{"id":12585,"date":"2017-06-03T08:27:00","date_gmt":"2017-06-03T06:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12585"},"modified":"2017-06-03T08:29:11","modified_gmt":"2017-06-03T06:29:11","slug":"die-loesung-fuer-ein-ueberfluessiges-problem-wie-hoch-ist-die-mindesthoehe-in-der-man-ein-sonnensegel-entfalten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/06\/03\/die-loesung-fuer-ein-ueberfluessiges-problem-wie-hoch-ist-die-mindesthoehe-in-der-man-ein-sonnensegel-entfalten-kann\/","title":{"rendered":"Die L&ouml;sung f&uuml;r ein &uuml;berfl&uuml;ssiges Problem: Wie hoch ist die Mindesth&ouml;he, in der man ein Sonnensegel entfalten kann?"},"content":{"rendered":"<p>Eine Frage, die sich mir beim Schreiben meines vorletzten Blogs stellte, wie hoch die Mindesth&ouml;he wohl sein muss, in der man ein Sonnensegel entfalten kann. Auch in gro&szlig;er H&ouml;he ist die Atmosph&auml;re der Erde noch vorhanden, nur eben erheblich d&uuml;nner. Satelliten sinken ab und vergl&uuml;hen irgendwann. Sehr deutlich wurde das bei den beiden Ballonsatelliten Echo 1 und Echo 2. Sie wurden in den Sechziger Jahren als experimentelle, <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/fruehe-kommunikationssatelliten.shtml\"> passive Kommunikationssatelliten<\/a> gestartet.<\/p>\n<p>Echo 1 wurde am 12.8.1960 in einen 1.517 x 1.683 km hohen Orbit gestartet. Er vergl&uuml;hte schon am 24.5.1968 wieder \u2013 nach weniger als 8 Jahren, das w&uuml;rde man normalerweise von einem K&ouml;rper erwarten, der erdn&auml;her ist.<!--more--><\/p>\n<p>Echo 2 folgte am 25.1.1964 in einen 1008 x 1338 km hohen Orbit. Schon am 7.6.1969 nach nur f&uuml;nfeinhalb Jahren vergl&uuml;hte auch er. Das gilt auch f&uuml;r alle anderen Ballonsatelliten, von denen Echo 1+2 nur die gr&ouml;&szlig;ten waren. Die h&ouml;chste Umlaufbahn hatte Dash-2, ein nur 2,5 m gro&szlig;er Ballon mit einer Masse von nur 1 kg. Er wurde speziell gestartet, um die Dichte der oberen Atmosph&auml;re &uuml;ber die Abbremsung zu messen. Gestartet am 19.7.1963 vergl&uuml;hte er schon am 12.4.1971, obwohl er eine H&ouml;he von 3500 km hatte. Dagegen befinden sich die meisten \u201enormalen\u201c Satelliten, die jemals in eine Umlaufbahn oberhalb von etwa 800 km gestartet wurden, noch im Orbit.<\/p>\n<p>Sonnensegel haben nun ein sehr ung&uuml;nstiges Masse\/Oberfl&auml;che Verh&auml;ltnis und sollten daher stark abgebremst werden. Das f&uuml;hrt mich zu meinem heutigen Thema: <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sonnensegel.shtml\">Sonnnensegel<\/a> werden ja durch die Sonne \u201eangetrieben\u201c und beschleunigt. Die Beschleunigung ist klein, daher ist auch die geringe Abbremsung durch die Atmosph&auml;re wichtig. Es gibt daher eine Mindesth&ouml;he, in der man das Segel entfalten kann, darunter ist die Abbremsung h&ouml;her als die Beschleunigung.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Atmosph&auml;re<\/h3>\n<p>Die Atmosph&auml;re der Erde besteht in dieser H&ouml;he vor allem aus einzelnen Atomen. Sie ist prim&auml;r charakterisiert durch ihre Temperatur. Je h&ouml;her diese ist desto h&ouml;her die kinetische Energie eines Atoms und desto weiter kann es sich von der Erdoberfl&auml;che entfernen und desto dichter ist die Thermosph&auml;re in der H&ouml;he.