{"id":11709,"date":"2016-06-07T09:48:45","date_gmt":"2016-06-07T07:48:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11709"},"modified":"2016-06-07T09:50:13","modified_gmt":"2016-06-07T07:50:13","slug":"in-vier-jahren-zu-tschurri-anstatt-in-zehn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/06\/07\/in-vier-jahren-zu-tschurri-anstatt-in-zehn\/","title":{"rendered":"In vier Jahren zu Tschurri, anstatt in zehn"},"content":{"rendered":"<p>In meiner kleinen Serie &uuml;ber Ionentriebwerke will ich mal was neues versuchen und zwar untersuchen ob eine Mission vielleicht schneller oder besser mit Ionentriebwerken durchgef&uuml;hrt werden kann. Dabei will ich die Originalmission weitestgehend &uuml;bernehmen.<\/p>\n<p>Diesmal geht es um Rosetta. Rosettas Ziel ist der Komet 67P\/Churyumov-Gerasimenko. 67P oder &#8222;Tschurri&#8220;, da sich keiner den Doppelnamen merken kann. 67P geh&ouml;rt zu einer sehr h&auml;ufigen Klasse dem der von Jupiter umgelenkten Kometen (Jupiter Comet familiy JCF). Diese Kometen haben ein Perihel rund um Jupiters Bahn und eine niedrige Bahnneigung. Viele der bisher von Raumsonden besuchten Kometen, eigentlich alle au&szlig;er Halley geh&ouml;ren in diese Gruppe. Jupiter ist aber mit Ionentriebwerken zu erreichen, daher mein Ansatz Rosetta mit Ionentriebwerken neu zu simulieren. Hier die f&uuml;r die Simulation wichtigen Kerndaten:<\/p>\n<ul>\n<li>Rosetta wiegt beim Start 3011 kg<\/li>\n<li>Die Solarzellen wiegen 169,7 kg bei 7,1 kW Leistung<\/li>\n<li>der Treibstoff wiegt 1670 kg, das Gesamtsystem mit Tanks und Triebwerken 1841,5 kg.<\/li>\n<li>Rosetta gelangte beim Start in eine Bahn mit einer solaren &Uuml;berschussgeschwindigkeit von 3545 m\/s. Bei 150 Mill. km Startentfernung entspricht dies einer Geschwindigkeit von 33345 m\/s solar.<\/li>\n<li>67P\/Churyumov-Gerasimenko hat eine Bahn die um 6,4 Grad geneigt ist und zwischen 186 und 851 Mill. km von der Sonne entfernt verl&auml;uft.<\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mein Ansatz ist: Anstatt des chemischen Treibstoffsystems ein solarelektrisches System einzubauen. Idealerweise verbindet man es mit den Solarzellen der Sonne, so w&auml;re wegen der h&ouml;heren Leistung auch ein betrieb Rosettas im Aphel m&ouml;glich.<\/p>\n<p>So entfallen von der Originalsonde 1841,5 kg auf das Antriebssystem, diese kann man nutzen. Da die Solarzellen die gleichen wie bei Rosetta sein sollen, nehme ich deren BOL-Leistung von 41,5 W\/kg.<\/p>\n<p>Meine Simulation arbeitet nur in der X-Y Ebene. Um die Inklination von 6,4 Grad (Z-Eben) abzubauen habe ich daher zuerst eine Anhebung der Inklination vorgeschaltet. Das ist bei fehlender &Auml;nderung der Bahngeschwindigkeit leicht klassisch berechenbar. Ich habe einen spezifischen Impuls von 39.000 angenommen, in etwa in der Mitte des Bereiches den heute Ionentriebwerke haben (35.000 bis 43.000 m\/s). Man errechnet eine Geschwindigkeits&auml;nderung von 3722 m\/s. Bahntechnisch ist dies ung&uuml;nstig. Besser w&auml;re das &auml;ndern im Aphel, doch da hat man sehr wenig Leistung oder beim heraufspiralen. Dies senkt die Startmasse vor dem Anheben des Aphels von 3.011 auf 2.736 kg.