{"id":12701,"date":"2017-08-08T07:07:23","date_gmt":"2017-08-08T05:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12701"},"modified":"2017-08-07T09:14:34","modified_gmt":"2017-08-07T07:14:34","slug":"der-orbit-von-sensorsat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/08\/08\/der-orbit-von-sensorsat\/","title":{"rendered":"Der Orbit von Sensorsat"},"content":{"rendered":"<p>Derzeit laufen die Startvorbereitungen f&uuml;r den ersten Start einer Minotaur vom Cape aus. Bisher fanden die Starts alle von Wallops Island aus statt. Eine Minotaur 4 wird gerade zusammengebaut. Die Nutzlast ist der milit&auml;rische Satellit Sensorsat. Die Mission hat auch die offizielle Bezeichnung ORS-5 (Operationally Responsive Space 5).<\/p>\n<p>&Uuml;ber Sensorsat wei&szlig; man wenig. Als Ziel wird genannt, das er aus einem niedrigen Erdorbit aus Weltraumschrott im GEO erfassen und verfolgen soll. Es handelt sich um eine Technologiemission, wie sie das Milit&auml;r recht oft startet. Urspr&uuml;nglich als ORS-5 betitelt, dient sie dazu Sensoren zu erproben, die man dann sp&auml;ter in gr&ouml;&szlig;eren Satelliten einsetzen will und der M&uuml;ll dient nur als Ersatz f&uuml;r die echten Ziele, das sind Objekte, die sich anderen Satelliten der USA n&auml;hern, um sie auszuspionieren oder vielleicht besch&auml;digen. 2015 man&ouml;vrierte sich ein russischer Satellit bis auf 10 km an zwei Intelsat Satelliten <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/russian-satellite-maneuvers-silence-worry-intelsat\/\"> heran<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>Was mich zuerst wunderte, war das man f&uuml;r den nur 80 bis 110 kg schweren Satelliten mit einer Minotaur 4 in einen 600 km hohen Orbit startet. Eine Minotaur 4 hat eine Nutzlast von 1,7 t in den Leo, immerhin noch 1,1 t in einen 740 km hohen SSO. Sie ist also &uuml;berdimensioniert. Sie ist ein milit&auml;rischer Nachfolger der Taurus XL. Eine Pegasus oder Minotaur I w&uuml;rden mit 450 bzw. 570 kg Nutzlast mehr als ausreichen, um einen nur 110 kg schweren Satelliten zu starten.<\/p>\n<p>Die L&ouml;sung: Sensorsat oder ORS-5 soll in einen &auml;quatorialen Orbit von 600 km H&ouml;he <a href=\"https:\/\/spaceflightnow.com\/2017\/06\/21\/launch-of-militarys-new-space-based-satellite-tracker-delayed-two-months\/\"> gelangen<\/a>. Da war mir klar, warum der Start vom Cape aus stattfindet und warum man so eine gro&szlig;e Tr&auml;gerrakete braucht und ich dachte mir: \u201eBernd, das ist doch eine tolle Gelegenheit mal Grundlagen zu erkl&auml;ren\u201c.<\/p>\n<p>Also fangen wir an<\/p>\n<p>Jede Satellitenbahn kreuzt den &Auml;quator, daraus ergibt sich als einfache Folgerung, da man den Startort in jedem Falle wieder passieren muss (es ist ja eine Kreisbahn), das die minimale Bahnneigung zum &Auml;quator (Inklination) dem Breitengrad des Startortes entspricht. Nun ja fast. Weil die Rakete, wenn sie direkt nach Osten startet, durch die Erdrotation sich nach S&uuml;den wendet, findet die Brennphase auf einem niedrigeren Breitengrad statt. Wenn man nun &uuml;ber die Bahn integriert, kommt man auf eine leicht geringere Bahnneigung. Beim Start von Cape Canaveral je nach Raketentyp etwa 27 bis 28 anstatt 28,8 Grad. (Je h&ouml;her die Brennzeit desto niedriger).