{"id":12688,"date":"2017-08-01T10:43:34","date_gmt":"2017-08-01T08:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12688"},"modified":"2017-08-01T10:43:34","modified_gmt":"2017-08-01T08:43:34","slug":"der-testpilot-und-das-raumfahrtprogramm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/08\/01\/der-testpilot-und-das-raumfahrtprogramm\/","title":{"rendered":"Der Testpilot und das Raumfahrtprogramm"},"content":{"rendered":"<p>Als die USA das Mercury Programm initiierten, kam nat&uuml;rlich sofort eine Frage auf: Wer soll in die Kapsel rein?<\/p>\n<p>Manche pl&auml;dierten f&uuml;r die Ingenieure, die sie gebaut hatten, weil sie sich am besten mit den Systemen auskannten, doch die meisten fokussierten sich auf eine Berufsgruppe, die sie per se f&uuml;r am geeignetsten f&uuml;r den Job hielten: Testpiloten. Die Argumentation war einfach und logisch: Testpiloten fliegen schon unerprobte Flugzeuge sind also schon geschult, bei Gefahren schnell zu reagieren und einen k&uuml;hlen Kopf zu behalten. Sie haben gro&szlig;e Erfahrung mit D&uuml;senflugzeugen, die man aufgrund der Geschwindigkeit f&uuml;r am vergleichbarsten mit einem Raumfahrzeug hielt. Aufgrund der Geschwindigkeit ist es bei D&uuml;senflugzeugen am wahrscheinlichsten, das eine St&ouml;rung oder ein Ausfall in einer Katastrophe endet.<!--more--><\/p>\n<p>Die sieben Mercury Astronauten wurden nach etlichen medizinischen Tests und Vorselektion aufgrund ihrer Vita schlie&szlig;lich offiziell vorgestellt und schon da zeigte sich schon das mediale Interesse. Die Astronauten wurden schnell zu <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2vovCYk\">Superhelden<\/a> und bekamen einen 500.000 $ Vertrag mit dem Life Magazine das von nun an &uuml;ber ihr Leben und Ausbildung berichtete. Das stieg wohl einigen zu Kopf. Kelly schreibt in seinem Buch Moon Lander, das man bei Grumman, wenn ein Astronaut vorbeikam, sei es f&uuml;r Besprechungen, um etwas zu testen oder zur Ausbildung man ihm einen Testpiloten von Grumman zur Seite stellte, weil er sich mit \u201enormalen\u201c Angestellten und sei es auch der Projektleiter (Kelly) nur ungern redete und sie von oben herab behandelte. Das war auch in der NASA so. Capccoms waren ebenfalls Astronauten und so war es bald so, dass die Astronauten sich nicht als ein Bestandteil des Programms ansahen, sondern als die wichtigste Person im Programm und damit auch in der Position zu entscheiden wie die Missionen gestaltet werden, und wie das Raumschiff gebaut werden muss.<\/p>\n<p>Beim Mercuryprogramm konnten sich nicht mehr viel beeinflussen. Sie waren auch weitestgehend passive Passagiere. Mehr als die Steuerung der Lage und Aktivieren des Bremstriebwerks hatten sie nicht zu tun \u2013 zumindest im technischen Sinn. Doch selbst das konnte auch von der Missionskontrolle durchgef&uuml;hrt werden, schlie&szlig;lich startete man die Kapseln zuerst mit Affen als Besatzung, um sie zu testen. Trotzdem schaffte Scott Carpenter es, dass er durch zu hohen Treibstoffverbrauch seine Mission gef&auml;hrdete, weil er seinem Experimentiertrieb nachging.