{"id":1129,"date":"2006-11-27T15:47:50","date_gmt":"2006-11-27T13:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=1129"},"modified":"2009-06-04T15:49:00","modified_gmt":"2009-06-04T13:49:00","slug":"von-gesicherten-erkenntnissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2006\/11\/27\/von-gesicherten-erkenntnissen\/","title":{"rendered":"Von gesicherten Erkenntnissen"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe k&uuml;rzlich jemanden einen Rat f&uuml;r sein Studium gegeben und dabei als Beispiel, wie man es nicht machen sollte mal meinen etwas turbulenten und nicht gerade zielgerichteten Lebenslauf reflektiert. Das sch&ouml;ne an solchen Reflektionen ist dass man in der Retroperspektive neue Erkenntnisse gewinnt und manches anders sieht als fr&uuml;her. Bei mir war es mein Berufswunsch Ern&auml;hrungslehre oder &Ouml;ktrophologie wie es vornehmer hei&szlig;t. Ich h&auml;tte das nach dem Abitur m&uuml;helos studieren k&ouml;nnen, es aber nicht getan weil ich von meiner Lehrerin die es studierte wusste, dass der Arbeitsmarkt f&uuml;r Absolventen fast nicht vorhanden ist.<\/p>\n<p>Sp&auml;ter habe ich immer noch neben dem Lebensmittelchemie Studium mich damit besch&auml;ftigt, auch weil man in Gutachten oft auf Aussagen mit gesundheitsbezogener Werbung eingehen muss. Doch schon damals bekam mein Bild der Ern&auml;hrungslehre einen ersten Knick, als ich lernte, dass der Cholesterinspiegel nach verschiedenen Untersuchungen durch die Ern&auml;hrung kaum beeinflussbar ist, da 80 % des Cholesterins vom K&ouml;rper selbst gebildet wird.<!--more--><\/p>\n<p>Heute wei&szlig; ich, dass Ern&auml;hrungslehre ein zwiegespaltenes Fach ist. Da ist zum einen die naturwissenschaftliche Grundlage. Man lernt viel &uuml;ber die biochemischen Vorg&auml;nge in den Zellen, die Stoffwechselkreisl&auml;ufe. Hier ist die Schnittstelle zur Lebensmittelchemie, wo dies auch mit zur Ausbildung geh&ouml;rt. Dazu kommen medizinische Grundlagen, &uuml;ber hormonelle Regelungen, Funktionen von Organen. Auch das ist alles naturwissenschaftlich gesichert.<\/p>\n<p>Doch was die Menschen interessiert ist doch etwas anderes: Ratschl&auml;ge f&uuml;r die Ern&auml;hrung, Ratschl&auml;ge zur Verh&uuml;tung von Krankheiten oder wie man alt wird und gesund bleibt. Das erschreckende das ich in den letzten Jahren hier lernen musste: Im naturwissenschaftlichen Sinn ist alle was hier so verbreitet wird nicht gesichert, mit einigen Ausnahmen. Warum? Nun man kann sicher in Zellkulturen und Tierversuchen Experimente anstellen wie einzelne Stoffe wirken. Doch &uuml;ber den Menschen sagt dies nichts aus und im Tierversuch bekommen die M&auml;use ein so eint&ouml;niges Essen, dass man schon deswegen keine Erkenntnisse &uuml;bertragen kann.<\/p>\n<p>Wenn man nun einzelne Menschen untersucht oder eine kleine Gruppe, dann ist man mit der individuellen Streuung der Menschen konfrontiert. Als extremes Beispiel: Jeder von uns kennt jemand in seinem Bekanntenkreis, der futtern kann bis zum Abwinken und nicht dick wird. Einer meiner Kollegen geh&ouml;rt dazu. Der verdr&uuml;ckt bei einer Feier ohne Problem 5 Paar Wiener W&uuml;rstchen und ist spindeld&uuml;rr. Das gilt f&uuml;r nahezu alles : Ob bestimmte Substanzen gesund sind wie Rotwein, Fisch&ouml;l oder gelbe R&uuml;ben bis hin zu einem ganzen Ern&auml;hrungsstill.