{"id":11982,"date":"2016-09-21T10:56:17","date_gmt":"2016-09-21T08:56:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=11982"},"modified":"2016-09-21T10:56:17","modified_gmt":"2016-09-21T08:56:17","slug":"homoeopathie-und-was-die-berufswahl-ueber-das-denken-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2016\/09\/21\/homoeopathie-und-was-die-berufswahl-ueber-das-denken-verraet\/","title":{"rendered":"Hom&ouml;opathie, und was die Berufswahl &uuml;ber das Denken verr&auml;t"},"content":{"rendered":"<p>Gestern sah ich bei 3SAT einen &ouml;sterreichischen Beitrag &uuml;ber Hom&ouml;opathie. Er war f&uuml;r mich relativ unergiebig. Er bestand im wesentlichen aus den Statements von Bef&uuml;rwortern und Gegnern, jeweils isoliert aufgenommen ohne Dialog und es handelte sich um extreme Vertreter beider Seiten entweder total dagegen oder total daf&uuml;r.<\/p>\n<p>Aber einige Punkte will ich doch aufgreifen. So sagte ein Quantenphysiker, dass man Hom&ouml;opathie nicht beweisen k&ouml;nne, das w&auml;re eine Verharrung im mechanistischen Denken. Es ginge ja schlie&szlig;lich um die Information die &uuml;bermittelt werde. Die zwei Grundgedanken der Homopathie sind ja: Eine Substanz, die bei einem Gesunden bestimmte Symptome verursacht, lindert, genau diese bei einem Kranken und dies geschieht um so besser je st&auml;rker man sie verd&uuml;nnt. Das f&uuml;hrt dazu dass bei h&ouml;heren Verd&uuml;nnungsstufen (in der Hom&ouml;opathie -Nomenklatur Potenz genant) gar kein einziges Molek&uuml;l der Ausgangssubstanz enth&auml;lt und schon bei niedrigen Potenzierungen die therapeutisch wirksame Konzentration unterschritten wird. So was ist nat&uuml;rlich in der heutigen Medizin, die auf molekularer Ebene inzwischen die Krankheiten erkl&auml;rt, nicht beweisbar. Ist dort keine Substanz vorhanden, kann sie auch nichts bewirken.<!--more--><\/p>\n<h3>Das Modell der\u00a0Hom&ouml;opathie und seine Schw&auml;chen<\/h3>\n<p>Angehen kann man aber dieses Modell. Beobachten kann man ja nur, ob es eine symptomatische Verbesserung gibt oder nicht. Soweit ich wei&szlig;, gab es die einzigen &Uuml;berpr&uuml;fungen aber nur vor 150 Jahren, als ein Arzt diese Behandlungsmethode entwickelte. Doch auch damals nicht systematisch. Wenn ich annehme, dass das Modell stimmt, also stark verd&uuml;nnte L&ouml;sungen eine heilende Wirkung haben. So vermisse ich doch die systematische Untersuchung. (Da man das Modell ja nicht rational erkl&auml;ren kann ist jede andere Kritik ja schon ausgeschlossen).<\/p>\n<p>Man macht(e) es sich ziemlich einfach. Wenn Eisenhut bei Gesunden Herzbeschwerden verursacht so muss er Kranken helfen. Man hat also einfach immer ein Mittel f&uuml;r Symptome eingesetzt, die es sonst verursachen w&uuml;rde (mit Betonung auf Symptome z.B. wird Bienengift gegen Gicht eingesetzt obwohl deren Entstehung nichts mit der Wirkung von Bienengift zu tun hat sondern nur ger&ouml;tete, hei&szlig;e und geschwollene Haut gleiche Symptome sind). Was man aber nicht probiert hat, ob nicht auch die vielen anderen Pflanzen oder andere Wirkstoffe die verd&uuml;nnt eingesetzt werden, wirken. Wenn die ganze Methode nur auf Beobachtung beruht, wie man es damals nur machen konnte, warum hat man sie niemals systematisch durchgef&uuml;hrt also ein breites Screening, was wo hilft oder nicht hilft oder welche andere Wirkungen hat?