{"id":11257,"date":"2015-08-28T16:55:24","date_gmt":"2015-08-28T14:55:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11257"},"modified":"2015-08-28T16:55:56","modified_gmt":"2015-08-28T14:55:56","slug":"der-esa-skandal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/08\/28\/der-esa-skandal\/","title":{"rendered":"Der ESA Skandal"},"content":{"rendered":"<p>Seit Snowden im letzten Jahr den NSA-skandal aufdeckte rieeen ja die Negativ-Schlagzeilen nicht ab. Unsere Regierung scheint ja kein Interesse an der Aufkl&auml;rung zu haben. Anders ist es wohl nicht zu erkl&auml;ren, dass der k&uuml;rzlich entlassene Generalbundesanwalt nicht mal das Abh&ouml;ren der Kanzlerin verfolgen wollte. Sch&ouml;n, das er daf&uuml;r &uuml;ber seinen Diensteifer Journalisten zu verfolgen, gestolpert ist.<\/p>\n<p>Nun hat die NSA ihr Tun ja nicht eingestellt. Aber sie bem&uuml;ht sich, das Verh&auml;ltnis zu europ&auml;ischen Regierungen zu normalisieren indem sie den Regierungen einige Ergebnisse des Abh&ouml;ren zukommen l&auml;sst. Leider sind darunter fast keine Erkenntnisse in Sachen Terrorismus. Auch die letzten Attentate sei es im Zug oder auf die Redaktion der Satirezeitschrift konnten nicht durch das Abh&ouml;ren verhindert werden. Stattdessen gewann man sehr viele Erkenntnisse &uuml;ber illegale Machenschaften europ&auml;ischer Unternehmen. Diese umfassen vor allem Kartellverst&ouml;&szlig;e wie Preisabsprachen, aber auch Subventionsbetrug und andere Vergehen. Einige F&auml;lle wurden im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags pr&auml;sentiert und ein Abgeordneter muss die wohl der Presse zugespielt haben. Ein Fall d&uuml;rfte auch f&uuml;r Raumfahrtinteressierte interessant sein. Es ist die Absprache zahlreicher Firmen in der Raumfahrtindustrie um der ESA Geld aus der Tasche zu ziehen f&uuml;r Entwicklungen die v&ouml;llig unn&ouml;tig und &uuml;berteuert sind.<!--more--><\/p>\n<p>Alles fing vor fast 20 Jahren an, als der Jungfernflug der Ariane 5 scheiterte. Sehr bald stand die <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ariane-fehlstarts.shtml\">Ungl&uuml;cksursache<\/a> fest: man hatte Software von der Ariane 4 unver&auml;ndert auf die Ariane 5 &uuml;bernommen. Ein Wert erzeugte einen &Uuml;berlauf und die Computer schalteten sich ab. Das war grob fahrl&auml;ssig, zudem hatte man bezahlte Tests wie die Simulation des Aufstiegsprofils auf einem 3D-Tisch durch kosteng&uuml;nstigere Computersimulationen ersetzte. Das war Betrug. So war die &Uuml;berraschung gro&szlig; das die ESA nicht nur keine Regressanspr&uuml;che anmeldete obwohl 4 Forschungssatelliten nachgebaut werden mussten sondern sogar f&uuml;r die Ma&szlig;nahmen zur Fehlerbeseitigung und einen weiteren Teststart zahlte. Dabei kostete die Ariane 5 Entwicklung schon mehr als geplant und war mehr als dreimal so teuer wie die Gesamte Entwicklung von der Ariane 1 bis 4.<\/p>\n<p>Bei Aerospatiale, damals Hauptkontraktor des Entwicklungsprogrammes, kam man zu dem Schluss das man so viel Inkompetenz und mangelnde Kontrolle des Programms ausnutzen muss. Man verabredete sich mit den anderen beteiligten Firmen und offerierte seitdem der ESA nur noch Vorschl&auml;ge f&uuml;r den Ausbau die teuer waren, aber die Nutzlast nur inkrementell steigerten.<\/p>\n<p>Das erste war die Sylda-5. F&uuml;r die Ariane 5 hatte man eine neue Doppelstartstruktur die Speltra entwickelt. Doch anstatt dass man diese einsetzte, ersetzte man sie durch eine gestreckte Form der Ariane 4 Doppelstartstruktur. Das einfache Strecken lie&szlig; man sich gut bezahlen. Der n&auml;chste Vorsto&szlig; scheiterte allerdings. Um die Nutzlast weiter zu steigern schlug man die EPS 14 vor: Anstatt 10 t sollten 14 t Treibstoff mitgef&uuml;hrt werden. F&uuml;r wenige Hundert Kilo mehr Nutzlast h&auml;tte man die Tanks neu konstruieren m&uuml;ssen, damit die Struktur anpassen und die Brennkammer des Triebwerks neu konstruieren m&uuml;ssen &#8211; viel Aufwand f&uuml;r einen kleinen Effekt. Nur die deutsche Regierung war daf&uuml;r zu begeistern, weil die EPS in Bremen gebaut wird.