{"id":12624,"date":"2017-07-05T09:41:08","date_gmt":"2017-07-05T07:41:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12624"},"modified":"2017-07-05T09:41:50","modified_gmt":"2017-07-05T07:41:50","slug":"ein-system-zum-deorbitieren-von-cubesats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/07\/05\/ein-system-zum-deorbitieren-von-cubesats\/","title":{"rendered":"Ein System zum Deorbitieren von Cubesats"},"content":{"rendered":"<p>Der Start von Cubesats floriert. Es sind immer mehr in den letzten Jahren geworden. W&auml;hrend die Plattform urspr&uuml;nglich entwickelt wurde, damit Raumfahrtstudenten preiswert Praxiserfahrungen sammeln k&ouml;nnen, nutzen nun Unternehmen so kleine Satelliten kommerziell, wie Planetlabs mit seiner Flotte von Dove Satelliten \u2013 praktisch um ein kleines Teleskop herum errichtet, dass immerhin einige Meter Aufl&ouml;sung liefert. Das ein 3U-Satellit von wenigen Kilogramm Masse kommerziell n&uuml;tzlich ist war vor 10 Jahren noch undenkbar.<!--more--><\/p>\n<p>Mit den vielen Satelliten entsteht aber ein neues Problem: Weltraumm&uuml;ll. In den vergangenen Jahren waren Transporte zur ISS die wichtigste Startm&ouml;glichkeit. Das liegt zum einen auf der Hand, wird die Station doch von 2-3 Progress, einem HTV, bis 2014 noch von ATV und von jeweils 3-4 Cygnus\/Dragon pro Jahr angeflogen, zusammen mindestens 10 Starts pro Jahr. Dank der Tatsache, dass die NASA alles tut, um die &#8222;N&uuml;tzlichkeit&#8220; der bemannten Raumfahrt zu beweisen und dabei die Kosten-Nutzenrechnung anders als bei normalen Starts ist, ist die einfachste Startm&ouml;glichkeit f&uuml;r einen Cubesat heute die, das er im Inneren! eines Frachttransporters zur ISS gelangt. Von einem Astronauten ausgepackt und in einem Cubesatlauncher im japanischen Modul ausgesetzt wird. Das Anf&uuml;hrungszeichen habe ich bewusst gesetzt, denn man k&ouml;nnte die Cubesats nat&uuml;rlich auch direkt an der Oberstufe befestigen und von dort aussetzen. Ihn in einem Frachter zu transportieren ist aus mehreren Gr&uuml;nden verr&uuml;ckt. Zum einen kann ein Frachter nur ein Drittel seines Gewichts als Nutzlast transportieren, er selbst kostet auch Geld, und zwar mehr als die Rakete und die Cubesats sind sogar noch verpackt (siehe dieses <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/sites\/default\/files\/thumbnails\/image\/it_59_fig_2.jpg\"> Bild<\/a>), was ihr Gewicht und Volumen erh&ouml;ht. Beim ATV s&auml;he die Rechnung z.B. so aus: Nutzlast der Ariane 5: 21.100 kg bei 170 Mill. Euro \u2192 8.050 \u20ac\/kg. Nutzlast des ATV: 7.700 kg bei 450 Mill. \u20ac \u2192 58.440 \u20ac\/kg. Kurz: diese Vorgehensweise ist siebenmal teurer, als wenn man ihn direkt auf die Oberstufe montiert h&auml;tte (gut dann k&auml;men noch Kosten f&uuml;r die Struktur hinzu, ein ESPA-Ring kostet 250.000 Dollar, ist allerdings nicht f&uuml;r Cubesats gedacht).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/cubesat-starts.png\" alt=\"Cubesat-Starts\" width=\"849\" height=\"511\" \/>Trotzdem war diese Startm&ouml;glichkeit bisher die beste. Es fehlte bei anderen Launch Service Providern die n&ouml;tige Flexibilit&auml;t. Wie bei gro&szlig;en Satelliten musste man Starts Jahre vorher buchen und sehr oft lehnten diese die Mitf&uuml;hrung von so kleinen Nutzlasten komplett ab. Arianespace ist so ein Beispiel, aber auch die US-Provider bekleckern sich hier nicht besonders mit Ruhm. Die einzige Ausnahme war bisher Orbital die bei 6 Starts bisher 102 Cubesats mitgef&uuml;hrt haben. Russland und Indien