<\/p>\n<p>Vor allem muss dies ja dann auch f&uuml;r andere Dinge gelten. Wenn ich das Modell &uuml;bernehme, auf unsere zivilisatorischen Einleitungen ins Wasser, dann wird mir Angst und Bange. Wir finden heute im Abwasser in Spuren Pestizide, Hormone, Arzneimittel, Antibiotika, Umweltkontaminanten und Schwermetalle. Alle in einer Konzentration, die nicht akut giftig ist. Wenn ich das \u201eGesetz der Hom&ouml;opathie\u201c auf diese Substanzen &uuml;bertrage, dann m&uuml;ssten diese Spuren auch wirken, sogar noch st&auml;rker als die Reinsubstanzen, denn je verd&uuml;nnter etwas in der Hom&ouml;opathie ist desto wirksamer ist es. Da ihre Wirkung aber immer umgekehrt der von gro&szlig;en Mengen ist, m&uuml;ssten Hormone und Wirkstoffe im Wasser gerade die gegenteilige Wirkung haben. &Ouml;strogene, die in der Pille sind, m&uuml;ssten also wie Testosteron wirken. Reste von Blei m&uuml;ssten und vor An&auml;mie sch&uuml;tzen und so weiter. (So m&uuml;ssten z.B. Pestizide der Gruppe der Cholinesterasehemmer die Nervengifte sind, in Spuren dann ja das Denkverm&ouml;gen erh&ouml;hen&#8230;)<\/p>\n<p>Erst am Schluss wurde es interessant. Kein Anh&auml;nger der Hom&ouml;opathie konnte leugnen, dass es bisher keine gr&ouml;&szlig;ere Studie gab, die eine Wirkung irgendeines Verfahrens beweisen konnte. Kleine Studien mit methodischen M&auml;ngeln (z.B. zu kleine Teilnehmerzahl) sprachen daf&uuml;r aber, wenn man das mit gr&ouml;&szlig;eren Teilnehmerzahlen wiederholte, um statistische Fehler zu eliminieren, zeigte sich, dass dem nicht so war. Die Sprecherin sagte dann, dass aber keine der Gegner den Placeboeffekt leugnete und der w&auml;re ja auch nicht erkl&auml;rbar. Nun ja nicht ganz. Krankheit hat etwas mit K&ouml;rper und Geist zu tun. Wir k&ouml;nnen Krankheiten mit Medizin behandeln, wir k&ouml;nnen sie aber auch behandeln, indem wie dem Menschen Zuwendung geben und damit ihn von Sorgen befreien, was seinem Geist gut tut. Das hat auch nichts mit Hom&ouml;opathie zu tun, das ist eine Erkenntnis, die zur Schaffung ganzer Berufsgruppen f&uuml;hrt. Sozialp&auml;dagogen, Bew&auml;hrungshelfer und Psychologen w&auml;ren ohne diese Erkenntnis v&ouml;llig &uuml;berfl&uuml;ssig. Selbst bei Tieren hilft Zuwendung und wirkt heilend. Wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Gerade ein Psychiater heilt ja durch intensive Gespr&auml;che und nicht Medikamente. Und gerade die Anamnese, also das Aufnahmegespr&auml;ch ist ja bei der Hom&ouml;opathie so umfangreich und die Patienten glauben ja auch an die Wirksamkeit, was wiederum eine Heilung durch den Placeboeffekt erkl&auml;rt.<\/p>\n<h3>Entscheidet der Beruf &uuml;ber die Affinit&auml;t zu &#8222;alternativen Erkl&auml;rungsmodellen&#8220;?<\/h3>\n<p>Was mich &uuml;berraschte war das ein Quantenphysiker bei den Hom&ouml;opathiebef&uuml;rwortern war. Ich habe eine Hypothese, die sich bisher auch im Kontakt mit Leuten best&auml;tigt hat, n&auml;mlich das bei den meisten Menschen die Berufswahl doch viel &uuml;ber ihren Zugang zu einem Gebiet festlegt. Jeder Beruf hat andere Anforderungen an den Menschen. Es geht mir aber nur um die geistigen Anforderungen. So gesehen fallen aus meiner Hypothese alle Berufsgruppen heraus, die vorwiegend handwerklich arbeiten. Denn die werden geistig nicht in dem Ma&szlig;e gefordert. Es kann sein, dass sie auch nicht so an Gebieten interessiert sind, in denen man sich geistig anstrengen muss, es kann aber auch sein, dass sie einfach diesen Beruf haben, weil man da gut Geld verdienen kann.