{"id":12595,"date":"2017-06-19T08:44:58","date_gmt":"2017-06-19T06:44:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12595"},"modified":"2017-06-19T08:45:41","modified_gmt":"2017-06-19T06:45:41","slug":"53-millionen-und-die-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/06\/19\/53-millionen-und-die-sicherheit\/","title":{"rendered":"5,3 Millionen und die Sicherheit"},"content":{"rendered":"<p>So, mein Auftrag ist erledigt und es gibt wieder einen Blog. Zugegeben, viele neue Themen gibt es nicht. Auf das heutige nehme ich diesen <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/commercial-crew-vehicles-may-fall-short-of-safety-threshold\/\">SpaceNews Artikel<\/a> als Aufh&auml;nger. In dem geht es darum, dass nach unabh&auml;ngigen Untersuchungen die Raumschiffe die ab 2018 die ISS anfliegen sollen nicht das anvisierte LOC (Loss of Crew \u2013 Tod der Besatzung) von 1:270 erreicht. Ich will die Systematik von LOC nicht diskutieren, auch weil Gerstenmaier, Chef der Abteilung f&uuml;r bemannte Raumfahrt gibt auch zu, das diese Zahl sehr diskussionsw&uuml;rdig ist:<!--more--><\/p>\n<p>The use of LOC is good when comparing the relative safety of different designs in the same model. \u201cBut it\u2019s not a very good tool for determining absolute risk,\u201d Gerstenmaier. \u201cThat really misleads, sometimes, our overall design decisions.\u201d<\/p>\n<p>\u201cI really don\u2019t have a better method than to use this as a absolute measure of safety,\u201d he said of LOC. \u201cWe just need to be careful when we discuss these numbers.\u201d<\/p>\n<p>Die LOC Zahlen wurden ja schon fr&uuml;her diskutiert, so als die NASA Ares I favorisierte anstatt die damals noch jungen Delta 4 und Atlas V. Damals wurde gesagt dass bis man die Tr&auml;ger f&uuml;r bemannte Missionen brauchte sie viel mehr Fl&uuml;ge absolviert haben, was zum Eliminieren von Fehlerquellen f&uuml;hrt und so das Risiko senkt.<\/p>\n<p>Was mich erstaunt ist das eine uralte Debatte wieder aufkam:<\/p>\n<p>\u201cBlindly striving to achieve a statistical loss of crew number may drive you to design a system that is less safe,\u201d he said in a February speech at a Federal Aviation Administration commercial space transportation conference here. That sounded counterintuitive, he acknowledged, but noted measures that can, on paper, reduce the LOC figure, like the addition of redundant systems, can increase a vehicle\u2019s complexity and result in unforeseen failure modes.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an die Diskussion bei Mercury. Damals ging es um den Einsatz der Redstone bei den ersten Fl&uuml;gen. Von Braun war daf&uuml;r die Redstone m&ouml;glichst unver&auml;ndert einzusetzen, sie war seit Jahren im Einsatz als Satellitentr&auml;ger aber auch milit&auml;rischer Tr&auml;ger. Als Mercury begann waren schon 5 Jahre seit dem ersten Erprobungsflug verstrichen. Das bemannte Raumfahrtprogramm konnte so auf Erfahrungen und die Elimination von Kinderkrankheiten aufbauen. Soweit es geht, wollte man noch Systeme redundant absichern. Das damals frisch gegr&uuml;ndete Zentrum f&uuml;r bemannte Raumfahrt hatte einen anderen Ansatz: Alles was man f&uuml;r die Mission nicht brauchte, sollte rausfliegen, nach dem Motto: Was nicht da ist, kann auch nicht ausfallen. Das f&uuml;hrte dann bei den ersten Fl&uuml;gen zu neuen Problemen wie dem k&uuml;rzesten Flug in dem gesamten Weltraumprogramm und einem zu weiten Flug beim n&auml;chsten Test.