{"id":10789,"date":"2015-02-02T23:46:05","date_gmt":"2015-02-02T22:46:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=10789"},"modified":"2015-02-02T23:46:05","modified_gmt":"2015-02-02T22:46:05","slug":"die-konservativste-branche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/02\/02\/die-konservativste-branche\/","title":{"rendered":"Die konservativste Branche"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ja das Ger&uuml;cht, Weltraumfahrt w&auml;re progressiv. Ich erinnere mich noch an Jochaim Bublath und da fiel in fast jeder Sendung ein Spruch wie &#8222;Als Ergebnis der modernen Weltraumforschung&#8220;&#8230; Das hat man dann bei Switch auch aufgenommen und karikiert.<\/p>\n<p>Nun war die Weltraumfahrt mal sehr innovativ. Von Brennstoffzellen habe ich Jahrzehnte bevor die Automobilindustrie die entdeckt hat geh&ouml;rt &#8211; sie wurden kaum dass sie erfunden wurden in den Gemini Raumkapseln eingesetzt. Um die mangelnde Zuverl&auml;ssigkeit von Computern auszugleichen erfand man das Voting und Redudante Auslegung aller Teile. Der Apollo Rechner war eines der ersten Realzeitsysteme und der erste Microcontroller. Auch sp&auml;ter noch waren Entwicklungen in der Weltraumfahrt vor allem im instrumentellen Bereich dem kommerziellen Bereich weit voraus. Als man den CCD-Chip f&uuml;r Galileo ausw&auml;hlte konnte man bei Tausenden von hergestellten Chips nur zwei Exemplare finden, die die Flugqualit&auml;t erreichten &#8211; der Chip hatte f&uuml;nfmal so viele Pixel wie kommerziell verf&uuml;gbare Exemplare.<!--more--><\/p>\n<p>Inzwischen hat man &uuml;berall einen Gang zur&uuml;ckgeschaltet. Daf&uuml;r gibt es auch gute Gr&uuml;nde. Bei der Mikroelektronik steigen sowohl die Kosten mit kleiner werdenden Strukturen an wie auch deren Empfindlichkeit. so hinken die Chips f&uuml;r Bordcomputer um Jahre bis Jahrzehnten hinter kommerziellen Exemplaren hinterher. Spitze d&uuml;rfte derzeit der japanische HR5000S sein, eine MIPS 64K Architektur im 0,15 Mikrometerprozess. In derselben Aufl&ouml;sung entstanden 2001 kommerzielle Chips wie der Pentium 4, wobei die auch noch &uuml;ber eine gr&ouml;&szlig;ere Chipfl&auml;che (der HR5000s belegt nur 50 mm\u00b2) hatten. So ist selbst die erste Pentium 4 Generation doppelt so schnell wie dieser Chip.<\/p>\n<p>Bei der Antriebstechnik ist am deutlichsten sichtbar, dass man heute einen Gang zur&uuml;ckschaltet. Verglichen mit vor 50 Jahren schaffen heute Antriebe maximal 10% mehr Performance und das oft f&uuml;r deutlich h&ouml;here Kosten, weshalb man oft drauf verzichtet das letzte Qu&auml;ntchen Leistungen herauszuholen.<\/p>\n<p>Noch immer f&uuml;hrend sind neuentwickelte Instrumente die Gigapixelkameras bei <a href=\"\/astonomische-satelliten-speziell.shtml\">Kepler<\/a> und Gaia zeigen doch auch hier wird inzwischen oft recycelt und ein Experiment eingesetzt, das schon vor Jahren schon flog.<\/p>\n<p>Innerhalb der Raumfahrt gibt es aber eine Branche die ist noch um einiges konservativer als der Rest der Branche: die Hersteller von Nachrichtensatelliten. Sonst gilt die ja als Vorzeigebeispiel. Wenige Jahre nach dem ersten Sputnik startete man die ersten geosynchronen Satelliten und die waren gleich so gewinnbringend, das gleich zwei Organisationen INETLSAT und COMSAT gegr&uuml;ndet wurden. Europa entwickelte die <a href=\"\/ariane.shtml\">Ariane<\/a>, weil die USA ihre Kommunikationssatelliten nicht starten wollte. Allerdings ist dieser Teil der Branche extrem konservativ. Hier nur einige Beispiele:<\/p>\n<p>Lange Zeit setzte man nur auf die Drallstabilisierung. Dabei war der ganze Satellit trommelf&ouml;rmig und rotierte schnell um die eigene Achse. Die Solarzellen befanden sich auf der Zylinderoberfl&auml;che. Intelsat wandte sich erst mit der Intelsat V Serie davon ab, und nur weil die immer gr&ouml;&szlig;eren Zylinder nun nicht mehr in die Nutzlastverkleidung der Atlas Centaur passten. Als dann das <a href=\"\/space-shuttle.shtml\">Space Shuttle<\/a> wieder mehr Raum bot, hat man die intelsat VI wieder mit Drallstabilisierung konstruiert. W&uuml;rde SpaceX f&uuml;r die Branche eine Nutzlastverkleidung bieten, die 100 m\u00b2 gro&szlig;e Zylinderfl&auml;chen erlaubt (so 7 m Durchmesser, 14 m