{"id":11716,"date":"2016-06-09T00:04:39","date_gmt":"2016-06-08T22:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11716"},"modified":"2016-06-08T21:06:47","modified_gmt":"2016-06-08T19:06:47","slug":"mit-ionentriebwerken-vom-leo-in-den-geo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/06\/09\/mit-ionentriebwerken-vom-leo-in-den-geo\/","title":{"rendered":"Mit Ionentriebwerken vom LEO in den GEO"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich mich in meiner Serie &uuml;ber den Einsatz von Ionentriebwerken bisher immer mit Raumsonden besch&auml;ftigt habe kommt nun die Erdumlaufbahn dran. Hier g&auml;be es viele Anwendungsm&ouml;glichkeiten. Die offensichtlichste ist es vom LEO in den GEO zu man&ouml;vrieren oder (energetisch fast gleichwertig) vom LEO in den Galileo-Orbit. Ich will in diesem Beitrag die Chancen aber auch die Folgen beleuchten. Bisher gab es das nur bei einigen Satelliten, die auch nicht vom LEO in den GEO wechselten, sondern vom klassischen GTO in den GEO. Dazu sp&auml;ter mehr. Damit wir ein konkretes Rechenbeispiel haben, habe ich die Daten von BRISat dem n&auml;chsten Start von Ariane 5 &uuml;bernommen. Der Satellit hat eine Startmasse von 3540 kg und eine elektrische Leistung von 9,5 kW nach 15 Jahren. Die Trockenmasse ist unbekannt, doch Satelliten dieser Bauart bestehen typisch zu mehr als 50% aus Treibstoff. Tanks und Triebwerke wiegen auch etwas sodass man von etwa 1590 kg Trockenmasse ohne Antriebssystem ausgehen kann, eventuell weniger.<!--more--><\/p>\n<p>Eine mit Ionentriebwerken ausgestattete Alternative braucht weniger Treibstoff. Genau ist das erst bei einer Simulation berechenbar. Doch im Worst-Case Szenario ist es die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen LEO und GEO (4600 m\/s) + Lageregelungstreibstoff f&uuml;r 15 Jahre (1000 m\/s). Das w&auml;re bei einem spezifischen Impuls von 30 bis 42 km\/s und 20% Tankmasse (Treibstoff ist in der Regel Xenon Druckgas das macht schwere Druckgastanks notwendig) eine Startmasse von 1,9 bis 2 t. Zwischen 30 und 42 km\/s liegen die spezifischen Impuls heutiger eingesetzter Triebwerke, die meisten so um 35 bis 39 km\/s.\u00a0 Nimmt man an, dass man die 9,5 KW Leistung voll f&uuml;r den Antrieb nutzen kann (es ist die Leistung am Ende der Lebenszeit, d.h. bei Beginn ist sie h&ouml;her) so kann man ausgehend aus einer 400 km Kreisbahn den Aufstieg simulieren.<\/p>\n<p>Ich erhalte f&uuml;r einen spezifischen Impuls nach 316 Tagen eine Ellipse von 35.543 x 36.002 km. Das ist fast eine Kreisbahn, da sich die Sonde hochspiralt. Der Geschwindigkeitsbedarf betr&auml;gt 4573 m\/s bei einer Restmasse von\u00a0 1793,3 kg. F&uuml;r 30 km\/s sieht es deutlich besser aus: Ellipse von 35779 x 36000 km nach nur 221 Tagen. Restmasse diesmal nur 1716,9 kg. Da der Treibstoffbedarf viel kleiner ist als bei chemischen Triebwerken w&uuml;rde man um die Transferzeit zu reduzieren auf Triebwerke mit einem niedrigeren spezifischen Impuls ausweichen. Der PPS 1350 Antrieb von SMART-1 hat einen spezifischen Impuls von 16 km\/s. Es ist einer der kleinsten spezifischen Impuls die derzeit verf&uuml;gbar sind. Bei ihm w&uuml;rde eine beim Start 2394 kg wiegende Nutzlast in 132 Tagen den GEO erreichen. F&uuml;r rund 400 kg Mehrgewicht reduziert sich also die Reisezeit von 221 auf 132 Tagen. Das kann sich bei Satelliten mit denen man Geld verdient durchaus rechnen.