{"id":11759,"date":"2016-07-01T09:26:08","date_gmt":"2016-07-01T07:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11759"},"modified":"2016-07-01T09:26:08","modified_gmt":"2016-07-01T07:26:08","slug":"massenaussterben-durch-einen-gammablitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/07\/01\/massenaussterben-durch-einen-gammablitz\/","title":{"rendered":"Massenaussterben durch einen Gammablitz?"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Nebenunterhaltung auf dem zweiten Monitor habe ich mir die Serie &#8222;Apokalypse Urzeit&#8220; heruntergeladen und angeschaut. Die Serie besch&auml;ftigt sich mit Massenaussterben zum Ende des Ordoviziums, Devon, Perm und der Kreide. Die Serie ist recht schlecht gemacht, mit grob aufl&ouml;senden Grafiken aber dem Anspruch, dass man ganz genau wei&szlig;, wie sich Tiere damals verhalten haben und was passierte.<\/p>\n<p>Eine Folge habe ich als Aufh&auml;nger f&uuml;r den heutigen Blog genommen: T&ouml;dliche Strahlen, die sich mit dem Aussterben am Ende des Ordoviziums besch&auml;ftigt. Obwohl in dem Film mehrmals gesagt wird &#8222;Aufgrund einer umstrittenen Theorie&#8220; wird genau diese Theorie im ganzen Film breitgetreten, inklusive der angeblichen Folgen. Fangen wir mal mit den Fakten an:<!--more--><\/p>\n<ul>\n<li>Zu Ende des Ordoviziums starben tats&auml;chlich 85% der Arten aus. Damit ist es das zweitgr&ouml;&szlig;te Massenaussterben nach dem Perm, wenn auch weitestgehend unbekannt.<\/li>\n<li>Es gibt Gammstrahlenausbr&uuml;che, die sehr viel Energie freisetzen, diese sind durch Satellitenmessungen belegt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Doch gehen wir ins Detail. Gammastrahlenblitze hei&szlig;en so. Weil sie erstmals 1967 von den Vela-&Uuml;berwachungssatelliten registriert wurden, die mit ihren Gammasensoren eigentlich Atomexplosionen registrieren sollten. Es handelt sich um hochenergetische Photonen mit Energien von 1 keV bis in den MeV Bereich. Das Maximum der Energie x Teilchenmenge liegt nach Satellitenmessungen bei 250 keV. H&ouml;herenergetische Teilchen werden seltener. Als kleine Faustregel: sichtbares Licht hat eine Energie von etwa 2-3 eV. ein einziges Photon eines GRB (Gamma Ray Burst) hat also 100.000-mal mehr Energie als sichtbares Licht.<\/p>\n<p>Die Vermessung von Satelliten zeigt, dass die GRB gleichm&auml;&szlig;ig am Himmel verteilt sind. Das ist typisch f&uuml;r extragalaktische Ereignisse. Der Grund liegt darin, dass man GRB noch aus enormer Entfernung nachweisen kann. Der leuchtkr&auml;ftigste war das Objekt GRB 080319B. Er war 7,5 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt, als er ausbrach. Damit ein Objekt aus dieser Entfernung noch nachweisbar ist, muss es enorm viel Energie freisetzen. GRB geh&ouml;ren zu den Objekten, die am meisten Energie freisetzen. Sie sind sogar energiereicher als Quasare &#8211; ein typischer GRB setzt 1045 W\/s frei, 100.000-mal mehr als ein Quasar. Nach E=mc\u00b2 entspricht dies wenn man Masse komplett in Energie umsetzen kann rund 1900 Erdmassen die in Energie umgesetzt werden und diese Masse jede Sekunde. Die meisten GRB dauern weniger als eine Minute.