{"id":10043,"date":"2014-06-08T00:02:09","date_gmt":"2014-06-07T22:02:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=10043"},"modified":"2014-06-06T08:13:07","modified_gmt":"2014-06-06T06:13:07","slug":"die-sache-mit-dem-las","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2014\/06\/08\/die-sache-mit-dem-las\/","title":{"rendered":"Die Sache mit dem LAS"},"content":{"rendered":"<p>SpaceX hat nun ja ihre Super-Draco Triebwerke <a href=\"http:\/\/www.spacex.com\/press\/2014\/05\/27\/spacex-completes-qualification-testing-superdraco-thruster\">qualifiziert<\/a>, die eine Doppelfunktion als LAS (Launch Abort System) und Landetriebwerk haben. Wie immer reklamiert die Firma einige &#8222;First&#8220;, einige sind auch echte Erstleistungen, andere nicht. Was keine Erstleistung ist ist die Konzeption eines LAS nicht als Turm auf dem Raumschiff wie bei Mercury, Apollo oder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sojus-Rettungsrakete\">Sojus<\/a>, sondern an der Basis. Das wird auch das Konkurrenzmodell CST-100 haben und die ESA plante es schon vor 25 Jahren f&uuml;r ihren Raumgleiter Hermes. Die ESA hat &uuml;brigens auch schon 13 Jahre vor SpaceX eine unbemannte Kapsel, n&auml;mlich ihren ARD, gestartet und erfolgreich geborgen.<\/p>\n<p>Fangen wir zuerst mal an was die Vor- und Nachteile eines auf der Kapsel angebrachten und eines an der Basis angebrachten LAS. Zum einen ist die Belastung bei der Ausl&ouml;sung nat&uuml;rlich eine andere. Oben angebracht ist es eine Zugbelastung, unten angebracht eine Schubbelastung, die sich noch dazu zum Schub der Rakete addiert. Doch das ist sicher konstruktiv l&ouml;sbar auch sonst sind Kapseln ja einseitige Belastungen gew&ouml;hnt. Deswegen sind sie so massiv.<!--more--><\/p>\n<p>Die Anordnung korrespondiert aber auch mit einem Schubvektor. Bei einer kegelf&ouml;rmigen Kapsel liegt der Schwerpunkt tief, im unteren Drittel der Kapsel. ein LAS auf einem Turm hat die Raketen weit weg von dem Schwerpunkt, unten sind sie dagegen nahe des Schwerpunkts. Das wirkt sich aus wenn das LAS, das meist aus mehreren Raketen besteht, nicht synchron z&uuml;ndet. ein l&auml;ngerer Weg bedeutet einen gr&ouml;&szlig;eren Hebeleffekt, der die Kapsel dreht. Das wird bei einem Turm durch die Anbringung der Raketen im Spitzen Winkel zur L&auml;ngsachse der Rakete entsch&auml;rft. Dadurch ist der Hebel quer dazu kurz. unten ist das so nicht m&ouml;glich, was h&ouml;here Anforderungen an eine gleichm&auml;&szlig;igeren Schubaufbau bei allen Triebwerken stellt. Die Dragon setzt acht Triebwerke ein, bei Apollo war es eines, da ist ein verz&ouml;gerter Schubausbau ausgeschlossen. Die unten angebrachten Triebwerke kann man nicht direkt unter der Kapsel platzieren. Zum einen ist da der Hitzeschutzschild (egal wenn man sie nicht als Landetreibwerke nutzt) aber in jedem Falle ist da die Rakete und man will ja nicht bei einer Z&uuml;ndung die Oberstufe durch einen Schneidbrenner zur Explosion bringen. Sie werden daher an der Seite schr&auml;g nach au&szlig;en zeigend angebracht, dort ist aber in jedem Fall eine Hebelwirkung gegeben.