Raumfahrtnachlese 2021

 3,938 total views,  108 views today

Noch ist das Jahr jung und ich kann eine kleine Nachlese für 2021. Zum einen setzte sich der Trend fort, den es schon seit Jahren gab – China startet immer mehr Raketen. 2021 überholten sie die USA mit 55 zu 44 Starts deutlich. Der Unterschied würde noch größer werden, zählt man lediglich die irgendwie durch den Staat finanzierten Missionen, egal ob dies durch eine Raumfahrtbehörde, Militär oder andere Organisationen (Wetterorganisation). Denn China hatte keinen einzigen kommerziellen Start. Bei den USA müsste man die 19 Starts für Starlink, zwei kommerzielle Starts für Turksat und die Inspiration 4 abziehen, dann käme man auf nur noch 22 Starts für die USA.

Wir sehen dies auch auf anderen Gebieten, so landete China zeitgleich mit den USA auf dem Mars und brachte auch einen Orbiter in die Marsumlaufbahn. Dann wurde das Kernsegment der chinesischen Raumstation gestartet. Sie hat nach den bisherigen Veröffentlichungen dieselbe Architektur wie die Mir. Da in China ja das Kopieren nicht wie bei uns negativ gesehen wird, sondern als Reminiszenz an die Leistungen, die der Kopierte erbracht hat, dürfte dies ein Kompliment für die Mir. Sein. Auch sonst wurde kopiert. Das Versorgungsmodul und das Shenzou Raumschiff werden als Kopien der Progress und Sojus angesehen.

Chinas Weltraumszene ist auch vielfältig. Nicht nur betreibt der chinesische Staat zwei Trägerfamilien – die alte Lange Marsch 2 bis 4 und die neuen Langer Marsch 6 bis 8. Sondern es gibt zahlreiche Ausgründungen die man am besten als Halbstaatlich bezeichnet. Eine Universität stellt das Know-How und einen Teil des Kapitals. Der Rest kommt durch Investoren dazu. Es gibt eine Reihe von derartigen Firmen die allesamt kleine Feststoffraketen entwickeln. Das erstaunt, kann China doch kaum mit Aufträgen aus dem Ausland rechnen. Selbst wenn diese Firmen nicht auf der Liste landen in die für das Militär kritische Elektronikteile nicht exportiert werden dürfen (was auch für die Nutzlasten gilt), so dürften sich doch viele US-Firmen und sicher auch etliche in mit den USA verbündeten Staaten daran halten. Ich denke diese Firmen setzen alle auf einen noch weiter wachsenden chinesischen Binnenmarkt.

Ähnliche Startups gab es auch in den USA mit zwei der ungewöhnlichsten Fehlstarts der letzten Jahrzehnte. Beim Start der Astra 0006 fiel gleich beim Start eines von vier Triebwerken aus. So reduzierte sich der Schub auf ziemlich genau 1 g, was dazu führte, dass die Rakete ohne von der Stelle zu kommen zur Seite schwebte und erst später nach Verbrauch von Treibstoff langsam beschleunigte. Bei der Firefly Alpha geschah ein ähnlicher Ausfall etwas später, die entstehende Schubasymmetrie konnte sie – anders als die Astra nicht auffangen und fing an sich zu überschlagen und explodierte durch die Belastungen. Ich kann mich nur schwer an diese neue Herangehensweise – man testet nicht mehr am Boden, sondern erst bei Testflügen – gewöhnen. Doch sie ist bei allen neuen Firmen Standard und entsprechend niedrig sind die Aussichten für einen erfolgreichen Jungfernflug.

Die FireFly Alpha und die Nuri sind die einzigen neue Raketen, die dieses Jahr ihr Debüt gaben, das waren in den letzten Jahren mehr. Die Nuri ist Koreas erste vollständig selbst entwickelte Rakete. Der Vorgänger Naro setzte ein von Russland gekauftes gekürztes URM der Angara mit einer nur kleinen Oberstufe ein. Sie diente nur dazu vor Nordkorea einen Satelliten zu starten, was dann aber nicht gelang.

Es gab aber einige neue Varianten schon existierender Raketen. So die Proton-M ohne Oberstufe, die Nauka transportierte – damit ist die ISS komplett, rund 10 Jahre nach den letzten westlichen Modulen. Dabei waren die beiden anderen russischen Module Sarja und Swesda bei den ersten Modulen der Station. Sie scheiterte genauso wie eine neue Variante der Angara A5 mit der „Persei“ Oberstufe. Wie in guten alten Sowjetzeiten ist die Oberstufe aber gar nicht so neu. Es ist der gute alte Block DM-3, die allererste Oberstufe der Proton die in den letzten Jahrzehnten nur noch für russische Starts eingesetzt wurde. Insgesamt gab es dieses Jahr 12 Fehlstarts bei 145 Starts. Beides mehr als in den letzten Jahren. Von den 12 Fehlstarts entfielen die meisten auf neue Träger (je zweimal für Shuang Quxian 1 und Je einmal für Simorgh, FireFly Alpha, Astra, Nuri, Kuaizhou-1A,Angara A5/Persei). Einige andere Fehlstarts entfielen auf „junge“ Träger mit bisher wenigen Einsätzen wie die Electron, GSLV Mark II. Der einzige etablierte Träger mit einem Fehlstart war eine Proton M/Briz-M mit einem Ekspress Satelliten Russlands.

