{"id":11292,"date":"2015-10-01T16:45:21","date_gmt":"2015-10-01T14:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11292"},"modified":"2015-10-01T16:45:21","modified_gmt":"2015-10-01T14:45:21","slug":"bringt-es-die-private-oder-kommerzielle-raumfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/10\/01\/bringt-es-die-private-oder-kommerzielle-raumfahrt\/","title":{"rendered":"Bringt es die &#8222;private&#8220; oder &#8222;kommerzielle&#8220; Raumfahrt?"},"content":{"rendered":"<p>Das COTS\/CRS Programm galt ja als Beispiel f&uuml;r einen neuen Stil: die NASA konstruiert keinen Versorger, sondern leistet erst Sch&uuml;tzenhilfe (COTS) und dann kauft die Frachtservices mit dem im Schritt 1 finanzierten Versorger. Mittlerweile denkt man nach zwei Fehlstarts von zwei Raumschiffen vielleicht nicht ganz so optimistisch, doch immerhin hat sie das beim CCDev weiter gezogen.<!--more--><\/p>\n<p>Nun werden da immer gerne einige Begriffe in den Raum geworfen und nicht nur von Journalisten kleinerer Zeitungen, sondern sogar vom Heute Journal aufgegriffen, wie das der &#8222;privaten&#8220; Raumfahrt. Das ist COTS und CRS genauso wenig wie die Firmen die es durchf&uuml;hren. Es ist nur ein Verzicht auf Kontrolle. Schon fr&uuml;her hat die NASA Raumfahrzeuge in Auftrag gegeben. Die meisten Raumsonden baut Lockheed Martin, die meisten ISS-Module Boeing. Nur in der Anfangszeit bauten die Center ihre Raumsonden selbst. Bei Satelliten wanderte dies schnell in die Industrie ab und bei den Raketen konnte nur Wernher von Brauns starke Pers&ouml;nlichkeit durchsetzen, dass die Saturn von dem Marshall-Zentrum entwickelt wurden und die Industrie dann die Fertigung &uuml;bernahm. Ein wie ich finde guter Ansatz das Know-How breiter zu streuen und dann bleibt es nicht nur im Firmenbesitz sondern auch die NASA hat was davon.<\/p>\n<p>Was neu ist, ist dass die NASA nun nur noch die &#8222;Nutzlast&#8220; sprich Fracht spezifiziert. Wie diese zur ISS kommt, ist dann Sache der Firma. Eigentlich ist das nicht so ungew&ouml;hnlich denn auch sonst besch&auml;ftigt der Staat viele firmen vor allem mit Bauvorhaben und gibt dann zwar die Baupl&auml;ne dem Auftragnehmer, mischt sich aber nicht in die Durchf&uuml;hrung ein. Auch im Wissenschaftsbetrieb entwickeln zwar Institute neue Instrumente aber die restliche Laboreinrichtung und das Geb&auml;ude konstruieren sie nicht selbst.<\/p>\n<p>W&auml;re das nicht ein Konzept das man auch auf wissenschaftliche Nutzlasten wie Satelliten und Raumsonden ausdehnen k&ouml;nnte? Nehmen wir an, die NASA will Bodenproben vom Mars gewinnen und dies wird wie COTS\/CRS ausgeschrieben. Das k&ouml;nnte dann so aussehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Transport von mindestens 10 Bodenproben im Gewicht von 25 kg in einem Zeitraum von 1200 Tagen zur&uuml;ck zur Erde.<\/li>\n<li>Mitf&uuml;hrung von x kg Instrumenten mit einer Datenrate von y Gbit\/s.<\/li>\n<li>T&auml;glich stehen z Stunden zur Voruntersuchung von Bodenproben zur Verf&uuml;gung<\/li>\n<li>Proben aus einem Radius von a km gewinnen<\/li>\n<\/ul>\n<p>etc. etc. etc. In Wirklichkeit werden Die Anforderungen als Lastenheft nat&uuml;rlich viel detaillierter sein. Der Staat selbst entwickelt an den wissenschaftlichen Instituten nur noch die Instrumente, die dann an den Auftragnehmer zur Integration &uuml;bergeben werden.