{"id":12231,"date":"2017-01-02T12:58:29","date_gmt":"2017-01-02T11:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12231"},"modified":"2017-01-02T12:58:29","modified_gmt":"2017-01-02T11:58:29","slug":"die-zenit-4-satelliten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/01\/02\/die-zenit-4-satelliten\/","title":{"rendered":"Die Zenit 4 Satelliten"},"content":{"rendered":"<p>Russland r&uuml;stet derzeit auf. 11.000 neue gepanzerte Fahrzeuge, darunter ein neuer Panzertyp bis 2020, zwei neue Atom-U-Boote pro Jahr, neue Interkontinentalraketen mit noch mehr Sprengk&ouml;pfen und Su-35 Kampfflugzeuge \u2013 das sind nur einige der Anschaffungen.<\/p>\n<p>W&auml;hrend fr&uuml;her die Aufr&uuml;stung des Milit&auml;rs einherging mit neuen milit&auml;rischen Starts \u2013 die meisten der bis zu 100 Starts pro Jahr waren milit&auml;rischer Natur \u2013 blieb eine Renaissance bei den Raketenstreitkr&auml;ften \u2013 zumindest, was Satellitenstarts angeht, aus. Stattdessen gab es wechselnde Pl&auml;ne f&uuml;r neue Schwerlastraketen, die bald wieder verworfen wurden. Das soll sich nun &auml;ndern.<\/p>\n<p>Russlands Verteidigungsminister Schoigu k&uuml;ndigte ein neues Satellitenprogramm an, dessen Daten auch uneingeschr&auml;nkt kommerziell verf&uuml;gbar seien \u2013 im Gegensatz zu den USA als Seitenhieb, dass von den kommerziell verf&uuml;gbaren Aufnahmen sich erst mal ihre abgreift und dann nur den Rest, der nicht nationale Interessen ber&uuml;hrt freigibt.<!--more--><\/p>\n<p>2020 soll der erste Start beginnen und es soll dann das System auch schon einsatzbereit sein. Das spricht f&uuml;r wenige Satelliten f&uuml;r ein operationelles System. Das Besondere w&auml;re ein weltweit koh&auml;renter Datensatz. Das bedeutet, alle Daten stammen von demselben Instrument und zum (nahezu) gleichen Zeitpunkt. Das verwundert, liefert aber wertvolle Hinweise auf die Bauweise der Satelliten. Nach russischen Foren scheint das Vorhaben schon sehr konkret zu sein, was mich auch bewegte mal dar&uuml;ber zu berichten. Vor allem weil Russland wieder andere Wege geht als der Westen.<\/p>\n<h3>Das Zenit System<\/h3>\n<p>Doch zuerst eine Erinnerung an die Vergangenheit. Beide Nationen begannen als erste milit&auml;rische Satelliten Aufkl&auml;rungssatelliten zu entwickeln, auf die auch der Gro&szlig;teil der Starts beider Nationen in den Sechziger Jahren beruhte. Die Technik war in beiden L&auml;gern dieselbe, die Umsetzung jedoch jeweils eine andere. Ein Satellit nahm Gebiete auf gro&szlig;formatigen Film auf und dieser wurde dann mit einer Landekapsel geborgen. In Russland entwickelte das OKB-1 von Koroljow die Zenit Satelliten. Das waren eigentlich umgebaute Wostokkapseln, bei denen man anstatt eines Kosmonauten eine Kamera in die Kapsel einbaute. Mit diesem \u201eTrick\u201c konnte man die Milit&auml;rs &uuml;berzeugen Wostok zu entwickeln \u2013 denn an bemannter Raumfahrt hatte das Milit&auml;r eigentlich kein Interesse. Russland setzte die Zenit-Systeme sehr lange ein. Es gab drei Generationen. Relativ sp&auml;t setzte man wie die USA auf Satelliten mit elektronischen Bildaufnehmern. Als die Sowjetunion sich &ouml;ffnete, vermarktete man die Aufnahmen der Satelliten im Westen. Sie fanden rege Abnehmer, weil sie besser waren als das zivil verf&uuml;gbare Material, das damals von Landsat oder SPOT verf&uuml;gbar war. Ich kann mich noch an eine 14-teillige-CD-Serie \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/D-Sat\">D-SAT<\/a>\u201c erinnern, die auf diesen Aufnahmen beruhte. Die milit&auml;rische Natur war un&uuml;bersehbar. So waren die Aufl&ouml;sung rund um einen Bundeswehrflugplatz deutlich besser als einige Kilometer weiter. