{"id":11267,"date":"2015-09-08T07:52:43","date_gmt":"2015-09-08T05:52:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11267"},"modified":"2015-09-08T10:28:31","modified_gmt":"2015-09-08T08:28:31","slug":"die-ariane-6-ein-persoenliches-urteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/09\/08\/die-ariane-6-ein-persoenliches-urteil\/","title":{"rendered":"Die Ariane 6 &#8211; ein pers&ouml;nliches Urteil"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">Hallo miteinander. Da ich gestern die zweite Auflage des Bandes 2 von &#8222;Europ&auml;ische Tr&auml;gerraketen&#8220; fertiggestellt habe, m&ouml;chte ich euch einige Teile mit der pers&ouml;nlichen Meinung nicht vorenthalten. Heute geht es um meine Meinung zu den beiden letzten Ariane 6 Konzepten, also dem PPH und PHH Konzept.<\/p>\n<p class=\"western\">In der ersten Auflage des Buchs habe ich ein umfangreiches Kapitel meiner Ansicht &uuml;ber die Ariane 5 Entwicklung unter technischen und politischen Aspekten gehabt. Da inzwischen das Schicksal der Ariane 5 besiegelt ist, habe ich mich auf die Ariane 6 beschr&auml;nkt, wobei zumindest die technischen Ausf&uuml;hrungen sich nur auf die wenigen bekannten Tatsachen beziehen k&ouml;nnen.<!--more--><\/p>\n<p class=\"western\">Fangen wir mit den Konzepten an. Die CNES hat sich zuerst auf das PPH-Konzept festgelegt. Das Konzept ist nicht jedermanns Sache auch Le Gall, der 2013 frisch von Arianespace zu CNES wechselte, war anfangs skeptisch, sagte aber schlie&szlig;lich: \u201eBetrachtet man es unter &ouml;konomischen Aspekten, so ist es &uuml;berzeugend\u201c. Eine kryogene Oberstufe direkt auf Feststoffbooster zu setzen hat Nachteile. Die NASA bemerkte dies schon beim Entwurf der Ares 1, die ein &auml;hnliches Konzept verfolgt. Dort wollte man in den Stufenadapter ein aufwendiges D&auml;mpfungssystem f&uuml;r die Schwingungen einbauen. Allerdings ist diese Rakete auch f&uuml;r bemannte Eins&auml;tze ausgelegt. F&uuml;r Besatzungen m&uuml;ssen die Vibrationen viel kleiner als f&uuml;r Satelliten sein, auch weil sie die Instrumente noch ablesen k&ouml;nnen m&uuml;ssen. Ein passives D&auml;mpfungssystem w&uuml;rde bei der Ariane 5 PPH wohl ausreichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Frage, die sich mir stellt, ist aber die, warum man dazu einen neuen Booster braucht. Anstatt drei Boostern mit 135 t Treibstoff k&ouml;nnte man auch f&uuml;nf mit 88 t Treibstoff nehmen und da w&auml;re man bei der P80 Stufe der Vega. Man spart sich nicht nur eine Neuentwicklung, die Geld kostet, sondern kommt auf noch h&ouml;here St&uuml;ckzahlen. Zudem w&uuml;rde man, wenn man die konventionelle Bauweise anvisiert, n&auml;mlich eine zentrale Stufe von mehreren Boostern umgeben l&auml;sst, noch einige weitere Versionen umsetzen:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"6\">\n<colgroup>\n<col width=\"128*\" \/>\n<col width=\"128*\" \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr valign=\"top\">\n<th bgcolor=\"#cccccc\" width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Konfiguration<\/p>\n<\/th>\n<th bgcolor=\"#cccccc\" width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Nutzlast (GTO)<\/p>\n<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Vega + 2 \u00d7 P80 FW<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">1.900 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Vega + 3 \u00d7 P80 FW<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">2.600 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Vega + 4 \u00d7 P80 FW<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">3.200 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Vega + 6 \u00d7 P80 FW<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">4.400 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">Vega + 4 \u00d7 P80 FW \/ 2 \u00d7 P80 FW<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">5.100 