Postfaktisch und das schwarze Jahr für die FDP

„Postfaktisch“ ist das (Un)Wort des Jahres 2016. Ich kannte postfaktisch als Wort nicht vorher. Als ich mit meinen bescheidenen Latein-Kenntnissen es zu „Nach den Tatsachen“ übersetzt hatte, wurde mir auch nicht klarer, was damit gemeint war. War das die Aktion, die folgt, wenn etwas auf dem Tisch liegt? Oder die Schlussfolgerung, die man daraus zieht? Nein es geht darum, dass man nicht nach den Fakten oder Wahrheit handelt, sondern nach Gerüchten oder falschen Fakten. Man könnte aber auch sagen: „Nach Gefühl“, oder „nach Gerüchten“ und das ist nun doch nicht so neu. Das gab es schon immer. Ganze Branchen, wie die Werbung leben davon, dass Leute z.B. nicht nach Notwendigkeit Dinge kaufen, sondern nach Gefühl, oder weil andere es toll finden oder es „in“ ist.

Postfaktisch

Das gibt es auch im Hauptthema meiner Kolumne. „Postfaktisch“ passt sehr gut meiner Meinung nach zu vielen Themen. Die Marsforschung wird vor allem postfaktisch betrieben. Bei der unbemannten Marsforschung wird von der NASA immer die Möglichkeit nach Leben gepusht, inzwischen nicht mehr so stark wie früher aber doch noch deutlich. Sonst würde man sicher nicht seit 1997 bei fast jedem Startfenster eine Mission auf den Weg bringen – in den 20 Jahren zuvor war es nur eine einzige. Auch SpaceX arbeitet postfaktisch. Faktisch bringen sie pro Jahr maximal sieben Starts hin, davon explodiert einer. Postfaktisch sprechen sie von 40 Cores, die sie seit 2011 jährlich produzieren (sie müssen inzwischen ganze Hallen füllen) und der Besiedlung des Mars. Wundert es einen dann, wenn ein SpaceX Investor zum Beraterteam von Donald Trump zählt?

Klar, erfundene Sachen machen Spaß. Noch mehr Spaß macht es, wenn einem die Leute auch glauben. Ich habe, da auch eine Ader in mir die ab und zu nach außen drängt. Nur markiere ich das deutlich in den Blogs als „Münchhausens Kolumne“. Eigentlich ist das Ganze nichts Neues. Im Dritten Reich gab es enorm viele Lügen. Da waren die Juden an allem schuld. Da hat Polen zuerst uns angegriffen und bis zur Kapitulation stand der Endsieg unmittelbar bevor. Ich glaube das kann man auf fast alles ausdehnen. Jede Regierung lügt ab und an. Jüngstes Beispiel: Wahlversprechen von Angela Merkel 2013: „Mit mir wird es keine Maut geben“. Klar deswegen heißt sie ja auch nun „Infrastrukturabgabe“. Mich wundert, dass man damit heute noch Erfolg hat. Mit der Digitalisierung ist der Zugriff auf Informationen viel einfacher als früher. Das gilt für den einzelnen wie auch Journalisten. Bei Guttenberg zeigte sich das bei seiner Doktorarbeit ja schon Jahren und die war ja ein Puzzle von vielen Zitaten. Eine einfache Aussage kann jeder innerhalb von Minuten mit dem Internet überprüfen. Auch Medien haben dank digitaler Archive viel neue Möglichkeiten. Paradebeispiele findet man in der Heuteshow. Wenn da ein Politiker was verzapft kommt unmittelbar ein Ausschnitt vor X Jahren, wo er genau das Gegenteil sagt, meist mit dem Zusatz „Mit mir wird es das nicht geben“. Jüngstes Beispiel war die Rentenregelung durch Nahles, wo man sie 2002 erwischte, wo sie gegen eine ähnliche Regelung war. Besonders Gabriel wird häufig erwischt, wenn er seine Meinung wechselt, wenn er seine Meinung wechselt.

Die FDP

Zum zweiten Thema: Gestern ist Hildegard Hamm-Brücher gestorben. Damit ist die alte FDP-Garde für die „Liberal“ vor allem die Bedeutung von „tolerant“, dem Gegensatz von „konservativ“. Heute steht die FDP nur noch für Wirtschaftsliberalismus. Spricht sie vertritt eine kleine Gruppe von Besserverdienenden und versucht deren Steuer- und Abgabenlast zu senken, aber nicht mehr die breite Bevölkerung die einen Staat haben will der weniger in das Privatleben des Einzelnen eingreift, weniger überwacht und die Grundrechte schützt, anstatt sie einzuschränken.
Denn nicht nur Hamm-Brücher ist dieses Jahr gestorben, sondern auch Scheel, Genscher und Westerwelle. In der Reihenfolge hat sich auch der Wandel der FDP zur heutigen Form vollzogen. Viel Führungspersonal, auf das die Partei stolz sein kann, ist nicht geblieben. Kinkel war nur Außenminister und Gerhard hat schon die Partei dahin geführt, wo sie heute ist. Mich wundert, dass sie noch keine Kehrtwende eingleitet hat. Mit ihrer Politik ist sie ja 2013 baden gegangen. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft in Richtung Überwachungsstaat gerutscht. Es gibt immer neue Gesetze gegen Terrorismus und Vollüberwachung. Wenn die anderen Parteien nach Rechts rücken, wird in der Mitte ein Platz frei. Zudem wird den Leuten die persönliche Freiheit immer wichtiger je mehr sie eingeschränkt wird. Aber ich denke die FDP kann sich mit ihrer derzeitigen Riege nicht mehr ändern. Denn man muss sich nur die Berufe der Vorsitzenden oder sonstigen Parteigrößen ansehen: Unternehmensberater, PR-Berater, Rechtsanwälte, Ärzte. Da wird man kaum erwarten können, das sie gegen ihre eigenen Interessen handeln.

Die FDP – und da schließt sich der Kreis – hat ja schon erfahren, dass auf längere Sicht man mit postfaktischer Poltik nicht weit kommt. Westerwelles Versprechen im Wahlkampf 2009 die so schnell nach der Wahl verschwunden waren führte ja zum Wahldebakel 2013. Das macht mich optimistisch. Die Leute vergessen anscheinend nicht ganz so schnell das man sie reingelegt hat. Mein Vorschlag an Merkel, die ja wieder antreten will: Mach doch mal eine Koalition mit der Linken und der AFD. Beide werden ihre Wahlversprechen nicht durchsetzen können. Bei der AFD kollidieren die meisten ja schon mit dem Grundgesetz, bei der Linken sind sie oft nicht finanzierbar (wie das Grundeinkommen). Wenn eines Merkel beherrscht, dann ist es die Fähigkeit, den Koalitionspartner schlecht aussehen zu lassen. 2005 hatte die SPD noch 34,2%. Nach einer Legislaturperiode mit Merkel war sie auf 23% abgerutscht. 2009 hatte die FDP noch 14,6%, nach vier Jahren mit der CDU waren es noch 4,8%. Die CDU legte dagegen von 35,2 auf 41,5 % zu. Also bitte: eine Koalition mit AFD und Linken, dann fliegen beide Parteien 2021 aus dem Parlament.

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