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach diese Serie ab. Russland stellte auch viele andere Satellitenprojekte ein, darunter welche mit CCD-Sensoren.<\/p>\n<p>Auch im Westen gab es eine Z&auml;sur. Die USA setzen heute weniger auf eigene Aufkl&auml;rungssatelliten \u2013 zumindest im sichtbaren Bereich. Satelliten, die im Infraroten arbeiten oder Radar nutzen, werden nach wie vor gebaut \u2013 sondern nutzen kommerzielle Satelliten. Die Ersten dieser \u201eZivilsp&auml;her\u201c starteten in der zweiten H&auml;lfte der Neunziger Jahre. Inzwischen ist ihre Aufl&ouml;sung von 100 auf 31 cm gesunken. Das Milit&auml;r und NRO ist heute auch der Hauptkunde von Digiglobe der gr&ouml;&szlig;ten Firma, die diese Satelliten betreibt.<\/p>\n<h3>Bedarf an neuen Satelliten?<\/h3>\n<p>Doch diese Satelliten haben auch Nachteile. F&uuml;r einige Kunden ist wichtiger als eine hohe Aufl&ouml;sung, das man koh&auml;rentes Bildmaterial bekommt. Das bedeutet, man m&ouml;chte ein Gebiet mit demselben Instrument zur gleichen Zeit beobachtet haben. Solche Kunden sind vor allem institutionelle Kunden. Die ESA &uuml;berwacht so die Agrarwirtschaft. Macht Ernteprognosen und &uuml;berwacht ob Nutzungseinschr&auml;nkungen eingehalten werden. Deutschland macht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Waldinventur, bei der man den gesamten Wald in Deutschland auf kranke B&auml;ume untersucht. Die UNO screent regelm&auml;&szlig;ig gro&szlig;e Gebiete, um Brandrodungen und andere menschengemachte Umweltver&auml;nderungen zu &uuml;berwachen. Alle brauchen keine extrem hohen Aufl&ouml;sungen und alle m&ouml;chten sehr gro&szlig;e Gebiete &uuml;berwachen.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r eignen sich die Satelliten von Digiglobe nicht. Sie bieten hohe Aufl&ouml;sungen, doch die erfasste Fl&auml;che ist begrenzt. Der neueste Satellit, Worldview 3 kann zwar aufnahmen mit 0,31 m Aufl&ouml;sung anfertigen, aber er erfasst maximal 680.000 km\u00b2 am Tag. W&ouml;llte er so die ganze Erdoberfl&auml;che, erfassen, so br&auml;uchte er dazu 250 Tage. Begrenzend ist vor allem die Datenrate und Datenspeicherkapazit&auml;t. Worldview 3 kann auf dem Satelliten 2200 GBit speichern und die Daten mit 1200 Mbit\/s &uuml;bertragen. Das ist viel, aber der Satellit hat weder eine dauernde Funkverbindung noch die M&ouml;glichkeit, kontinuierlich Daten zu erfassen. Es gibt einen Streifen, der erfasst wird, bis der lokale RAM-Speicher voll ist und dann wird er in eine SSD &uuml;bertragen. Die Datenmenge ist enorm. Worldview erfasst pro Sekunde einen 13,1 km breiten Streifen. Bei einer Geschwindigkeit von 7 km\/s relativ zum Boden sind das 100 km\u00b2 f&uuml;r die man bei 0,31 m\/Pixel rund 1 Milliarde Pixel pro Sekunde abspeichern muss. Zu der Datenmenge des monochromen Sensors kommen dann noch die anderen niedriger aufgel&ouml;sten Sensoren, sodass die Gesamtdatenmenge bei rund 1,8 Gpixel pro Sekunde liegt. Jedes Pixel hat 12 bis 14 Bit f&uuml;r den Helligkeitswert. So kommt man auf eine Datenmenge von rund 3 GByte\/s. Das geht derzeit nur in einen RAM-Speicher. Eine SSD ist dazu um den Faktor 5-10 zu langsam (und als der Satellit konzipiert wurde, war die Technik noch langsamer).