<\/p>\n<p>Die Dichte ist nicht konstant, sondern h&auml;ngt von der Sonnenaktivit&auml;t ab. Die Sonne st&ouml;&szlig;t dann mehr Teilchen aus (Protonen, Elektronen, Heliumkerne) und diese werden in den Strahlungsg&uuml;rtel gefangen, sto&szlig;en aber auch mit den Teilchen der oberen Atmosph&auml;re zusammen und &uuml;bertragen dabei Energie. Die Energie eines Protons der Sonne ist immens: Es hat bei ruhiger Sonne eine Geschwindigkeit von 300 km\/s und bei aktiver Sonne k&ouml;nnen es 600 bis 1200 km\/s sein. Um die Erde zu verlassen, w&uuml;rden schon 11 km\/s reichen. Selbst unter der Ber&uuml;cksichtigung, dass ein Sauerstoff- oder Stickstoffatom schwerer ist, reicht ein Zusammensto&szlig; aus, das Atom auf Fluchtgeschwindigkeit zu beschleunigen und das Proton hat dann immer noch gen&uuml;gend &Uuml;berschussenergie, um sie an andere Atome zu &uuml;bertragen. Bei aktiver Sonne dehnt sich daher die Atmosph&auml;re aus, ihre Abbremswirkung erreicht gr&ouml;&szlig;ere H&ouml;hen. So verlieren alle Planeten auch Masse. Beim Mars mit geringerer Fluchtgeschwindigkeit reichte das aus, um &uuml;ber eine Milliarde Jahre die gesamte Atmosph&auml;re bis auf kleine Reste zu verlieren.<\/p>\n<p>Ich habe ein einfaches Modell gefunden, das ich als Basis nehmen m&ouml;chte. Nat&uuml;rlich hat ein einfaches Modell eine geringere Aussagekraft, aber zum anderen ist es nicht so leicht, an ein komplexes Modell zu kommen. Die NASA bietet zwar eines an (<a href=\"https:\/\/software.nasa.gov\/software\/MFS-32780-2\">https:\/\/software.nasa.gov\/software\/MFS-32780-2<\/a>), das nach Webseite \u201eGeneral Public Release\u201c ist, aber wenn man sich dort registriert bekommt, man dann doch den Hinweis, das die Software nur US-B&uuml;rger herunterladen d&uuml;rfen. Zum Zweiten &uuml;bersteigen die mathematischen Hintergr&uuml;nde eines komplexen Modells nat&uuml;rlich auch den Umfang und die Zielgruppe dieses Blogs. Ich verwende das Modell, das hier vom <a href=\"http:\/\/www.sws.bom.gov.au\/Category\/Educational\/Space%20Weather\/Space%20Weather%20Effects\/SatelliteOrbitalDecayCalculations.pdf\"> Australischen Space Weather Services<\/a> beschrieben wird. Die wesentlichen Parameter zur Berechnung der Dichte sind:<\/p>\n<p>Temperatur: T = 900 + 2.5 ( F10.7 &#8211; 70 ) + 1.5 Ap [Kelvin]<\/p>\n<p>Effektive molekulare Masse m = 27 &#8211; 0.012 ( h &#8211; 200 )<\/p>\n<p>Skalenh&ouml;he H = T \/ m [km]<\/p>\n<p>Dichte \u03c1 = 6&#215;10 <sup>-10<\/sup> exp ( &#8211; ( h &#8211; 175 ) \/ H ) [kg m-\u00b3]<\/p>\n<p>Dieses Modell gilt leider nur f&uuml;r eine H&ouml;he von etwa 180 bis 500 km. Ich f&uuml;rchte das wird nicht ausreichen. Die Prognose ist daher mit noch mehr Vorsicht zu genie&szlig;en, als es aufgrund des einfachen sowieso schon Modells ist.<\/p>\n<p>Bei gegebener Dichte der Atmosph&auml;re kann man die Kraft die auf einen K&ouml;rper berechnen nach:<\/p>\n<p>F = \u00bd \u03c1v\u00b2 A Cd<\/p>\n<p>v ist die Geschwindigkeit des K&ouml;rpers, bei kreisf&ouml;rmigen Bahnen relativ einfach zu berechnen als Kreisbahngeschwindigkeit. A die bremsende Oberfl&auml;che und Cd der Auftriebskoeffizient. Ich vermute es ist das Gleiche wie der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Str&ouml;mungswiderstandskoeffizient\"> Str&ouml;mungswiderstandsbeiwert<\/a>, denn der typische Wert von 2, der im Dokument genannt wird entspricht dem cw-Wert einer Rechteckplatte und meistens sind Satellitengrundk&ouml;rper Quader oder Rechtecke und die Solarpaneele, die noch gr&ouml;&szlig;er sind, sind auch Rechtecke.