sind hier flexibler. Allerdings starten diese vor allem gr&ouml;&szlig;ere Satelliten als Hauptnutzlast in sonnensynchrone Orbits. Beim Rekordstart einer PSLV dieses Jahr war die prim&auml;re Nutzlast der 714 kg schwere indische Erderkundungssatellit Cartosat 2D der in einen 505 km hohen sonnensynchronen Orbit gelangte. Andere Erdbeobachtungssatelliten erreichen noch h&ouml;here Umlaufbahnen bis in 800 km H&ouml;he. In 505 km H&ouml;he ist bei einer mittleren Sonnenaktivit&auml;t von 170 (Mittel &uuml;ber inaktive und aktive Sonne in einem Zyklus) ein 3U Cubesat von 3 kg Masse nach rund 12 Jahren vergl&uuml;ht. In der Bahnh&ouml;he der ISS (beim Schreiben des Artikels: 405 km) sind es dagegen nur 1,91 Jahre. Es geht also sechsmal schneller und in 600 km H&ouml;he liegen wir schon nahe 60 Jahren. Bei dieser Vielzahl von Satelliten \u2013 das Diagramm zeigt, wie die Zahl der Nutzlast seit einigen Jahren rapide ansteigt, die Zahl der Starts dagegen weitaus weniger \u2013 2017 gab es, obwohl das Jahr erst zur H&auml;lfte rum ist, schon mehr Nutzlasten als im ganzen letzten Jahr, Damit wird ihre Entsorgung zum Problem, vor allem wenn sie nun eben in h&ouml;heren Umlaufbahnen abgesetzt werden.<\/p>\n<p>&Uuml;ber Weltraumm&uuml;ll durch Satelliten macht man sich erst seit einigen Jahren Gedanken. Fr&uuml;her beschr&auml;nkte man sich auf die Oberstufen \u2013 zugegeben, wenn eine Oberstufe durch in den Tanks ansteigenden Druck explodiert, gibt es sehr viele Bruchst&uuml;cke, doch auch Satelliten sind eine Quelle. Bei der ESA haben nun alle Satelliten einen extra Treibstoffvorrat um sie zu Missionsende zu deorbitieren oder zumindest die Bahn soweit abzusenken, dass sie in 1-2 Jahrzehnten vergl&uuml;hen. Bei Satelliten in h&ouml;heren Bahnen schiebt man sie dagegen weiter weg in einen Friedhofsorbit. Dieser Treibstoffvorrat erm&ouml;glichte es zwei Galileo Satelliten zu retten, als eine Sojus sie im falschen Orbit platzierte. Umgekehrt muss nun Metop-A in einen neuen Orbit versch&ouml;ben werden. Er wurde gestartet, als es die Vorschrift noch nicht gab und nun braucht man die H&auml;lfte des Treibstoffs zum Deorbitieren, er war eigentlich f&uuml;r Bahnkorrekturen vorgesehen. W&uuml;rde man die Bahn nicht anpassen so w&uuml;rde er <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/eumetsat-will-shift-metop-as-orbit-to-prolong-its-life-ensure-deorbiting\/\"> 200 Jahre im Orbit bleiben<\/a>.<\/p>\n<p>Ich glaube die ESA Entscheidung wurde stark vom <a href=\"https:\/\/earth.esa.int\/web\/guest\/news\/-\/asset_publisher\/G2mU\/content\/good-bye-envisat-and-thank-you\"> Ausfall von Envisat<\/a> am 8.4.2012 beeinflusst. Es riss der Funkkontakt ab, sodass man nicht ganz genau wei&szlig; was passiert ist, aber sicher ist, dass man ihn nun nicht mehr steuern kann und nun hat man einen 8,2 t schweren, 25 x 10 x 7 m gro&szlig;en Satelliten der sich zweimal im Jahr bis auf 200 m an katalogisierte Tr&uuml;mmer n&auml;hert und erst in 150 Jahren vergl&uuml;hen wird. Keine besonders sch&ouml;ne Vision \u2026<\/p>\n<p>Das Dumme: Cubesats haben kein eigenes Antriebssystem. Die meisten haben nicht mal ein aktives Lageregelungssystem und werden passiv stabilisiert. Man kann sie also nicht gezielt deorbitieren. Selbst wenn dann gibt es immer noch die Wahrscheinlichkeit eines Defektes an Bord und abreisen des Funkkontaktes wie bei Envisat. Bei Cubesats mit weniger M&ouml;glichkeiten aufgrund des beschr&auml;nkten Gewichts und der Masse f&uuml;r redundante Elektronik, Sender und Empf&auml;nger sogar noch eher als bei gro&szlig;en Satelliten.