{"id":12348,"date":"2017-02-13T12:12:12","date_gmt":"2017-02-13T11:12:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12348"},"modified":"2017-02-13T12:12:12","modified_gmt":"2017-02-13T11:12:12","slug":"was-ist-ein-fehlstart-gar-nicht-so-einfach-zu-beantworten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/02\/13\/was-ist-ein-fehlstart-gar-nicht-so-einfach-zu-beantworten\/","title":{"rendered":"Was ist ein Fehlstart \u2013 gar nicht so einfach zu beantworten"},"content":{"rendered":"<p>Die aufkommende Diskussion &uuml;ber LOC (Loss of Crew) and LOM (Loss of Mission) Risiken, bringt mich auf unser heutiges Thema. Es geht darum, wann ein Start &#8222;erfolgreich&#8220; ist und wann ein \u201eFehlstart\u201c. Das wirkt nur auf den ersten Blick einfach.<\/p>\n<p>Nun gibt es nat&uuml;rlich die offensichtlichen F&auml;lle. Wenn eine Rakete beim Aufstieg explodiert wie 2015 eine Falcon 9 oder 2014 eine Antares gleich nach dem Abheben, dann ist das klar. Auch wenn, was zum Gl&uuml;ck, der Normalfall ist, die Satelliten die vorgesehene Umlaufbahn erreichen dann auch. Doch es gibt genug Zwischenstadien. Hier ein paar Beispiele:<!--more--><\/p>\n<p>Sehr h&auml;ufig ist eine Unterperformance einer Stufe. Daf&uuml;r gibt es verschiedene Gr&uuml;nde. So kann eine Turbopumpe nicht den vollen Druck erreichen, der spezifische Impuls sinkt ab oder noch schlimmer das Mischungsverh&auml;ltnis ist falsch und nach v&ouml;lligem Verbrauchen des Treibstoffs ist die Bahn zu niedrig. Das kam bei einigen Proton-Starts vor allem bei Versagen der Breeze-M vor. Wenn die Nutzlast klein genug ist, kann die Rakete das Ausgleichen so beim Start von GPS-IIF3 2012 oder einer Cygnus auf einer Atlas 2016. Wenn es nur um die Rakete geht, so war dies auch beim Start von Apollo 13 (Triebwerksausfall in der S-II) und beim Start von Skylab (Zwischenstufenadapter l&auml;sst sich nicht ab und erh&ouml;ht die Nutzlastmasse um 5 t) der Fall. Oftmals geht es aber nicht.<\/p>\n<p>Seltener kommt es vor, das die Ausrichtung bei der Z&uuml;ndung nicht stimmt, so prominent passiert beim Start von Galileosatelliten mit einer Sojus STB von Kourou aus.<\/p>\n<h3>Bemannte Missionen<\/h3>\n<p>Auch bei bemannten Missionen ist es nicht so einfach. LOC \u2013 Loss of Crew ist ja noch eindeutig definiert. Ein Mensch ist tot oder eben nicht. Den Fall das jemand \u201enur\u201c schwer verletzt ist, ist in der Raumfahrt &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich. Doch wie sieht es bei \u201eLoss of Mission\u201c aus? Auch hier gibt es F&auml;lle, wo es eindeutig ist: Apollo 13, wo die Mondlandung nicht stattfand oder die Ausl&ouml;sung des Rettungssystems bei Sojus 31. Aber viel h&auml;ufiger gibt es Pannen. Meistens kann man durch weitere Versuche noch die Mission retten. Das k&ouml;nnte man von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/06\/14\/skylab-2-die-reparatur-wird-vollendet\/\" target=\"_blank\">Rettung von Skylab<\/a> behaupten. Andere Missionen erreichen nicht ihre vollen Missionsziele. Bei Gemini 8 musste die Mission abgebrochen werden, weile eine D&uuml;se dauernd feuerte, bei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/gemini-missionen.shtml\" target=\"_blank\">Gemini 9<\/a> klappte das zweite Missionsziel \u2013 EVA Arbeiten nicht. STS-2 wurde wegen Problemen der Brennstoffzellen von 5 auf 2 Tage gek&uuml;rzt. STS-51F hatte einen Abort to Orbit mit anfangs zu niedrigem Orbit, vergleichbar einer Unterperformance einer Tr&auml;gerrakete.