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/GOCE2.jpg\" alt=\"GOCE\" \/>Immerhin kann man durch Variation des Cd den Widerstand verkleinern. Die fr&uuml;hen Keyhole Satelliten hatten eine abgerundete Spitze und sahen aus wie eine &uuml;berdimensionale Patrone. Der Cd-Wert wird daher eher bei einer Patrone eher bei 0,3 anstatt 2.0 liegen, das bedeutet, die Abbremsung ist deutlich geringer. Man sieht dies auch am Satelliten <a href=\"http:\/\/www.esa.int\/Our_Activities\/Observing_the_Earth\/GOCE\/Satellite\"> GOCE<\/a>. Er wurde in nur 250 km H&ouml;he ausgesetzt, um sehr pr&auml;zise Gravitationskartierungen durchf&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Die Abbremsung wurde durch Ionentriebwerke ausglichen. Trotzdem achtete man auf eine m&ouml;glichst str&ouml;mungsg&uuml;nstige Form.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die Berechnung<\/h3>\n<p>Man kann die vier Formeln relativ einfach in ein Programm umsetzen und dann F berechnen. Man muss nun nur noch dies mit der Kraft der Sonne vergleichen. Diese liefert 9 N\/km\u00b2 an Kraft. Da die Reflexion aber nicht vollst&auml;ndig ist und ein Satellit auf einer erdnahen Bahn zu etwa 40% der Zeit im Schatten ist, sollte man nur mit 5 N\/km\u00b2 rechnen. Immerhin muss das Sonnensegel rotieren, um der Sonne in der Umlaufbahn zu folgen. Daher variiert auch Cd von 2.0 (senkrecht zur Bewegungsrichtung) bis 0,35 f&uuml;r einen Draht oder die Kante. Nimmt man den Mittelwert 1,18 so denke ich, ist man bei einem plausiblen Wert f&uuml;r Cd<\/p>\n<p>Die mathematische Modellierung ist sehr einfach. Man berechnet ausgehend von einer Starth&ouml;he die Kraft F und vergleicht sie mit der Schubkraft durch die Sonne. Dann erh&ouml;ht man die Starth&ouml;he, solange bis F kleiner als die Schubkraft ist.<\/p>\n<p>Als Basis habe ich mal angenommen:<\/p>\n<ul>\n<li>50 % Nutzlastmasse<\/li>\n<li>Sonnensegelmasse: Sie h&auml;ngt von der Fl&auml;chendichte des Segelns und der Streben ab. Leichtgewichtige Streben gibt es mit 70 g\/m L&auml;nge. Man braucht mindestens die zweifache L&auml;nge der Diagonale, wenn das Segel quadratisch ist.<\/li>\n<li>Das Fl&auml;chengewicht h&auml;ngt vom Material und der Dicke ab. Genannt werden hier heute realisierbare Werte von 8 bis 12 g\/m\u00b2.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bei 1.000 kg Nutzlast und 2.000 kg Startmasse kommt man bei 10 g\/m\u00b2 f&uuml;r das Segel auf ein Segeln von 306 x 306 m (937 kg) und zwei Streben von jeweils 435 m L&auml;nge (61 kg). Das ist eine Fl&auml;che von 93.636 m\u00b2.<\/p>\n<p>Wie im Dokument erl&auml;utert ist die Sonnenaktivit&auml;t der Haupteinflussparameter. Diese werden in zwei Parametern, dem solaren Fluss und der magnetischen Aktivit&auml;t in das Modell eingespeist. Bei minimalen Werten (SFU70 \/ AP 7) ergibt sich eine Mindesth&ouml;he von 498,2 km. Bei maximaler Sonnenaktivit&auml;t (SFU 300, AP 30) dagegen schon 815,8 km \u2013 weit au&szlig;erhalb der G&uuml;ltigkeit des Modells. Derzeit liegt die solare Aktivit&auml;t SFU nach <a href=\"http:\/\/spaceweather.com\/\">SpaceWeather.com<\/a> bei 76, also nahe des Minimums. Die hohen Extremwerte gibt es nur kurzzeitig, oft nur einige Stunden lang, doch sie haben einen Feedback-Effekt \u2013 die Bahn wird etwas abgesenkt und in der tieferen Bahn reicht dann auch ein etwas geringerer SFU aus, um die gleiche Bremswirkung auszul&ouml;sen. Der Spitzenwert wird zwar nur kurz erreicht doch nahe des Maximums ist auch der Ruhewert sehr hoch.