{"id":11206,"date":"2015-07-13T00:08:49","date_gmt":"2015-07-12T22:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11206"},"modified":"2015-07-12T23:11:59","modified_gmt":"2015-07-12T21:11:59","slug":"das-problem-einen-raketenantrieb-als-erste-stufe-zu-ersetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/07\/13\/das-problem-einen-raketenantrieb-als-erste-stufe-zu-ersetzen\/","title":{"rendered":"Das Problem einen Raketenantrieb als erste Stufe zu ersetzen"},"content":{"rendered":"<p>Gestern bekam ich eine reichlich wirre Mail zum S&auml;ngerkonzept und warum dies nicht klappt. Anstatt lang und breit zu antworten, dachte ich mir mache ich dies mal zum Blogthema. Als erstes mal eine grunds&auml;tzliche Aufkl&auml;rung: S&auml;ngers Konzept war das eines zweistufigen Raketensystems mit gefl&uuml;gelten Stufen. Der Unterschied zu den ersten Entw&uuml;rfen f&uuml;r das Space Shuttle, die auch zwei gefl&uuml;gelte Stufen vorhersahen, eigentlich nur, dass es vertikal startete.<\/p>\n<p>Heute verstehen viele eigentlich darunter ein anderes Konzept, das nur in der Oberstufe einen Raketenantrieb nutzt, doch das hat S&auml;nger weder ausgearbeitet noch war es vor seinem Tod auch nur ansatzweise m&ouml;glich. Trotzdem spukt die Idee den Raketenantrieb in der ersten Stufe durch etwas anderes zu ersetzen, immer wieder durch die K&ouml;pfe vieler.<!--more--><\/p>\n<p>Fangen wir mit dem D&uuml;senantrieb an. Auf dem Papier sieht er dem Raketenantrieb doch enorm &uuml;berlegen aus. Sein spezifischer Impuls ist z. B. zehnmal h&ouml;her. Das liegt daran, dass man zum einen den Oxidator einspart &#8211; der Sauerstoff stammt aus der Luft. Das alleine macht bei Raketen zwischen 70 und 85% des Gewichts desTreibstoffs aus. Zudem besteht die Luft zu 80% aus Stickstoff, der miterhitzt wird und zum Schub beitr&auml;gt.<\/p>\n<p>Das Ganze hat nur einen kleinen Haken. So sinkt die Nutzlast bei D&uuml;senflugzeugen bei h&ouml;heren Geschwindigkeiten rasch ab. Transportflugzeuge wie die C5 Galaxy k&ouml;nnen etwa ein Drittel ihrer Startmasse als Fracht transportieren. Sie sind unterschallschnell. Die Mach 2 erreichende Concorde konnte 120 Passagiere transportieren &#8211; ihr Gep&auml;ck aber flog mit einem langsameren Flugzeug. Frachtmitf&uuml;hrung ging schon mal gar nicht. Das entspricht einem Nutzlastanteil von einem Neuntel des maximalen Startgewichts. Bei den wenigen, bekannten Mach 3 schnellen Jagdflugzeugen sinkt es auf ein Zw&ouml;lftel. (Wobei sie ehrlicherweise nur ohne Nutzlast Mach 3 erreichen).<br \/>\nJe h&ouml;her die Geschwindigkeit, desto kleiner die Nutzlast und desto h&ouml;her der Treibstoffverbrauch. Der D&uuml;senantrieb eignet sich daher nicht als alleiniger Antrieb f&uuml;r eine Unterstufe. Bis heute hat man maximal etwas &uuml;ber Mach 3 erreicht, das ist gerade mal ein Achtel der Geschwindigkeit f&uuml;r einen Orbit. Zudem wird gerne vergessen, dass Flugzeuge bei gleichem Schub enorm viel gr&ouml;&szlig;er als Raketen sind. Eine C5 Galaxy ist eines der gr&ouml;&szlig;ten Flugzeuge der Erde und sie kann gerade mal eine Vega als Nutzlast transportieren. Ihre vier Triebwerke haben aber nicht mal 40% des Schubs der Vega.<\/p>\n<p>H&ouml;here Geschwindigkeiten erreicht man mit Staustahltriebwerken. Sie verwenden das gleiche Prinzip wie D&uuml;sentriebwerke &#8211; Luft wird verdichtet und mit Kraftstoff vermischt, der sich bei Staustrahltriebwerken durch die hohe Temperatur sogar selbst entz&uuml;ndet. Sie setzen dazu aber keine Turbine als Verdichter ein, sondern dies erfolgt alleine durch den Staudruck, indem nach dem Einlass der Passageweg verengt wird. Es gibt zwei Typen: bei denen einen erreicht die Luft Unterschallgeschwindigkeit vor dem Auslass und bein den Zweiten ist sie &uuml;berschallschnell. Der Rekord eines Staustrahltriebwerks liegt derzeit bei Mach 9.6. Theoretisch w&auml;ren bis zu Mach 15 m&ouml;glich. Praktisch ausgelegt wurde zumindest in den Planungen die X-33 auf Mach 12. Staustrahltriebwerke, funktionieren daher erst, wenn die Luft eine gewisse Mindestgeschwindigkeit hat. Sie k&ouml;nnen somit nicht vom Boden abheben. Die Staustrahltriebwerke, bei denen die Luft Unterschallgeschwindigkeit vor der Expansion erreicht, wurden in einigen