<\/p>\n<p>Durch das Spiralen ist die Bahn energetisch ung&uuml;nstig. So betr&auml;gt hier der Geschwindigkeitsunterschied rund 4580 m\/s, nur wenig unter der Geschwindigkeitsdifferenz der Bahnen von 4659 m\/s.. Chemisch sind es bei gleicher Starth&ouml;he 3859 m\/s. Eine Verbesserungsm&ouml;glichkeit ist es daher, mit einer elliptischen Startbahn zu beginnen. So kann man auch die Nutzlastkapazit&auml;t der Rakete voll ausnutzen. Nicht genutzte Nutzlast wird als h&ouml;here Startgeschwindigkeit genutzt, das entspricht einem h&ouml;heren Apog&auml;um. Da beim Spiralen aber auch das Apog&auml;um angehoben wird ist die Praxis einen normalen GTO zu nutzen nicht sehr sinnvoll. Ich habe dies trotzdem mal getan. Dieselbe Nutzlast in einem Standard-GTO ausgesetzt und dauernder Betrieb der Ionentriebwerke w&uuml;rde eine Bahn mit einem Perig&auml;um von 36000 km nach 60 (16 km\/s spezifischer Impuls) bis 129 Tagen (42 km\/s) erreichen. Das Apog&auml;um hat sich dann aber auf 107.000 km H&ouml;he verschoben. Das ist nicht das was man will. Es gibt zwei L&ouml;sungen. Das eine ist das man eine elliptische Bahn nimmt, aber das Apog&auml;um unterhalb des GEO liegt. Dann kann es ansteigen. Allerdings kann man so nur eine kleine &Uuml;berschussgeschwindigkeit mitnehmen. Bei 30 km\/s z. B. ein Start mit 8 km\/s anstatt 7,7 km\/s. Wenn man eine h&ouml;heres Apog&auml;um hat, muss man die Betriebszeit einschr&auml;nken. Hat man bei 30 km\/s z.B. ein Apog&auml;um bei 31,600 km und betriebt das Ionentriebwerk nur oberhalb von 31000 km Distanz. So dauert das hochspiralen zwar 1 Jahr 15 Tage, aber das Apog&auml;um steigt nur auf 39000 km, eine kleine Geschwindigkeitsdifferenz von 61 m\/s die man leicht wieder abbauen kann.<\/p>\n<p>Nun erkl&auml;rt sich warum die bisherigen Satelliten in einem SSGTO landeten. Liegt das Apog&auml;um in 66.000 km H&ouml;he so hat man viel mehr Zeit f&uuml;r den Betrieb oberhalb von 36000 km H&ouml;he wo man st&auml;rker das Perig&auml;um anhebt. In weniger als 169 Tagen k&ouml;nnte man bei einem Betrieb in nur 61000+ km H&ouml;he den GEO erreichen, wobei das Apog&auml;um nur auf 73.000 km steigt. Das muss man dann in einer zweiten Phase wieder abbauen um eine 36000 km hohe Kreisbahn zu erreichen. Im Normalfall w&uuml;rde man das kombinieren, d.h man hebt zuerst das Perig&auml;um an, aber nicht auf H&ouml;he des GEO sondern etwas tiefer bei 30.000 bis 35.000 km H&ouml;he. Danach betriebt man das Ionentriebwerk in diesem Bereich mit Schub gegen die Bahnrichtung und senkt das Apog&auml;um ab, wobei das Perig&auml;um immer noch weiter ansteigt und so die endg&uuml;ltige Bahnh&ouml;he erreicht. Ich vermute derartige Strategien wird man auch bei den bisher gestarteten Satelliten angewandt haben. Wenn man das Perig&auml;um in 30.000 km H&ouml;he anhebt braucht man 169 Tage