<\/p>\n<p>Eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle kam den Astronauten im Geminiprogramm zu. Dieses sah schlie&szlig;lich Ankopplungen im Orbit vor und Arbeiten au&szlig;erhalb des Raumschiffs vor, um diese beiden Punkte f&uuml;r das Apollo-Programm zu erproben. Schon hier zeigten sich aber die Grenzen: Als man bei Gemini 3 erstmals versuchte sich an eine Titan Zweitstufe zu n&auml;hern und Grissom, Veteran aus dem Mercuryprogramm probierte es, wie er es bei Flugzeugen machte \u2013 Geschwindigkeit aufnehmen. Aufgrund der Orbitalgesetze kam er aber dadurch auf eine elliptische Umlaufbahn mit einer h&ouml;heren Umlaufszeit, womit er sich weiter von der Stufe entfernte. Das musste abgebrochen werden, als der Treibstoffverbrauch kritisch wurde. Alle folgenden Bahn&auml;nderungen wurden vom Bordcomputer durchgef&uuml;hrt. Die Pilotenausbildung n&uuml;tzte also nichts, war aber bis zum Ende des Shuttleprogramms Voraussetzung um Pilot oder Copilot eines Raumschiffs zu werden. Lediglich die Endankopplung f&uuml;hrten im <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2vovlEI\">Gemini-Programm<\/a> die Astronauten durch.<\/p>\n<p>Ungleich komplexer sollte das Apolloprogramm werden. Astronauten waren hier aktiver beteiligt als bei den anderen beiden Programmen. Sie waren am Innendesign der Raumschiffe beteiligt. So beamen die Mondlander kleine dreieckige Fenster anstatt eines gro&szlig;en Fensters, da diese nach Tests mit den Astronauten sich als ausreichend erweisen. Die Luke wurde rechteckig anstatt rund und Sitze entfielen. Bei allen Entscheidungen waren Astronauten beteiligt bzw. bei der Luke wurde die &Auml;nderung durchgef&uuml;hrt, nachdem sich in Versuchen zeigte, das die Astronauten mit dem Tornister kaum durch die runde Luke kamen. Es zeigte sich aber auch, dass die Astronauten nun alles taten, um ihren Arbeitsplatz zu sichern. Das Apolloprogramm war so komplex, das es ohne <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2voLIRR\">Computer<\/a> nicht ging. Doch die Astronauten bestanden darauf die volle Kontrolle zu basalten. So wurden zwar alle Daten an den Computer durch die Bodenstationen &uuml;berspielt, doch die Astronauten mussten dazu einen Schalter umlegen, damit er sie auch akzeptierte. Bei allen Bahnman&ouml;vern wurden die Ausgaben des Computers zur Besatzung m&uuml;ndlich &uuml;bermittelt, dann von diesen aufgeschrieben, vorgelesen und nach dem Man&ouml;ver mit der realen Anzeige vergleichen \u2013 reine Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahme, denn die Daten lagen auch &uuml;ber die Telemetrie bei der Bodenstation vor. Es zeigte sich bald, dass eine Apollomission mehrere Tausend Tastendr&uuml;cke erforderte und die Missionskontrolle schlug vor einen Fernschreiber zu installieren \u2013 abgelehnt. Die Astronauten wollten nicht \u201eBefehlsempf&auml;nger\u201c werden. Dabei ging es nur darum sei von dem manuellen Aufscheiben von Werten zu entlasten. Es gab gen&uuml;gend Dinge an Bord die nur von der Besatzung erledigt werden konnten, wie das Ankoppeln der Mondf&auml;hren im Erd- und Mondorbit, die Navigation mittels Sexanten etc. Prinzipiell war aber die gesamte Mission unbemannt m&ouml;glich. Bei der Mondlandung waren sie nur in der letzten Phase beteiligt, wenn die Mondf&auml;hre von dem Computer in 200 m H&ouml;he auf nahezu null abgebremst wurde, d&uuml;rften sie die Steuerung &uuml;bernehmen \u2013 musste aber nicht. Es gab einen automatischen Landemodus, der aufgrund des Radars sogar das Bodenprofil ber&uuml;cksichtigte. Lovell wollte ihn ausprobieren, doch bekanntlicherweise landete er nie. Shepard verhinderte bei Apollo 14 den Test einer Toilette f&uuml;r Skylab. Immerhin wurde der Druck seitens der Wissenschaft so gro&szlig; auf die NASA, dass sie eine eigene Astronautengruppe aus Wissenschaftlern aus der Taufe hob. Doch Slayton Ex-Astronaut teilte diese keiner Mission zu. So wandten sich die Wissenschaft an den NASA-Chef und so wurde bei der letzten Mission <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2uQUyq4\">Apollo 17<\/a> dann von oben herab bestimmt, das Harrison Schmidt als Einziger der Gruppe noch auf dem Mond landen d&uuml;rfte.