<\/p>\n<p>Allerdings z&uuml;nden Feststofftriebwerke so schnell und zuverl&auml;ssig, dass dieses Problem bei ihnen nicht wesentlich ist. Fl&uuml;ssige Treibstoffe, wie sie die Dragon verwendet sind da eine andere Herausforderung. Sie bauen ihren Schub langsamer auf, Triebwerke mit Turbopumpen brauchen einige Sekunden bis sie vollen Schub haben. Triebwerke mit Druckf&ouml;rderung sind schneller. Bei der OTRAG Rakete geht der Schubaufbau von 40% auf 100% Schub innerhalb von 0,5 s. Das ist zwar etwa zehnmal langsamer als bei einem Feststofftriebwerk, aber es ist noch schnell genug. Denn zumindest bei der NASA gab es w&auml;hrend der Apollo &Auml;ra die Maxime, dass das Sicherheitssystem so ausgelegt sein sollte, das immer gen&uuml;gend Zeit f&uuml;r eine &uuml;berlegte Reaktion vorhanden sein soll. Man vertraute nicht auf automatische Ausl&ouml;sung. Nun haben Menschen aber eine Schrecksekunde, die ja bei Autounf&auml;llen immer bei der Reaktionszeit ber&uuml;cksichtigt wird. Daher w&uuml;rde ich den Schulaufbau in 1 s als schnell genug ansehen.<\/p>\n<p>Der offensichtlichste Unterscheid ist, dass ein Rettungssystem an einem Turm w&auml;hrend des Aufstiegs abgesprengt wird, der Zeitpunkt orientiert sich nach der Performanceeinbu&szlig;e, wenn es zu sp&auml;te abgetrennt wird und dem Restrisiko wenn dies zu fr&uuml;h erfolgt. &Uuml;blicherweise wird es kurz nach Z&uuml;ndung der letzten Stufe abgetrennt, da man davon ausgeht, dass Probleme sich schon bei der Z&uuml;ndung zeigen. Zudem ist das Raumschiff dann in einer solchen H&ouml;he, dass man gen&uuml;gend Zeit hat eine ballistische Bahn mit einem normalen Wiedereintritt zu durchlaufen. Die Masse ist betr&auml;chtlich. SAS f&uuml;r die Sojus wiegt je nach Version 1,5 bis 2 t, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Apollo-Rettungsrakete\">LES f&uuml;r Apollo 4,17 t.<\/a><\/p>\n<p>Anders als einen Turm kann man unten angebrachte Triebwerke nicht abtrennen. Zwar kann man es jederzeit ausl&ouml;sen, doch hat man ein Gewichtsproblem &#8211; selbst wenn es leichter ist weil man keine H&uuml;lle &uuml;ber der Kapsel braucht welche die Kr&auml;fte verteilt und keinen Turm, dann braucht man doch den Treibstoff und seine Tanks. Das LES von Apollo hatte einen Schub von 689 kN &uuml;ber 3,2 s. das entspricht bei einer lagef&auml;higen Kombination die auch auf Meeresh&ouml;he arbeiten muss (spezifischer Impuls hier nur 2500 m\/s) rund 889 kg Treibstoff. Bei Apollo w&auml;re das wegen des Servicemoduls und Mondlanders kein gro&szlig;er Nachteil gewesen, aber man braucht diesen Treibstoff nur um die rund 5,8 t schwere Kapsel abzutrennen. Bezogen auf diese ist das also 20% Mehrgewicht und bei Dragon, Sojus und anderen Raumschiffen die nur den Orbit erreichen doch einiges. Dazu k&auml;men noch die Triebwerke und die Tanks. Dann ist man leicht bei 25%.