<\/p>\n<p>Es wurden schon Ideen unterbreitet, wie man dies bewerkstelligen k&ouml;nnte. Am einfachsten durch Erh&ouml;hung des Reibungswiderstandes. So wurden kleine Sonnensegel oder alternativ schirmf&ouml;rmige Strukturen, &auml;hnlich der entfaltbaren Antenne von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/galileo-orbiter.shtml\">Galileo<\/a> vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Mein Vorschlag nutzt dasselbe Prinzip, aber ist einfacher aufgebaut, ohne mechanische Teile. Diese k&ouml;nnen versagen. Das zeigt gerade die nicht entfaltete Antenne bei Galileo. Im Allgemeinen versucht man heute bewegliche mechanische Teile in Satelliten zu vermeiden, wo es nur geht, weil sie aufgrund der Beanspruchung schneller ausfallen als nicht bewegliche Teile. So geh&ouml;ren Ausf&auml;lle von Reaktionsschwungr&auml;dern oder Gyroskopen zu den h&auml;ufigsten Ursachen, dass man einen Satelliten aufgeben muss.<\/p>\n<p>Meine L&ouml;sung ist so einfach wie Simpel: In einem Cubesat-Abteilung (1U) befindet sich ein zusammengefalteter Ballon mit d&uuml;nner Haut. Im Inneren eine Kartusche mit Feststofftriebstoff und elektrischem Z&uuml;nder und ein einfacher Mikrocontroller mit Batterie, Echtzeituhr und Bluetooth-Empf&auml;nger. Die Batterie dient als Stromversorgung. Da die gesamte Elektronik nicht viel zu tun hat, habe ich mich an einer Digitalarmbanduhr orientiert und da h&auml;lt eine kleine Knopfzelle mehrere Jahre. Eine normale AA-Zelle von der mehrfachen Kapazit&auml;t m&uuml;sste dann &uuml;ber Jahrzehnte reichen. Das Programm des Controllers ist ganz einfach: Er fragt einmal in einem Zeitintervall, z.B. einmal pro Stunde die Echtzeituhr ab. In einem gr&ouml;&szlig;eren Intervall, daf&uuml;r &uuml;ber einige Minuten, die Bluetooth Verbindung, z.B. einmal pro Tag. Der Hauptcomputer sendet nun dauernd oder zumindest kurzzeitig pro Abfrageintervall des Mikrocontrollers nur ein Signal auf dieser Bluetooth Verbindung. Es veranlasst den Mikrocontroller beim Empfang in eine Speicherzelle die aktuelle Uhrzeit mit Datum zu speichern. Beim regul&auml;ren Programm vergleicht er die aktuelle Zeit mit diesem Wert und ist die Abweichung z.B. gr&ouml;&szlig;er als 30 Tage, d. h. seit 30 Tagen wurde die Uhrzeit nicht zur&uuml;ckgesetzt, dann l&ouml;st er den Z&uuml;nder der Kartusche aus. Dieser bl&auml;st durch die Gase den Ballon auf und bewegt die drehbar montierten Seitenw&auml;nde weg. Das System funktioniert also selbst dann, wenn der Hauptsatellit nicht mehr arbeitet und es aktiviert sich von alleine nach 30 Tagen.<\/p>\n<p>Eine 1 U Einheit eines Cubesats wiegt 1 kg. Nimmt man 500 g f&uuml;r den Ballon an, so kann man einen recht gro&szlig;en Ballon aufblasen. Der 0,8 kg schwere Satellit <a href=\"https:\/\/nssdc.gsfc.nasa.gov\/nmc\/spacecraftDisplay.do?id=1971-067F\">AVL 802G<\/a> hatte einen Durchmesser von 2,13 m. So w&auml;re ein 1.7 m gro&szlig;er Ballon m&ouml;glich \u2013 er hat die 222-fache Fl&auml;che ein 1U Cubesats. Der Effekt ist dramatisch. Ein 6U Cubesat der mit der Stirnfl&auml;che in Bahnrichtung fliegt w&uuml;rde aus 800 km H&ouml;he erst in rund 98 Jahren Vergl&uuml;hen, mit dem Ballon w&auml;ren es 0,53 Jahre.<\/p>\n<p>Zugegeben, ein Kilogramm Masse ist etwas viel, aber man kann es herunterskalieren. Mikrocontroller, Batterie und Uhr wiegen wenig, bei 0,2 m\u00b2 Fl&auml;che wird ein 1U Cubesat von 1 kg Gewicht immer noch aus einer 600 km Bahn in einem Jahr deorbitiert \u2013 und dann wiegt der Ballon weniger als 45 g. Mit Batterie und Controller kommt man dann vielleicht auf 60-70 g. Das sind 7 % der Masse.