H&ouml;he), sicher w&uuml;rden sie sofort wieder zur&uuml;ckwechseln &#8230;<\/p>\n<p>Lange Zeit nutzten die Satelliten Feststoffantriebe als Apog&auml;umsmotoren, auch das ging bis in die fr&uuml;hen 90-er so. Die haben einen festen Impuls, erfordern also eine hohe Genauigkeit beim Einschuss, binden die Nutzlast an eine Rakete und erlauben nur einen Impuls (kein Problem bei Standard-GTO, aber gro&szlig;e Probleme bei sub- oder <a href=\"\/ssgto-mond-orbits.shtml\">supersynchronen GTO<\/a>). Auf lagerf&auml;hige Treibstoffe stellte man erst um als man sowieso gro&szlig;e Treibstoffmengen f&uuml;r den immer l&auml;ngeren Betrieb \/heute bis 15 Jahre) brauchte. Solarzellenausleger, Drallradstabilisierung und Apog&auml;umsmotor mit fl&uuml;ssigen Treibstoffen wurden &uuml;brigens mit den deutsch-franz&ouml;sischen Symphoniesatelliten eingef&uuml;hrt. Die Entwicklungskosten &uuml;bernahmen so DFVLR und CNES.<\/p>\n<p>Und dabei ist es bis heute geblieben. Die ganze Branche verbessert ihre Produkte evolution&auml;r und wartet drauf, dass die Regierung neue Entwicklungen finanziert. In den USA hat die NASA sechs ATS Satelliten gebaut. Einige ihrer erprobten Techniken wurden erst Jahrzehnte sp&auml;ter breit eingesetzt so Faltantennen mit einer Oberfl&auml;che aus einem Metallgitternetz. Dazu kamen die TDRS Satelliten und bis heute entwickelt das Milit&auml;r neue Kommunikationssatelliten mit neuen Technologien die dann wenn sie funktionieren in kommerziellen Satelliten &uuml;bernommen werden und in Europa macht das die ESA auch so. Olympus, Artemis, Alphasat bzw. Alphabus seien als Schlagworte mal in den Ring geworfen.<\/p>\n<p>Wo die Branche w&auml;re, wenn sie die Entwicklung selbst finanzieren m&uuml;sste &#8211; man kann nur spekulieren. Immerhin jammert sie schnell, wenn die Konkurrenz doch was neues entwickelt. Als vor ein paar Jahren Hughes einen alten Bus so modifizierte das er ganz ohne chemischen Treibstoff auskommt &#8222;All electric&#8220; genannt, jammerte zumindest die europ&auml;ische Industrie angesichts dieser neuen Konkurrenz und nun f&ouml;rdert die ESA das nat&uuml;rlich auch noch. Dabei sollte man annehmen angesichts der heutigen Situation (Satelliten mit 15 Jahren Lebensdauer bestehen zu 2\/3 aus Treibstoff und da dann auch die Tanks viel wiegen macht das Antriebssystem 75% der Startmasse aus) man wenigstens Ionentriebwerke f&uuml;r die Lageregelung einsetzt. Doch das scheiterte zumindest in Europa bei TV-Sat wo man das Zusatzgewicht f&uuml;r zwei RIT-10 nicht unterbringen konnte. So wartet die Branche heute in Europa noch auf das Regierungsvorbild &#8230;.<\/p>\n<p>Dabei ist diese Branche hochprofitabel. Kein Satellitenhersteller muss eine Regierung bitten ihr die Entwicklungskosten f&uuml;r eine neue Serie zu finanzieren, wie dies bei den Tr&auml;gerraketen gang und g&auml;be ist und gemessen an den Einnahmen &uuml;ber die Transponder die 2012 bei 160% der Abschreibungskosten lagen also 60% Reingewinn (mit straken regionalen Schwankungen in Europa sind es z.B. 220%) ist das noch gar nichts. Man sollte da annehmen das die K&auml;ufer der Satelliten eher an Innovation interessiert sind, denn sie machen noch h&ouml;here Gewinne, aber auch ihnen scheint wohl Zuverl&auml;ssigkeit wichtiger zu sein. Verst&auml;ndlich bei 60% Gewinn ist es Wurst wenn die Tr&auml;gerrakete bei &#8222;All-Electric&#8220; Satelliten nur noch die H&auml;lfte kostet, das steigert ihn dann nur von 60 auf 70%, erh&ouml;ht aber wahrscheinlich in ihren Augen die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalles um ein mehrfaches dessen.<\/p>\n<p>Manchmal habe ich das Gef&uuml;hl selbst Beamte sind heute innovativer als die Hersteller von Kommunikationssatelliten.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/9f0ed3f2baa5429ba4e3524fb96b3779\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ja das Ger&uuml;cht, Weltraumfahrt w&auml;re progressiv. Ich erinnere mich noch an Jochaim Bublath und da fiel in fast jeder Sendung ein Spruch wie &#8222;Als Ergebnis der modernen Weltraumforschung&#8220;&#8230; Das hat man dann bei Switch auch aufgenommen und karikiert. Nun war die Weltraumfahrt mal sehr innovativ. 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