daf&uuml;r, davon nur 51 Tage Betriebszeit. Weitere 83 Tage braucht man um das Apog&auml;um abzusenken, auch hier nur 27 Tage reine Betriebszeit. Das ist ein Nachteil von Ionentriebwerken. Sie heben immer beide Bahnelemente an. Das findet man auch bei Sonnenumlaufbahnen, doch weil hier die Zeit zum Durchlaufen einer Bahn viel l&auml;nger als im Erdorbit ist h&auml;lt sich dies in Grenzen. Nur wenn man immer im Perig&auml;um oder Apog&auml;um den Antrieb einschaltet kann man das verhindern, doch dann braucht man ewig um die endg&uuml;ltige Bahn zu erreichen.<\/p>\n<p>Es bleibt noch der Abbau der Inklination. Da die Impulse von Ionntriebwerken recht gering sind, kann man nicht die vektorielle Geschwindigkeitsaddition bei dem Anheben des Perig&auml;ums voll nutzen. Aufgrund der Bahngesetze ist aber der Energieaufwand proportional zur momentanen Geschwinddigkeit. Das bedeutet es ist am g&uuml;nstigsten vor einer Bahnanhebung im Apog&auml;um die Inklination abzubauen. Auch dies ist ein Grund warum die bisher gestarteten Satelliten (alle vom Cape aus gestartet) SSGTO erreichten, denn dann liegt die Bahnneigung bei 28 Grad. Beim CSG w&auml;ren es nur 3-5 Grad je nach Aufstiegsbahn. In 66.000 km H&ouml;he betr&auml;gt die absolute Geschwindigkeit dann aber 972 m\/s vergleichen mit 1611 m\/s beim Apog&auml;um in 36000 km H&ouml;he, das entspricht einer Reduktion des Antriebsbedarfs um 40 %.<\/p>\n<p>Fragt sich noch, warum man diese Strategie einschl&auml;gt. Ich kann keine Erkl&auml;rungen liefern, nur Vermutungen. Das eine ist die in dieser Branche sehr ausgepr&auml;gte konservative Haltung die sich auch in anderen Bereichen zeigte: 1974 wurden die ersten Apog&auml;umsantriebe mit fl&uuml;ssigem Treibstoff eingef&uuml;gt der einen h&ouml;heren spezifischen Impuls als die festen hat, mehr Flexibilit&auml;t bietet und keinen festgelegten Impuls hat, 1992 starteten immer noch Satelliten mit Feststoffantrieb. Das zweite ist dass man so die Passage des Van Allen G&uuml;rtels mit den Strahlensch&auml;den an Solarzellen und Elektronik minimiert. Nat&uuml;rlich w&auml;re hier ein etwas gr&ouml;&szlig;erer Solar-Generator der die Verluste auff&auml;ngt und eine Abschirmung f&uuml;r die Elektronik beim eingesparten Gewicht drin. Was mich vor allem erstaunt ist, dass ein Hauptargument der Branche nicht so viel z&auml;hlt: Mit den Satelliten wird Geld verdient je l&auml;nger sie im Tranferorbit sind desto gr&ouml;&szlig;er der Ausfall. Dadurch das das Ionentriebwerk aber nur w&auml;hrend eines Teil des Orbits arbeiten kann, sind die Zeiten l&auml;nger, in der summe genauso lang als wenn man sich gleich heraufspiralt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die Erkl&auml;rung sehr einfach: Die Tr&auml;gerentwicklung verlief bei denen Tr&auml;gern, die auf dem freien Markt die meisten Nutzlasten akquirierten immer nach der Nachfrage, sprich der Gr&ouml;&szlig;e der Kommunikationssatelliten. SpaceX hat ihre Falcon in der Leistung so gesteigert, dass sie jeden Satelliten transportieren kann, die erste Version konnte nur sehr kleine Satelliten transportieren, Russland hat der Proton