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">2 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">2.500 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">3 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">3.800 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">4 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">5.000 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">5 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">6.100 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">6 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">7.000 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">4 \u00d7 P80 FW \/ 2 \u00d7 P80 FW \/ P 80 FW \/ ESC-B<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"50%\">\n<p class=\"western\">7.500 kg<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"western\">Die ersten f&uuml;nf w&auml;ren Vegas mit weiteren P80 Boostern als erste Stufe. Die bisherige P80 FW wird dann zur zweiten Stufe. Ab vier Boostern ist es m&ouml;glich, zwei weitere Booster erst im Flug zu z&uuml;nden, man erh&auml;lt dann eine f&uuml;nfstufige Feststoffrakete. Angepasst habe ich spezifischen Impuls im Vakuum des zentralen Antriebs (durch eine gr&ouml;&szlig;ere D&uuml;se kann dieser effizienter arbeiten) sowie bei den Vega Konfigurationen das Gewicht des AVUM und der Nutzlasth&uuml;lle auf Ariane 5 Niveau, da die Nutzlast dann auch gr&ouml;&szlig;er sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Die zweiten Konfigurationen imitieren das PPH-Konzept, indem auf die zentrale P80 FW Stufe die ESC-B gesetzt wird. Diese ist mit Sicherheit f&uuml;r die starken Belastungen ausgelegt, sie hat daher auch eine hohe Trockenmasse. Die ESA selbst plante ja eine Stufe mit geringem Strukturgewicht. W&uuml;rde man 4,5 t Leermasse bei 28 t Treibstoff oder 5 t bei 36 t Treibstoff (die Zuladung beim PPH-Konzept war noch nicht abschlie&szlig;end festgelegt worden) annehmen, so kann man die Nutzlast um weitere 1,5 t erh&ouml;hen.<\/p>\n<p class=\"western\">Schon die letzte Konfiguration kommt auf eine h&ouml;here Nutzlast wie das PPH-Konzept. Mit einer optimierten Oberstufe die 36 t Treibstoff bei 5 t Leermasse aufnimmt, k&auml;me man auf 9,5 t Nutzlast f&uuml;r den GTO \u2013 das ist fast die Leistung der Ariane 5 ECA.<\/p>\n<p class=\"western\">Nat&uuml;rlich gibt es in solchen eigenen Berechnungen einige Unw&auml;gbarkeiten. So die unbekannten Stufenmassen, die man ansetzen kann. Sie reichen von einer optimalen L&ouml;sung, die sich z. B. bei der Oberstufe an die Delta IV Zweitstufe mit &auml;hnlicher Treibstoffzuladung aber nur 3,5 t Trockengewicht anlehnt, bis zur ESC-B als Negativneuspiel (bei gleicher Treibstoffzuladung 6 t Trockengewicht). Aber auch die Zielgeschwindigkeit ist unbekannt. Jede Rakete hat Verluste, die sich zur Orbitalgeschwindigkeit addieren. Das sind zum gr&ouml;&szlig;ten Teil Gravitationsverluste \u2013 sie entstehen dadurch, dass die Rakete zuerst vertikal startet und dabei Treibstoff verbraucht um eine Vertikalbeschleunigung aufzubauen, die sie braucht, um 200 km H&ouml;he zu erreichen, daneben der Luftwiderstand, Lenkungsverluste (wenn die Schubachse nicht durch den Bewegungsvektor geht) etc. Sie sind unterschiedlich bei den verschiedenen Typen, aber liegen zwischen 1200 und 2200 m\/s. An der Untergrenze liegen Raketen mit kurzen Brennzeiten wie Feststoffraketen oder die fr&uuml;hen Atlas Modelle ohne Oberstufe, am oberen Ende Raketen mit langen Brennzeiten wie die Saturn V und eben die Ariane 5 (2200 m\/s). Die Vega liegt mit 1600 m\/s mitten drin, die Ariane 44L mit 1300 m\/s eher im unteren Drittel.