{"id":11588,"date":"2016-04-01T00:21:22","date_gmt":"2016-03-31T22:21:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11588"},"modified":"2016-04-04T13:01:12","modified_gmt":"2016-04-04T11:01:12","slug":"eine-verpasste-chance-die-gestrichene-sls-nutzlast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/04\/01\/eine-verpasste-chance-die-gestrichene-sls-nutzlast\/","title":{"rendered":"Eine verpasste Chance: die gestrichene SLS Nutzlast"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte eine Mission f&uuml;r den ersten Teststart der SLS keine gro&szlig;e Sache sein, doch wie jetzt bekannt wurde, war die Nutzlastwahl durchaus nicht so einfach.<\/p>\n<p>Alles fing mit einem Experiment an, das 2013 am Stanford Linear Accelerator Center (SLAC) durchgef&uuml;hrt wurde. Eine Forschergruppe der UA (University of Arizona), die auch an zahlreichen Experimenten von Raumsonden beteiligt ist und die F&uuml;hrung bei der 2008 gestarteten Phoenix Mission hatte, wollte die \u201eS<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/United_States_budget_sequestration_in_2013\">equestration<\/a>\u201c 2013 f&uuml;r ein Experiment nutzen. Der SLAC wurde damals gerade umgebaut f&uuml;r ein neues Experiment und mit der Zwangsbeurlaubung waren auch wenige Arbeiter vor Ort. Dies waren nach Ansicht der Forscher ideale Bedingungen f&uuml;r einen Test der interferometrischen Optik unter Weltraumbedingungen.<!--more--><\/p>\n<p>Interferometrie gibt es schon lange und in der Radioastronomie ist das eine weit eingesetzte Beobachtungstechnik. Das Grundprinzip ist recht einfach: Wenn zwei Teleskope oder Antennen X m voneinander entfernt sind und man die Signale zeitlich genau zuordnen kann, so kann man rechnerisch aus den beiden Signalen eines rekonstruieren, das einem Teleskop von X Metern Durchmesser entspricht. Das erprobte man zuerst bei Radioteleskopen, indem man die Signale &uuml;ber Leitungen in einem Punkt genau zwischen den beiden Antennen analog zusammenf&uuml;hrte. Sp&auml;ter, mit dem Aufkommen von Computern, installierte man bei den Empf&auml;ngern Atomuhren und zeichnete die Daten auf Band auf. Ein Rechner bekam dann die B&auml;nder mehrerer Antennen f&uuml;hrte die Signale gleicher Zeitstempel zusammen und berechnete nach mathematischen Verfahren (Fourier-Analyse und -synthese) das theoretische Bild. So konnte man schon in den Achtziger Jahren eine synthetische Antenne mit einem Durchmesser von mehreren Tausend Kilometern konstruieren, indem man Teleskope aus Europa und den USA zusammenschaltete.<\/p>\n<p>Bei Radioteleskopen klappt das sehr gut. Das liegt daran, dass sie nur einen Empf&auml;nger haben, also es nur einen \u201eBildpunkt\u201c pro Antenne gibt und Radiosignale werden zwar im Weltraum beeinflusst, nicht aber durch die Atmosph&auml;re. Soe erfassen alle Antennen die gleichen St&ouml;rungen und diese kompensieren sich. Optische Teleskope haben jedoch Sensoren die Tausende bis Millionen Bildpunkte haben und der Rechenaufwand potenziert sich so. Zudem verschmiert die Erdatmosph&auml;re das Bild. Mit adaptiver Optik kann man das reduzieren, aber nur f&uuml;r jeweils einen Spiegel nicht f&uuml;r die ganze L&auml;nge des Interferometers. Bisher gab es nur ein Teleskop, das Interferometrie erprobt, das Very Large Teleskope der ESO, bei dem die vier 8,2 m Spiegel zu einem 200-m-Teleskop zusammengefasst werden. Die technischen Herausforderungen sind jedoch so gro&szlig;, dass diese Technik nur selten und nur bei punktf&ouml;rmigen Quellen eingesetzt wurde. Immerhin hat man so Aufnahmen mit einer Aufl&ouml;sung von 4 Millibogensekunden erreicht, das entspricht einem Teleskop von 30 m Durchmesser. Theoretisch sollte die Aufl&ouml;sung bei der Basisl&auml;nge von 200 m sieben Mal besser sein, doch zeigt dies schon, das die Atmosph&auml;re einen Strich durch die Rechnung macht. Das VLT-Interferometer kann auch keine ausgedehnten Quellen untersuchen, sondern nur das Licht einzelner Sterne. Ein Bild kann man gewinnen, wenn man viele dieser Beobachtungen zusammensetzt. Das ist jedoch zeitintensiv und wird selten gemacht, weil jeder interferometrische Test alle vier Teleskope blockiert.