{"id":11365,"date":"2015-11-11T17:13:13","date_gmt":"2015-11-11T16:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11365"},"modified":"2015-11-11T17:13:40","modified_gmt":"2015-11-11T16:13:40","slug":"die-satellitenentsorgung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2015\/11\/11\/die-satellitenentsorgung\/","title":{"rendered":"Die Satellitenentsorgung"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt es in den Medien zur Diskussion &uuml;ber das Risiko durch Weltraumm&uuml;ll. Tatsache ist, es wird immer mehr. Inzwischen gibt es schon internationale Vereinbarungen zu dessen Reduktion, aber keine verpflichtende. Die sehen vor, dass erdnahe Satelliten am Ende ihrer Betriebszeit ihre Bahn insoweit absenken, dass sie innerhalb von 25 Jahren vergl&uuml;hen. Das bedeutet die Bahn wird auf 500 &#8211; 600 km H&ouml;he abgesenkt je nach Gr&ouml;&szlig;e des Satelliten und seines Luftwiderstands.<\/p>\n<p>Doch es gibt jede Menge Satelliten die nicht mehr in Betrieb sind und in deutlich h&ouml;heren Bahnen ihre Kreise ziehen. Die fr&uuml;hen Wettersatelliten der NOAA umkreisten die Erde in 1300 bis 1400 km H&ouml;he. Die ersten Landsat in 910 km H&ouml;he. In einem vereinfachten Modell errechne ich f&uuml;r die ersten Landsats bei 10 m\u00b2 Oberfl&auml;che und 910 kg Gewicht in 600 km H&ouml;he eine Lebensdauer von etwa 33 Jahre, in der H&ouml;he von 912 km in denen sie aber operieren, aber rund 2400 Jahre.<!--more--><\/p>\n<p>Es gibt noch jede Menge dieser Objekte im Orbit. Nimmt man die Daten von Jonathan Mc. Dowell sind von 1418 Objekten die jemals in einen Orbit zwischen 700 und 1450 km H&ouml;he gestartet wurden bis auf 22 noch alle im Orbit. Drei sind nat&uuml;rlich vergl&uuml;ht (Ballonsatelliten), 19 wurden deorbitiert (milit&auml;rische Satelliten).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/weltraummuell-orbit.png\" alt=\"\" width=\"1252\" height=\"545\" \/><\/p>\n<p>Gl&uuml;cklicherweise r&uuml;cken heutige Satelliten oftmals n&auml;her an die Erde heran. Das betrifft vor allem die Erdbeobachtungssatelliten. ESA&#8217;s Metpop z.B. in nur noch 800 bis 820 km H&ouml;he, viele Erderkundungssatelliten in nur noch 500 bis 600 km H&ouml;he, wo sie ohne das man etwas tut ohnehin in einigen Jahrzehnten vergl&uuml;hen. Doch die Altlasten bleiben. Zudem kann ein Satellit jederzeit ausfallen, so wie dies Envisat tat bevor man seine Bahn absenken konnte, was wenige Jahre sp&auml;ter geplant war, wenn die Nachfolgegeneration an Erdbeobachtungssatelliten im Einsatz ist.<\/p>\n<p>Wenn man den Weltraumm&uuml;ll reduzieren will wird man sicher mit den Satelliten anfangen. Daf&uuml;r gibt es zwei gute Gr&uuml;nde: Sie sind gr&ouml;&szlig;er und schwerer. Die Kollision ist um so wahrscheinlicher je gr&ouml;&szlig;er ein Objekt ist und Satelliten mit ausladenden Solarzellenfl&auml;chen oder SAR-Antennen bieten nun mal ein gr&ouml;&szlig;eres Ziel als ein Bruchst&uuml;ck. Zudem ist die Zahl der Teile die eine Kollision erzeugt so auch gr&ouml;&szlig;er. Zudem ist es kleiner ein gro&szlig;es Objekt zu finden und an es anzukoppeln.<\/p>\n<p>Ich will mal skizzieren wie so was effizient vonstatten gehen k&ouml;nnte. Dabei beschr&auml;nke ich mich auf den erdnahen Raum. Das hat zwei Gr&uuml;nde: Der Aufwand wird um so gr&ouml;&szlig;er je weiter entfernt der Satellit von der Erde ist, da man immer mehr Treibstoff braucht um die h&ouml;here Bahn zu erreichen. Gottseidank sind die die meisten Satelliten in noch erreichbaren erdnahen Bahnen. Daneben findet man dort auch noch die Raketenstufen, die sie in den Orbit gebracht haben.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine zweite dichter bev&ouml;lkerte Region: die geostation&auml;re Umlaufbahn. Dort ist die Taktik eine andere: man verschiebt mit dem Resttriebstoff den Satelliten in eine h&ouml;here Umlaufbahn, einen &#8222;Friedhofsorbit&#8220;. Damit ist er weit genug von den geostation&auml;ren Satelliten entfernt. W&uuml;rde man ihn nach innen verschieben, so k&ouml;nnten Raketenstufen die in der geostation&auml;ren &Uuml;bergangsbahn verbleiben ihn treffen. F&auml;llt hier ein Satellit aus so kann er zwar auch mit anderen kollidieren, doch da sich alle Satelliten auf einer Umlaufbahn befinden sind die Relativgeschwindigkeiten klein. Sie sind aber gegeben, da die ungleichm&auml;&szlig;ige Form der Erde die Satelliten in Gravitationssenken bugsiert.