. Dagegen wird der Bereich der verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln und die rund 300 möglichen Zusatzstoffe meist ignoriert. Des weiteren gibt es kaum Bücher für den Laien, die über die rechtlichen Grundlagen oder was die Angaben auf den Verpackungen bedeuten informieren. Die meisten haben dann auch eine Zielsetzung, wie die Industrie anzuprangern oder eine vorgefasste Meinung dem Leser näher zu bringen. Ich halte es für wichtiger den Leser zu befähigen selbst sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass dies auch Kritik mit einschließt, zeigt sich durchaus im letzten Teil des Buchs „Was ist drin?“, da die meisten dort besprochenen Lebensmittel Mängel in der Kennzeichnung haben, Zusatzstoffe zur Täuschung eingesetzt werden oder Aufmachung und Inhalt im krassen Gegensatz stehen. Diese abschreckenden Beispiele sind aber gerade deswegen besonders lehrreich.



© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
Sitemap Kontakt Neues Das Buch zu Lebensmittelkennzeichnung Buchempfehlungen Top 99