Ba-dee-ya

Wer ohne Google auf den Stand kommt, woher der obige Blogtitel stammt, der steigt in meiner persönlichen Meinung eine Stufe nach oben. Es geht heute um Liedtexte. Der Text eines Liedes ist ja mitunter schwer zu verstehen. Das liegt zum einen daran, das Tempo und Tonhöhe dem Lied angepasst werden, Worte werden gedehnt, gestaucht, zusammen gesprochen oder klingen in hohen Tönen aus. Bei englischen Texten, dem Großteil, weil ja auch die meiste Musik im Radio englisch ist, kommt noch hinzu, dass kein deutscher Muttersprachler alle Worte kennt, die das englische bietet und Künstler meiner Erfahrung nach oft selten verwendete benutzen oder Sprichwörter oder eigene Umschreibungen. Aber auch deutsche Musik ist nicht ohne. Da macht Grönemeyer bei „Was soll das“ aus „angrinst“ „angrient“. Wer Passagen textet, die sehr ungewöhnlich sind, muss sich über Fehlinterpretationen nicht wundern – auch ich höre bei dem Song „Pflaster“ nicht „Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster“ sondern „Es tobt der Hamster vor meinem Fenster“. Warum? Nun ein tobender Hamster vor dem Fenster macht auch wenig Sinn, aber es ist doch ein grammatikalisch korrekter Satz. Das mag auch für das Original gelten, doch die Kombination von „Hass“ und „Da“ ist so ungewöhnlich (wäre das „da“ überhaupt notwendig gewesen oder nur ein Füllwort, damit die Zeile zur Länge der Strophe passt?) das viele eben einen Hamster dort hören. Selbst Adel Rawill klärt das in Konzerten auf. So scheint das Phänomen doch nicht so selten zu sein.

Musikjournalisten machen sich ja gerne über den Dialekt deutscher Musiker lustig, wenn diese englisch singen. Beliebtes Ziel sind z. B. die Scorptions. Tatsache ist aber auch: ich verstehe die Texte von deutschen Musikern die englisch sing besser als die der meisten muttersprachlichen Gruppen, selbst ohne Dialekt. Einfach weil sie das gleiche begrenzte Sprachreportoire wie ich haben. Zudem singen sie wenn sie dialektfrei Singen dann meistens hochsprachenenglisch, also auch ohne muttersprachlichen Dialekt. Das gilt auch für andere Sprachen. Abbas Lieder sind für mich einfach verständlich, Cher, die im Mamma Mia 2 Film mitspielt und ein ganzes Album mit Abba Covers herausbrachte sagte in einem Interview, sie habe zuerst die Texte nicht verstanden. Tja so unterschiedlich können Wahrnehmungen sein. Gut verständlich sind für mich dann auch eher Texte ohne Akzent, am besten mit Hochsprachenenglisch so wie bei den Pet Shop Boys.

Tatsache ist aber auch: die meisten Liedtexte sind nun nicht gerade Lyrik, für die man einen Nobelpreis bekommen würde. In gefühlt der Hälfte der Fälle dreht es sich um Liebe. Den schlechten Ruf den Schlager bei uns hat ist auch dem geschuldet, das man die Texte versteht und ihre Trivialität und Eintönigkeit erkennt. Vieles was woanders läuft ist von der Melodie her auch nur Schlager, nur versteht man die Texte nicht. Und zumindest in französisch oder italienisch klingt fast alles toll. Ein Beispiel wie man mit dem falschen Text so ziemlich alles versauen kann ist die Cindy und Bert Version „Der Hund von Baskerville“ von Paranoid – ja Schlager-Urgestein Cindy und Bert covern einen Titel von Black Sabbath – der Text ist grausam. Die Musik mit der Orgel und einigen Orgel-Solos gefällt mir aber besser als die stupiden Riffs der Gitarren bei Black Sabbath. Auf der anderen seite erlauben gute Texte auch Interpretationen. Heino hat „Junge“ von den Ärzten gecovert. In dem Song geht es um die Klagen der Eltern über einen Sohn, der nicht ihren Wertvorstellungen entspricht und während man bei den Ärzten das wohl aus der Sicht des Jugendlichen anhört, ist es bei Heino dann eher die der Eltern inklusive Blassmusik anstatt Gitarrenjaulen. Denn beide haben ja recht. Das Eltern sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen ist ja an sich nichts schlechtes. Nur sollten sie es mit den Ermahnungen und der Drasstigkeit der Ausdrücke, „Willst Du das wir alle sterben“ nicht übertreiben.

Im Prinzip sind Songwriter mit dem gleichen Grundproblem konfrontiert wie ich als Blogschreiber. Irgendwann hat man alle Themen durchgekaut, die einem wichtig sind. Dann kann man sich nur noch wiederholen, vielleicht indem man einen anderen Aspekt aufgreift. Okay, ein Songschreiber muss pro Jahr vielleicht ein Dutzend Lieder fertig´bringen und kann es sich anders ein Blogautor leisten, alle paar Jahre ein neues Album rauszubringen. Dafür muss er den Text verdichten und es muss singbar sein. Selbst wenn man nicht nur über Liebe singt – der Alltag bietet auch sonst genug Themen – Annett Louisan ist ein gutes Beispiel wie man aus alltäglichen Dingen gute Lieder machen kann wie „Mama will ins Netz“ oder Der Depp. Aber auch da gehen mal die Themen aus. Zumindest wenn der Song eine Message haben soll oder witzig sein soll. Der Text der meisten Lieder ist dementsprechend auch seicht und ich denke oft nicht wichtig. Die Frage ist dann: braucht man überhaupt einen Liedtext? Adiemus hat sich entschlossen, dass man eigentlich keinen Liedtext mit Sinn braucht und die Lieder haben zwar Text aber in einer Phantasieprache, im Prinzip einfach die Laute die am besten zu der Musik passen. Das Lied „In the Stone“ von Earth Wind and Fire habe ich zuerst als Instrumentalversion gehört, und sie gefällt mir besser als die mit Text.

Aber wenn Text sein soll, warum dann nicht Phantasietext? Und so komme ich wieder auf den Blogtitel: „By di ya“ ist der Refrain des prominenten Earth Wind and Fire Songs „September“. Ich interpretierte die Zeile, da ich ich zumindest verstand, dass es im Song uns Tanzen, gute Zeit und Groove ging, immer als „Party ya“. Und es funktioniert und darauf kommt es an. Oder wie der Songschreiber schrieb: Willis was initially bothered by the gibberish „ba-dee-ya“ lyric White used through the song, and begged him to rewrite it: „I just said, ‚What the fuck does ‚ba-dee-ya‘ mean?‘ And he essentially said, ‚Who the fuck cares?‘ I learned my greatest lesson ever in songwriting from him, which was never let the lyric get in the way of the groove“. Daneben hat es einen enormen Vorteil: man ist nie blamiert, wenn man etwas nicht gut versteht. Also Liedermacher: mehr Mut zu ba-dee-ya. Spart euch auch jede Menge Text den ihr lernen müsst. Notfalls könnt ihr einfach mit anderen Lauten improvisieren.

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