Nutzloses Wissen

Eines der Unwörter der letzten Jahre ist „Nutzloses Wissen“. Dieses Wort hat dank dem Fernsehen eine ganz neue Bedeutung bekommen. Hätte man mich vor 10 Jahren gefragt hätte ich wohl geantwortet „das ist Wissen das veraltet ist wie die Bedienung von CP/M“ oder „Das ist Wissen das man nicht richtig verstanden hat“. Dank dem Fernsehen wissen wir, dass Nutzloses Wissen Fakten über Dinge sind, die einen weder interessieren noch einem nützen.

Es sind zwei Kategorien: Das eine sind Sendungen über Dinge die es zwar gibt aber für das persönliche Leben weder wichtig sind noch es interessant ist das zu wissen. So was wird in „Galileo“ vermittelt: Ehrlich gesagt: Was ist daran interessant wie Fertigessen oder die Armaturenbretter eines Autos hergestellt werden? Das ist vielleicht interessant wenn ich in dem Business arbeite, doch dann wüsste ich darüber wahrscheinlich mehr als im Fernsehen kommt. Das zweite kann man eher als „nutzlose Fakten“ betrachten. Das ist das was man in Quiz Shows lernt.

Natürlich kann man sich geschmeichelt fühlen wenn man wie ich die Antwort auf die 150.000 Euro Frage beim Star-Quiz weiß. (Gefragt wurde nach Porzellanfritten wobei es noch Kombinationen von „Porzellan“ mit anderen Beilagen zum Hauptgericht als Antworten gab. Das ist ein recht gutes Beispiel für „nutzlose Fakten“. Porzellanfritten sind poröse Filter die in der Chemie und Mikrobiologie benutzt werden um ausgefallene Niederschläge oder Bakterien von der Lösung zu trennen. Die Kenntnis gehört genauso zum Fachvokabular in der Chemie wie die „Liebigsche Flasche“ oder der „Erlenmeyerkolben“. Wer nicht gerade Chemie studiert wird diese Fachbegriffe nicht kennen.

Es gibt in jedem Gebiet Fachbegriffe. Ich denke auch mit den Raumfahrtbegriffen „hypergol“ und „spezifischer Impuls“ könnte man ein Quiz gestalten. Sie sind so speziell, dass die normalen Physiker nicht den spezifischen Impuls kennen, obwohl er eine physikalische Größe ist und Chemiker nicht den Begriff „hypergol“ sondern man wohl eher von niedriger Aktivierungsenergie spricht.

Selbst wenn die Begriffe erklärt werden (was meistens unterbleibt) ist es relativ sinnlos. Das Thema ist zu speziell und es ist ein Faktum das man kennt, aber das alleine reicht nicht aus um sich in dem Gebiet auch nur grob auszukennen. Nun weiß ich dass diese Quizshows äußerst beliebt sind und es auch nicht um das Vermitteln von Wissen geht. Aber ist es nicht sinnvoller wirklich das zu fragen, was jeder wissen könnte oder wissen sollte, also Allgemeinwissen oder Schulwissen (wobei das erste schon schwieriger zu definieren ist). Dann brauchen die Summen die es zu gewinnen gibt auch nicht so groß sein, dafür vielleicht mit mehr kleineren Zwischenstufen. Das gibt es heute nicht. Ich habe letzte Woche das „History Quiz“ mit Guido Knopp angesehen. Ich halte von „Mr History“ sehr wenig, aber viele andere sehen ihn als die Gallionsfigur der Dokumentation im ZDF an. Was gefragt wurde, hatte mit Geschichte nichts zu tun. Sondern eher mit Boulevard Kenntnissen. Fragen über die Royals oder Königinnen kann man eher durch die Lektüre von „Bild der Frau“ beantworten als durch ein Geschichtsstudium. Nur eine Frage war vielleicht von historischem Rang, nämlich die bei welchem historischen Ereignis Adenauer nicht anwesend war (die Demonstration gegen die Errichtung der Berliner Mauer, weil gerade Wahlkampf war und sein Gegner war der damalige Berliner OB Willy Brandt).