<\/p>\n<p class=\"western\">Das PPH-Konzept mit drei Boostern ergibt Verluste wie die Ariane 5 bei einer optimierten Oberstufe, bei einem ESC-B Modell sind die Verluste geringer und liegen auf Vega Niveau. Auff&auml;llig ist aber das die Nutzlast durch den Wegfall eines Boosters so stark absinkt \u2013 von 6,5 auf 3,5 t. Das ist logisch und bei den Berechnungen nicht nachvollziehbar. Erreicht die Version mit drei Boostern 6,5 t GTO Nutzlast, so m&uuml;sste eine 2-Booster-Variante, egal welche Parameter man f&uuml;r die Oberstufe nimmt \u2013 bei etwa 4,7 bis 4,9 t Nutzlast liegen. Dieses Missverh&auml;ltnis gibt es auch bei der Ariane 62 und 64.<\/p>\n<p class=\"western\">Doch zuerst eine Beurteilung des Ariane 62\/64 Konzepts an sich. F&uuml;r mich erschlie&szlig;t sich nicht der Vorteil des Konzepts. Etwas flapsig ausgedr&uuml;ckt, l&auml;sst sich die Industrie daf&uuml;r bezahlen, dass sie die Ariane 5 ME nun mit anderen Tanks herstellt \u2013 4,6 anstatt 5,4 m Durchmesser und daf&uuml;r l&auml;nger. Anstatt Integraltanks nun getrennte Tanks, die einfacher zu produzieren sind. Nat&uuml;rlich ist die Reduktion des Durchmessers eine gute L&ouml;sung. Dadurch kann die Oberstufe leichter werden. Dazu kommt, dass die Vibrationen der Booster nun auf die Zentralstufe &uuml;bertragen werden und nicht &uuml;ber den Stufenadapter auf die Oberstufe. Man kann also die Zentralstufe strukturell verst&auml;rken und die Oberstufe leichter machen. Da aber nur die Oberstufe in einen Orbit gelangt, lohnen sich diese Ma&szlig;nahmen, denn Gewichtseinsparungen sind dort etwas drei bis viermal so effizient wie bei der H140. Eine andere Ma&szlig;nahme, um Kosten zu sparen, ist der lange Stufenadapter, der ein ausgefahrenes Vinci erlaubt und wahrscheinlich an der H140 bleibt.<\/p>\n<p class=\"western\">Doch r&auml;tselhaft sind die Nutzlastangaben. Daf&uuml;r muss man nicht mal den Taschenrechner bem&uuml;hen. Hier mal einige Tatsachen, die zum Nachdenken bewegen sollten:<\/p>\n<p class=\"western\">Die Ariane 62\/64 entstand aus dem H1B Konzept von 2012. W&auml;hrend man die Oberstufe leicht vergr&ouml;&szlig;erte und die Booster nun dreimal so gro&szlig; sind, blieb die SSO-Nutzlast bei der Ariane 62 gleich gro&szlig;. Das ist sehr erstaunlich. Diese Rakete transportiert sogar in den GTO mehr Nutzlast in den SSO. Bei allen anderen Tr&auml;gern inklusive aller Ariane 1-5 Versionen ist dagegen die SSO-Nutzlast gr&ouml;&szlig;er, meist doppelt so gro&szlig;.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Ariane 64 wiegt 800 t beim Start, 10 t mehr als die Ariane 5 ME. Sie setzt die gleichen Triebwerke in Oberstufe und Zentralstufe ein, bei der Oberstufe kann man wegen der g&uuml;nstigeren Tankform sogar von Gewichtseinsparungen ausgehen (nicht dagegen bei der Zentralstufe). Die Booster haben ein um ein Drittel geringeres Leergewicht als die EAP (bei gleicher Treibstoffmenge), einen h&ouml;heren spezifischen Impuls und etwas mehr Treibstoff. Bedenkt man, dass der &Uuml;bergang zu CFK-Werkstoffen bei der Ariane 2010 Initiative erwogen wurde, (S.205) und das 1.750 kg mehr Nutzlast bringen sollte, so verwundert etwas, dass die Ariane 64 nur 10,5 t transportieren soll. Ariane 5 ME mit schlechteren Leistungsdaten war doch auf 12 t projektiert.<\/p>\n<p class=\"western\">Setzt man die im Typenblatt angegebenen Werte f&uuml;r eine Geschwindigkeitsberechnung an, so erh&auml;lt man Verluste von &uuml;ber 2800 m\/s. Ariane 5 ECA mit einer l&auml;ngeren Brennphase (gleichbedeutend mit h&ouml;heren Gravitationsverlusten) liegt dagegen nur bei 2200 m\/s. Nimmt man an, das auch Ariane 62\/64 2200 m\/s Verluste haben, so m&uuml;ssten Oberstufe und Nutzlast zusammen bei der Ariane 6 &uuml;ber 18 t wiegen \u2013 also bei 10 t Nutzlast w&uuml;rde die Oberstufe trocken 8 t wiegen. Das ist schwer vorstellbar. Allerdings kommt man mit dieser massiven Oberstufe dann tats&auml;chlich auf gleiche Verluste bei Ariane 62 und 64 (zumindest wenn man 6 t Nutzlast f&uuml;r Ariane 62 und 10 t f&uuml;r Ariane 64 annimmt).