<\/p>\n<p>Eine h&ouml;here Inklination ist dagegen kein Problem, man muss dann nur den Startazimut nicht nach Osten, sondern S&uuml;den oder Norden legen. W&auml;hrend man beim Start maximal die Erdrotationsgeschwindigkeit am lokalen Breitengrad (beim Cape rund 407 m\/a) verliert, sind Orbit&auml;nderungen in der Umlaufbahn viel energieaufwendiger, denn es gilt:<\/p>\n<p>\u0394v = 2\u00d7 sin(Winkel \u00f7 2) \u00d7 v<\/p>\n<p>v: Geschwindigkeit, deren Richtung ge&auml;ndert wird<\/p>\n<p>Winkel: Winkelunterschied zwischen neuer und alter Inklination<\/p>\n<p>Nehmen wir an, die Minotaur 4 hat Sensorsat in einen Anfangsorbit von 27 Grad Bahnneigung gebracht, er w&auml;re schon in 600 km H&ouml;he angekommen (7560 m\/s Kreisbahngeschwindigkeit), dann kommt man nach obiger Formel auf ein \u0394v von 3528 m\/s. Das ist eine Menge. Das ist, wenn man noch den zus&auml;tzlichen Geschwindigkeitsbedarf f&uuml;r die 600 km Bahnh&ouml;he dazurechnet, genauso viel wie man f&uuml;r einen GEO braucht.<\/p>\n<p>In der Praxis sch&auml;tze ich, wird man ein anderes Regime einschlagen. Sensorsat ist so leicht, das er zusammen mit einer Stufe, einem Orion 38 einen Orbit erreicht. Nach dem Spacenews Artikel hat man sogar eine zweite Orion 38 Stufe addiert, was ungew&ouml;hnlich ist, denn es gibt auch die Minotaur 5, die anders als die Minotaur V f&uuml;nfstufig ist und die f&uuml;nfte Stufe, ein Star 37FM hat eine h&ouml;here Performance \u2013 die Minotaur V k&ouml;nnte zwischen 490 und 640 kg in einen GTO transportieren, das bedeutet dass diese Rakete Sensorsat gleich in den GEO bringen k&ouml;nnte, wo er M&uuml;ll direkt beobachten k&ouml;nnte, doch ich vermute das war gar nicht so geplant, denn es geht weniger um den M&uuml;ll als den Sensorentest.<\/p>\n<p>Die etwas bessere L&ouml;sung ist es nicht einen 600 km hohen Orbit anzustreben, sondern einen 200 x 600 km Orbit und dann beim &Uuml;berqueren des &Auml;quators die Inklinations&auml;nderung und Bahnanhebung durchzuf&uuml;hren.<\/p>\n<p>Dies ist aus zwei Gr&uuml;nden g&uuml;nstiger:<\/p>\n<p>Die Minotaur hat durch reine Feststoffraketen keine M&ouml;glichkeit einen Hohmann-&Uuml;bergang zu erreichen. Das bedeutet die Aufstiegsbahn muss eine Maximalh&ouml;he von 600 km haben und dann gibt es lange Freiflugphasen, bis man diese H&ouml;he erreicht hat. Beides impliziert hohe Gravitationsverluste. Daher sinkt die Nutzlast der Minotaur auch so stark ab bei h&ouml;heren Bahnen. Beides kann man vermeiden, wenn man eine elliptische Bahn von 200 x 600 km einschl&auml;gt. Mit der Inklinations&auml;nderung mus man dann noch etwas Geschwindigkeit addieren, um die Bahn zu zirkularisieren. Doch da dies eine Vektoraddition ist, ist der Aufwand klein. Im Gegenteil: da nach obiger Formel der Aufwand von der Startgeschwindigkeit abh&auml;ngt, kann man dann sogar Energie einsparen dem im Apog&auml;um einer 200 x 600 km Bahn ist die Geschwindigkeit auf 7446 m\/s gesunken, also rund 120 m\/s weniger als bei einer Kreisbahn.<\/p>\n<p>F&uuml;r gleichzeitige Geschwindigkeits- und Inklinations&auml;nderungen gilt folgende Formel:<\/p>\n<p>\u0394v = \u221a(vs\u00b2 + ve\u00b2 &#8211; 2*ve*vs*cos(Winkel))<\/p>\n<p>\u0394v = Geschwindigkeits&auml;nderung<\/p>\n<p>vs: Startgeschwindigkeit<\/p>\n<p>ve: Zielgeschwindigkeit<\/p>\n<p>Setzt man das f&uuml;r 27 Grad und 7446 m\/s vs und 7590 m\/s Ve an, so kommt man auf 3504 m\/s. Das ist weniger, als wenn man erst einen 600-km-Orbit anstreben w&uuml;rde. Dazu kommen noch die Gravitationsverluste, die