<\/p>\n<p>Ein voller Erfolg war dagegen der Vorschlag der Industrie f&uuml;r die ECS-A. Es gab schon als man die Ariane 5 konzipierte einen Plan f&uuml;r eine kryogene Oberstufe, damals H10 genannt. Die ESA hatte allerdings die dumme, weil kosteng&uuml;nstige und stark die Nutzlast anhebende Vorstellung, einfach die Ariane 4 Oberstufe auf die Ariane 5 zu setzen und die Nutzlastverkleidung anzupassen. Das h&auml;tte 3 t mehr Nutzlast gebracht und kaum Kosten verursacht. Astrium (so hie&szlig; inzwischen der Raumfahrtkonzern, in dem die meisten europ&auml;ischen Raumfahrtfirmen die an der Ariane beteiligt waren angeh&ouml;rten) hatte eine viel bessere Idee: Die neues Stufe w&uuml;rde denselben Durchmesser wie die Zentralstufe haben: 5,4 m. (die H10 der Ariane 4 dagegen einen von 2,6 m). Dadurch sind zum einen Neukonstruktionen der Tanks und des Schubger&uuml;stes notwendig, vor allem aber ergeben sich eine ung&uuml;nstige Geometrie. Der Wasserstofftank hatte so eine Linsenform und weil dann das Treibstoffschwappen viel st&auml;rker war, erfolgten Ma&szlig;nahmen um seine Struktur zu verst&auml;rken. Der Erfolg war genau der den Astrium anvisierte: Man hatte einen lukrativen Auftrag, die Nutzlast stieg aber nur wenig an, weil das Trockengewicht um 200% anstieg, die Treibstoffmenge aber nur um 30%.<\/p>\n<p>So waren weitere Ma&szlig;nahmen n&ouml;tig um die geplanten 10 t Nutzlast der Ariane 5 zu erreichen. Astrium schlug eine &#8222;einfache&#8220; Anpassung des Vulcains vor. Das Vulcain 2 sollte 20% mehr Schub entwickeln und damit die 10 t Nutzlast die man f&uuml;r die Evolution Variante plante erreichen. Als man mit der Entwicklung begann, stellte man &#8222;urpl&ouml;tzlich fest&#8220; dass man daf&uuml;r die beiden Turbopumpen neu konstruieren musste und aus dem einfachen Upgrade war ein Millardenauftrag geworden. Wie bei der ersten Ariane 5 Version sparte man sich aber viele Tests und &uuml;bersah so, dass man auch die K&uuml;hlung der Brennkammer verst&auml;rken musste &#8211; die Folgen sind bekannt, auch die erste Ariane 5 ECA scheiterte weil die D&uuml;se durchbrannte.<\/p>\n<p>Wieder zahlte die ESA 700 Millionen Euro f&uuml;r Rettungsma&szlig;nahmen und weitere Arbeiten am Triebwerk. Das musste Astrium dazu gebracht haben nun ins volle zu gehen. Man hob die Herstellungspreise an, und pl&ouml;tzlich brauchte Arianespace bei vollen Auftragsb&uuml;chern Subventionen der ESA um eine schwarze Null zu schreiben.<\/p>\n<p>Als Nachfolge der ECA hatte man schon lange die ECB vorgesehen. Hier hatte man bei Astrium schon das Design richtig gemacht &#8211; n&auml;mlich genauso ung&uuml;nstig wie bei der ECA. Sonst w&auml;re ja der Nutzlastgewinn zu gro&szlig; gewesen und man tr&auml;umte schon von weiteren Auftr&auml;gen f&uuml;r das Vulcain 3 und neuen CFK-Boostern. Doch nun hatte man eine noch bessere Idee: Viel besser als eine neue Stufe ist ein komplett neues System, da viel mehr Arbeit anf&auml;llt. Man schlug Hopper vor. doch so wenige Jahre nach dem Erstflug der Ariane 5 wollte selbst die ESA nicht einen zweistelligen Milliardenbetrag in einen Raumgleiter investieren.