{"id":12743,"date":"2017-09-07T00:40:14","date_gmt":"2017-09-06T22:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12743"},"modified":"2017-09-07T08:18:49","modified_gmt":"2017-09-07T06:18:49","slug":"klappt-das-terraforming-der-venus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/09\/07\/klappt-das-terraforming-der-venus\/","title":{"rendered":"Klappt das Terraforming der Venus?"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend manche schon von der Kolonisierung des Mars tr&auml;umen, hat sich bisher keiner mit der Besiedlung der Venus befasst. Zu extrem scheinen die Bedingungen zu sein. Am Boden herrschen im Mittel 480\u00b0C, und zwar unabh&auml;ngig von der Tageszeit. Dabei rotiert die Venus extrem langsam: einmal in 243 Tagen um die Achse. Man sollte, wie beim Mond und Merkur, die auch einen bzw. drei Monate zur Rotation brauchen, auf der Nachtseite Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erwarten. Dazu kommt die dichte Atmosph&auml;re mit einem Bodendruck im Mittel von 90 Bar. Die Atmosph&auml;re besteht wie beim Mars fast nur aus Kohlendioxid. Kurzum: Da soll mal Leben m&ouml;glich sein?<!--more--><\/p>\n<h3 class=\"western\">Fr&uuml;her war die Venus mal subtropisch<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium\" src=\"\/img\/leben-auf-der-venus.jpg\" width=\"566\" height=\"442\" \/>Immerhin, so lange ist es noch nicht her, das man meinte, auf der Venus herrsche subtropisches Klima. Bis in die F&uuml;nfziger Jahre meinte man, weil man nur Wolken sah, das dies, wie im irdischen Regenwald eine dauernde Wolkendeckung durch aufsteigende Feuchtigkeit w&auml;re. Die mittlere Oberfl&auml;chentemperatur der Erde, w&uuml;rde man sie an die Position der Venus versetzen w&uuml;rde, betr&auml;ge +38 Grad, auch das sprach f&uuml;r die These. Manche machten sogar Spekulationen &uuml;ber Leben und seinen Entwicklungsstand. Manche meinten die Flora und Fauna w&auml;re wie bei uns im Mesozoikum, als es weltweit auch so warm war. Andere spekulierten aufgrund von Leuchterscheinungen sogar von einem Venusherrscher, der seinen Geburtstag mit Feuerwerk feierte, das man dann als Widerschein in den Wolken sieht.<\/p>\n<p>Mit den Erkenntnissen der Raumfahrt bekam man dann heraus das die Venus viel ungastlicher ist als angenommen und damit sank auch das Interesse an der Erforschung der Venus, vor allem bei den USA. Russland nutzte den leicht erreichbaren Planeten noch lange als Ziel, weil hier ihre massive Auslegung von Sonden von Vorteil war.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Umweltver&auml;nderung durch gentechnisch ver&auml;nderte Bakterien<\/h3>\n<p>Nun hat in Nature eine Forschergruppe aus Biologen und Klimaforschern einen Aufsatz ver&ouml;ffentlicht. Sie sehen es als schwierig, aber nicht unm&ouml;glich, die Venus zu besiedeln. Doch das, so das Res&uuml;mee, wird teuer und sehr lange dauern. Eine Basis f&uuml;r ein solches Vorhaben ist die Gentechnik. Es gibt auf der Erde Bakterien, die hohe Temperaturen ertragen, andere kommen mit dem S&auml;urenebel aus dem die Wolken bestehen zurecht, aber kein irdisches Bakterium kommt mit den Bedingungen auch nur der oberen Venusatmosph&auml;re zurecht. Mit dem Abschluss der Sequenzierung der DNA einer Reihe von Archaebakterien sieht man nun die M&ouml;glichkeit zwischen den Arten gezielt Gene auszutauschen und so einen Superorganismus zu schaffen, der zumindest in den oberen Schichten der Venusatmosph&auml;re &uuml;berleben kann. Er w&uuml;rde die Atmosph&auml;re vorteilhaft ver&auml;ndern, sodass weitere Bakterien folgen k&ouml;nnten.