<\/p>\n<p>Nach derzeitiger Erkl&auml;rung stammen die GRB aus einer Hypernova, das ist, wenn ein extrem massereicher Stern von 100 bis 150 Sonnenmassen direkt zu einem schwarzen Loch kollabiert. Die Masse kann gar nicht so schnell in das schwarze Loch fallen und heizt sich auf und bildet eine Aggregationsschreibe. Bedingt durch die Verringerung des Radius von Millionen Kilometern des Sterns auf wenige Kilometer des schwarzen Loches wird die Rotation beschleunigt, es entsteht eine abgeplattete Scheibe und an der Aggregationsscheibe wird durch die zusammengepresste fusionierende Materie Strahlung nur entlang einer Achse freigesetzt. Wir sehen daher nur die GRB, deren Blitze auf uns gerichtet sind. Die extragalaktische Natur der meisten GRB hat ihre Ursache, dass sie extrem selten sind. Eine Hypernova bildet sich nur bei den massereichsten Sternen. Diese sind extrem selten und so sehen wir nur Ereignisse in anderen Galaxien. In unserer Galaxie gibt es eine Supernova nur alle 100 Jahre, eine Hypernova ist noch seltener. Vor allem gibt es gro&szlig;e Unsicherheiten, wie oft diese &uuml;berschweren Sterne vorkommen. Sie h&auml;ngen eng mit dem Gehalt an h&ouml;heren Elementen, die in der Galaxis vorkommen ab.<\/p>\n<p>Doch selbst ein GRB muss sehr nahe an der Erde vorkommen, damit er uns beeinflussen kann. Nach einer Studie weniger als 3000 Lichtjahre. Dabei ermittelte die Studie aber auch das das Vorkommen eines GRB bei unserer Galaxie kleiner als 0,15% ist. Es gibt etwa 100 Milliarden Galaxien, aber nur alle paar Jahre wird ein GRB detektiert, das vermittelt schon einen Eindruck das die Absch&auml;tzung in die richtige Richtung ist. Unsere Galaxie hat einen Durchmesser von 100.000 Lichtjahre. Ein Radius von 3000 Lichtjahre ist davon nur ein Bruchteil: w&auml;re sie flach so besteht eine Chance von 0,54% das der Ausbruch in weniger als 3000 Lichtjahren Entfernung stattfindet. Multipliziert mit der Chance von 0,15% f&uuml;r einen GRB wird es noch weniger und das bezieht sich auf die ganze Geschichte unserer Galaxie, nicht nur die letzten 450 Millionen Jahre. Unsere Galaxie wird wie die meisten anderen mindestens 10 Milliarden Jahre alt sein. Kurzum: das muss doch sehr viel Zufall sein das es gerade ein GRB w&auml;hrend des Ordoviziums ausbrach.<\/p>\n<p>Die Absch&auml;tzung ist aber sehr subjektiv, eine andere Studie kommt auf ein Ereignis alle 170 Millionen Jahre, allerdings in der ganzen Galaxie. Bei einem Radius von rund 50.000 Lichtjahren und maximal 6.000 Lichtjahren Abstand bedeutet das aber das ein Blitz in unserer N&auml;he nur alle 9,5 Milliarden Jahre Auftritt.<\/p>\n<p>Wie sieht es nun mit den biologischen Folgen aus? Eine Studie hat das untersucht und sie hat zwei GRB mit einer Emission von 5 x 1044 Watt, einer Blitzdauer von 10 s und Distanzen von 2282 und 6520 Lichtjahren modelliert (die krummen Zahlen kommen daher, dass Astronomen gerne mit Parsec = 3,26 Lichtjahren rechnen). Ein GRB emittiert dann, wenn er auf uns zeigt, 10 kW\/m\u00b2 bzw. 80 kW\/m\u00b2 an Leistung. Die Energie selbst ist nicht das Problem &#8211; bei Nacht bekommt man von der Sonne 0 kW, und wenn die Sonne 7 Sekunden lang scheint, sind es auch schon 10 kW. Die Energie wird ja\u00a0 nur einmal und nicht dauernd transferiert.