<\/p>\n<p>Russland d&uuml;rfte Probleme haben, diese Datenmenge direkt zu &uuml;bertragen. Zwar liegt das Land nahe am Nordpol, k&ouml;nnte also dort Empfangsstationen aufbauen, die ein Satellit mindestens einmal pro Umlauf passiert. Doch wie kommen dann von dort die Daten zu den Rechenzentren? Internetverbindungen sind in die Arktis keine verlegt und Hochgeschwindigkeitsdatenverbindungen zu geostation&auml;ren Satelliten hat Russland ebenfalls nicht. Dazu kommt, dass das Land bei der Elektronik hinterherhinkt. Gerade erst hat man den Bordcomputer der Sojus-Kapsel erneuert. Er leistet nun 8 MIPS und hat 2 MByte Speicher \u2013 das sind die Leistungen eines 386-er PC aus dem Jahre 1986. Phobos-Grunt ging 2011 verloren, weil man nicht weltraumqualifizierte kommerzielle Komponenten verwendet, die dann prompt ausfielen.<\/p>\n<h3>Das Zenit 4 System<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium\" src=\"\/img\/csg-google-earth.jpg\" width=\"917\" height=\"712\" \/>Russische Foren gehen, soweit ich dies mit Google-Translator verstanden habe von Folgendem aus:<\/p>\n<p>Russland greift das alte Zenit-Konzept auf, man spricht auch von \u201eZenit 4\u201c, als vierter Generation, diesmal aber mit der Sojus als Startgef&auml;hrt. Ab 2018 braucht Russland weniger Sojus und Progress um die Internationale Raumstation zu versorgen, da dann die Amerikaner ihre Astronauten selbst starten und auch CRS-2 mehr Fracht zur ISS bringt und man keine Fracht mehr bei den Progress bucht. Stattdessen wird es vier Zenit Missionen pro Jahr geben. Die Zenit-Satelliten sind umgebaute <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus-raumschiff.shtml\">Sojus-Raumschiffe<\/a>. In der Wohneinheit gibt es eine Reihe von Fenstern, an denen Teleskope angebracht sind. Sichtbar sind mindestens sechs Fenster, jedes etwa 30 bis 35 cm gro&szlig;. Sie m&uuml;ssen, da die Sojus die Erde in einer erdnahen Umlaufbahn umrundet, nicht sehr gro&szlig; sein, so auch die Teleskope. Aus 250 km H&ouml;he reicht f&uuml;r eine Aufl&ouml;sung von 1 m ein Teleskop von 150 mm Durchmesser.<\/p>\n<p>Ihre Daten werden per Kabel in die R&uuml;ckkehreinheit &uuml;bertragen, in der ein Speichersystem die Daten abspeichert. Nach einer relativ kurzen Mission, in der gro&szlig;e Teile der Erdoberfl&auml;che erfasst werden, wird die R&uuml;ckkehrkapsel wie bei der Sojus geborgen. Die Wohneinheit mit den Instrumenten geht verloren. Bedingt durch die Verlagerung in die R&uuml;ckkehrkapsel kann Russland durch die starken W&auml;nde dort \u201enormale\u201c sprich strahlungstolerante Elektronik verwenden, wie sie auch in Verkehrsflugzeugen eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Dazu passt die Ank&uuml;ndigung von IBM, dass man einen Entwicklungs- und Fertigungsauftrag von Russland erhalten habe f&uuml;r die Lieferung eines besonders vibrationsresistenten Data Centers erhalten habe, das auf der Intel SSD P3700 basiert. Eine kommerzielle Variante setzt bis zu 96 SSD in 4 H&ouml;heneinheiten mit einer Maximalkapazit&auml;t von 160 TByte ein. Das w&uuml;rde bei der auf 1 m gesch&auml;tzten Aufl&ouml;sung ausreichen, die