<\/p>\n<p>Das ganze ist also mehr Erfahrungswissen, als eine Wissenschaft obwohl am Schluss ein Zahlenwert rauskommt n&auml;mlich eben jener LOC Wert, die Wahrscheinlichkeit die Crew bei der Mission zu verlieren (Loss of Crew). Nicht zu verwechseln mit einer Loss of Mission (LOM). Das ist die Wahrscheinlichkeit das die Mission scheitert, aber die Besatzung sicher zur Erde zur&uuml;ckkehrt. Klassische Beispiele sind Gemini 8 und Apollo 13 wo beide Prim&auml;rmissionen scheiterten, die Besatzung aber landete. Man k&ouml;nnte sogar soweit gehen den Verlust der Columbia nur als LOC zu z&auml;hlen, nicht als LOM, denn die Forschungsmission war ja nominell schon abgeschlossen, wenn man als Mission die Forschungst&auml;tigkeit z&auml;hlt \u2013 nimmt man die Landung hinzu so wurde nat&uuml;rlich auch die Mission nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p>Ich vermute man konzentriert sich bei den Missionen auf das Risiko beim Start, danach das bei der Landung. Bei Tr&auml;gerraketen mit Satelliten ist ein Fehlstart immer ein Totalverlust, bei einem bemannten Raumfahrzeug k&ouml;nnte sich dieses mit dem Rettungsturm retten oder wenn ein Ausfall sp&auml;ter passiert, die Oberstufe abschalten und normal abkoppeln. Der Rettungsturm wird nur ben&ouml;tigt solange die Rakete in der Tropo- und Stratosph&auml;re ist, solange k&ouml;nnen bei einer Kursabweichung aerodynamische Kr&auml;fte die Rakete zerst&ouml;ren und man muss schnell weg. Bei der Landung gibt es bei Kapseln zum einen das Risiko das der Fallschirm sich nicht entfaltet, dann als kleineres Risiko der Hitzeschutzschild. Sofern er nicht beim Start oder sp&auml;ter besch&auml;digt wird ein kleines Problem. Navigationsfehler oder falsche Triebwerksz&uuml;ndungen k&ouml;nnten zum Niedergehen &uuml;ber gef&auml;hrlichen Gebiet f&uuml;hren (Land anstatt Meer, besonders schlimm sind Gebirge und zerkl&uuml;ftete Gebiete). Vom Design her sind Kapseln aber recht zuverl&auml;ssig, alleine die aerodynamischen Kr&auml;fte werden sie z.b. immer so ausrichten, dass der Hitzeschutzschild in Flugrichtung zeigt.<\/p>\n<p>Mich w&uuml;rde schon interessieren ob die Berechnung der Zuverl&auml;ssigkeit von Raketen genauso erfolgt wie die Berechnung von LOM und LOC und ob die Methoden auch &uuml;berall gleich sind, denn zu unterschiedlich sind die Zuverl&auml;ssigkeitsangaben. F&uuml;r die Atlas III, entsprechendes d&uuml;rfte f&uuml;r die Atlas V gelten, sind es 0,995. F&uuml;r Ariane 5 ECB und Vega 0,98. Der Unterschied sieht klein aus, rein rechnerisch bedeutete er aber, das einer von 50 Start von Ariane 5 und Vega fehlschlagen darf, aber nur einer von 200 bei der Atlas. Sie w&auml;re daher schon nahe am LOC-Risiko von 1:270, wobei nat&uuml;rlich es durch das Raumschiff weitere Risiken gibt und die Landung auch riskant ist.