<\/p>\n<p>Ein Trugschluss ist es zu glauben, dass nun die Erde mit Gammastrahlen &uuml;berschwemmt wird. Die Atmosph&auml;re sch&uuml;tzt uns und sie tat es auch im Ordovizium. W&uuml;rde man die Atmosph&auml;re kondensieren so entspricht sie einer 10 m dicken Wasserschicht (was die Masse angeht) und eine solche Schicht schirmt vor Gammastrahlen ab, das macht man sich bei Kernreaktoren zunutze, wo die Brennelemente ja auch unter Wasser liegen und die Gammastrahlen werden durch das Wasser abgeschirmt. Was passiert ist, dass jedes Gammaquant mit etlichen Atmosph&auml;renmolek&uuml;len zusammenst&ouml;&szlig;t und jedes Mal Energie verliert. Anfangs ist es so energiereich, dass die Energie, die &uuml;bertragen wird, nicht nur das Molek&uuml;l beschleunigt, es reicht aus, es zu ionisieren oder ein Radikal zu bilden. Erst wenn die Energie auf unter 35 eV (von 1000 eV bis 1.000.000 eV) abgesunken ist reicht die Energie nicht mehr zur Ionisation aus. Der Effekt ist jedoch ohne dauernden Fluss nur tempor&auml;r: Die Ionen und Elektronen oder die Atome finden wieder zusammen. Auf der Erde kommen noch UV-B Strahlen (280 bis 320 nm Wellenl&auml;nge) an. Beim fernern GRB sind das noch 20 W\/m\u00b2, etwa 5-mal mehr als bei einem sonnigen Tag. Das wird ohne Effekt eingestuft. Dagegen sind es beim n&auml;heren GRB 160 W\/m\u00b2 und das hat dann durchaus einen Effekt. An Land w&uuml;rde das Verbrennungen bewirken. Pflanzen und Tiere k&ouml;nnten daran sterben. Heute, so sagen Berechnungen w&auml;re das f&uuml;r die Menschheit verheerend, da auf der betroffenen Erdh&auml;lfte (die andere merkt nichts von dem Ereignis) mit massiven Ernetausf&auml;llen zu rechnen ist. Es w&uuml;rde zu Hungersn&ouml;ten kommen und als Folge zu kriegerischen Auseinandersetzungen um die Nahrung. Doch f&uuml;r das Ordovizium gilt das nicht. Da gab es Leben nur im Wasser. Wasser absorbiert aber UV-Strahlung genauso wie Licht. Die Durchl&auml;ssigkeit ist abh&auml;ngig, wie klar das Wasser ist. Gel&ouml;ste organische Stoffe absorbieren UV noch st&auml;rker als Wasser. Genannt werden als Extremwerte 20 m in kristallklaren Bergseen und wenigen\u00a0 Zentimetern in humusreichen T&uuml;mpeln. Nimmt man den geometrischen Mittelwert von 1 m, so w&uuml;rde eine Schicht unterhalb 1 m nichts von dem GRB mitbekommen.<\/p>\n<p>Die Dokumentation beschreibt als eine der Wirkungen, dass die Ozonschicht zu 30% abgebaut wird. Ein GRB wird durch die Ionisation der Luft auch neue Molek&uuml;le bilden darunter NO. NO katalysiert den Abbau von Ozon, es soll aber auch Sonnenlicht absorbieren und so einen Abk&uuml;hlungseffekt haben. Auf der anderen Seite ist NO zu reaktiv, um lange in der Atmosph&auml;re zu bleiben. Es bildet rasch Salpeters&auml;ure, die dann ausregnet. Wenn 30% der Ozonschicht abgebaut werden wie gro&szlig; sind die Folgen? Die Ozonschicht absorbiert heute 98% der solaren UV-Strahlung, das bedeutet, es kommt nun mehr UV-Strahlung zur Erde. Im Film t&ouml;tet dies das Phytoplankton. Da dies die Nahrungsgrundlage der anderen Tiere ist, bewirkt, das im Prinzip das Aussterben aller arten, da alle vom Phytoplankton abh&auml;ngen. Der Bericht postuliert auch das Korallen von den Pflanzen verlassen werden die sich in ihnen befinden. Gerade die sind aber mit Sicherheit in einer Tiefe, die sicher ist, denn nahe der Wasseroberfl&auml;che sind sie auch Wellen ausgesetzt und die waren im Ordovizium, als der Tag nur 21,5 Stunden lang war und der Mond viel n&auml;her bei der Erde war viel st&auml;rker.