Home Site Map Lebensmittelchemie und Ernährung Was ist drin ? counter

Was ist drin... in Weißwürsten?

Einleitung

Immer wieder gab es Anfragen, für neue Aufsätze in dieser Rubrik. Ich verzichte, weil mein Studium nun schon etwas länger zurückliegt, auf eine rechtliche Beurteilung, denn die ändert sich. durch Veränderungen der Gesetzgebung laufend. Von Dauer ist dagegen die Chemie und Technologie, die wird auch in 100 Jahren noch gelten. Auf diese werde ich mich bei diesem Produkt weitgehend beschränken.

Heute handelt es sich um ein typisch bayrisches Produkt: Weißwürste, die sich noch mehr ausloben "Delikatess Münchner Weißwurst Spitzenqualität" ergänzt um "mit frischer Petersilie verfeinert". Alle Angaben auf der Packung finden sie in dunkelblauer Schrift.

Verkehrsbezeichnung

Die Verkehrsbezeichnung muss eine Umschreibung des Produktes sein, außer die Zusammensetzung ist festgelegt, oder es ist ein bekanntes Lebensmittel. In diesem Falle findet sich "Münchner Weißwurst echt bayrisch".

Zutatenverzeichnis

Das Zutatenverzeichnis ist nicht so interessant, also es sind nicht viele Zusatzstoffe drin, aber der Hammer kommt noch:

Schweinefleisch 75 % Der Fleischanteil ist nicht gering. Doch ist es das richtige?

Schweinespeck: Findet sich in jeder Wurst.

Schweineschwarten: Die besondere Zutat für "Münchner Weißwurst", immerhin keine Kalbskopfhäute...

Trinkwasser: Zum Kuttern des Bräts.

Petersilie 2 %: Die Mengenangabe ist notwendig, weil sie in der Beschreibung hervorgehoben wurde. Petersilie gehört in eine Weißwurst hinein.

Gewürze (u.a. Senf, Sellerie): Unter anderem? Wissen wir es nicht genau? Es wäre nicht verpflichtend gewesen die Gewürze aufzuschlüsseln, doch wenn man es macht. sollte es auch vollständig sein.

Aroma: In einer traditionellen Spezialität die sich noch dazu als "Spitzenqualität" bezeichnet. erwarte ich eigentlich nur natürliche Gewürze und kein Aroma.

Würze: Wohl um den Liebstöckelgeschmack in die Wurst zu bekommen. Die Würze muss auch das Salz enthalten, denn es taucht sonst nirgends in der Zutatenliste auf.

Glucosesirup: Glucose wird bei Wurstwaren in vielen Funktionen eingesetzt, meist für Starterkulturen für Rohwürste, oder als Umrötungshilfsmittel. Beides ist hier nicht notwendig, denn es handelt sich um eine Brühwurst und sie ist nicht umgerötet,. Hier dient es zur Geschmacksabrundung. Seltsam nur, dass mehr Glucosesirup also Salz zugesetzt wurde.

Gewürzextrakte: Dank der modernen Lebensmitteltechnologie (nicht Lebensmittelchemie, LM-Chemiker sind die "Guten" welche solche Produkte mit Bußgelder ahnden, Lebensmitteltechnologen sind Ingenieure, ohne naturwissenschaftliche Bildung, die solche Produkte sich ausdenken) findet man heute viel mehr Gewürzextrakte als natürliche Gewürze. Das muss aber nicht unbedingt gleich schmecken und bei Substanzen, auf die man auch gerne beißt, um das Gewürz freizusetzen (z.B. Grüner Pfeffer, Chilli) fehlt ein wichtiges sensorisches Erlebnis.

Stabilisator: Diphosphate: Phosphate erhöhen das Wasserbindungsvermögen von Fleisch. So gibt es mehr Wurst mit weniger Fleisch. Daher findet man es in (fast) allen Würsten.