<\/p>\n<p>Wie hoch sollte das LOC sein und warum ist die NASA nun mit 1:270 zufrieden, wenn sie vorher bei der Ares\/Orion &uuml;ber 1:2000 haben wollte? Nun ich glaube daf&uuml;r habe ich die Antwort. Man braucht ja einen Vergleich, sonst kann man enorm geringe Risiken wie 1:1 Million, 1:1 Milliarde anstreben. Ich denke der Vergleich ist die Wahrscheinlichkeit im selben Zeitraum wie die Mission dauert auf der Erde zu versterben. Das kann auch passieren durch Unf&auml;lle im Verkehr, im Haushalt oder &auml;u&szlig;erer Ereignisse. Nach einer Grafik betr&auml;gt das Todesrisiko f&uuml;r einen 40-J&auml;hrigen Mann in Deutschland 1:1000 pro Jahr, im Alter von 50 geht es schon in Richtung 1:300. Nimmt man 40 bis 50 als Durchschnittsalter f&uuml;r die Astronauten an (ganz jung sind sie wegen der Anforderungen nach abgeschlossenem Studium und der Ausbildung\/Wartezeit ja nicht und zu alt d&uuml;rfen sie auch nicht sein) und ein Aufenthalt von 180 Tagen, so ist ein Trip zur ISS etwa 2-6 mal riskanter als das Leben auf der Erde oder so riskant wie das Leben auf der Erde im Alter zwischen 60 und 65.<\/p>\n<p>Die ISS ist dabei das sicherste Element im ganzen. Noch nie ist jemand an Bord der ISS gestorben. Bei 20 Jahren Einsatz und im Durchschnitt 5 Astronauten (anfangs war die Besatzung kleiner als heute) ist also dort das Sterberisiko in einem halben Jahr schon kleiner als 1:200. Viele irdische Risiken wie Stra&szlig;enverkehr oder h&auml;usliche Unf&auml;lle aber auch Terrorismus sind dort einfach nicht existent. W&uuml;rde man die Aufenthaltsdauer an Bord der ISS verl&auml;ngern, das LOC-Risiko der Vehikel d&uuml;rfte dann sinken. Die Orion sollte dagegen zum Mond fliegen. Die typische Missionsdauer betr&auml;gt dann 14 -20 Tage, also rund zehnmal k&uuml;rzer als ein ISS-Aufenthalt, also musste die gesamte Architektur auch 10-mal sicherer sein um das dadurch niedrigere LOC-Risiko zu erreichen.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Sicht auf diese Zahl bekam ich durch einen Beitrag von Quarks &amp; Co. Da ging es vor einigen Wochen um Feuer. Bei uns sind ja mittlerweile in fast allen Bundesl&auml;ndern Rauchmelder Pflicht. In der Schweiz hat man sich gegen einen gesetzlichen Zwang f&uuml;r die Rauchmelder ausgesprochen. Dort haben die Versicherungen eine einfache Rechnung gemacht \u2013 wie viele Tote kann man durch Rauchmelder vermeiden und was kostet das? Sie rechnen nach Statistiken mit 25% weniger Toten, was erst mal toll klingt \u2013 nur in der BRD starben im letzten Jahr gerade mal 280 Personen durch Feuer, das Risiko ist also absolut gesehen recht klein, 10-mal kleiner als im Verkehr zu sterben und 20-mal kleiner als im Krankenhaus an MRSA zu sterben. Die Kosten sind aber enorm, weil in jeder Wohnung mehrere Rauchmelder installiert werden m&uuml;ssen. Die Schweiz kam zu einem klaren Nein. Die Kosten w&uuml;rden die Ersparnis bei weitem &uuml;bertreffen. Die \u201e<i>Ersparnis<\/i>\u201c? Ja Versicherungen berechnen f&uuml;r alles einen Wert, so auch f&uuml;r ein Menschenleben das liegt in der Schweiz bei 5,3 Millionen Euro. Das w&auml;re der volkswirtschaftliche Verlust, wenn jemand stirbt. Wenn man schon so eine Zahl hat, dann hinterfragt man sie. Ich fand sie recht hoch. Immerhin mit \u201evolkswirtschaftlichem Verlust\u201c, gibt es eine Gr&ouml;&szlig;e die man verifizieren kann. Wenn ich davon ausgehe das jemand im Durchschnitt 45 Jahre arbeitet (eher hoch