<\/p>\n<p>Etwa halb so viele Objekte tummeln sich in 19.000 km H&ouml;he, dem Navstar Orbit. F&uuml;r sie gilt das gleiche wie bei dem geostation&auml;ren Orbit.<\/p>\n<p>Ein System das Satelliten also in einen ungef&auml;hrlichen Orbit bringt, w&uuml;rde wohl vor allem in sonnensynchronen Orbits &uuml;ber 600 km eingesetzt werden, bis in etwa 1400 km H&ouml;he. Dort gibt es etliche Objekte, insgesamt &uuml;ber 1500. Die meisten komischerweise in der h&ouml;chsten Bahn, fast 500 bewegen sich zwischen 1400 und 1500 km H&ouml;he, 80% davon wurden durch Russland gestartet. Es handelt sich um kleine Strela Satelliten die vergleichsweise wenig wiegen und daher vielleicht nicht die erste Wahl sind wenn man an die Beseitigung des M&uuml;lls geht.<\/p>\n<p>Vieles was man dazu braucht wird schon entwickelt. So testete die DLR beim letzten ATV Sensoren die eine Ankopplung an &#8222;unkooperative Objekte&#8220; erm&ouml;glichen: Das ATV kann an die ISS deswegen ankoppeln, weil diese Reflektoren f&uuml;r Laserstrahlen hat. Sie erm&ouml;glichen eine pr&auml;zise Ausrichtung der beiden Objekte. Netterweise rotiert oder taumelt die ISS auch nicht. Bei einem alten Satelliten oder eine Raketenstufe ist dem nicht so. Immerhin kann ,man die neuen Sensoren auf Basis von Infrarotkameras zur automatischen Ann&auml;herung nutzen, auch wenn man sicher das Einfangen manuell steuern wird.<\/p>\n<p>Neben dem Ankoppeln wird die zweite Hauptaufgabe das Einfangen sein. Daf&uuml;r gibt es verschiedene Methoden. Das Einhaken wurde vorgeschlagen, doch geht das nur wenn man irgendwo einhaken kann z.B. in einen Apog&auml;umsmotor oder die D&uuml;se einer Raketenstufe. Dieser hat eine konische Form mit einer Verengung, dem D&uuml;senhals. Dort ist das m&ouml;glich. Gedacht wurde daran weniger zur M&uuml;llentsorgung als vielmehr zum Ersetzen der Steuerung durch chemischen Treibstoff bei Satelliten die ansonsten noch gut funktionieren. Bei den meisten Satelliten scheidet das Aus. Man kann sicher sich an den Solarpaneelen einhaken, doch wird man so bei einem Schubman&ouml;ver den Satelliten in Rotation bringen wenn es nur an einer Stelle erfolgt. Mehrere Haken sind allerdings komplex, sie m&uuml;ssen ja &uuml;berall passen. Denkbar w&auml;re dann wohl eher ein &uuml;berdimensionierter Greifer, der mehrere flexible Glieder hat.\u00a0 Die Verbindung muss (das gilt auch f&uuml;r die anderen Methoden) keine gro&szlig;en Kr&auml;fte aushalten. Chemische Raketentriebwerke haben 10 bis 500 N Schub, entsprechend auf der Erde dem Gewicht von 1 bis 50 kg. Ionentriebwerke liegen unter 1 n und damit ist die Kraft der Gewichtskraft einer Tafel Schokolade vergleichbar.<\/p>\n<p>Eine zweite L&ouml;sung war ein Netz. Das klingt zuerst besser, es verhakt sich automatisch an Ecken oder herausstehenden Teilen. Bei mehreren Positionen h&auml;lt es auch obwohl es flexibel ist. Das Problem ist das aber das Gespann rotieren kann oder sogar taumeln weil das Netz nur locker den zweiten Satelliten an den ersten bindet. Zudem muss man die Verbindung wieder trennen und das ist bei einem Netz komplizierter als nur die Haken wieder zu entspannen. Jedes Netz ist zudem ein Verlustger&auml;t. Da man mehr als eine Nutzlast deorbitieren wird, ist das nicht von Vorteil.<\/p>\n<p>Dieses Manko hat auch eine Methode die nach einem Film schon bei der ESA erprobt wird &#8211; eine Harpune wird auf den Satelliten geschossen und verhakt sich dort. Sofern das geht, ohne weitere Bruchst&uuml;cke freizusetzen, klingt das gut. Das Problem beginnt bei der Bewegung, wo die nicht starre Leine zu einer Bewegung der beiden Satelliten zueinander f&uuml;hrt. Die Leine kann sich so am &#8222;Bugsiergef&auml;hrt&#8220; verhaken, aber auch dieses ins Taumeln bringen. Die L&ouml;sung w&auml;re keine Leine sondern ein flexibler Stab, der aus einzelnen vorher gefalteten Gliedern besteht die beim Ausfahren mit Scharnieren einschnappen und dann einen festen Stab bilden oder meine Idee: Man f&uuml;hrt eine dickere Leine mit, in deren Mitte ein Kern aus UV-h&auml;rtendem Kunststoff steckt so was wie das was f&uuml;r die Zahnf&uuml;llungen genutzt wird. Unter der solaren UV-Strahlung wird der Kern hart und die Verbindung damit steif.