<\/p>\n<p>Der erste Schritt k&ouml;nnte der Gentransfer von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Desulfurikation\">Sulfatreduzierenden Bakterien<\/a> in thermophile Archaebakterien sein, wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Methanopyrus\">Methanopyrus<\/a>, das noch bei 122 Grad Celsius &uuml;berlebt. Diese Bakterien will man dann an ein Substrat aus Nanopartikeln die Mineralstoffe zur Verf&uuml;gung stellen in der Wolkenschicht der Venus ausbringen. Wahrscheinlich werden es mehrere Populationen sein, da an der Obergrenze der Wolken -43\u00b0C und an der Unterseite +75\u00b0C herrschen. Darunter gibt es noch einen Aerosolnebel. Bis in 45 km H&ouml;he &uuml;ber der Venusoberfl&auml;che w&auml;ren Bakterien lebensf&auml;hig. Diese gentechnisch ver&auml;nderten Bakterien sollen das Schwefeldioxid bzw. die Schwefels&auml;ure, aus denen die Wolken bestehen, zu Schwefel reduzieren. Dazu wird als weiterer Bestandteil aber Wasser ben&ouml;tigt, denn die Venusatmosph&auml;re ist extrem trocken.<\/p>\n<p>W&uuml;rde man (je nach Gr&ouml;&szlig;e) einen Komet pro Jahr bis Jahrzehnt auf die Venus lenken, so w&uuml;rde er die Atmosph&auml;re mit so viel Wasser anreichern, das man in einem Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren die Schwefels&auml;ure (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Atmosphere_of_Venus\">Gehalt: 0,15 %<\/a>) weitestgehend aus der Atmosph&auml;re entfernen k&ouml;nnte. Die Folge w&auml;re, dass die Atmosph&auml;re aufklaren w&uuml;rde, man also bis zur Oberfl&auml;che sehen k&ouml;nnte. Die Folgen w&auml;ren gravierend. Denn die Wolken reflektieren heute 90% der IR-Strahlung und 75% der sichtbaren Strahlung der Oberfl&auml;che wieder zum Boden zur&uuml;ck. Dadurch w&uuml;rden zwangsl&auml;ufig die Temperaturen sinken. Zudem w&auml;re die Oberfl&auml;che dann mit Schwefel bedeckt, der eine hohe Reaktionsf&auml;higkeit besitzt also einen Gro&szlig;teil des Lichts wieder reflektiert. Nach Klimamodellen w&uuml;rde dann die Temperatur an der Oberfl&auml;che um 200 bis 250\u00b0C sinken \u2013 immer noch zu viel f&uuml;r Leben, denn bei 150\u00b0C zerf&auml;llt die DNA schneller, als sie Reparaturenzyme restaurieren k&ouml;nnen.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Abbau des Kohlendioxids<\/h3>\n<p>Nun ist aber die S&auml;ure aus der Atmosph&auml;re und man kann andere Organismen einsetzen. Sie sollen das Kohlendioxid durch Photosynthese reduzieren. Hier denkt man an einen Gentransfer der Photosynthesegene von Blaualgen in Archaebakterien f&uuml;r trockene Standorte. Die Organismen bilden aus dem Kohlendioxid organische Materie, wachsen zu immer gr&ouml;&szlig;ere Kolonien, die schlie&szlig;lich zu schwer werden, um in der Atmosph&auml;re zu schweben und zur Oberfl&auml;che sinken. So entfernen sie dauerhaft das Kohlendioxid aus der Atmosph&auml;re. Was man weiterhin aufrechterhalten muss, ist die Zufuhr von Wasser, denn auch die Photosynthese verl&auml;uft nach folgender Summenformel:<\/p>\n<p>6 CO<sub>2<\/sub> + 6 H<sub>2<\/sub>O \u2192 C<sub>6<\/sub>H<sub>12<\/sub>O<sub>6<\/sub> + 6 O<sub>2<\/sub><\/p>\n<p>Aufgrund der dicken Atmosph&auml;re dauert dieser Prozess sehr lange, mindestens 100.000 Jahre, es k&ouml;nnen aber auch leicht mehrere Millionen Jahre sein. Mit der Zeit sinkt der Kohlendioxidgehalt und steigt der Sauerstoffgehalt. Man nimmt an, dass der Sauerstoff wieder verbraucht wird, denn die Venusoberfl&auml;che ist geologisch jung und d&uuml;rfte global aus kaum oxidiertem Gestein bestehen. So sinkt der Atmosph&auml;rendruck langsam ab.