<\/p>\n<p>Beschr&auml;nken wir uns mal auf die Dinge, bei denen man ein Studium absolvieren muss, das ist ja vor allem geistiges Lernen. Da haben verschiedene F&auml;cher schon sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Wer etwas Naturwissenschaftliches, in abgeschw&auml;chter Form aber auch etwas Technisches studiert, der wird sehr bald das Ursache- \u2192 Wirkungsmodell verinnerlichen. Alles hat eine Ursache und eine Wirkung. In gewisser Weise ist die Welt deterministisch. Das gilt f&uuml;r Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Einige Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Bestrahle ich Chloratome in einem Gemisch mit Methan mit Licht einer Photonenenergie, die &uuml;ber der Bindungsenergie des Chloratoms liegt, dann spalte ich die Bindung und das Chlor wird sich mit Methan zu Chlormethan verbinden, (Chemie).<\/li>\n<li>Wer\u00a0eine Oberfl&auml;che aus Gestein mit anderem Gestein gl&auml;tten will, so sollte dieses einen h&ouml;heren H&auml;rtegrad haben (Technik).<\/li>\n<li>Wenn ich Kopfschmerzen habe, kann ich sie lindern, indem ich ein Schmerzmittel nehme, dass die Rezeptoren der Nerven belegt die Schmerzen &uuml;bertragen (Medizin).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer\u00a0dagegen Sozialwissenschaften studiert, aber auch Psychologie, dann hat er\u00a0es mehr mit abstrakten Erkl&auml;rungsmodellen zu tun, die oft in Konkurrenz stehen. Alle versuchen, irgendwie eine Erkl&auml;rung f&uuml;r menschliches Verhalten, aber auch geistige Krankheiten zu finden. Immerhin kann man sie noch &uuml;berpr&uuml;fen, indem man Therapien, die auf diesen Modellen beruhen, vergleicht. Aber dieser Berufsbereich hat es schon nicht mit richtigen harten Fakten zu tun, gar nicht mehr mit Mathematik und Berechnungen. In den Geisteswissenschaften wie Philosophie kann man nicht mal die Vorstellungen beweisen. Im Prinzip hat man es mit synthetischen Modellen zu tun ob es nun Sprachregeln sind oder Vorstellungen wie die Welt oder Menschen funktionieren. Zuletzt gibt es noch die Betriebsgruppe, die zwar auch viel mit Zahlen und Mathematik zu tun haben, aber nicht im naturwissenschaftlichen Sinn. Es gibt also nicht berechenbare Zusammenh&auml;nge oder Ursache-Wirkungen und damit deterministische Vorhersagen. Vielmehr entstehen die Zahlen durch den Menschen und damit haben sie eine gewisse Willk&uuml;rlichkeit. In Naturwissenschaft und Technik gibt es Grenzen und selten abrupte Spr&uuml;nge. Nehmen wir mal ein Beispiel aus der Raketentechnik: Tanks kann man nicht beliebig leicht herstellen, irgendwann reist die Haut unter dem Gewicht des Treibstoffs. Das ist bestimmt durch eine Materialkonstante und &uuml;ber eine Formel (Kesselformel) berechenbar.