{"id":11891,"date":"2016-08-23T09:30:27","date_gmt":"2016-08-23T07:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11891"},"modified":"2016-08-23T09:31:23","modified_gmt":"2016-08-23T07:31:23","slug":"buchkritik-dieter-huzel-von-peenemnde-nach-cape-canaveral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/08\/23\/buchkritik-dieter-huzel-von-peenemnde-nach-cape-canaveral\/","title":{"rendered":"Buchkritik: Dieter Huzel: &quot;Von Peenem&uuml;nde nach Cape Canaveral&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Dieter Huzel? Wer ist das? So denke ich mal wird die erste Reaktion sein, wenn ihr obige Titelzeile lest (ich mache mal bei Buchkritiken eine Ausnahme von den Titelzeilen aus Songs). Auch mir sagte der Name nichts. Er ist einer der Peenem&uuml;nder. Doch war er mir namentlich nicht bekannt, na ja zumindest nicht im Ged&auml;chtnis. Denn beim Nachschauen in meinen eigenen B&uuml;chern (US-Tr&auml;gerraketen S.66) taucht er nat&uuml;rlich auf. Man sieht: ich schriebe die B&uuml;cher auch f&uuml;r mich selbst. Ich selbst bin auch ein bisschen reingefallen, denn bei Amazon stand auch als Autor Wernher von Braun und er ist auch auf dem Titelbild abgebildet, er hat aber nur ein Vorwort verfasst.<\/p>\n<p>Warum kennt man heute nicht mehr Dieter Huzel? Nun er ging nicht mit Wernher von Braun zuerst zur US-Army und dann zur NASA, sondern nach der Internierung in Fort Blizz zu North American, wo er sp&auml;ter Chef der ausgegliederten Abteilung f&uuml;r Raketentriebwerke, wurde, die man Rocketdyne taufte. Da in den Medien eigentlich nur die Peenem&uuml;nder auftauchen, die prominent bei der NASA auftauchten wie Ernst Stuhlinger, Kurt Debus oder Wernher von Braun verwundert es nicht, dass man ihn ein bisschen vergessen hat.<!--more--><\/p>\n<p>Dieter Huzel war (er ist 1998 verstorben) Leiter des Pr&uuml;fstands P-7, des wichtigsten f&uuml;r die A-4 Erprobung. Hier fanden die meisten Triebwerk Tests und Absch&uuml;sse in Peenem&uuml;nde statt. Ende 1944 wurde er rechte Hand von von Braun, als Magnus von Braun der bisher den Posten inne hatte, nach Mittelbau Dora ging, um die Qualit&auml;tsprobleme bei den Gyroskopen zu untersuchen und zu beseitigen. Sein Nachfolger auf dem Pr&uuml;fstand P-7 wurde dann Kurt Debus. (In der Wikipedia steht das etwas anders, doch vermute ich mal das Huzel wohl besser Bescheid weis &uuml;ber sein Leben als die Wikipedia) Man kann also ihm schon eine Spitzenstellung im technischen Stab zusprechen. Magnus von Braun ist &uuml;brigens auch so eine Person, die oft untersch&auml;tzt wird. Auch er ging in die Privatwirtschaft. Eine Dokumentation schrieb sogar, das Wernher von Braun seinen Bruder zu den Amis vorschickte um zu kapitulieren, weil er &#8222;ein entbehrliches Opfer&#8220; w&auml;re. Seinen eigenen Bruder? Tatsache war, das die Deutschen trotz Hochschulbildung meist nur schlecht englisch sprachen (in Interviews merkt man das noch Jahrzehnte sp&auml;ter) und Magnus von Braun der einzige war, der flie&szlig;end englisch sprach und daher den Kontakt herstellte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Peenem%C3%BCnde-nach-Canaveral-Dieter-Huzel\/dp\/3928787047\/ref=as_li_ss_il?