Säuerungsmittel: Citronensäure: Ein gängiges Säuerungsmittel, das mit dem süß-sauren, frischen Aroma passt es gut zu der Weißwurst.,

Naturdarm: In den Wurst ist die Wurst verpackt. Die meisten Leute die ich kenne ,geben sich aber Mühe die Wurst aus dem (eßbaren) Darm zu pellen, während sie Wiener Würste die im selben Darm stecken, mit Darm essen.

Nährwertangaben

wie immer alle Angaben pro 100 g Produkt

Brennwert 1129 kJ /  273 kcal
Eiweiß 11 g
Kohlenhydrate 1 g
Fett 25 g

Die Zusammensetzung stimmt überein mit Analysenangaben anderer Weißwürste, die etwa 1200 kJ, etwa 27 % Fett und 11-12 % Eiweiß ausweisen.

Bewertung

An und für sich wären die Weißwürste in Ordnung. Sie schmecken auch gut. Ich bin eigentlich nur zur Beurteilung geklommen, weil meine Mutter meinte "Endlich hast Du mal Münchner Weißwürste gekauft die noch echt nach Weißwurst schmecken". Da warf ich einen Blick auf die Zutatenliste. Nun eine kleine Aufklärung für Verbraucher: Echte Weißwürste werden nicht aus Schweinefleisch hergestellt. Sie werden nach deutschem Lebensmittel-Richtlinien (den Leitsätzen) zu einem guten Teil aus Kalbfleisch hergestellt, in Österreich ist auch Rinderfleisch zulässig. Das ist neben der Rezeptur der zugesetzten Gewürze, das besondere an ihnen, das qualitativ hochwertige. Gerade das ist hier nicht gegeben. Um dem ganzen auch noch die Krone aufzusetzen bewirbt der Hersteller die Würste als "Spitzenqualität" und "echt bayrisch". Auch die Bezeichnung "Münchner Weißwurst" geht in diese Richtung: Weißwürste gelten als Münchner Spezialität (allerdings nicht in der Form wie sie denken).

Es ist heute Usus geworden, dass Weißwurste nur zum Teil aus Kalbsfleisch hergestellt werden (der Fettanteil stammte schon immer vom Schwein) und teilweise aus Schweinefleisch. Das ist auch zulässig. Nur sollte eben auch ein bedeutender Kalbsfleischanteil vorhanden sein Doch hier findet sich kein bisschen Kalbfleisch (das natürlich erheblich teurer ist und hier die wertgebende Zutat ist) in dem Produkt. Das ist trotz korrektem Zutatenverzeichnis eine Unverschämtheit! Die Weißwürste wird bei den Leitsätzen zusammen mit der Kalbsbratwurst geführt: Können sie sich eine Kalbsbratwurst ohne Kalbsfleisch vorstellen?

Also liebe Berufskollegen eines Untersuchungssamtes. Das ist meiner Ansicht nach ein Verstoß gegen §11 Abs. 1 Nr.1 LMBG, man könnte fast sogar noch §11 Abs. 2 Nr. 2c heranziehen. Das betrifft zwar eigentlich nachgemachte Lebensmittel, die einen besseren Anschein erwecken, als sie sind. Nachgemacht ist es im engeren Sinne nicht, aber ist eine Wurst nur aus Schweinefleisch wo eine Kalbsfleischwurst erwartet wird, nicht auch eine "nachgemachte Wurst?". Wenn ich noch ein Gutachten formulieren würde, würde ich wahrscheinlich §11 Abs. 1 Nr. 1 nehmen, ein Verstoß liegt durch die Bewerbung als Spitzenqualität und genaue Angabe einer "Münchner" Weißwurst und "echt bayrisch" vor.

Zum Nachlesen: Die Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse. zu finden unter 2.221.07 / 9. Weißwürste laufen unter 2.221.07 und sind qualitativ besser als die "Münchner Weißwürste" die größere Mengen an bindegewebsreichem Fleisch enthalten dürfen. Ach ja bindegewebsreiches Fleisch sind gekochte Schwarten oder Kalbskopfhäute. Das sind die groben, glasigen Teile die in der Wurstmasse herausstechen. Offensichtlich essen Münchner jeden Dreck und meinen dann noch ihre Weißwurst wäre was besonderes: Ist sie auch: Besonders minderwertig.