<\/p>\n<p>Die Argumentation hat aber zwei Schwachpunkte. Das eine ist, dass das auch die solare UV-Strahlung abgeschw&auml;cht wird. Die intensivere UVA sogar noch st&auml;rker als die UVB und unter 185 nm Wellenl&auml;nge ist Wasser sogar undurchsichtig f&uuml;r UV. Auch hier w&auml;re also nur die oberste Wasserschicht betroffen. Leben, auch das von Phytoplankton, gibt es aber nicht nur im obersten Meter des Wassers. Das zweite ist, dass es damals noch keine dichte Ozonsicht gab, es gab viel weniger Sauerstoff. Die St&auml;rke der Ozonschicht lag zwischen 1% des heutigen Levels, die im Kambrium erreicht wurden und 10% die im oberen Silur erreicht wurden, also nach dem Ordovizium. Dieser Pegel erm&ouml;glichte erst die Besiedlung des Landes. Das bedeutet aber: es kam schon solare UV-Strahlung in die Ozeane, und die oberste Wasserschicht war schon vorher t&ouml;dlich. Daran sind die Lebewesen sicher angepasst gewesen.<\/p>\n<p>Der Film wird dann noch abstruser und nun fehlen auch die Erkl&auml;rungen: Schon nach 10 Jahren soll die Temperatur im Wasser um 10 Grad gesunken sein. Ich vermute, man nimmt einen R&uuml;ckstreuungseffekt durch NO an. Doch dass m&uuml;sste enorm viel sein. Selbst wenn heute Wolken die ganzen Ozeane bedecken w&uuml;rden, dann w&uuml;rde die Temperatur nicht so rasch um 10 Grad sinken, daf&uuml;r ist ihre Masse zu gro&szlig;. Zudem ist das Molek&uuml;l nicht stabil, es wird rasch aus der Atmosph&auml;re entfernt. Vor allem enthalten die Ozeane so viel wasser, dass sie nicht in 10 Jahren um 10 Grad ausk&uuml;hlen. Als Folge sollen sich nun Gletscher bilden und das ganze Meer mit Eis bedeckt werden, was nat&uuml;rlich die Temperaturen noch weiter senkt.<\/p>\n<p>Man wei&szlig;, dass es wirklich am Ende des Ordoviziums sehr kalt wurde. Diskutiert werden Schwankungen der Sonnenstrahlung, der Erdbahn und die Tatsache das es damals nur einen Superkontinent, Gondwana gab. Er &uuml;berquerte durch die Plattentektonik am Ende des Ordoviziums gerade den S&uuml;dpol. Wie heute bei der Antarktis kann die gro&szlig;e Landmasse dann sich viel st&auml;rker abk&uuml;hlen und vergletschern und damit auch das umliegende Meer. Heute ist die Antarktis k&auml;lter und es gibt Eisberge in niederen breiten als bei der Arktis ohne Land am Pol. Umgekehrt schaffte bei den Eiszeiten das Packeis den Sprung bis nach Kanada und Russland und mit dieser gro&szlig;en Landmasse wurde die ganze n&ouml;rdliche Halbkugel vergletschert bis etwa zum 45 Breitengrad. Das gab es auf der S&uuml;dhalbkugel nicht. Der Effekt bei Gondwana muss noch st&auml;rker gewesen sein. Zudem ver&auml;ndern sich die Meeresstr&ouml;mungen, wenn die ganze Landmasse nur am Pol ist.<\/p>\n<p>Ganz ignoriert wird auch, dass es zwei Aussterbewellen im Abstand 1 Million Jahre gab. Wie ist dies mit dem GRB zu erkl&auml;ren. Insgesamt finde ich die Vergletscherung von Gondwana deutlich plausibler. Angesichts der immer geringeren Fossilienbeweise je weiter man in der Vergangenheit kommt wird ein Beweis aber schwer sein.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/4ba5e3be8a2a42cf8af22ab0e059ff03\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Nebenunterhaltung auf dem zweiten Monitor habe ich mir die Serie &#8222;Apokalypse Urzeit&#8220; heruntergeladen und angeschaut. Die Serie besch&auml;ftigt sich mit Massenaussterben zum Ende des Ordoviziums, Devon, Perm und der Kreide. 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