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1471937040&amp;sr=1-1&amp;keywords=dieter+huzel&amp;&amp;linkCode=li3&amp;tag=berndleitenbs-21&amp;linkId=01083a6f9501282254a5130f603304bb\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;ASIN=3928787047&amp;Format=_SL250_&amp;ID=AsinImage&amp;MarketPlace=DE&amp;ServiceVersion=20070822&amp;WS=1&amp;tag=berndleitenbs-21\" border=\"0\" \/><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"https:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=berndleitenbs-21&amp;l=li3&amp;o=3&amp;a=3928787047\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/>Worum geht es in dem Buch? Es ist eine Autobiographie. Sie deckt den Zeitraum zwischen 1937 und 1953 ab. Mit Ausnahme von einigen einleitenden Kapiteln und dem letzten entf&auml;llt aber de Gro&szlig;teil auf die Zeit vom Juli 1943 bis 1946, als er in Peenem&uuml;nde arbeitete, sp&auml;ter die Wirren des Kriegsendes und die Gefangennahme und &Uuml;bersiedlung in die USA. Das Buch ist sehr kurzweilig zu lesen, ich habe es in 4 Tagen durch gehabt. Man bekommt einen Eindruck vom Alltag in Peenem&uuml;nde, aber auch von den Problemen der Materialbeschaffung und der Bedrohung durch Bombenalarme. Man bekommt einen Eindruck von der Zeit, etwas weniger &uuml;ber die Arbeit in Peenem&uuml;nde und fast nichts von der A-4. Trotzdem ist der Bericht gut zu lesen.\u00a0 Richtig spannend wird es zum Schluss. Als Anfang 1945 die rote Armee naher&uuml;ckte bekam Huzel den Auftrag Peenem&uuml;nde abzuwickeln, sprich von der Mannschaft etwa 30% zu entlassen und vor allem die Produktionsanlagen zu demontieren und in den Harz zu verschiffen. W&auml;hrend von Braun dorthin abreiste bekam Huzel den Befehl zu bleiben bis alles abtransportiert ist. Er verlies das Gel&auml;nde auch dann erst als die Rote Armee schon bei den Nachbarorten gesichtet wurden. Wie bekannt fanden die Russen in Peenem&uuml;nde nichts mehr von Wert vor. Die Odyssee durch Deutschland unterbrochen durch Jabo Angriffe liest sich spannend, wird aber dann noch &uuml;bertroffen, denn auch der Harz ist nicht sicher. Nun bekommt Huzel erneut einen Befehl: Wieder muss er als letztes Bleichrode verlassen. Diesmal aber zuletzt noch die gesamten Unterlagen verstecken. Anders als in Filmen darstellt ist das nicht eine kleine Kiste. 4000 Personen, die &uuml;ber 6 Jahre an einer Rakete arbeiten produzieren jede Menge Papier. Es sind obwohl es nur die wichtigsten Unterlagen sind, drei Lastwegen mit zwei Anh&auml;ngern mit zusammen 14 t Papier. Huzel braucht mit 10 Leuten eine ganze Nacht um die Zeichnungen in einem stillgelegten Stollen zu verstecken. Noch abenteuerlicher wird dann der weitere Weg ins Allg&auml;u, wo Huzel nun auch an total zerst&ouml;rten St&auml;dten vorbeikam &#8211; An Peenem&uuml;nde gingen die Bomben weitestgehend vorbei. Einmal bombardierte die britische Luftwaffe, traf aber nicht die Produktions- und Testanlagen daf&uuml;r die Wohnquartiere, vor allem von Zwangsarbeitern und zweimal die Amerikaner die aber nur den wichtigsten Teststand angriffen. Die anderen Wohnquartiere in denen Huzel war, blieben von Bomben verschont. Huzel macht noch einen Abstecher und holt seine Freundin Irmel aus Berlin heraus, weil er Vergewaltigungen durch die rote Armee f&uuml;rchtet.