eingespart werden. Allerdings ist dieser Orbit von Sensorsat eine wirkliche Ausnahme. So gro&szlig;e Inklinations&auml;nderungen bei hoher Geschwindigkeit sind sehr un&uuml;blich. Man hat um die Performance zu erh&ouml;hen extra den Start von Wallops Island (Breitengrad 38) zum Cape (Breitengrad 28) verschoben. Die bahntechnisch einfachere M&ouml;glichkeit w&auml;re es eine Pegasus von einem &auml;quatorialen Punkt aus zu starten (z.B. Hawaii). Da Orbital f&uuml;r den Abschluss nur 23,6 Millionen Dollar erh&auml;lt, die ersten drei Stufen stammen von einer Peacekeeper MX Rakete \u2013 ist die Minotaur 4 trotzdem billiger als eine Pegasus die durch Auslaufen der Produktion beim letzten Start 40 Millionen Dollar kostete. Regul&auml;r (z.B. f&uuml;r die NASA) kostet eine Minotaur aber &uuml;ber 50 Millionen Dollar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/ssgto-1.png\" alt=\"SSGTO\" width=\"800\" height=\"600\" \/>Man sieht: Die &Auml;nderung der Bahnneigung ist energieaufwendig. Das ist auch der wesentliche Grund f&uuml;r supersynchrone Umlaufbahnen \u2013 in 66.000 km H&ouml;he betr&auml;gt die Geschwindigkeit in einen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ssgto-mond-orbits.shtml\">SSGTO<\/a> noch 971 m\/s anstatt 1478 m\/s und in 80.000 km sind es 808 m\/s. Entsprechend kleiner ist das \u0394v f&uuml;r die Inklinations&auml;nderung, zumal man hier ebenfalls mit das Perig&auml;um anhebt von 200 auf 36000 km H&ouml;he. Man muss dann noch das Apog&auml;um absenken, aber in der Summe gibt es f&uuml;r den Satelliten einen Gewinn: 1626 m\/s anstatt 1803 m\/s (f&uuml;r 27 Grad) bei 65.000 km H&ouml;he und 1574 m\/s bei 80.000 km H&ouml;he. Allerdings nur f&uuml;r den Satelliten. Die Rakete selbst muss mehr leisten und addiert man beide Posten so ist es in der Gesamtbetrachtung ein Verlustgesch&auml;ft, wie das Diagramm zeigt. Da aber die Masse des Satelliten fix ist und die Nutzlast der Rakete ebenso, bietet es sich an, eine &Uuml;berschusskapazit&auml;t der Rakete zu nutzen. Der Gewinn wird immer kleiner, wenn man Mondentfernung anstrebt, so reduziert sich das \u0394v nur um weitere 100 m\/s. Doch dann kann man etwas anderes nutzen. N&auml;mlich den Mond.<\/p>\n<p>Bisher nur einmal vorgekommen bei einem Satelliten, <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/06\/07\/vor-15-jahren-uber-den-mond-in-den-geo-orbit-arabsat-3a\/\"> Asiasat 3A<\/a>, bei dem die Block-DM einer Proton ein Brennman&ouml;ver nicht mehr ausf&uuml;hrte. Man kann leicht errechnen, dass es sich dann lohnt, wenn der Startplatz weit n&ouml;rdlich ist. Beim Asiasat 3A betrug das gesamt \u0394v, wenn man alle Bahnphasen zusammenrechnet, 1920 m\/s. Zus&auml;tzlich zu einem Standard-GTO von 365 x 36000 km x 51,7 Grad. Da der Mond die Inklination stark absinken kann, dort ist der Satellit ja nur noch wenige Hundert Meter pro Sekunde schnell, spielt die Anfangsinklination der Bahn keine Rolle. Man kann dies mit dem Geschwindigkeitsbedarf des &Uuml;bergangs von einem Standard-GTO mit x Grad auf einen GEO mit 0 Graf vergleichen und kommt auf 32,45 Grad. Das bedeutet, der Umweg &uuml;ber den Mond w&uuml;rde sich schon bei Starts von Baikonur aus lohnen. Man macht es in der Praxis nicht, weil dies nat&uuml;rlich voraussetzt, dass die Bodenkontrolle mit dem Satelliten in noch 10-facher Normentfernung kommunizieren kann. Alternativ m&uuml;sste man die Aufgabe der Oberstufe &uuml;bertragen (die dann auch die Absenkung des Apog&auml;ums von Monddistanz auf GEO &uuml;bernehmen w&uuml;rde). Doch auch hier gibt es neben der Distanz Hindernisse, so der Betrieb der Stufe zumindest &uuml;ber einige Tage, eher Wochen. Bei Asisat dauerte es fast sieben Wochen, bis er den Endorbit erreicht hatte.