<\/p>\n<p>Man wei&szlig; nat&uuml;rlich wie man solche Ergebnisse gewinnen kann: Man braucht ein sehr gro&szlig;es Kollektiv (mehrere Tausend Personen), diese m&uuml;ssen &uuml;ber Jahre dann sich entweder &#8222;durchschnittlich&#8220; ern&auml;hren oder eine bestimmte Ern&auml;hrung durchhalten deren Einfluss man bestimmen will. Bei Cholesterin hat man sich diese M&uuml;he gemacht und festgestellt, dass das Cholesterin in der Nahrung keinerlei Einfluss auf die Neigung zu Herz- \/ Kreislauferkrankungen hat. Dabei dauerte diese Studie &uuml;ber ein Jahrzehnt.<\/p>\n<p>Viel schwieriger ist es dann eine Ern&auml;hrungsform als gut oder schlecht zu beurteilen. Dazu m&uuml;sste man dann Menschen &uuml;ber ihr Leben lang beobachten. Diese M&uuml;he wird gerne gescheut und dann gerne epidemiologische Untersuchungen gemacht. Das bedeutet man sieht sich die statistischen Zahlen f&uuml;r ganze L&auml;nder an. Wer zum Beispiel beweisen will, das Rotwein sehr gesund ist, vergleicht die Erkrankungen in einem bestimmten Land wo viel Rotwein getrunken wird mit einem wo dies nicht der Fall ist. Doch auch das ist keine verl&auml;ssliche Aussage. Zum einen unterscheiden sich nat&uuml;rlich die L&auml;nder nicht nur im Rotweinkonsum. In Italien isst man auch sonst anderes als bei uns. Zum anderen ber&uuml;cksichtigt dies nicht wie die Menschen leben &#8211; und auch dies unterscheidet sich von Land zu Land. Dass dies einen gravierenden Einfluss hat, zeigten chinesische Auswanderer in die USA. Die Neigung zu bestimmten &#8222;Zivilisationskrankheiten&#8220; ist in China geringer als bei uns. Bei Einwanderern aus China in den USA gibt es diesen Unterschied nicht, obwohl diese in der Regel ihrer chinesischen Ern&auml;hrung treu bleiben.<\/p>\n<p>Was bleibt? Gesichert sind wenige Erkenntnisse: Obst und Gem&uuml;se ist gesund. Wenig Essen ist ges&uuml;nder als mehr Essen. Das war&#8217;s auch schon. Das ist frustrierend f&uuml;r jemanden wie mich, der gerne gesicherte Erkenntnisse hat, der unter Wissenschaft ein Ger&uuml;st aus Behauptungen und Theorien versteht, die man jederzeit experimentell nachpr&uuml;fen kann. Ich mag Sicherheit, ich mag Reproduzierbarkeit, ich mag es gar nicht, wenn etwas was man Jahrzehnte lang als gesicherte Erkenntnis mir verkauft, in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine schlecht durchgef&uuml;hrte Untersuchung eines Arztes vom Anfang des letzten Jahrhunderts, die einfach f&uuml;r viele logisch klang und die niemand hinterfragt hat.<\/p>\n<p>Kurzum: Ich w&auml;re mit Ern&auml;hrungslehre als Fach nicht gl&uuml;cklich geworden. So gesehen war das Ausweichfach Lebensmittelchemie doch die bessere Wahl. Zumal man auch immer damit mit anderen ins Gespr&auml;ch kommt. So gesehen hat sich das Studium gelohnt, auch wenn ich nun seit 10 Jahren was anderes mache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe k&uuml;rzlich jemanden einen Rat f&uuml;r sein Studium gegeben und dabei als Beispiel, wie man es nicht machen sollte mal meinen etwas turbulenten und nicht gerade zielgerichteten Lebenslauf reflektiert. Das sch&ouml;ne an solchen Reflektionen ist dass man in der Retroperspektive neue Erkenntnisse gewinnt und manches anders sieht als fr&uuml;her. 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