<\/p>\n<p>Doch das scheint nur so. Denn wer sagt denn das man den Treibstoff nicht nutzbringend nutzen kann? Der Treibstoff entsprach bei Apollo einer Geschwindigkeits&auml;nderung um 380 m\/s. Das ist mehr als ausreichend um von einem niedrigen Erdorbit zur ISS zu gelangen, die Ankopplung durchzuf&uuml;hren, abzukoppeln und den Wiedereintritt durchzuf&uuml;hren. Einem ATV reichen dazu schon 300 m\/s oder weniger je nach Bahnh&ouml;he der ISS. Dazu m&uuml;ssen nur gemeinsame Tanks f&uuml;r gemeinsame Nutzung mit den weniger schubstarken kleineren Triebwerke vorgesehen werden, So gesehen bekommt man ein LAS wenn es an der Basis angebracht ist praktisch f&uuml;r umsonst (ohne Nutzlastverlust), denn es fallen als zus&auml;tzliche Masse nur die Triebwerke an, die um den Faktor 100 schubst&auml;rker als die Verniertriebwerke sein m&uuml;ssen. Die Dragon wird den Treibstoff auch f&uuml;r die Landung nutzen. Daf&uuml;r braucht man nicht so viel wie man denkt, denn auch ohne Fallschirm wird eine Kapsel in der dichten Atmosph&auml;re nicht sehr schnell fallen, vielleicht einige Hundert km\/h. Bei 360 km\/h = 100 m\/s reichen aber bei 3 g Abbremsung schon 3,3 s Betriebsdauer aus um die Kapsel auf Null abzubremsen. Daf&uuml;r braucht man nur eine Geschwindigkeits&auml;nderung von 129 m\/s, etwa ein Drittel des Treibstoffs.<\/p>\n<p>Ich wei&szlig;, Laien erscheint die weiche Landung auf einem Himmelsk&ouml;rper wie Magie, doch sie sind es nicht. Ein einfacher Radarh&ouml;henmesser und ein Beschleunigungsmesser reichen aus den Schub eines Triebwerks so zu steuern, dass eine Sonde weich aufsetzt. Dazu braucht man nicht mal einen Computer Surveyor landete so in den sechziger Jahren mit einer einfachen Feeedbacksteuerung &#8211; hohe Geschwindigkeit &#8211; hoher Schub. Die Herausforderung ist dagegen eine andere: f&uuml;r die Landung m&uuml;ssen die Triebwerke viel weniger Schub entwickeln als beim Abtrennen von der Rakete, wo man ja schnell aus dem Gefahrenbereich herauskommen soll. Bei der Dragon werden acht Super Draco rund 573 kN Schub erzeugen. Selbst wenn eine Dragon 2.0 dann 10 t wiegt und die Nutzlast einer Falcon 9 ausnutzt, dann braucht man bei einer Landung mit 3 g und reduzierter Masse (wegen dem verbrauchten Treibstoff, entladene Fracht) von 8 t f&uuml;r die Abbremsung mit 3 g nur 240 kN, also weniger als die H&auml;lfte des schubs. Bei SpaceX ist eine weiche Landung mit langsamen Absinken in den Videos zu erkennen, das ist dann ein noch kleinere Schub von vielleicht 70 kN n&ouml;tig (knapp unter 1 g). Die Triebwerke m&uuml;ssen also in einem sehr gro&szlig;en Bereich im Schub regelbar sein. noch mehr w&auml;re es, wenn sie auch die Verniertriebwerke ersetzen w&uuml;rden, die typischerweise nur 0,2 bis 0,4 kN Schub haben. Ob dem so ist wei&szlig; man nicht. Die Zahlen oben dienen nur als Beispiel, es gibt keine Informationen &uuml;ber die Masse der Dragon 2.0 und die genaue Landestrategie au&szlig;er eben Videos.<\/p>\n<p>Es gibt also Vorteile wie Nachteile. Ein oben angebrachtes LAS mit Feststofftriebwerken ist konstruktiv die einfachere L&ouml;sung. Unten angebracht mit fl&uuml;ssigen Treibstoffen kann man es auch noch f&uuml;r Bahn&auml;nderungen und die Landung nutzen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/1334673596094ec0af792be315293b21\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SpaceX hat nun ja ihre Super-Draco Triebwerke qualifiziert, die eine Doppelfunktion als LAS (Launch Abort System) und Landetriebwerk haben. Wie immer reklamiert die Firma einige &#8222;First&#8220;, einige sind auch echte Erstleistungen, andere nicht. 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