Ein Trend setzte sich fort: es gibt immer mehr Nutzlasten pro Träger. Neben den Starts für Konstellationen – elf Starts für OneWeb und 19 für Starlink, sind auch immer mehr Klein- und Kleinstsatelliten daran schuld. Gegenüber 2012, also in 10 Jahren ist die Zahl der Nutzlasten pro Start von unter 2 auf fast 12 angestiegen! Die OneWeb Starts haben Arianespace trotz Problemen bei der Ariane 5 durch kleinere Probleme mit der Nutzlastverkleidung die bei dieser Firma dann gleich zu längeren Verzögerungen wegen der Problemsuche führen zu dem seit langem (2000) besten Jahr der Firmengeschichte geführt.

Jahr Nutzlasten Erfolgreich Nutzlasten/Start Starts
2012

142

134

1,82

78

2013

223

215

2,72

82

2014

421

387

4,58

92

2015

275

247

3,16

87

2016

230

225

2,71

85

2017

473

375

5,26

90

2018

588

584

5,16

114

2019

541

536

5,30

102

2020

1301

1282

11,31

115

2021

1860

1835

12,74

146

2022 soll nach den Planungen noch besser werden, zwei Starts mehr, 17 Stück sind angesetzt. Davon neun für die Sojus (vor allem OneWeb), vier Ariane 5, drei Vega-C und der Jungfernflug der Ariane 6. Mit Vega C und Ariane 6 wird es zwei Jungfernflüge für Europa geben. Danach soll die Ariane 6 auch gleich übernehmen – anders als bei den bisherigen Übergängen von Ariane 2/3 auf 4 und 4 auf 6 gibt es dann nur noch eine Ariane 5, die für den Start 2023 von JUICE reserviert ist.

Ruhig wurde es dagegen um SpaceX. Nachdem sie nach etlichen versuchen mal ein Starship zumindest aus 16 km Höhe gelandet haben gab es wenig Neues, auch nicht von Elon Musk. Er veröffentlichte zwar nette Fotos, wo ein Mockup zusammengebaut wurde, doch auf den Jungfernflug des Gespanns warten wir noch immer. Wie dann bekannt wurde, scheint die Raptorproduktion gravierende Probleme zu haben, die sogar den Ruin der Firma bedeuten können. Nicht verwunderlich, wenn man immer von den eigenen optimistischen Vorstellungen ausgeht.

Auch mit Starlink geht es nicht so wie geplant. In Indien wird es nicht mehr angeboten. Und während Musk vor einem Jahr von 500.000 Kunden von Starlink in einem Jahr (also heute) spricht, sind es gerade mal 145.000. Also wenn er so Business-Cases ausarbeitet, wundert mich nicht das er damit Schiffbruch erleidet. Derzeit gibt es pro Satellit nur rund 100 Kunden. Wie man so die 1 Million+ Dollar pro Satellit wieder erwirtschaftet ist mir rätselhaft.

Damit habe ich auch meine monatliche SpaceX-Nachlese erledigt. Da es immer weniger an Neuigkeiten gibt, der große Vorsitzende, jetzt wo es nicht mehr so toll aussieht auch weniger postet werde ich keinen eigenen Blogeintrag mehr machen, sondern in andere Aufsätze die Neuigkeiten einbinden. Ebenso gibt es dieses Jahr keine SpaceX-Wette. Mir ist einfach nichts eingefallen was man kurzfristig, also mit Einlösung in einem Jahr einlösen könne, außer Wetten wie „Wetten das SpaceX dieses Jahr bankrott geht?“.

Dann gab es noch drei wichtige wissenschaftliche Missionen, die dieses Jahr starteten. Die Raumsonde Lucy, die Trojaner besuchen soll und die ich nach Schreiben eines Artikels über sie für viel zu teuer für die Restverwertung von Instrumenten und die wenigen Ergebnisse die man an Vorbeiflügen von Kleinplaneten unter 100 km erwarten kann finde. Die Raumsonde DART soll dagegen auf einem Asteroiden aufschlagen und sehen ob und wie dies seine Bahn und den Planetoiden selbst verändert – immerhin mit 308 Millionen Dollar dreimal billiger als Lucy. Zuletzt noch das James Webb Teleskop das gerade auf dem Weg in den Lagrangepunkt ist. Zu dem habe ich noch keine Meinung, da muss ich mich erst noch einlesen. Aber ich denke, ich werde die Frage wie teuer eine Mission sein sollte mal in einem Artikel erörtern.

One thought on “Raumfahrtnachlese 2021

  1. Wie ist denn die Einschätzung zur Rocket LabNeutron. Könnte ja ein Problem für SpaceX werden wenn die sich nicht Richtung Starship retteten können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.