<\/p>\n<p>Bei Skylab war der Einfluss weitaus geringer. Zum einen war das Programm mehr wissenschaftlich orientiert. Es ging weniger um das Fliegen. Stattdessen gab es an die 100 Experimente durchzuf&uuml;hren. Zudem war auch im Chor wenig Interesse an dem Programm teilzunehmen, sodass hier die Wissenschaftsastronauten zum Einsatz kamen und auch der Fernschreiber, gegen den sich die Astronauten bei Apollo so vehement wehrten.<\/p>\n<p>Die Astronauten setzen auf das seit 1969 geplante Space Shuttle. Das sollte eine Art Flugzeug im Orbit sein, eigentlich das ideale Gef&auml;hrt f&uuml;r Testpiloten. <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2voNNwV\">Slayton<\/a> votierte stark f&uuml;r das Programm und verwies auf die bemannten Gleitfl&uuml;ge, die man mit F-104 durchf&uuml;hrte. Die NASA evaluierte das Konzept selbst mit dem X-24 Gleitflugzeug. Das Problem: Das Space Shuttle sieht aus wie ein Flugzeug ist aber nur im letzten Bereich der Landung auch ein Flugzeug. Es ist anders als die Kapseln in allen anderen Phasen des Aufstiegs und Wiedereintritts instabil und muss sowohl beim Start wie auch beim Weidereintritt vom Computer laufend in der stabilen Lage gehalten werden. Erstmals waren Astronauten nicht mal als Backup-Systeme bei Start und Landung beteiligt. Damit gab es auch keine Notwendigkeit mehr f&uuml;r einen Testpiloten. Stattdessen wurden immer mehr ingenieurtechnische und wissenschaftliche Qualifikationen gefordert. Der Einfluss der Astronauten war aber noch gro&szlig;. So gab es beim Space-Shuttle den Piloten und Copiloten. Sie waren Testpiloten und mit dem Shuttle als Raumfahrzeug vertraut. Dann gab es die Missionsspezialisten sie waren f&uuml;r die Mission verantwortlich, kannten sich z. B. mit dem Spacelab aus. Noch eine Nummer kleiner im Anspruch waren die Nutzlastspezialisten, die sich nur mit einer Nutzlast auskannten. Wenn z. B. einen Satelliten, der ausgesetzt wurde oder einigen Experimenten, die durchgef&uuml;hrt wurden. In der Reihenfolge nahm auch der Trainingsaufwand ab. Immerhin eines konnten die Astronauten noch durchsetzen: Das Space Shuttle konnte komplett unbemannt fliegen, genauso wie dies Russland mit der Buran tat. Damit das nicht vorkam, setzten sie einen Hebel durch, der das Landefahrwerk ausfuhr. Als nach dem Verlust der Columbia man &uuml;ber Rettungen im Orbit nachdachte und dann das Shuttle bei einer Besch&auml;digung unbemannt landen wollte mussten die Astronauten vorher die Bodenplatte &ouml;ffnen und von Hand die Dr&auml;hte mit denen der Fahrwerksteuerung verbinden, damit dies klappen konnte.<\/p>\n<p>Trotzdem behielten die Testpiloten ihre Altitude. Ulf Merbold schreibt in seinem <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2uTk2S4\">Buch &uuml;ber die STS-9 Mission<\/a>, wie er auch von den US-Astronauten meist von oben herab behandelt wurde, er war ja \u201enur\u201c Missionsspezialist. Die Testpiloten verloren nun aber rasch an Einfluss, auch weil das Chor unheimlich aufgebl&auml;ht wurde. Slayton meinte mit den vorhandenen Astronauten k&ouml;nnte man alle Fl&uuml;ge absolvieren. Beherrscht man das Shuttle einmal, so muss man nichts mehr neu trainieren und sich nur noch an die Nutzlast anpassen, doch die NASA sah das anders und rekrutiere enorm viele Astronauten. Die meisten flogen nur wenige Male ins All, obwohl sich das Shuttle Programm &uuml;ber 3 Jahrzehnte hinzog. Zudem standen sie nicht mehr so im &ouml;ffentlichen Interesse. Damit wurde aber auch die Qualifikation als Testpilot immer unwichtiger.