Bücher vom Autor

Zum Thema Lebensmittelchemie/recht sind bisher drei Bücher von mir erschienen:

Das Buch Was ist drin?: Die Tricks der Industrie bei der Lebensmittelkennzeichnung verstehen und durchschauen wendet sich an diejenigen, die unabhängige Informationen über Zusatzstoffe und Lebensmittelkennzeichnung suchen. Das Buch zerfällt in vier Teilen. Es beginnt mit einer kompakten Einführung in die Grundlagen der Ernährung. Der zweite Teil hat zum Inhalt eine kurze Einführung in die Lebensmittelkennzeichnung - wie liest man ein Zutatenverzeichnis. Welche Informationen enthält es? Ergänzt wird dies durch einige weitere Regelungen für weitergehende Angaben (EU Auslobung von geographischen Angaben, Bio/Ökosiegel etc.).

Der größte der vier Teile entfällt auf eine Beschreibung der technologischen Wirkung, des Einsatzzweckes und der Vorteile - wie auch bekannter Risiken - von Zusatzstoffen.  Der letzte Teil zeigt beispielhaft an 13 Lebensmitteln, wie man ein Zutatenverzeichnis sowie andere Angaben liest, was man schon vor dem Kauf für Informationen aus diesem ableiten kann, die einem helfen, Fehlkäufe zu vermeiden und welche Tricks Hersteller einsetzen, um Zusatzstoffe zu verschleiern oder ein Produkt besser aussehen zu lassen, als es ist.

Wie sich zeigte haben die meisten Leser das Buch wegen des zentralen Teils, der die Zusatzstoffe beinhaltet, gekauft. Ich bekam auch die Rückmeldung, dass hier eine Referenztabelle sehr nützlich wäre. Ich habe daher 2012 diesen Teil und den Bereich über Lebensmittelrecht nochmals durchgesehen, um die neu zugelassenen Zusatzstoffe ergänzt und auch um neue Regelungen wie bei der Werbung mit nährwertbezogenen Angaben. Ergänzt um eine Referenztabelle gibt es nun die zwei mittleren Teile unter dem Titel "Zusatzstoffe und E-Nummern" zu kaufen.

Nachdem ich selbst über 30 kg abgenommen habe, aber auch feststellen musste wie wenig viele Leute von Ernährung oder der Nahrung wissen, habe ich mich daran gemacht einen Diätratgeber "der anderen Art" zu schreiben. Er enthält nicht ein Patentrezept (wenn auch viele nützliche Tipps), sondern verfolgt den Ansatz, dass jemand mit einer Diät erfolgreicher ist, der genauer über die Grundlagen der Ernährung, was beim Abnehmen passiert und wo Gefahren lauern, Bescheid weiss. Daher habe ich auch das Buch bewusst "Das ist kein Diätratgeber: ... aber eine Hilfe fürs Abnehmen" genannt. Es ist mehr ein Buch über die Grundlagen der Ernährung, wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man dieses Wissen konkret bei einer Diät umsetzt. Es ist daher auch Personen interessant die sich nur über gesunde Ernährung informieren wollen und nach Tipps suchen ihr Gewicht zu halten.

Alle Bücher wurden von mir auch selbst für den Kindle publiziert. Die "Was ist drin " Auflage wurde stark erweitert und hat so 319 anstatt 208 Seiten bei der Printauflage. Die anderen beiden sind identisch zur Printauflage. Sie sind bei Eigenverlag deutlich preiswerter als die ebenfalls verfügbare Version von meinem Verlag, die aber dafür für alle Reader verfügbar ist.


© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.

Sitemap Kontakt Neues Das Buch zu Lebensmittelkennzeichnung Buchempfehlungen Top 99