<\/p>\n<p>Im Weltraum sollte die Erdatmosph&auml;re wegfallen, damit die wichtigste St&ouml;rgro&szlig;e. Es gab daher schon Vorschl&auml;ge f&uuml;r interferometrische Missionen wie den<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Terrestrial_Planet_Finder\"> Terrestial Planet Finder<\/a> (TPF). Aber neben Budgetproblemen gab es immer auch das Argument, dass man die Technik vielleicht erst mal im kleinen Ma&szlig;stab erproben sollte.<\/p>\n<p>Die UA-Forscher nahmen den Vorschlag auf und entwickelten einen Versuchsaufbau f&uuml;r einen Test. Die Zeit f&uuml;r den Test kam, als 2013 als eine Woche lang der SLAC zur Verf&uuml;gung stand. Sie brauchten eigentlich keinen Teilchenbeschleuniger, aber sie brauchten einen evakuierbaren Raum, der mindestens so lang ist, dass ein Teleskop ein scharfes Bild erzeugt. Das ist aber selbst bei einem kleinen Teleskop (die UA setzte 10\u201c-Spiegelteleskope mit 30,48 cm Durchmesser ein) erst bei einigen Hundert Metern Entfernung der Fall und einen so langen Raum, den man evakuieren kann, um den Weltraum zu simulieren, gibt es nicht so oft. Von der Woche, die man den SLAC nutzen konnte, brauchte man 5 Tage alleine f&uuml;r das Abdichten aller Zug&auml;nge und Luftsch&auml;chte und das Abpumpen der Luft. Daf&uuml;r gab es die Pumpen schon im SLAC. Dort halten sie die Rohre in den Beschleunigern frei. Den ganzen Raum konnten sie nur auf 10-12 Pa evakuieren, doch das reichte f&uuml;r ein Experiment aus. Mit zwei 30 cm Teleskopen die 2 m voneinander aufgestellt waren fotografierte man eine 1 m gro&szlig;e ge&auml;tzte Platte in 3 km Entfernung. Sie enthielt fotochemisch immer kleiner werdende Gravuren in einer Aluminiumplatte. Nach einer Nacht hatten die Laborrechner das Bild rekonstruiert. Es zeigte sich, dass man Gravuren erkennen konnten, die einer Aufl&ouml;sung von 0,08 Bogensekunden entsprachen, das entspricht der &Ouml;ffnung eines 1,5 m gro&szlig;en Teleskops, also 75% der Basisl&auml;nge oder zwei Strichen die 1,2 mm (1\/20 Zoll) voneinander entfernt waren.<\/p>\n<p>Nun pl&auml;dierte die UA f&uuml;r eine Erprobungsmission im Weltraum. Der erste Teststart der SLS ohne Nutzlast, nur um die Rakete zu erproben, offerierte hier eine M&ouml;glichkeit. Die UA schlug vor, zwei Teleskope von 60 bis 100 cm Durchmesser in den Weltraum zu bringen. Sie sollten durch zwei Gitterrohrmasten 20-24 m voneinander entfernt werden. Um Kosten zu begrenzen, nutzt man die gro&szlig;e Nutzlastverkleidung der SLS aus und montiert die Gitterohrradapter auf der Erde zusammen und klappt sie nur im Orbit auseinander, anstatt eine entfaltbare, teure und leichtere Konstruktion wie den entfaltbaren Mast wie bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nuclear_Spectroscopic_Telescope_Array\">NUSTAR<\/a> einzusetzen. Als Bus wurde ein kommerzieller Bus wie der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/GEOStar-2\">Geostar-2 Bus<\/a> von Orbital vorgeschlagen. Die Daten w&uuml;rden zur Erde &uuml;bertragen werden und mit einem Rechnercluster ausgewertet werden. Eine sp&auml;tere operationelle Mission