<\/p>\n<p>In Russland, wo der Einzelne sowieso einen anderen Stellenwert hatte, verlief die Entwicklung v&ouml;llig anders. Auch hier wurden Piloten die ersten Kosmonauten \u2013 aber normale Piloten aus dem Milit&auml;r. Sie waren in der Wostok nur passive Passagiere. Sie konnten nichts selbst steuern. Auch sp&auml;ter setzte man weitestgehend auf Automatismen, entwickelte z. B. F&uuml;r die Progress und <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus-raumschiff.shtml\">Sojus<\/a> das Igla-System zur automatischen Ankopplung und sp&auml;ter das bedeutend zuverl&auml;ssigere Kurs-System, das bis heute eingesetzt wird. Nur einmal wollte man davon abkommen, das endete in einer Katastrophe: Kurs wurde in der Ukraine gebaut und nach dem Zerfall der Sowjetunion war dies Ausland. So sollte die Mir-Besatzung eine manuelle Ankopplung der Progress erprobte, was schlie&szlig;lich zur <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/schlamperei.shtml\">Kollision<\/a> der Mir mit Progress M-34 f&uuml;hrte.<\/p>\n<p>Bei der Orion wird die Ankopplung erstmals auch in den USA durch den Computer erfolgen. &Auml;hnliches ist bei den kommerziellen Zubringern geplant, anders k&ouml;nnte SpaceX zwei Touristen ohne \u201eBerufsastronauten\u201c nicht auf eine Mondbahn schicken.<\/p>\n<p>Was w&auml;re passiert, wenn der Einfluss der Testpiloten kleiner gewesen w&auml;re? Ich denke bei den ersten Programmen waren die Auswirkungen gering. Bei Apollo bekamen alle Astronauten einen geologischen Kurs um Gesteine unterscheiden und einordnen zu k&ouml;nnen. Das reicht bei den T&auml;tigkeiten (Proben nehmen) aus, zumal die Aufenthaltsdauer auf wenige Stunden begrenzt war. Geologiekenntnisse braucht man sp&auml;ter f&uuml;r die Auswertung. Beim <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/shuttle-mission.shtml\">Space Shuttle<\/a> denke ich hat der Einfluss der Astronauten auch verhindert, dass ein unbemannter Shuttle als reines Startgef&auml;hrt, z. B. um nur Satelliten auszusetzen, niemals aus dem Planungsstadium herauskam. H&auml;tte ein solcher \u201eCarrier Shuttle\u201cexistiert, so h&auml;tte man nach dem Challenger und Columbia-Desaster den Flugbetrieb zumindest unbemannt weiterf&uuml;hren k&ouml;nnen. Daneben h&auml;tte diese Option den Flugplan entlastet und w&auml;re kosteneffizienter gewesen. Es gab ja mehrere Optionen, die einfachste war, einfach alle Systeme f&uuml;r die Besatzung auszubauen schon das h&auml;tte die Nutzlast um 15 t angehoben, mehr als die H&auml;lfte der Maximalnutzlast in einem niedrigen Orbit. F&uuml;r einen polaren Orbit w&auml;re sie sogar verdoppelt worden. Wer wei&szlig;, vielleicht w&uuml;rde das Shuttle noch heute fliegen, m&uuml;sste es nicht unbedingt bemannt sein, was mit die Schuld der Astronauten ist, die bei Beginn der Planung noch fast alle Testpiloten waren.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/e8ec34760fa94eb78292df4ea4f84978\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die USA das Mercury Programm initiierten, kam nat&uuml;rlich sofort eine Frage auf: Wer soll in die Kapsel rein? 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