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Res&uuml;mee<\/h3>\n<p>Als Zusammenfassung: bei den obigen Modelldaten sollte man bei ruhiger Sonne das Segel am besten jenseits 530,9 km H&ouml;he entfalten (man will ja noch beschleunigen und nicht nur die H&ouml;he halten) und bei aktiver Sonne besser in 911,7 km H&ouml;he. In dieser H&ouml;he betr&auml;gt die Abbremsung 50% des Schubs, das hei&szlig;t immerhin die H&auml;lfte des Schubs steht zur Verf&uuml;gung, um H&ouml;he zu gewinnen.<\/p>\n<p>In 900 km H&ouml;he ist aber die Nutzlast schon um etwa ein Drittel geringer als in einer 200-km-Bahn, was den Sonnensegeln doch etwas die Attraktivit&auml;t nimmt.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Andere &Uuml;berlegungen<\/h3>\n<p>Man kann dies nat&uuml;rlich auch auf Ionenantriebe &uuml;bertragen. Bei gleicher Masse w&uuml;rde ich bei einem Ionenantrieb 400 kg f&uuml;r Solarzellen ansetzen, die dann eine Leistung von 34 kW bei konventioneller Bauweise (28 % Wirkungsgrad, 85 W\/kg) haben bei rund 90 m\u00b2 Fl&auml;che. Bei 35 km\/s Strahlgeschwindigkeit betr&auml;gt der Schub im Mittel dann 1 N.<\/p>\n<p>Man erh&auml;lt bei 94 m\u00b2 Gesamtfl&auml;che (Plus 4 m\u00b2 f&uuml;r den Zentralk&ouml;rper) eine Starth&ouml;he von 198,7 km bei ruhiger Sonne und 214,2 km bei aktiver Sonne. Kurzum: Das ist unkritisch. So ist auch verst&auml;ndlich das GOCE seine 250 km hohe Bahn &uuml;ber 4 \u00bd Jahre lang halten konnte \u2013 typisch w&auml;re eine Aufenthaltsdauer von wenigen Wochen gewesen. Daf&uuml;r verbrauchte er 40 kg Xenon Treibstoff. Das ist bei dem spezifischen Impuls des Qinetiq T5 Antriebs von 3500 s ein Gesamtimpuls von 1.373.000 N, bei 1050 kg Startmasse von GOCE also einer Geschwindigkeits&auml;nderung um 1300 m\/s in diesen vier Jahren. Mit chemischen Treibstoff w&auml;re der Satellit so um mindestens 60% schwerer gewesen.<\/p>\n<p>Immerhin, 40 kg Zusatzmasse f&uuml;r vier Jahre Lebensdauer \u2013 das ist ein tolerierbarer Gewichtsfaktor. Vielleicht werden, wenn man immer besser aufgel&ouml;ste Erdaufnahmen haben will, die neueste Generation <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/detailaufklaerer.shtml\">Worldview 3 <\/a>von Digiglobe erreicht ja schon 0,3 m, wof&uuml;r man dann ein fast 1 m gro&szlig;es Teleskop braucht, die n&auml;chsten zivilen Beobachtungssatelliten sich st&auml;rker der Erde n&auml;hern und daf&uuml;r mit Ionenantrieb ihre Abbremsung kompensieren. Bei GOCE klappte das ganz gut, man kann anhand der Kurve des Schubs sogar die Solaraktivit&auml;t bestimmen, siehe Grafik.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/goce-schub.png\" alt=\"Schubdiagramm GOCE\" width=\"701\" height=\"312\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/5cd37fd711fa4ae1a47f99a28fb31406\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Frage, die sich mir beim Schreiben meines vorletzten Blogs stellte, wie hoch die Mindesth&ouml;he wohl sein muss, in der man ein Sonnensegel entfalten kann. Auch in gro&szlig;er H&ouml;he ist die Atmosph&auml;re der Erde noch vorhanden, nur eben erheblich d&uuml;nner. Satelliten sinken ab und vergl&uuml;hen irgendwann. 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