<\/p>\n<h3>Besch&auml;digungen vor dem Start<\/h3>\n<p>SpaceX f&uuml;hrt neue Kategorien ein. Schon vorher gab es den Fall, dass Satelliten vor dem Start besch&auml;digt wurden. Mal wurde ein Kran auf den Satelliten fallen gelassen (Insat), mal bei einem Vibrationstest zu stark gesch&uuml;ttelt. Letztes Jahr wurde der DSN-1 Satellit beim Transport zum <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/japans-dsn-1-military-communications-satellite-damaged-during-transport-to-launch-base\/\" target=\"_blank\">CSG<\/a> besch&auml;digt. Das ein Satellit aber erst bei einem Probecountdown besch&auml;digt wird ist neu. Bei anderen LSP wird die Nutzlast erst zum Start montiert. Hot-Fires erfolgen (wenn &uuml;berhaupt) bei der Integration der Stufe und nicht erst beim Startplatz. Es gibt nur einen vergleichbaren Fall in der US-Geschichte, das war die Atlas 9C die am 24.9.1959 explodierte und die ganze Startrampe 12 zerst&ouml;rte. Der Wiederaufbau dauerte 7 Monate. Mal sehen ob SpaceX schneller ist. Streng genommen ist es weder ein Fehlstart noch ein Fehler beim Transport und der Vorbereitung.<\/p>\n<h3>Partielle Fehlstarts bei Ariane 5<\/h3>\n<p>Sch&ouml;n w&auml;re es daher, wenn man einen &#8222;partiellen Fehlstart&#8220; g&auml;be. Aber auch so ist die Entscheidung nicht einfach. Nehmen wir mal die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ariane-fehlstarts.shtml\" target=\"_blank\">Arianestarts 502 und 510<\/a>. Bei L502 zeigte sich das die Rollachsentriebwerke mit dem auftretenden Drehmoment &uuml;berfordert waren, es ging der Treibstoff aus und am Ende des Betriebs rotierte die EPC. Dadurch sammelte sich der Treibstoff an der Au&szlig;enseite und es wurde ein vorzeitiger Brennschluss ausgel&ouml;st. Die EPS stabilisierte wieder die Bahn und brannte l&auml;nger als geplant, konnte aber die fehlende Geschwindigkeit nicht ausgleichen. Das Massemodell eines Satelliten wurde in einem 524 x 27000 km Orbit entlassen. Die ESA deklarierte den Flug als Erfolg. Schlie&szlig;lich hatten alle Stufen korrekt funktioniert und das Problem der Rollachsenkontrolle wurde durch weitere Triebwerke und mehr Treibstoff angegangen. Es trat nie wieder auf. Trotzdem erscheint der Flug in allen Listen als Fehlstart, weil die geplante Bahn nicht erreicht wurde (auch wenn es sich um keinen Satelliten, sondern nur Ballast handelte).<\/p>\n<p>Bei L510 gab es eine Verbrennungsinstabilit&auml;t bei der EPS-Stufe und eine Komponente des Treibstoffs wurde vorzeitig verbraucht. Die beiden Satelliten wurden in einem 17.545 \u00d7 594 km Orbit mit 2,9 \u00b0 Neigung zum &Auml;quator ausgesetzt. Geplant war ein 35.853 \u00d7 858 km hoher Orbit, mit einer Neigung von 2 Grad.\u00a0 Die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen beiden Orbits betrug rund 500 m\/s. Das h&auml;tte die Lebensdauer des japanischen Satelliten stark verk&uuml;rzt und er wurde als Totalverlust der Versicherung gemeldet. Der europ&auml;ische Artemis hatte als erster Satellit Ionentriebwerke an Bord und erreichte seine Endbahn. Anders als bef&uuml;rchtet, wurde auch die Lebensdauer nicht verk&uuml;rzt. Nach 11 Jahren (Solllebensdauer 10 Jahre) verkaufte die ESA den Satelliten f&uuml;r 1 Euro an Avanti Communcations, er arbeitet noch immer, mittlerweile im 14-ten Jahr. Auch hier w&auml;re also die Einstufung \u201ePartieller\u201c erfolg besser.<\/p>\n<h3>100% Sucess-Rate bei SpaceX<\/h3>\n<p>Woanders ist man gro&szlig;z&uuml;giger und &uuml;bernimmt die Angaben eines LSP. Ich sehe z.B. einige Parallelen der beiden Ariane 5 \u201eFehlstarts\u201c zu <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/falcon-starts-zusammenfassung.shtml\" target=\"_blank\">SpaceX Starts<\/a>. Beim ersten Start der Falcon 9 wurde die Nutzlast in einem elliptischen Orbit entlassen, dazu um die Achse torkelnd. Die Abweichungen der Bahn waren schon h&ouml;her als im Users Guide versichert (wie sich in Folge zeigen sollte, war das der Normalfall. Im neuen Users Manual wurde daher auch die Toleranz um 50% angehoben. Der springende Punkt: SpaceX deklarierte den Flug als vollen Erfolg. Wie bei Ariane 502 versagte die Rollachsenkontrolle und die Nutzlast taumelte im Orbit (dies war bei 502 z.b. nicht der Fall). So ist ein Satellit ein Totalverlust. Man bekommt dadurch keine Kommunikationsverbindung wie sich auch bei der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Progress_M-27M\">Progress M-27M<\/a> zeigte, die auch rotierend im Orbit entlassen wurde. SpaceX deklarierte den Flug als vollen Erfolg und so steht er auch in den Listen.