<\/p>\n<p>Im Finanzwesen k&ouml;nnen Spr&uuml;nge vorkommen, die v&ouml;llig stochastisch sind und es scheint keine Grenzen zu geben. Der Wert einer W&auml;hrung kann bei Inflation ins bodenlose Fallen (Beispiel: Ende 1923 kostete ein Brot 1 Milliarde Reichsmark). Firmen k&ouml;nnen mal enorme Gewinne, mal enorme Verluste machen (Beispiel Volkswagen). Ich vermute, dass man in einem solchen Beruf nicht mehr logisch nachfragt, wenn man es in einem sachfremden Gebiet mit komischen Zahlenangaben zu tun hat. Mein Paradebeispiel ist da ja die Falcon 9: Die hatte vor zwei Jahren 480 t Startmasse und 4,85 t Nutzlast. Nun sind es 540 t und 8,2 t Nutzlast. Die Nutzlast ist also viel st&auml;rker angestiegen als die Startmasse. Dabei hat man die Rakete technisch kaum ver&auml;ndert, also nicht grunds&auml;tzlich neue Triebwerke oder eine neue Oberstufe eingef&uuml;hrt. Mir als naturwissenschaftlich vorgebildetem Menschen kommt dies seltsam vor. Vielen anderen nicht. Vielleicht w&uuml;rden sie Verdacht sch&ouml;pfen, wenn ein Autohersteller ein neues Auto auf den Markt bringt. Das Alte wiegt 5,4 t das neue 4,8 t. Es verbraucht aber nur noch 4,85 l pro 100 km anstatt 8,2 l (das ist die gleiche Effizienzsteigerung wie bei der Falcon 9) W&uuml;rde man da auch so leichtgl&auml;ubig sein? Mein Paradebeispiel f&uuml;r die Theorie ist ja Eugen Reichl. Bei ihm gibt es bei Zahlenangaben so viele Fehler, selbst bei Datumsangaben, viele offensichtlich (so der Erstflug der Ariane 1 vor deren Entwicklungsbeginn). Reichl ist Betriebswirt, da scheinen Zahlen schon von Berufswegen nicht wichtig zu sein, da dauernden Ver&auml;nderungen unterworfen (Bsp: Kosten von BER und Stuttgart 21).<\/p>\n<h3>Res&uuml;mee<\/h3>\n<p>So gesehen erstaunte mich der Quantenphysiker. Eigentlich ist Physik ja die deterministische Wissenschaft an sich. Mit Gleichungen kann man alles erkl&auml;ren. &Uuml;bermorgen feiern wir die 170-sten Jahrestag der Entdeckung Neptuns, der wurde durch Berechnung nach Newtons Gravitationsgesetz gefunden. In der Praxis klappt es zwar nicht immer mit der Umsetzung der Formeln, weil es St&ouml;reinfl&uuml;sse gibt, doch letztendlich sind selbst die berechenbar. So errechnen heute Supercomputer das Wetter und Klima von Morgen und das trotz vieler gegenseitiger Beeinflussungen. Bei einem Physiker erwartet man also nicht so sehr, dass er so etwas Vagem wie dem Erkl&auml;rungsmodell der Hom&ouml;opathie anh&auml;ngt, das w&uuml;rde ich nun eher bei einem Psychiater oder Germanisten erwarten. Aber Quantenphysik ist eine Ausnahme: Ab einer bestimmten Grenze ist diese nicht mehr deterministisch berechenbar, Stichwort Heisenbergsche Unsch&auml;rferelation. So gesehen hat vielleicht gerade dieser Beruf doch eine gewisse Affinit&auml;t zu nicht berechenbaren Erkl&auml;rungsmodellen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/78dc039db3d34400a6a5e384bc285333\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern sah ich bei 3SAT einen &ouml;sterreichischen Beitrag &uuml;ber Hom&ouml;opathie. Er war f&uuml;r mich relativ unergiebig. Er bestand im wesentlichen aus den Statements von Bef&uuml;rwortern und Gegnern, jeweils isoliert aufgenommen ohne Dialog und es handelte sich um extreme Vertreter beider Seiten entweder total dagegen oder total daf&uuml;r. Aber einige Punkte will ich doch aufgreifen. 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