<\/p>\n<p>Im Allg&auml;u angekommen r&uuml;cken bald die Amerikaner n&auml;her und die Gruppe von Braun ergibt sich. Auf den Fotos dieser Zeit ist &uuml;brigens Huzel mit abgebildet. Das Buch schlie&szlig;t dann mit der Zeit als &#8222;Gefangener&#8220; in Landhut und dann der Reise zu Fort Blizz. Wie schon gesagt ist es eine Autobiografie, kein Buch &uuml;ber die V-Waffenentwicklung. Man bekommt aber einmalige Einsichten in die Zeit und den Arbeitsalltag. Was man leider nicht bekommt ist viel &uuml;ber die anderen Peenem&uuml;nder zu erfahren. Viele sieht Huzel nur bei Besprechungen (er war schlie&szlig;lich nur f&uuml;r die Tests zust&auml;ndig, es gab noch andere Abteilungen f&uuml;r Steuerung, Triebwerksbau etc&#8230;) und mit von Braun scheint er nicht viel privates gesprochen zu haben. Ich hatte lange Zeit den Eindruck das von Braun recht distanziert w&auml;re und Huzel so der zuverl&auml;ssige Idiot f&uuml;r ihn war, der immer erst zuletzt abr&uuml;cken darf. Vor der Unterzeichnung der Arbeitsvertr&auml;ge mit der US-Armee bekommt er aber von von Braun noch einen Tipp: Der Vertrag erlaubt sp&auml;ter den Nachzug von Angeh&ouml;rigen, nicht aber von Freundinnen und Verlobten. Er heiratet Irmel (von der er das ganze Buch &uuml;ber schw&auml;rmt) am 3.11.1945 und sie kann so etwa eineinhalb Jahre sp&auml;ter in die USA kommen, sondern wird als Angeh&ouml;rige bis dahin auch von der US-Armee mit 2.300 Kalorien versorgt. In dem Hungerwinter 1946\/47 der mehreren Hunderttausend Deutschen das Leben kostete ist das sicher wertvoller als der Nachzug gewesen.<\/p>\n<p>Man sieht an den langen Ausf&uuml;hrungen. Es ist ein spannendes Buch, das heute leider nur noch im Antiquariat erh&auml;ltlich ist, daf&uuml;r aber recht g&uuml;nstig. Am Schluss blieb f&uuml;r mich nur eine Frage offen. Im Vorwort schreibt Wernher von braun, dass er nicht alle Ausf&uuml;hrungen von Huzel teilt, aber alles akkurat beschrieben ist. Da fragt man sich schon auf was sich von Braun bezieht, denn Huzel gibt nicht so viel Meinung von sich und die ist weitgehend verst&auml;ndlich wie &uuml;ber das Gr&auml;uel des Krieges, das er schon im Juli 1943 verloren ist etc. man k&ouml;nnte nur anderer Meinung sein &uuml;ber die Ausf&uuml;hrungen des recht sinnlosen Dienst im Milit&auml;r, den er hatte, bevor er zu Peenem&uuml;nde abkommandiert wurde oder seinen Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber die B&uuml;rokratie. Was von braun meint ist f&uuml;r mich offen, denn das Buch ist nicht das eines Raumfahrtidealisten oder eines unbelehrbaren Nazis, sondern einem der zwar immer schon von Raketen tr&auml;umt, vor allem aber froh ist nicht die Materialbeschaffung der Wehrmacht organisieren zu m&uuml;ssen sondern an einer Rakete arbeiten zu k&ouml;nnen, also eine sehr sehr realit&auml;tsbezogene Einstellung.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/32dd5cd607214915a08a9aa9ace09f1e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieter Huzel? Wer ist das? So denke ich mal wird die erste Reaktion sein, wenn ihr obige Titelzeile lest (ich mache mal bei Buchkritiken eine Ausnahme von den Titelzeilen aus Songs). Auch mir sagte der Name nichts. Er ist einer der Peenem&uuml;nder. Doch war er mir namentlich nicht bekannt, na ja zumindest nicht im Ged&auml;chtnis. 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