<\/p>\n<p>Nachdem so die Industrie 2008 beim ESA Gipfel erstmals mit ihrer Selbstbedienungsstrategie scheiterte und keine der beiden Entwicklungen die politische Mehrheit bekam bearbeitete vor allem Astrium und Snecma die franz&ouml;sische Regierung. Ariane 5 w&auml;re nicht mehr konkurrenzf&auml;hig, man br&auml;uchte eine neue Rakete. SpaceX sollte mit seinen Preisen Arianespace und die europ&auml;ische Raumfahrtindustrie in den Ruin f&uuml;hren. Damit hatte man Erfolg und Frankreich investierte eigenes Kapital in eine Konzeption der Ariane 6. Gleichzeitig wirkte die deutsche Industrie auf die deutsche Regierung ein. Das Ziel: 2011 sollten Ariane 6 und ESC-B Entwicklung gleichzeitig genehmigt werden: der finanzielle Doppelschlag denn beide Entwicklungen sp&uuml;len Geld in die Kasse. Es gelang auch, doch anders als geplant. Der Ariane 6 Entwurf war zwar &ouml;konomisch &uuml;berzeugend, aber er bot wenig Spielraum Deutschland zu beteiligen weil die Feststoffbooster in CFK-Bauweise nicht zu der Technologiekompetenz deutscher firmen geh&ouml;ren. Umgekehrt meinte die franz&ouml;sische Regierung man brauche nur eine neue Rakete, aber nicht auch noch eine neue Stufe. So gab es keine endg&uuml;ltige Zusage sondern nur eine vorl&auml;ufige in der man weiter beide Konzepte untersucht.<\/p>\n<p>Nachdem man so einige Hundert Millionen Euro f&uuml;r weitere Studien lockergemacht hatte, machte man das was man seit langem vorhatte: man ver&auml;nderte den Entwurf so, dass auch die Deutsche Industrie was zu tun hat. Anstatt einem Feststoffbooster als erste Stufe wurde wieder eine kryogene Stufe eingef&uuml;hrt &#8211; mit dem Vulcain 2, nur mit 140 anstatt 188 t Treibstoff und 4 m Durchmesser. Was herauskam war eine gestreckte Ariane 5G mit doppelt so vielen Boostern und jeweils halber Treibstoffzuladung und der ESC-B Oberstufe, nun auf eine nutzlastbringende 4 m Durchmesser angepasst. Der Umweg &uuml;ber eine reine Feststoffrakete war n&ouml;tig, weil sich sonst jeder gefragt h&auml;tte was der Unterschied zwischen Ariane 5 und 6 war. Gleichzeitig hob man die Startkosten von 91 auf 112 Millionen Euro an &auml;nderte aber nichts am Versprechen dass die neue Rakete viel billiger als die Ariane 5 sein w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Dieses Konzept wurde 2014 genehmigt und es ist schon wieder veraltet. Das neueste Konzept setzt nun eine <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/eine-frage\/comment-page-1\/#comment-64539\" target=\"_blank\">zentrale Stufe mit 5,4 m Durchmesser ein<\/a> &#8211; das ist nichts anderes als die Ariane 5G Erststufe und die Booster sind nun einfach die alten EAP, nur eben mit einem Segment anstatt zwei und daf&uuml;r doppelter Zahl. Es soll im Juli 2016 abgesegnet werden &#8211; dann w&uuml;rde die ESA 3,8 Milliarden Euro f&uuml;r eine Kopie der ersten Ariane 5 Version mit doppelter Boosterzahl ausgeben. Wahrscheinlich feiert man schon seit Monaten in den Chefetagen von Airbus (so hei&szlig;t inzwischen Astrium) durch.<\/p>\n<p>Die Enth&uuml;llungen und die Tatsache das Arianespace letztes Jahr erstmals seit Jahren keinen Zuschuss brauchte und trotz aufgenommenen Fl&uuml;gen von SpaceX 40% mehr Umsatz machte, d&uuml;rften wohl die Feierlaune tr&uuml;ben. Da k&ouml;nnte vielleicht doch jemand auf die Idee kommen, dass irgendwas in der Argumentation von Airbus nicht stimmen kann. Im Juli 2016 wissen wir mehr.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9b408eac0871439e80e5d837121773c8\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Snowden im letzten Jahr den NSA-skandal aufdeckte rieeen ja die Negativ-Schlagzeilen nicht ab. Unsere Regierung scheint ja kein Interesse an der Aufkl&auml;rung zu haben. Anders ist es wohl nicht zu erkl&auml;ren, dass der k&uuml;rzlich entlassene Generalbundesanwalt nicht mal das Abh&ouml;ren der Kanzlerin verfolgen wollte. 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