<\/p>\n<p class=\"western\">Sollte die Industrie im Schubrahmen Bleigewichte unterbringen, damit sie 2022 dann ein \u201eAriane 6 Evolution Programm\u201c fordert, bei dem man f&uuml;r das Entfernen der Bleigewichte nochmals Milliarden von der ESA loseist? Bei einer \u201eState of the Art\u201c Oberstufe mit 4-5 t Trockengewicht (nur zur Erinnerung: die DCSS mit sehr konservativer Auslegung, getrennten Tanks und Verwendung von Legierungen, die seit den Sechziger Jahren eingef&uuml;hrt sind, hat bei 27,5 t Treibstoffzuladung ein Trockengewicht von 3,475 t mit VEB) m&uuml;ssten beide Modelle 3 t mehr Nutzlast transportieren also 9-10 t (Ariane 62) und 13-14 t (Ariane 64). Eher sollte die neue Oberstufe noch leichter sein: MT Aerospace fertigt f&uuml;r die NASA-Rakete SLS Tankdome aus der leichtgewichtigen Legierung AL 2195 im Spiralverformungsverfahren und R&uuml;hrreibschwei&szlig;en. Diese wiegen 25% weniger, als die bisherigen die von Boeing kommen. Da sollte man annehmen, das die neue Stufe, wo MT Aerospace mitbeteiligt ist, eher weniger wiegt als die DCSS (auch die kommt von Boeing). Auch das PPH-Konzept ging von rund 3,3 t Trockenmasse (ohne VEB) f&uuml;r eine Stufe mit 30 bis 36 t Treibstoff aus.<\/p>\n<h4 class=\"western\">Die finanzielle Seite<\/h4>\n<p class=\"western\">Warum allerdings dieses Konzept so viel Geld kosten soll, verstehe ich nicht. Tanks sind Strukturen und als solche bei der Entwicklung und Produktion g&uuml;nstig. Als die JAXA aus der H-IIA die H-IIB entwickelte und dabei den Tankdurchmesser vergr&ouml;&szlig;erte und einen neuen Schubrahmen f&uuml;r zwei Triebwerke entwickelte, kostete das 447 Millionen Dollar.<\/p>\n<p class=\"western\">Das gleiche gilt f&uuml;r den P120C. Er soll f&uuml;r 715 Millionen Euro entwickelt werden. Die Vega-Entwicklung wurde ja deutlich teurer als geplant, aber die gesamte Entwicklung einer kompletten Rakete mit drei Stufen, AVUM, Nutzlastverkleidung und Bodenanlagen kostete 710 Millionen Euro, davon 131,5 f&uuml;r den P80. Ich kann nicht verstehen, warum nun ein 50% gr&ouml;&szlig;erer Booster &uuml;ber f&uuml;nfmal so viel wie die P80 Entwicklung kosten soll. Eher w&uuml;rde ich erwarten, dass der Erstling P80 teurer ist, weil man technologisches Neuland betritt. Die Vergr&ouml;&szlig;erung des Durchmessers von 3 auf 3,5 m sollte dann nicht so horrende Kosten aufwerfen.<\/p>\n<p class=\"western\">Interessant ist auch, dass die Entwicklungskosten des PPH Konzepts in etwa gleich hoch sind wie die des Ariane 62\/64 Konzepts. Daraus kann ich nur schlie&szlig;en, dass man die Differenz in der Auslegung \u2013 die H140 Zentralstufe \u2013 praktisch f&uuml;r umsonst entwickeln kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Hauptanteil der Aufwendungen bei beiden Konzepten d&uuml;rfte auf die Oberstufe entfallen. Schlussendlich bekam die Industrie 2012 einen Auftrag f&uuml;r die Entwicklung der ESC-B f&uuml;r 1.100 Millionen Euro. Da wird die neue Oberstufe nicht billiger sein, schon alleine, damit man bei der ESA keinen Verdacht sch&ouml;pft.<\/p>\n<p class=\"western\">Insgesamt halte ich beide Konzepte f&uuml;r zu teuer, vor allem, wenn man wei&szlig;, was andere in den letzten Jahren neu entwickelte Tr&auml;ger kosten. Dazu muss man nicht mal SpaceX bem&uuml;hen, wie diese Tabelle zeigt:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"6\">\n<colgroup>\n<col width=\"48*\" \/>\n<col width=\"66*\" \/>\n<col width=\"142*\" \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr valign=\"top\">\n<th bgcolor=\"#cccccc\" width=\"19%\">\n<p class=\"western\">Tr&auml;ger<\/p>\n<\/th>\n<th bgcolor=\"#cccccc\" width=\"26%\">\n<p class=\"western\">Entwicklungszeitraum<\/p>\n<\/th>\n<th bgcolor=\"#cccccc\" width=\"55%\">\n<p class=\"western\">Kosten<\/p>\n<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">H-II<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">1985-1994<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">2.300 Millionen $<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">H-IIA<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">1995-2001<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">1.500 Millionen $<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">H-IIB<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">2001-2009<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">447 Millionen $<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">Atlas V<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">1994-2002<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">1.630 Millionen $<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">Delta 4 Heavy<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">2001-2004<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">500 Millionen $ (nur Upgrade von der Delta 4 Basisversion)<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"top\">\n<td width=\"19%\">\n<p class=\"western\">Falcon 9<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"26%\">\n<p class=\"western\">2006-2010<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"55%\">\n<p class=\"western\">600 Millionen $<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"western\">Besonders die Weiterentwicklung der H-II (4 t GTO) &uuml;ber die H-IIA (5,8 t GTO) zur H-IIB (8 t GTO) ist interessant. Zum einen wurde dieser Tr&auml;ger komplett neu entwickelt. Zum anderen wurde die Erweiterung zunehmend g&uuml;nstiger. So sollte man erwarten, dass auch eine Ariane 6 durch die Verwendung von Vulcain 2, P80 Technologie und Vinci Vorentwicklung deutlich billiger werden kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Woran ich nicht glauben kann, ist das dann die Raketen die anvisierten Preisziele erreichen. Zum einen wegen dieser hohen Entwicklungskosten. Ariane 5 wurde ja noch neu entwickelt \u2013 Booster die zwanzigmal schwerer als alle bisher bei Ariane eingesetzten, das Vulcain mit dem zwanzigfachen Schub des HM7, die hohe Zuverl&auml;ssigkeit f&uuml;r bemannte Eins&auml;tze \u2013 das alles kostet Geld. Doch nun basierend auf der schon existierenden Technologie sollte es m&ouml;glich sein, die Entwicklung g&uuml;nstiger zu machen. Wenn nun die Industrie keine kosteng&uuml;nstige Entwicklung hinbekommt, wie kann man das Vertrauen haben, dass sie ihre Versprechen f&uuml;r die Produktionskosten h&auml;lt? Im Normalfall ist ein in der Entwicklung teures Produkt auch in der Fertigung teuer, denn w&auml;re es einfach herzustellen, so w&auml;re es auch einfach zu entwickeln.<\/p>\n<p class=\"western\">Stattdessen &uuml;bergibt die ESA die Kontrolle der Entwicklung an die Privatwirtschaft, die CNES tritt ihren Anteil an Arianespace an Airbus-Safran ab. An und f&uuml;r sich meine ich wird eine Firma wegen weniger B&uuml;rokratie effizienter arbeiten als eine Regierungsbeh&ouml;rde. Bei der Raumfahrt zeigten bisherige Privatisierungen aber den gegenteiligen Effekt. Die USA privatisierten die Starts ab 1987, ein Jahrzehnt sp&auml;ter gab es die EELV-Ausschreibung, die neue preiswerte Tr&auml;gerraketen ergeben sollte. Sie waren aber nicht preiswert. Delta 4 und Atlas V spielen beim kommerziellen Transport nur eine geringe Rolle, da sie zu teuer sind und selbst die USAF, die bisher jeden Preis f&uuml;r die Tr&auml;ger zahlte, h&auml;lt sie inzwischen f&uuml;r &uuml;berteuert. &Auml;hnliches ist auch bei der Ariane 6 zu erwarten: Warum sollte ein Unternehmen sich M&uuml;he geben, eine Rakete billig zu produzieren, wenn die Vergangenheit schon gezeigt hat, dass die ESA bereit ist, Verluste von Arianespace auszugleichen wie dies im EGAS-Programm geschah?