<\/p>\n<p>Das Interessante ist aber, das man das Prinzip relativ einfach hochskalieren kann. Der Ballon muss nur gr&ouml;&szlig;er sein. Ein 1000 kg schwerer Satellit der aus 600 km H&ouml;he in 1 Jahr deorbitiert werden soll ben&ouml;tigt einen Ballon mit 200 m\u00b2 Fl&auml;che. Das entspricht 16 m Durchmesser. Das liegt zwischen dem Durchmesser von Pascomsat OV8-1 mit 9,1 m und 3,2 kg Masse) und Pageos mit 30,48 m und 56,7 kg Masse. Hochskaliert von OV8-1 entspricht das einem Gewicht von 10 kg. Mit 10 kg Treibstoff w&uuml;rde im g&uuml;nstigsten Falle der Satellit seine Umlaufbahn aber maximal von 600 auf 547 km H&ouml;he absenken k&ouml;nnen. H&auml;tte er eine abzubremsende Fl&auml;che von 12 m\u00b2 gehabt (2 x 2 x 2 m Solarpanel + 2 x 2 m Zentralk&ouml;rper) und diese voll in Bahnrichtung gedreht so h&auml;tte er 7 Jahre f&uuml;r die weitere Abbremsung gebraucht.<\/p>\n<p>F&uuml;r solche Satelliten ist nicht nur der Aspekt des Treibstoffsparens wichtig, sondern auch das das System unabh&auml;ngig von der Elektronik des Hauptsatelliten ist. H&auml;tte man es schon bei Envisat gehabt, es h&auml;tte nach 30 Tagen einen Ballon ausgel&ouml;st und Envisat abgebremst. Envisat ist wegen seiner hohen Bahnh&ouml;he von 767 km und Masse von 8,2 t eine Herausforderung. Doch 56,7 kg Masse zus&auml;tzlich, die des Ballonsatelliten Pageos 1 h&auml;tten ihn in 20 Jahren deorbitiert. K&ouml;nnte man die Ballone skalieren, so w&uuml;rde man mit 16.000 m\u00b2 Fl&auml;che, das ist ein Ballon von 143 m\u00b2 Durchmesser ihn in einem Jahr deorbiteren. Gut das Jahr habe ich genommen, weil es gut klingt, ich denke, Weltraumagenturen w&auml;ren auch mit 5-10 Jahren zufrieden. Dann liegt man aber selbst bei den schwersten Satelliten bei Ballonen, die man schon realisiert hat. Der gr&ouml;&szlig;te war Echo 2 mit 41 m Durchmesser.<\/p>\n<p>Dabei ist das System sowohl elektronisch wie auch mechanisch einfach. Im Prinzip ist die Technik die gleiche wie bei einem Airbag, nur viel gr&ouml;&szlig;er. Es m&uuml;sste daher auch preiswert umzusetzen sein.<\/p>\n<p>Man k&ouml;nnte es auch nachtr&auml;glich einsetzen und das relativ einfach. Man br&auml;uchte nur ein Vehikel das den Ballon zum Ziel bringt. Anders als bei einem Triebwerk zum Abbremsen ist man nicht drauf angewiesen an eine Stelle des Satelliten sicher anzudocken damit er sich nicht mehr bewegen kann und der Schub durch den Schwerpunkt geht. eine Harpune reicht. damit ist auch das &#8222;Ankoppeln&#8220; relativ einfach. Hat man den Satelliten so &#8222;aufgespie&szlig;t&#8220; so muss man nur den Ballon aufblasen. Einfach, kosteng&uuml;nstig und weniger Masse verbrauchend als die Abbremsung mittels eines Raketenantriebs,<\/p>\n<p>Mich w&uuml;rde nicht wundern, wenn man das in einigen Jahren wirklich nutzt, w&auml;re ja nicht das erste Mal &#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1def6ee2b5b44365a7a1ecee21483a8f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Start von Cubesats floriert. Es sind immer mehr in den letzten Jahren geworden. W&auml;hrend die Plattform urspr&uuml;nglich entwickelt wurde, damit Raumfahrtstudenten preiswert Praxiserfahrungen sammeln k&ouml;nnen, nutzen nun Unternehmen so kleine Satelliten kommerziell, wie Planetlabs mit seiner Flotte von Dove Satelliten \u2013 praktisch um ein kleines Teleskop herum errichtet, dass immerhin einige Meter Aufl&ouml;sung liefert. 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