Experimentalflugzeugen und Flugabwehrwaffen getestet. Sie k&ouml;nnen bei &gt; Mach 1 gez&uuml;ndet werden. Die Ramjets (&uuml;berschallschnelle Expansion der Luft) brauchen noch h&ouml;here Startgeschwindigkeiten bis zu Mach 3. Mit unterschallschnellen Expansion erreicht man je nach Treibstoff nur maximal mach 5 (Kerosin) bis 7 (Wasserstoff)<br \/>\nDie Staustrahltriebwerke funktionieren &#8211; das ist erst mal eine gute Nachricht. Aber es gibt zwei Probleme: Die Startgeschwindigkeit, bis sie z&uuml;nden, liegt deutlich &uuml;ber dem, was ein unterschallschnelles Transportflugzeug erreichen kann. Damit scheidet es aus, diese &ouml;konomische Startweise zu nutzen (ein Tr&auml;gerflugzeug tr&auml;gt die Kombination auf Starth&ouml;he und klinkt sie aus). Man braucht wie bisher in allen umgesetzten Konzepten eine Startrakete, dann kann ich nat&uuml;rlich auch gleich vom Boden aus starten &#8211; mehr noch &#8211; ich ersetze eine Raketenstufe durch eine Raketenstufe und einen Ramjet. Allerdings arbeitet man derzeit an Kombitriebwerken, die zuerst wie ein D&uuml;sentriebwerk arbeiten und sp&auml;ter in einen Ramjetbetrieb &uuml;bergehen.<\/p>\n<p>Der zweite Problem ist technischer Natur. Was bisherige Pl&auml;ne f&uuml;r &uuml;berschallschnelle Raumfahrtprojekte beendete, waren die nicht gel&ouml;sten Temperaturprobleme. Schon das nur Mach 3 schnelle Flugzeug SR-71 heizt sich durch die Luftreibung um bis zu 500 K auf. Das ganze Flugzeug dehnt sich aus, was vor allem f&uuml;r die Entwicklung von Tanks die dann keine Risse bekommen, durften sehr problematisch war. Bei h&ouml;heren Geschwindigkeiten wird dies noch extremer. Bei der X-33 konnte man trotz Verwendung von keramischen Materialen und Faserverbundwerkstoffen keine L&ouml;sung\u00a0 finden, die gewichtsm&auml;&szlig;ig noch tolerierbar war. Die Haut h&auml;tte sich &uuml;ber 1200 \u00b0C aufgeheizt. Das war schlie&szlig;lich die Ursache f&uuml;r das Ende des Projektes wie auch eines parallel verfolgten Ansatzes von Lockheed. Der Ramjet selbst war nie das Problem.<\/p>\n<p>Das zeigt das Problem. Theoretisch k&ouml;nnte man also erst mit einer Raketenstufe auf Mach 2-3 beschleunigen, dann den Ramjet einschalten und weiter beschleunigen. Wenn der Thermalstress das Erreichen von Mach 12 verhindert, muss man fr&uuml;her abbrechen. Mach 10 wurden ja schon erreicht (allerdings gingen diese unbemannten Flugk&ouml;rper nach Erreichen des Rekords alle verloren, eine Bergung war nie vorgesehen, sodass man &uuml;ber ihren Zustand nichts wei&szlig;). Den Rest bis zur Orbitgeschwindigkeit und einen Gro&szlig;teil der Gravitationsverluste (bei den bisherigen Tests war in 33 km H&ouml;he Schluss &#8211; bei zu geringer Luftdichte kann auch der Ramjet nicht weiter beschleunigen) muss die Oberstufe aufbringen, die dann etwa 6 km\/s aufbringen muss. 3 km\/s schaffen die ersten beiden Stufen.<br \/>\nF&uuml;r mich ist das ein einsichtiger Grund &#8211; man tauscht eine Raketenstufe durch zwei Stufen ein nur um ein Drittel der Zielgeschwindigkeit zu erreichen, Man hat einen Riesenaufwand und trotzdem muss die Oberstufe noch mehr als doppelt so viel Arbeit leisten. Anders als bei einer Rakete tr&auml;gt die Unterstufe, wenn h&ouml;here Geschwindigkeiten erreicht werden m&uuml;ssen, auch nichts bei &#8211; es ist immer bei Mach 10 Schluss, egal wie schwer die Oberstufe ist. Das sind gravierende Nachteile. Da erscheint es einfacher eine normale Raketenstufe mit Fl&uuml;geln und einem D&uuml;sentriebwerk auszustatten und wenn sie nach einem ballistischen Flug wieder in die Troposph&auml;re Eintritt diesen in Betrieb zu nehmen und bei einem Flugplatz zu landen. Entsprechende Konzepte gab es ja auch wie die Baikal oder der LFBB.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b70e0e5441204f268268fc4a8179b6ba\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern bekam ich eine reichlich wirre Mail zum S&auml;ngerkonzept und warum dies nicht klappt. Anstatt lang und breit zu antworten, dachte ich mir mache ich dies mal zum Blogthema. Als erstes mal eine grunds&auml;tzliche Aufkl&auml;rung: S&auml;ngers Konzept war das eines zweistufigen Raketensystems mit gefl&uuml;gelten Stufen. 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