Klar, in jedem Falle wird man nicht mehr lernen als wieder ein paar verstreute Fakten, aber das Format wäre spannender weil man eher sein eigenes Wissen nachprüfen kann wenn sich das Quiz an dem orientiert was Allgemeinwissen ist. So kann man sich selbst besser einschätzen. Das man dabei etwas lernt kann man vergessen, ich konnte mich nur an die Sendung erinnern weil ich mich über die Fragen aufgeregt haben. Die zahlreichen anderen Quizfragen die ich in den letzten Jahren gehört und gesehen habe und ihre Antworten habe ich alle vergessen.

Noch überflüssiger sind allerdings Formate wie „Galileo“ mit dem Zelebrieren von Fertigungsprozessen oder noch schlimmer Effekten, die zwar hübsch anzusehen sind aber eigentlich keinen Erkenntnisgewinn bringen, wie dem Versuch nachzuprüfen ob Filmszenen aus James Bond oder Aktion Filme in Wirklichkeit tatsächlich funktionieren (was meistens nicht der Fall ist). In die gleiche Kategorie fallen so Effektshows wie „Clever“ (die dann auch noch als Subtitel hat „die Show die wissen schafft“, Aber vielleicht ist es auch nur ein Symptom für unsere Pisa Gesellschaft, bei der bei einer verdummenden Gesellschaft das Niveau immer niedriger gelegt werden muss. Das Gegenteil sollte der Fall werden. Es muss anspruchsvoller werden, weniger Quiz, mehr wirklich gute Wissenschafts- und Forschungssendungen. Diese gut aufbereitet und weniger durch optisch opulente Filme zugedeckt. Von Wissen, einer guten Ausbildung und hochqualifizierten Leuten lebt unsere Gesellschaft und unsere Industrie. Dazu gehören auch die Naturwissenschaften, dazu gehört Mathematik. Leute aufgewacht: Wissen ist schwierig! Wissen fällt nicht vom Himmel, Wissen muss erarbeitet werden! Aber das will ja heute keiner mehr wahrhaben.

4 thoughts on “Nutzloses Wissen

  1. Stimmt, Chemie ist nutzlos, da muss ich zustimmen.
    (Ja, ich trolle hier ein bisschen von meinem Elfenbeinturm aus und ja, ich finde selbst raus 😉

  2. Ich schau zwar nicht mehr fern und damit auch kein Galileo, aber die „wie wird XY hergestellt“-Beiträge bei der Sendung mit der Maus fand ich früher immmer höchst interessant. Ich finde sowas sehr wohl relevant und seh es nicht als nutzloses Wissen an, gerade für Kinder. Aber auch als Erwachsener kriegt man da oft noch Neues zu sehen.

  3. Hallo Bernd,
    kennst du eigentlich die neue Sendung von Harald Lesch?
    „Leschs Kosmos“

    Ziemlich gut!
    15 Min lang und ohne Einspieler – alles in einem spartanischen Studio und in einem Stück

    hier der Link zur Mediathek:
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/928328/Der-Tag-ohne-Gestern?setTime=0#/beitrag/video/928328/Der-Tag-ohne-Gestern

    Ou, und das beste ist die Sendezeit – Sonntags um 1:30 – endlich mal eine Wissenschaftssendung zur Prime Time!

  4. @Lunik:
    Ich hatte vor auch im Beitrag auf ein Interview von Bublath einzugehen.
    http://www.drillingsraum.de/joachim_bublath/joachim_bublath_1.html
    Anders als die Selbsteinschätzung von Bublath fand ich seine Sendungen nämlich nicht so toll und seine Kritik an Lesch kann ich auch nicht teilen. Aber in einem hat er recht: Wenn Wissenschaft ins Nachtprogramm abgeschoben wird, dann erreicht es immer weniger Leute. So ziemlich das einzige was an Galileo gut ist ist der Sendeplatz.
    @Robotriot: Du solltest mal Galileo anschauen (geht auch via OTR), wenn Du die Geschichten von der Maus magst, dann findest Du da eine ganze Sendung drüber. Ich schau es auch nicht an, aber wenn ich beim Zappen drüber stolpere wird immer ein Herstellungsprozess erklärt.

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