eine Oberstufe spendiert, die gr&ouml;&szlig;ere GTO-Nutzlasten als block D hatte und Ariane wurde schon immer nach den Nutzlasten ausgelegt, zuletzt Ariane 6 die im Entwurf zuerst etwas kleiner war, doch nun doch 11 t transportieren soll. Eine &Auml;nderung ist nicht zu erwarten, die Vulcan oder auch die projektierte Rakete von ATK werden f&uuml;r hohe Nutzlasten ausgelegt, die Falcon heavy setzt hier sogar einen neuen Rekord. W&uuml;rde die Branche nun eine Kehrtwende machen, ILS, Arianespace und SpaceX k&ouml;nnten ihren Laden schlie&szlig;en.<\/p>\n<p>Nun w&uuml;rde ein Satellit von 1,9 bis 2,2 t Gewicht im LEO &auml;quivalent zu 3,6 t im GTO sein. damit w&auml;ren fast alle bisherigen Tr&auml;ger zu gro&szlig;. Die gr&ouml;&szlig;ten Satelliten wiegen heute 7 t. Ein Tr&auml;ger mit 4-5 t LEO-Nutzlast k&ouml;nnte sie transportieren, damit k&ouml;nnte eine Sojus die gleiche Nutzlast wie heute eine Ariane 5 transportieren. Die heutigen Tr&auml;ger mit LEO-Nutzlasten von 20-23 t sind um den Faktor 3-4 zu gro&szlig;. Da die Branche aber immer zwei LSP haben m&ouml;chte ist sie in einem echten Dilemma. Das erkl&auml;rt sich aus der Tatsache das die GTO Nutzlast meist nur 33-40% der LEO-Nutzlast betr&auml;gt und im GEO kommen dann nur noch die H&auml;lfte der GTO-Masse an. so betr&auml;gt die GEO-Nutzlast ein F&uuml;nftel bis Sechstel der LEO-Nutzlast, bei Ionentriebwerken sind es 66-80%.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Anforderungen der Branche w&auml;ren neue Ionentriebwerke eine L&ouml;sung. Es gibt mehrere Technologien. Die heutigen ionisieren ein Gas nichtthermisch und beschleunigen die Ionen dann durch ein elektrisches Feld. Ein Plasmatriebwerk das thermisch ionisiert und das Plasma normal expandiert hat einen viel geringeren spezifischen Impuls. Sie k&ouml;nnen Werte von nur 8000 bis 15000 m\/s aufweisen. Das klingt zuerst nach einem Nachteil. Doch ein Antrieb mit 8000 m\/s w&auml;re die Startmasse &auml;quivalent zu der heutigen GTO-Masse, nur eben im LEO (also 2,5 bis 3-fache Nettonutzlast). Je kleiner der spezifische Impuls aber ist desto schneller ist man im GEO. Bei 8000 m\/s ist man bei 3540 kg Startmasse in nur 83 Tagen im GEO, dort noch mit 1997 kg Restmasse. Bei 10% Trockenmasse bleibt dann noch Treibstoff um die Geschwindigkeit um 874 m\/s &auml;ndern. Kurzum &#8211; man w&auml;re schneller im Zielorbit, trotzdem w&uuml;rde man viel an den Startkosten sparen. Was bleibt ist aber dass man auch hier einen Tr&auml;ger braucht, der zwischen 4 und 7 t in den LEO transportiert und das kann heute nur die Sojus.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/6b3bd93004c44eefb4bbb994c9a5c773\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich mich in meiner Serie &uuml;ber den Einsatz von Ionentriebwerken bisher immer mit Raumsonden besch&auml;ftigt habe kommt nun die Erdumlaufbahn dran. Hier g&auml;be es viele Anwendungsm&ouml;glichkeiten. Die offensichtlichste ist es vom LEO in den GEO zu man&ouml;vrieren oder (energetisch fast gleichwertig) vom LEO in den Galileo-Orbit. 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