<\/p>\n<p>Ein Vehikel wird nat&uuml;rlich mehrfach eingesetzt werden m&uuml;ssen. Sonst w&auml;re es nicht rentabel. Einen Satelliten starten um einen zweiten abzuschleppen ist nicht rentabel. Da bei jedem Transfer Treibstoff verbraucht wird kann man leicht ausrechnen das man mit chemischen Treibstoff nur wenige Transfers absolvieren kann. Andererseits kann bei der heutigen Lebensdauer im Orbit ein solches Gef&auml;hrt sicher 10 Jahre arbeiten. Ionentriebwerke k&ouml;nnten w&auml;hrend der gr&ouml;&szlig;ten Teils dieser Zeit betrieben werden und so sehr viele Bahntransfers erm&ouml;glichen. Rechnet man nur 50% der Zeit als Betriebszeit f&uuml;r ein Ionentriebwerk, so kann man leicht ausrechnen, dass man so enorm viel Treibstoff verbrennen kann.<\/p>\n<p>Man wird mehrere Vehikel einsetzen. Der Grund liegt in folgendem Diagramm<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/sso-inklination.png\" alt=\"\" width=\"839\" height=\"433\" \/><\/p>\n<p>1\u00b0 Inklinations&auml;nderung kostet 1,7% der Bahngeschwindigkeit. Wenig, aber es kommt zur Geschwindigkeitsdifferenz hinzu. Innerhalb derselben Bahnh&ouml;he ist die Inklination aber gleich. Zudem wurden fr&uuml;her viele Satelliten in gleiche Orbits gestartet. ein Gef&auml;hrt kann so in einer Bahnh&ouml;he mehrere Satelliten nacheinander entsorgen ohne die Inklination anzupassen. Eine Gef&auml;hrt dass sowohl 700 km wie 1400 km Bahnh&ouml;he bedient w&uuml;rde, m&uuml;sste zus&auml;tzlich die Bahnneigung um 3.241 Grad anheben. Das sind 404 m\/s zus&auml;tzlich zu den 426 m\/s um die Bahn abzusenken.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich braucht man um so mehr Treibstoff je h&ouml;her die Geschwindigkeitsdifferenz und damit die Orbith&ouml;he ist, das zeigt folgende Tabelle:<\/p>\n<table class=\"auto-style1\" style=\"width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>H&ouml;he [km]<\/th>\n<th>Kreisbahngeschwindigkeit [m\/s]<\/th>\n<th>Geschwindigkeitsdifferenz zu 550 km H&ouml;he [m\/s]<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>700<\/td>\n<td>7504 m\/s<\/td>\n<td>81 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>800<\/td>\n<td>7452<\/td>\n<td>133 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>900<\/td>\n<td>7400<\/td>\n<td>185 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1000<\/td>\n<td>7350<\/td>\n<td>235 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1100<\/td>\n<td>7301<\/td>\n<td>284 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1200<\/td>\n<td>7252<\/td>\n<td>333 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1300<\/td>\n<td>7205<\/td>\n<td>380 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1400<\/td>\n<td>7159<\/td>\n<td>426 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1500<\/td>\n<td>7113<\/td>\n<td>472 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Ich habe 550 km Endh&ouml;he (nach dem Herunterholen) angenommen, da aus dieser H&ouml;he auch bei kleineren Solarzellen ein Satellit noch innerhalb von 25 Jahren deorbitiert, das entsprecht den internationalen Vereinbarungen. Gleichzeitig reduziert es den Treibstoffbedarf und das Gef&auml;hrt selbst das Ionenantriebe einsetzt und damit gro&szlig;e Solarzellenausleger hat, wird nicht zu stark abgebremst.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil will ich ein Beispiel f&uuml;r ein solches Gef&auml;hrt vorrechnen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/e97e0be5a6d743049e0588e213f916b3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt es in den Medien zur Diskussion &uuml;ber das Risiko durch Weltraumm&uuml;ll. Tatsache ist, es wird immer mehr. Inzwischen gibt es schon internationale Vereinbarungen zu dessen Reduktion, aber keine verpflichtende. Die sehen vor, dass erdnahe Satelliten am Ende ihrer Betriebszeit ihre Bahn insoweit absenken, dass sie innerhalb von 25 Jahren vergl&uuml;hen. 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