gesamte Erdoberfl&auml;che abzulichten. Mit mindestens 6 Kameras soll ein Zenit 3 einen 200 km breiten Streifen erfassen und er k&ouml;nnte so innerhalb von 14 Tagen einmal die Erde erfassen. Zudem machen so viele SSD es m&ouml;glich die Datenmenge direkt abzuspeichern, ohne einen RAM-Puffer zu ben&ouml;tigen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird ein Teil der Daten &uuml;ber geostation&auml;re Satelliten direkt &uuml;bertragen. Das sind milit&auml;risch wichtige Daten. Doch der Gro&szlig;teil wird erst nach der Landung zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p>\n<h3>Die Chancen im kommerziellen Umfeld<\/h3>\n<p>Das Konzept greift alte russische Konzepte auf. Das Beste aus dem zu machen, was man schon entwickelt hat und die eigenen M&auml;ngel zu kompensieren. In diesem Falle nutzt man die Sojus-Kapseln, die bew&auml;hrt sind. Deren Abschirmung, die ja auch Kosmonauten vor Strahlung sch&uuml;tzt, macht es dann m&ouml;glich kommerzielle Elektronik einzusetzen. Dabei kann Russland auch leicht kommerzielle Exporte umgeben. Wenn das Land normale &#8222;Konsumer&#8220; Hardware nutzt, kann sie praktisch aus Hunderten von kommerziellen Serverherstellern sich etwas rauspicken und die f&auml;llt nicht unter das Embargo. Selbst wenn dann kann man ein Verbot leicht umgehen, und die Hardware eben &uuml;ber normale PC-H&auml;ndler und Mittelm&auml;nner besorgen.<\/p>\n<p>Vor allem scheint sich Russland auch Gedanken &uuml;ber eine Refinanzierung gemacht zu haben. Denn den Bedarf an niedrig aufgel&ouml;sten Aufnahmen gibt es. Die ESA hat eigens daf&uuml;r, dass Sentinel Programm ins Leben gerufen, dass drei Satellitenreihen und eine Reihe von Instrumenten vorsieht. Die NASA, die seit Jahren mit der Finanzierung ihres Earth Science Programms k&auml;mpft, hat nun einen Auftrag f&uuml;r die Wiederbef&uuml;llung von Landsat 7 <a href=\"https:\/\/spaceflightnow.com\/2016\/12\/09\/nasa-selects-builder-for-robotic-satellite-servicing-mission\/\">vergeben<\/a> \u2013 der Satellit wurde schon 1999 gestartet, einen Nachfolger bekam die NASA aber nicht finanziert. Google startet aus demselben Grunde \u2013 f&uuml;r Earth View und Google Maps koh&auml;rentes Material mit derselben Aufl&ouml;sung und denselben Sensoren zu bekommen derzeit seine <a href=\"https:\/\/directory.eoportal.org\/web\/eoportal\/satellite-missions\/s\/skysat\">SkySat Flotte<\/a>. Drei sind schon im Orbit, weitere 6 sollen bis 2018 folgen. Heute bemerkt man den Mangel deutlich, wenn man bei Google Earth mal weg von den dicht besiedelten Gebieten geht, dann sieht man oft Streifen mit hoher Aufl&ouml;sung neben niedriger oder Farbwechsel, weil die Daten aus unterschiedlichen Quellen mit unterschiedlichen Sensoren stammen. Das Bild Links zeigt z.B. die Ariane 5 Startrampe, wo man deutlich sieht, das Google bisher auf verschiedene Quellen zur&uuml;ckgreift.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/1117bcaa1d0d4d11ba8ffd1db6382657\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland r&uuml;stet derzeit auf. 11.000 neue gepanzerte Fahrzeuge, darunter ein neuer Panzertyp bis 2020, zwei neue Atom-U-Boote pro Jahr, neue Interkontinentalraketen mit noch mehr Sprengk&ouml;pfen und Su-35 Kampfflugzeuge \u2013 das sind nur einige der Anschaffungen. 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