<\/p>\n<p class=\"western\">Meiner Ansicht nach sollte sich die ESA darauf besinnen, was die Triebfeder f&uuml;r die Ariane 1 war: ein eigenst&auml;ndiger Zugang zum Weltraum. Den hat man mit Ariane 5. Sie ist ausreichend f&uuml;r alle ESA-Missionen. Wenn man nicht die Starts subventioniert und keine Ariane 6 entwickelt, so verliert man vielleicht Auftr&auml;ge, wenn Ariane 5 nur noch Nutzlasten aus Europa (der ESA und nationale Nutzlasten) startet, so fliegt sie vielleicht nur noch zwei bis dreimal pro Jahr (und das auch nur, wenn man Galileosatelliten nicht mit der Sojus startet und auf solche Ideen kommt, wie die bew&auml;hrten ATV zugunsten eines Servicemoduls f&uuml;r die Orion aufzugeben). Sie werden vielleicht noch teuer, aber wenn man 100 bis 120 Millionen Euro Subventionen pro Jahr zahlt, dann kann man sich auch teurere Starts leisten. Eine Ariane 6 wird niemals die 4 Milliarden Euro hereinspielen, die man in sie investiert hat. F&uuml;r diese Summe k&ouml;nnte die ESA es sich leisten 80 Starts zu je 50 Millionen Euro zu subventionieren \u2013 das reicht f&uuml;r Jahrzehnte. Anstatt der Sojus k&ouml;nnte man f&uuml;r mittlere Nutzlasten auch den Half Ariane 5 Solid einsetzen (S.213). So braucht man bei mittelgro&szlig;en Satelliten nicht immer einen Ariane 5 Start.<\/p>\n<p class=\"western\">Meiner Ansicht nach l&auml;sst sich die ESA auf ein riskantes Gesch&auml;ft ein: Die Konkurrenz hat zum einen den Vorteil, das ihre Tr&auml;ger haupts&auml;chlich durch Regierungsstarts ausgebucht sind. Fast nur (oder ausschlie&szlig;lich) Nutzlasten staatlicher Organisationen transportieren Atlas, Delta, GSLV und H-II. Bei der Falcon 9, Sojus und Proton machen sie zumindest 50% oder mehr der Starts aus. Dagegen sind es bei der Ariane 5 weniger als 25%. Daher ist Arianespace viel st&auml;rker vom kommerziellen Markt abh&auml;ngig.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein zweiter Grund zeigt sich in der Tatsache, dass der Zuschuss seitens der ESA von 240 Millionen Euro im Jahr 2005 auf Null Euro 2014 gesunken ist, obwohl Ariane 5 nicht g&uuml;nstiger wurde \u2013 aber der Eurowechselkurs ist gesunken. Damit ist Ariane 5 in Dollar um fast 20% preiswerter geworden, den international werden Starts in Dollar verhandelt. Das Problem hat SpaceX nicht. ILS und Sealaunch haben es auch, doch die Produktionspreise der Tr&auml;ger sind so niedrig, dass sie sogar die Preise senken k&ouml;nnen, wenn die Versicherungspr&auml;mien durch einen Fehlstart ansteigen, damit der Gesamtpreis (Versicherung und Start) nicht ansteigt. Als die Proton in den letzten Jahren zahlreiche Fehlschl&auml;ge hatte, senkte ILS den Startpreis ab. 2009 kostete der Start eines 3,6 t schweren Satelliten noch 105 Millionen Dollar, 2014 dagegen der eines 4,9 t schweren Satelliten nur noch 85 Millionen Dollar. Die Herstellung einer Proton kostet die russische Regierung nur 32,2 Millionen Euro oder 41 Millionen Dollar.<\/p>\n<p class=\"western\">Die schwarze Null von Arianespace 2014 bei 40% h&ouml;heren Einnahmen zeigt auch, dass das Menetekel \u201eSpaceX\u201c prim&auml;r dazu dient, die Regierungen zu der Ariane 6 Entwicklung zu \u201e&uuml;berreden\u201c, denn im gleichen Jahr nahm SpaceX ihren kommerziellen Betrieb auf und verdoppelte ihre Startfrequenz, sollten da nicht die Auftr&auml;ge wegbrechen? Ende 2014 hatte Arianespace so viele Auftr&auml;ge, dass sie sich zu Jahresende bei Ausschreibungen nicht mehr beteiligte, weil vor 2017 kein Startplatz frei war. 2015 wichen Kunden sogar auf die Atlas aus, weil sie weder bei Arianespace noch SpaceX vor 2018 einen Start bekommen h&auml;tten. Eine Bedrohung sieht anders aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/954159f1e63d47ad859e1ebcc2873cd2\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo miteinander. Da ich gestern die zweite Auflage des Bandes 2 von &#8222;Europ&auml;ische Tr&auml;gerraketen&#8220; fertiggestellt habe, m&ouml;chte ich euch einige Teile mit der pers&ouml;nlichen Meinung nicht vorenthalten. Heute geht es um meine Meinung zu den beiden letzten Ariane 6 Konzepten, also dem PPH und PHH Konzept. 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