<\/p>\n<p>Wie die Raumsonde aussieht ist dessen Sache, ebenso, wenn man es konsequent macht, auch der Start. Das er&ouml;ffnet Chancen so kann ein Unternehmen das zwar Raumsonden fertigen kann aber keine Tr&auml;gerraketen im Portfolio hat (in Deutschland z.B. OHB) eine g&uuml;nstige Tr&auml;gerrakete auf dem freien Markt ordern. Es bietet sich an wie bei kommerziellen Satelliten eine &Uuml;bergabe nach dem Start durchzuf&uuml;hren. Bei Raumsonden sowieso, da nur die Raumfahrtagenturen &uuml;ber die Hochleistungsempf&auml;nger verf&uuml;gen. Bei Satelliten w&auml;re auch denkbar, dass das Unternehmen diese weiter betreut, schlie&szlig;lich kennt sie sie am besten und nur noch die Daten von den Raumfahrtagenturen empfangen werden.<\/p>\n<p>Neben dem potentiellen Nutzen der Kostenersparnis, die alleine dadurch gegeben ist, dass ein beauftragtes Unternehmen mehr Freiheiten in der Auslegung und Wahl der Subkomponenten hat als wenn diese Parameter von der Raumfahrtagentur vorgegeben werden ist f&uuml;r den Kunden vor allem Planungssicherheit gegeben: Bezahlt wird nach dem Start. Das Risiko eines Fehlstarts tr&auml;gt der Auftragnehmer (der wird es wiederum durch Versicherung absichern).Es kommt nicht nach einem Fehlstart zum Verschieben oder streichen anderer Projekte weil man die Sonde nachbauen muss.<\/p>\n<p>Prinzipiell m&uuml;sste das auch bei milit&auml;rischen Nutzlasten gehen, denn auch diese sind eigentlich normale Satelliten nur mit einer &#8222;besonderen&#8220; Nutzlast und Verschwiegenheit gibt es schon heute bei dem Bau, die kann man auch in Zukunft von einem Auftragnehmer erwarten.<\/p>\n<p>Langfristig w&uuml;rden sich zwei Entwicklungen ergeben: Kleinere Raumfahrtfirmen h&auml;tten bessere Chancen. Heute wird oft ein Komplettpaket gekauft. Der Auftrag f&uuml;r ein Raumfahrzeug wird oft mit dem des Starts verbunden, was Firmen die Tr&auml;gerraketen fertigen, bevorzugt. Als zweites w&uuml;rde die Konkurrenz bei den Anbietern von Tr&auml;gern gr&ouml;&szlig;er werden. Heute k&ouml;nnen sich die meisten Tr&auml;ger einer Basisauslastung durch Regierungsstarts freuen. Es ist dann auch nicht gesagt, dass der Tr&auml;ger aus dem Land der Nutzlast kommt. In dieser Beziehung ist schon lange Deutschland Vorreiter: wir haben schon immer die billigsten Tr&auml;ger gebucht, egal woher sie kamen wie eine Delta f&uuml;r den Start von Kopernikus, Kosmos f&uuml;r den Start von SAR-Lupe oder eine Falcon 9 f&uuml;r den Start von SARAH.<\/p>\n<p>Soweit die Theorie. doch funktioniert es bei COTS\/CRS?<\/p>\n<p>Nun man kann dieses Programm mit dem HTV-Programm vergleichen. Beides sind in den Eigenschaften sehr &auml;hnliche Transporter, beide wurden neu entwickelt. Hier die Fakten:<\/p>\n<p>COTS kostete 784 Millionen Dollar (geplant: 448 Millionen Dollar)<\/p>\n<p>CRS wird nach dem Haushaltsentwurf f&uuml;r 2015 4330 Millionen Dollar kosten (geplant: 3500 Millionen Dollar)<\/p>\n<p>Zusammen: 5114 Millionen Dollar f&uuml;r 40.000 kg Fracht. Zu ber&uuml;cksichtigen ist, das sowohl Orbital wie auch SpaceX noch eine neue Tr&auml;gerrakete entwickeln. Deren Kosten muss man abziehen (auch wenn die Antares nur f&uuml;r Cygnusmissionen genutzt wird, genauso wie die H-IIB nur f&uuml;r HTV Transporte). Das w&auml;ren 600 Millionen bei Orbital (inklusive Launchpad) und 300 Millionen bei SpaceX, die keine Kosten f&uuml;r das Launchpad ausweist. In der Summe sind das 4224 Millionen Dollar f&uuml;r 40 t Fracht.