<\/p>\n<p>Beim vierten Start fiel ein Triebwerk aus und es wurde ein zu niedriger Orbit erreicht. Das Perig&auml;um war um 100 km zu niedrig. Die nur mit 900 kg Fracht (SpaceX gibt 3.300 kg Maximalnutzlast an) beladene Dragon konnte dank eigener Treibstoffvorr&auml;te den Zielorbit erreichen. Eine nur 128 kg schwere Sekund&auml;rnutzlast nicht mehr. Sie wurde noch am selben Tag als Totalverlust gemeldet. Die Parallelen zu L510 sind un&uuml;bersichtlich. SpaceX reklamiert den Start als Erfolg.<\/p>\n<p>Beim ersten Start der V1.1 Variante scheiterte die Wiederz&uuml;ndung da durch kaltes Helium eine Leitung zwischen erster und zweiter Z&uuml;ndung zufror. Da die Nutzlasten schon bei der ersten Z&uuml;ndung ausgesetzt wurden und man mit der zweiten Z&uuml;ndung eine GTO-Mission durchspielen wollte, deklarierte man ihn auch als vollen Erfolg. W&auml;re es eine echte GTO-Mission gewesen, die Nutzlast w&auml;re im Transferorbit gestandet wie z. B. Telkom 3 bei einem Proton Start am 6.8.2012.<\/p>\n<p>Wendet man also die gleichen Kriterien wie bei den beiden Ariane 5 Starts auf die Falcon 9 an, so haben wir drei Fehlstarts mehr.<\/p>\n<h3>Zeit f&uuml;r eine Regelung<\/h3>\n<p>Kurzum: Man sollte das Mal regeln. Entweder, das w&auml;re meiner Ansicht nach die beste L&ouml;sung, man f&uuml;hrt einen \u201epartiellen Erfolg\u201c (klingt besser als partieller Fehlstart) ein oder nimmt ein hartes, nachpr&uuml;fbares, Kriterium. Ein partieller Erfolg liegt vor, wenn ein Teil der Missionsziele erreicht wurde (wenn an Bord nur Dummynutzlasten sind, wie &uuml;blich bei Testfl&uuml;gen) oder die Nutzlast den Endorbit noch erreichen konnte, aber ihre Lebensdauer verk&uuml;rzt ist, wie es dann meist durch den verbrauchten Treibstoff der Fall ist. Alternativ liegt das vor, wenn eine von mehreren Nutzlasten ein Verlust ist, die andere(n) nicht. Das halte ich f&uuml;r die beste L&ouml;sung.<\/p>\n<p>Bel&auml;sst man es bei der Einstufung &#8222;Fehlstart oder Erfolg&#8220;, so braucht man ein hartes Kriterium. Bei kommerziellen Starts gibt es ein einfaches Kriterium: Ist es ein Versicherungsfall oder nicht (es gibt auch F&auml;lle, wo die Versicherung nur einen Teil des Betrages zahlt, die der verk&uuml;rzten Lebensdauer entspricht). Ansonsten nimmt man das Users Manual des LSP und vergleicht die zugesicherten Toleranzen f&uuml;r den Orbit mit den realen ab. Macht man das bei SpaceX, so sieht es sehr sehr schlecht aus. Von den ersten 11 Starts der Falcon 1+9, bei der ich das noch verfolgt habe, hielten nur zwei die Angaben des Users Guide ein. Der f&uuml;r die Falcon 1 und Falcon 9 \u201eV1.0\u201c verschwand dann &uuml;brigens von der Website.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/c85a68109f1a4a858b999b83bf228f8c\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aufkommende Diskussion &uuml;ber LOC (Loss of Crew) and LOM (Loss of Mission) Risiken, bringt mich auf unser heutiges Thema. Es geht darum, wann ein Start &#8222;erfolgreich&#8220; ist und wann ein \u201eFehlstart\u201c. Das wirkt nur auf den ersten Blick einfach. Nun gibt es nat&uuml;rlich die offensichtlichen F&auml;lle. 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