<\/p>\n<p>Daraus ist deutlich das ein &auml;quatorialer Startplatz so g&uuml;nstig ist \u2013 er erm&ouml;glicht schon beim Start jede beliebige Bahnneigung w&auml;hrend die eines Startplatzes in h&ouml;heren Breiten nie viel kleiner als der Breitengrad sein kann. Theoretisch, weil es nat&uuml;rlich andere Einschr&auml;nkungen geben kann, wie das man beim Aufstieg nicht Land &uuml;berfliegen will oder darf oder Stufen nach dem Ausbrennen nicht auf Land niedergehen d&uuml;rfen. Diese Einschr&auml;nkungen hat z.B. auch das CSG, das ansonsten fast ideal liegt. Ideal w&auml;re so ein Weltraumhafen auf einer Insel, z.B. Hawaii. Von dort wurde ja die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/super-strypi.shtml\"> SPARK<\/a> gestartet, leider nicht erfolgreich. Sie w&auml;re sonst geeignet, Sensorsat zu viel geringeren Kosten zu starten.<\/p>\n<p>Schon f&uuml;r den normalen GEO ausgehend vom Cape ist trotz der geringen Geschwindigkeit im Apog&auml;um von nur noch 1,5 km\/s der Nachteil offensichtlich. Eine Atlas V 551 transportiert z. B 8,9 t in einen GTO mit 28 Grad Neigung, aber nur 6,9 t in einen GTO mit 0 Grad Neigung. F&uuml;hrt der Satellit die Bahnangleichung durch, so kostet ihn das rund 10% seiner Startmasse, dazu kommt noch das Gewicht, das die gr&ouml;&szlig;eren Tanks haben. Ein Faktor, der beim Nutzlastvergleich gerne vergessen wird.<\/p>\n<p>Knapp 40 Jahre nach Jungfernflug der Ariane 1 ist der Starts vom CSG aus aber heute die Normvorgabe. Andere Tr&auml;ger streben daher \u201egeschwindigkeitskompatible\u201c Bahnen an. Die Atlas V oder Falcon 9 vor allem supersynchrone Umlaufbahnen. Bei der hohen Startinklination des Kosmodroms Baikonur sind supersynchrone Umlaufbahnen die Ausnahme, weil man nur mit ihnen nicht auf die 1500 m\/s eines \u201eAriane-kompatiblen\u201c Orbits kommt. Man muss im Apog&auml;um zus&auml;tzlich die Bahnneigung anpassen. ILS bietet diese trotzdem an, seit die Breeze-M f&uuml;r einen noch l&auml;ngeren Betrieb (nun &uuml;ber 1 Tag, bis die Nutzlast abgesetzt wird) qualifiziert ist. Der Normalfall ist aber das die Breeze M in mehreren Z&uuml;ndungen das Perig&auml;um erh&ouml;ht und gleichzeitig die Inklination absenkt. Beim Start von Baikonur aus (52 Grad n&ouml;rdliche Breite) ist die Nutzlasteinbu&szlig;e schon gravierend \u2013 vom &Auml;quator aus gestartet w&uuml;rde eine <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/proton.shtml\">Proton M<\/a> 9 anstatt 6,3 t in den GTO bringen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/6e394c49c331475a8dbe833fcf519a0f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit laufen die Startvorbereitungen f&uuml;r den ersten Start einer Minotaur vom Cape aus. Bisher fanden die Starts alle von Wallops Island aus statt. Eine Minotaur 4 wird gerade zusammengebaut. Die Nutzlast ist der milit&auml;rische Satellit Sensorsat. Die Mission hat auch die offizielle Bezeichnung ORS-5 (Operationally Responsive Space 5). &Uuml;ber Sensorsat wei&szlig; man wenig. 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