<\/p>\n<p>Die HTV Entwicklung kostete 740 Millionen Dollar. Der erste Transporter kostete 240 Millionen Dollar, die folgenden 180 Millionen Dollar. Dazu kommen weitere Kosten f&uuml;r die H-IIB. Die ersten f&uuml;nf HTV kosteten zusammen 1524 Millionen Dollar. Sie transportierten 26,2 t Fracht zur ISS. Im Mittel 5240 kg pro Mission<\/p>\n<p>Somit braucht man acht HTV um die 40 t Fracht zu transportieren. Das w&uuml;rde Kosten von 3308 Millionen Dollar verursachen. Acht HTV w&uuml;rden mit 41,92t sogar etwas mehr Nutzlast transportieren. Das HTV-Programm ist damit um 26% g&uuml;nstiger als COTS\/CRS. (pro Kilogramm Fracht)<\/p>\n<p>Erstaunt? Nein eigentlich nicht. Der Effekt beruht auf der Auslegung. Das HTV kann bis zu 6,5 t transportieren, die Cygnus wird im Mittel nur 2,5 die Dragon sogar nur 1,7 t transportieren. Jeder Transporter braucht ein Servcemodul dessen Kosten nicht so stark von der Gr&ouml;&szlig;e abh&auml;ngen, weil Triebwerke, Tanks, Elektronik etc. immer ben&ouml;tigt werden. Das bedeutet: ein gr&ouml;&szlig;erer Transporter braucht nur einen gr&ouml;&szlig;eren Druckbeh&auml;lter und der ist billig. Bei der Cygnus macht er nur 10% der Gesamtkosten aus. So hat Orbital nun zwei Starts auf einer Atlas gebucht und jeder wird mit einem verl&auml;ngerten Druckmodul, weil die Tr&auml;gerrakete leistungsf&auml;higer ist, die doppelte Nutzlast transportieren also zwei regul&auml;re Fl&uuml;ge ersetzen. Das ist billiger und die GAO monierte bei der NASA dass man dort die so eingesparten Kosten in H&ouml;he von 85 Millionen Dollar nicht vom Kontrakt abgezogen hat.<\/p>\n<p>Allerdings ist der CRS Kontrakt auch nicht das Konstrukt das ich oben erw&auml;hnte. Denn die NASA bezahlt nicht die Fracht die zur ISS geliefert wird. Das hatte ich selbst irrt&uuml;mlicherweise lange Zeit geglaubt. Wie bei einem kommerziellen Nachrichtensatelliten wird der Start st&uuml;ckweise bezahlt bis nach dem Start die letzte Rate f&auml;llig ist Orbital hat bisher schon 1,9 Milliarden Dollar von der NASA bekommen, von insgesamt 2738 Millionen Dollar, obwohl noch die H&auml;lfte der Fl&uuml;ge ausstehen. Was die NASA einspart ist nur die letzte Rate. Das ist auch bei Nachrichtensatelliten so, nur sind die eben gegen Fehlstarts versichert.<\/p>\n<p>So hat bei CRS die NASA nur Kontrolle abgegeben, aber das Risiko behalten. Gut f&uuml;r die Anbieter, schlecht f&uuml;r die NASA, denn so wird der CRS Kontrakt noch teurer, denn die beiden Fehlstarts m&uuml;ssen ja ersetzt werden. Wenn man also wirklich Transporte ausschreiben will, dann auch richtig: nicht nur so dass die Regierungsbeh&ouml;rden das Risiko tragen, die Anbieter aber die Pr&auml;mien in jedem Falle einstreichen. Das ist nat&uuml;rlich nicht der Zustand der erstrebenswert ist. Der erstrebenswerte Zustand ist die Haftung des Auftragnehmers f&uuml;r die Erbringung der Leistung. Er kann in der Raumfahrt ja meistens nicht &#8222;nachbessern&#8220; wie dies bei anderen Auftr&auml;gen der Fall ist. Dann muss er sich gegen die Risiken versichern. Dies ist ja in der Raumfahrt auch sonst nicht so un&uuml;blich.<\/p>\n<p>Ich bin mir aber sicher, dass es nicht so kommen wird. Denn das die &ouml;ffentliche Hand sich gerne &uuml;ber den Tisch ziehen l&auml;sst sieht man ja auch sonst dauernd. Das Schwarzbuch der Steuerverschwendungen das gerade erschienen zeigt das deutlich. Dann gibt es prominente Projekte die extrem teuer oder nie fertig werden (oder beides wie gerade beim Flughafen BER wo man 600 Brandschutzmauern rausreisen muss weil sie nicht gegen Brand sch&uuml;tzen). Gerade die &ouml;ffentlich-privaten Projekte die derzeit so florieren, das die meisten die &ouml;ffentliche Hand mehr kosten als konventionelle Auslegungen zeigen das das Konzept &#8222;Privat ist besser&#8220; alleine so nicht stimmt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ce959eccb9614caab23034ade7629652\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das COTS\/CRS Programm galt ja als Beispiel f&uuml;r einen neuen Stil: die NASA konstruiert keinen Versorger, sondern leistet erst Sch&uuml;tzenhilfe (COTS) und dann kauft die Frachtservices mit dem im Schritt 1 finanzierten Versorger. 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