gegriffen, mit Studium wird man kaum &uuml;ber 40 Jahre hinauskommen) so m&uuml;sste er 118.000 Euro jedes Jahr verdienen um auf diese Summe zu kommen. Die Jahre davor und danach kann man nicht z&auml;hlen, denn dann kostet die Person nur. Zuerst f&uuml;r die Versorgung bis man Jugendlicher ist, Schule, Ausbildung dann als Rentner wenn sich Krankheiten h&auml;ufen. Das w&auml;ren fast 10.000 Euro Verdienst pro Monat \u2013 selbst f&uuml;r die Schweiz hoch gegriffen. Klar, der Wert beinhaltet nat&uuml;rlich auch den Gesamtnutzen. So bezahlt der Arbeitgeber f&uuml;r die Arbeitskraft, aber er selber will ja auch Gewinn machen, muss zu dem Gehalt noch Sozialabgaben abf&uuml;hren und in der Freizeit generiert jemand auch noch Ums&auml;tze, indem er die Kinder erzieht und so einen Babysitter einspart oder ehrenamtlich arbeitet und so fest Angestellte einspart. Bei 5,3 Millionen Wert eines Lebens stellt sich mir allerdings die Frage wie Manager oder Fu&szlig;ballspieler in einem Jahr mehr verdienen k&ouml;nnen als andere in ihrem ganzen Leben \u201ewert\u201c sind. Gerade bei Abl&ouml;sesummen f&uuml;r einen Vertrag, der nur wenige Jahre l&auml;uft, sieht man wie schlimm das inzwischen geworden ist.<\/p>\n<p>Mein Vorschlag f&uuml;r die NASA \u2013 &uuml;bernehmt doch einfach das Schweizer System. Anstatt mit hohen Kosten Vehikel zu bauen die theoretische LOC-Zahlen erf&uuml;llen, verlangt einfach pro totem Astronaut 5,3 Millionen Euro, oder wenn ihr meint das die so wertvoll wie Fu&szlig;ballspieler sind vielleicht auch 20 Millionen. SpaceX und Boeing wirds freuen, denn ein normaler Satellit ist heute schon teurer als die 4 x 20 Millionen die dann bei einem Fehlstart eines ihrer Raumschiffe f&auml;llig werden w&uuml;rden. Ja heute ist schon der Trip ins All teurer als ein Menschenleben \u2013 wenn man diese 5,3 Millionen als Basis nimmt. Immerhin \u2013 bei Astronauten g&auml;be es auch gute Gr&uuml;nde die Zahl h&ouml;her zu setzen. Man muss nur mal berechnen was die Ausbildung eines Astronauten kostet. Jeder bindet ja etliche Arbeitskr&auml;fte die ihn schulen, bei &Uuml;bungen &uuml;ber seine Sicherheit achten etc. Man m&uuml;sste wirklich mal die Zahl einer Raumfahrtagentur bekommen, was die Kosten nur f&uuml;r ihr Astronautencorps sind und das dann durch die Zahl der Astronauten pro Jahr teilen und man h&auml;tte einen Wert f&uuml;r das Astronautenleben. Blamabel w&auml;re nur wenn das weniger wert ist als das eines Fu&szlig;ballspielers der nach einem Match nicht mal einen Satz in fehlerfreiem Deutsch hinbekommt\u2026<\/p>\n<p>Man kann, wenn man eine Zahl f&uuml;r den Wert eines Menschen hat, wirklich ins Gr&uuml;beln kommen. Im Prinzip kann man alle Zahlen, die mit Geld zu tun haben nun in Menschenleben umrechnen. Der Bundeshaushalt \u2013 rund 60.000 Menschenleben. Das Verm&ouml;gen von Bill Gates, rund 15.000 Menschenleben wert.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/663bef3919894e7b9a6838968962c8ce\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, mein Auftrag ist erledigt und es gibt wieder einen Blog. Zugegeben, viele neue Themen gibt es nicht. Auf das heutige nehme ich diesen SpaceNews Artikel als Aufh&auml;nger. 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