<\/p>\n<p>Beim heraufspiralen steigt das Perihel ab. Die Strategie ist daher die Leistung solange zu erh&ouml;hen bis man beim Perihel in etwa in 67P Region kommt. So kam ich zu einer L&ouml;sung:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/rosetta-ionbahn.png\" alt=\"Bahn von Rosetta ionenbetrieben\" width=\"700\" height=\"750\" \/><\/p>\n<p>Simulationseinstellungen<br \/>\nMaximale Simulationsdauer: 13 J 255 d<br \/>\nVorgabe solare Startgeschwindigkeit: 34.344,0 m\/s<br \/>\nSimulationsdauer 219 d<br \/>\nSchrittweite: 50 s<br \/>\nEntfernung bei Sim-Ende 342,1 Mill. km<br \/>\nGeschwindigkeit bei Sim-Ende 22.808,5 m\/s<br \/>\nVorgabe Maximalentfernung: 851,0 Mill. km<br \/>\nStartbahn ist eine Ellipse<br \/>\nPerihel\/Perig&auml;um: 149,60 Mill. km<br \/>\nAphel\/Apog&auml;um: 296,42 Mill. km<br \/>\nGro&szlig;e Halbachse: 223,01 Mill. km<br \/>\nUmlaufszeit: 1 J 299 d<br \/>\nEndbahn ist eine Ellipse<br \/>\nPerihel\/Perig&auml;um: 186,30 Mill. km<br \/>\nAphel\/Apog&auml;um: 851,25 Mill. km<br \/>\nGro&szlig;e Halbachse: 518,78 Mill. km<br \/>\nUmlaufszeit: 6 J 168 d<br \/>\nIonentriebwerkseinstellungen<br \/>\nSchubrichtung: Parallel zum Bewegungsvektor<br \/>\nAbbruchbedingung der Simulation: Betrieb bis die Bahn das Zielaphel\/-Apog&auml;um &uuml;berschreitet<br \/>\nApo-Punkt: 851,0 Mill. km<br \/>\nBetrieb: Dauernder Betrieb<br \/>\nSchub wirkt in die Bahnrichtung<br \/>\nStartgewicht: 2.736,0 kg<br \/>\nAktuelles Gewicht: 2.346,9 kg<br \/>\nStromversorgung: 22.700,0 Watt @ 1 AE<br \/>\nEigenstromverbrauch: 400,0 Watt<br \/>\nSpezifischer Impuls: 39.000,0 m\/s<br \/>\nReine Betriebszeit: 219 d<br \/>\nMissionszeit mit Freiflugphase 3 J 104 d<br \/>\nDifferenz zur Kreisgeschwindigkeit bei 851,0 Mill.: 5.009,7 m\/s<br \/>\nGesamte Geschwindigkeits&auml;nderung: 5.983,1 m\/s<\/p>\n<p>Die Leistung von 22,7 kW ist fast das dreifache des Rosetta-Arrays. Daher habe ich in einem zweiten Schritt die Leistung auf 21,3 kW reduziert. Das vereinfacht die Konstruktion, man braucht einfach nur nochmals zwei Arrays wie die schon verbauten. Das muss man durch einen etwas geringeren spezifischen Impuls kompensieren, der den Treibstoffverbrauch erh&ouml;ht. Bei 36500 m\/s bekommt man eine L&ouml;sung, doch dann muss man das Startgewicht nochmals berechnen, da dieses mit einem spezifischen Impuls von 39.000 m\/s berechnet wurde. Man erh&auml;lt 2719 kg. Wiederholt man dies nochmals so kommt man auf die endg&uuml;ltige L&ouml;sung:<\/p>\n<p>Simulationseinstellungen<br \/>\nMaximale Simulationsdauer: 13 J 255 d<br \/>\nVorgabe solare Startgeschwindigkeit: 34.344,0 m\/s<br \/>\nSimulationsdauer 220 d<br \/>\nSchrittweite: 50 s<br \/>\nEntfernung bei Sim-Ende 343,0 Mill. km<br \/>\nGeschwindigkeit bei Sim-Ende 22.767,3 m\/s<br \/>\nVorgabe Maximalentfernung: 851,0 Mill. km<br \/>\nEndbahn ist eine Ellipse<br \/>\nPerihel\/Perig&auml;um: 186,68 Mill. km<br \/>\nAphel\/Apog&auml;um: 851,40 Mill. km<br \/>\nGro&szlig;e Halbachse: 519,04 Mill. km<br \/>\nUmlaufszeit: 6 J 170 d<br \/>\nIonentriebwerkseinstellungen<br \/>\nSchubrichtung: Parallel zum Bewegungsvektor<br \/>\nAbbruchbedingung der Simulation: Betrieb bis die Bahn das Zielaphel\/-Apog&auml;um &uuml;berschreitet<br \/>\nApo-Punkt: 851,0 Mill. km<br \/>\nBetrieb: Dauernder Betrieb<br \/>\nSchub wirkt in die Bahnrichtung<br \/>\nStartgewicht: 2.722,0 kg<br \/>\nAktuelles Gewicht: 2.314,8 kg<br \/>\nStromversorgung: 21.300,0 Watt @ 1 AE<br \/>\nEigenstromverbrauch: 400,0 Watt<br \/>\nSpezifischer Impuls: 37.000,0 m\/s<br \/>\nReine Betriebszeit: 220 d<br \/>\nMissionszeit mit Freiflugphase 3 J 99 d<br \/>\nDifferenz zur Kreisgeschwindigkeit bei 851,0 Mill.: 5.007,0 m\/s<br \/>\nGesamte Geschwindigkeits&auml;nderung: 5.995,4 m\/s<\/p>\n<p>Dazu kommen noch 155 Tage um die Inklination anzuheben. Man erhalt also eine Gesamtmissionsdauer von 3 Jahren, 254 Tagen, unter 4 Jahren um Churymasov-Geramisenko zu erreichen. Rosetta ben&ouml;tigte dazu &uuml;ber 10 Jahre, weil ein Marsvorbeiflug und drei Erdvorbeifl&uuml;ge um die Bahn anzuheben. F&uuml;r die Anhebung des Perihels waren dann die Treibstoffvorr&auml;te an Bord. So s&auml;he ein Vergleich mit der Orginialrosetta aus:<\/p>\n<table class=\"auto-style1\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>System<\/th>\n<th>Rosetta<\/th>\n<th>Rosetta solar-elektrisch angetrieben<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Startmasse:<\/td>\n<td>3011 kg<\/td>\n<td>3011 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Trockenmasse:<\/td>\n<td>1341 kg<\/td>\n<td>2279 kg (5% Treibstoffreste ber&uuml;cksichtigt)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Masse Raumsonde ohne Antriebssystem und Solararrays<\/td>\n<td>974,8 kg<\/td>\n<td>1623 kg*<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>W&auml;hrend man das Gewicht der Tanks und Solarzellen leicht aus Standardwerten bzw. den bekannten Wert von Rosetta berechnen kann, ist das Gewicht der Ionentriebwerke und ihrer Untersysteme wie Leitungen, Ventile, Strukturen und Stromkonverter nur sch&auml;tzbar. Bei fast 700 kg mehr als bei Original-Rosetta gibt es da aber einen gro&szlig;en Spielraum. Das reicht auch noch f&uuml;r ein kleineres chemisches Antriebssystem. Das wird auch ben&ouml;tigt um die Bahn um den Kometen mehrfach zu &auml;ndern. Das ist aus mit Ionentriebwerken leicht m&ouml;glich wenn die Sonde nicht gerade im Aphel ist.