sollte sie an Bord auswerten, wof&uuml;r man entweder GPU-Cluster oder maskenprogrammierte ASIC mit hardwareverdrahteten Algorithmen einsetzen w&uuml;rde. Die UA meinte eine solche Testmission w&auml;re mit 200 Millionen Dollar zu machen und w&uuml;rde nicht nur Ergebnisse liefern, die eine Entscheidung &uuml;ber die Technik vereinfachen, sondern auch nutzbringend eingesetzt werden k&ouml;nnen. Man w&uuml;rde ein Teleskop von mindestens 15 m &Auml;quivalentdurchmesser im Weltraum haben, und wenn auch die kleinen Teleskope nicht so lichtstark sind, g&auml;be es gen&uuml;gend Quellen, die man untersuchen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Das NASA Headquarter lehnte ab, die Budgetlage w&auml;re zu angespannt. Damit sich die UA nicht zufrieden. Sie konnte Fremdmittel vorweisen und durch Kooperationen vor allem mit Frankreich w&auml;ren die Instrumente auch billiger. Nun musste man bei der NASA Farbe bekennen und es zeigte sich, dass es gar keine Finanzierungsfrage war. Vielmehr hatten zwei der NASA-Zentren massiv gegen das Projekt Einw&auml;nde vorgebracht: das STSCi und das <a href=\"http:\/\/www.jpl.nasa.gov\/\">JPL<\/a>. Beim STSCi wurde darauf verwiesen, dass man gerade M&uuml;he habe die Finanzierung des JWST vom Kongress zu bekommen. Wenn nun eine neue Technik ein Teleskop mit viel gr&ouml;&szlig;erem Durchmesser zu einem Bruchteil der Kosten erm&ouml;glicht. Politiker w&uuml;rden nicht den Unterschied erkennen, dass das JWST z.B. im infraroten Spektralbereich arbeitet und der 6,5 m gro&szlig;e Spiegel es erlaubt, viel schw&auml;chere Objekte zu untersuchen. Man w&auml;re aber bereit nach einem Start des JWST das Projekt zu unterst&uuml;tzen.<\/p>\n<p>Viel mehr Gegenwind gab es vom JPL. Das JPL argumentierte, dass der Einsatz dieser Technologie der Tod f&uuml;r die meisten Raumsondeprogramme w&auml;re. Alle Missionen leben von Bildern. Neue Bilder, h&ouml;her aufgel&ouml;ste, spektakul&auml;re Bilder. Ein Interferometer im Orbit w&uuml;rde in einer ersten Version schon Bilder liefern, die bei den Planeten einer Aufl&ouml;sung von einigen Kilometern entsprechen. Das ist das, was Cassini oder Galileo von Saturn und Jupiter als Ergebnis liefern. Technisch m&ouml;glich w&auml;ren nach internen Untersuchungen aber auch getrennte Teleskope auf eigenen Satelliten, die mit Laserentfernungsmessung erheblich gr&ouml;&szlig;ere Abst&auml;nde zueinander einnehmen k&ouml;nnen, einige Kilometer w&auml;ren denkbar. Dann w&auml;ren aber praktisch alle geplanten Raumsondenprogramme mit Ausnahme von Landern &uuml;berfl&uuml;ssig. Es g&auml;be zwar genug weitere In Situ Messungen und auch die gro&szlig;en Datenmengen k&ouml;nnte man so nicht gewinnen, man sehe aber gro&szlig;e Probleme auch nur mittelgro&szlig;e Missionen, geschweige den Gro&szlig;missionen wie Europa Clipper dann noch finanziert zu bekommen.<\/p>\n<p>So wird die SLS nur Cubesats transportieren. Frankreich, das an den Planungen beteiligt war, denkt inzwischen aber &uuml;ber eine eigene Mission nach: LIBO (Large Interferometric BinOkular) soll der ESA als neue Mission beim n&auml;chsten Ministerratstreffen vorgeschlagen werden.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/fc68687e83b8417fa42d6fdb04c081af\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte eine Mission f&uuml;r den ersten Teststart der SLS keine gro&szlig;e Sache sein, doch wie jetzt bekannt wurde, war die Nutzlastwahl durchaus nicht so einfach. Alles fing mit einem Experiment an, das 2013 am Stanford Linear Accelerator Center (SLAC) durchgef&uuml;hrt wurde. 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