<\/p>\n<p>Was den Reiz dieser L&ouml;sung ausmacht ist auch, das man nur die Solararrays verdoppeln muss. Die Leistung von 21,3 kW w&uuml;rde ausreichen um vier bis f&uuml;nf schon verf&uuml;gbare Ionentriebwerke wie das Rit-XT oder RIT-2X zu betrieben. Man ist also in Bereichen die heute schon technisch umsetzbar sind. Vier RIT 2X w&uuml;rden ausreichen. Bei Betriebsende in 343 Mill km Entfernung hat man noch eine Leistung von 4,05 KW, gen&uuml;gend um ein RIT-2X zu betrieben. F&uuml;r den Betrieb im Aphel w&auml;ren dann noch vier RIT-10 n&ouml;tig die von 145 bis 750 W in der Leistung regulierbar ist. Ein RIT-2X kann bis auf 2185 W in der Leistungsaufnahme gesenkt werden.<\/p>\n<h2>Was lernen wir daraus?<\/h2>\n<p>Nun zum einen kommen wir zu 67P viel schneller &#8211; in 4 Jahren anstatt 10. Zum zweiten w&uuml;rde eine Sonde mit um ein Drittel kleinerer Startmasse ausreichen. Das letztere spielte bei Rosetta keine Rolle, da 2004 als sie startete nur die Ariane 5 als Tr&auml;ger verf&uuml;gbar war. M&ouml;glich w&auml;re ein Start mit einem h&ouml;heren dV gewesen oder man h&auml;tte gleich beim Start die Bahnneigung reduziert, da Rosetta nicht die volle Nutzlastmasse ausnutzte.<\/p>\n<p>&Uuml;bertragen bedeutet dies, das man in 4-5 Jahren sehr viele Kometen erreichen kann. Denn zu dieser Jupitergruppe geh&ouml;ren viele Kometen. Das <a href=\"https:\/\/physics.ucf.edu\/~yfernandez\/cometlist.html#jf\">MIT listet &uuml;ber 500 St&uuml;ck auf<\/a>. Selbst wenn man sich auf die beschr&auml;nkt, deren Bahnneigung nicht zu hoch ist und das Perihel erdnah, so bleiben noch gen&uuml;gend Ziele &uuml;brig. Man kann das Szenario noch weiter spinnen. Nehmen wir die 200 kg f&uuml;r die Ionentriebwerkssubsysteme und den Rest f&uuml;r Treibstoff, so k&ouml;nnte die Sonde ihre Geschwindigkeit um weitere 9,1 km\/s &auml;ndern, also in etwa genauso viel wie bisher. Das w&uuml;rde f&uuml;r mindestens einen weiteren Kometenbesuch, eventuell mehrere wenn die Bahnen &auml;hnlich sind reichen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/511b0d214c15446eb67a0fdfd75b5436\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner kleinen Serie &uuml;ber Ionentriebwerke will ich mal was neues versuchen und zwar untersuchen ob eine Mission vielleicht schneller oder besser mit Ionentriebwerken durchgef&uuml;hrt werden kann. Dabei will ich die Originalmission weitestgehend &uuml;bernehmen. Diesmal geht es um Rosetta. Rosettas Ziel ist der Komet 67P\/Churyumov-Gerasimenko. 67P oder &#8222;Tschurri&#8220;, da sich keiner den Doppelnamen merken kann. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[4052,321,4051,27,4053],"class_list":["post-11709","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-raumfahrt","tag-67p","tag-ionentriebwerke","tag-rit","tag-rosetta","tag-tschurri","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":243,"today_views":0},"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[{"id":18634,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/04\/11\/wie-kommt-galileo-zu-jupiter\/","url_meta":{"origin":11709,"position":0},"title":"Wie kommt Galileo zu Jupiter?","author":"Bernd Leitenberger","date":"11. 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