<\/p>\n<p>Wie es weiter geht, ist noch nicht so gekl&auml;rt. Das h&auml;ngt von dem Verbrauch an Sauerstoff ab. Die Gruppe hat drei Modelle durchgerechnet. Im Ersten absorbiert das Gestein Sauerstoff das einem Druck von 60 Bar entspricht, in einem Zweiten sind es 80 Bar und im Letzten den gesamten Sauerstoff.<\/p>\n<p>Als Endzustand beim ersten Modell w&uuml;rde eine Restatmosph&auml;re aus 30% Kohlendioxid, 6% Stickstoff und 60% Sauerstoff resultieren. Die Oberfl&auml;chentemperatur w&auml;re im Mittel bei +110\u00b0C, es w&auml;re aber an den Polen und nachts auch bis zu +40\u00b0 m&ouml;glich, womit zumindest an den Polen Kolonien m&ouml;glich w&auml;ren. An den Polen w&auml;ren auch au&szlig;erhalb einer regulierten Atmosph&auml;re robuste Pflanzen wie in unseren W&uuml;stengebieten lebensf&auml;hig. Sie m&uuml;ssten aber aufgrund des langen Tag\/Nachtzyklus und der niedrigen Strahlung an den Polen genetisch angepasst werden.<\/p>\n<p>Das zweite Modell h&auml;tte nur noch einen Kohlendioxidgehalt von 10%, 17% Stickstoff und 65% Sauerstoff. Hier w&uuml;rden die globalen Temperaturen auf +80 Grad im Mittel sinken. Ab einer Breite von 50 Grad w&auml;ren die Temperaturen unter 60 Grad und diese Bereiche w&auml;ren bewohnbar. Ebenso wie im ersten Modell aber in der freien Landschaft nur von gentechnisch ver&auml;nderten Pflanzen. Menschen w&uuml;rden wie beim Mars in Kuppeln leben, in denen mit Wasser gek&uuml;hlt wird. Das Wasser wird auch ben&ouml;tigt, weil die Venus trotzdem weitestgehend trocken sein wird. Es gibt nur wenig Wasser, das vor allem als Dampf vorliegt.<\/p>\n<p>Im dritten Modell k&ouml;nnte man eine weitestgehend erd&auml;hnliche Atmosph&auml;re mit einem Druck von 2 Bar, bestehend aus 65 % Stickstoff, 25 % Sauerstoff und 5 % Kohlendioxid entstehen. Die globalen Temperaturen betragen dann im Mittel 45 Grad Celsius, sie k&ouml;nnen an den Polen bis auf 15 Grad sinken, am &Auml;quator aber auch 65 Grad erreichen. In dieser Atmosph&auml;re k&ouml;nnten Menschen au&szlig;erhalb einer Kuppel ohne Schutzanzug leben.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung der Atmosph&auml;re steuert man nach dem Artikel vor allem &uuml;ber den Nachschub mit Wasser durch Kometen. Sie muss so justiert sein, dass die Oxidation des Oberfl&auml;chengesteins (Sauerstoffverbrauch) mit der Sauerstofferzeugung durch die Photosynthese entspricht. F&uuml;r das letzte Modell braucht man pro Jahr mindestens 10 Kometeneinschl&auml;ge von je 1 km Durchmesser. Bei den anderen Modellen sind es weniger.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Die erd&auml;hnliche Venus<\/h3>\n<p>W&uuml;rde man den Endzustand des dritten Modells erreichen, so k&ouml;nnte man &uuml;ber weitere Kometen dann auch &uuml;ber sehr lange Zeit so viel Wasser auf die Venus bringen, dass es auch fl&uuml;ssiges Wasser, wie Fl&uuml;sse oder Seen gibt. Die Menge, die man daf&uuml;r braucht, ist aber gro&szlig;: Der Mars, der ja als trocken gilt, hat mindestens eine Wasserschicht, die 1 m stark ist, wenn man das ganze Eis verfl&uuml;ssigen k&ouml;nnte. (Andere Sch&auml;tzungen gehen bis 100 m). F&uuml;r eine nur 1 m dicke Schicht auf der Venus br&auml;uchte man 500.000 Kometenkerne. Dabei entspricht dies nicht mal dem Wasser, das bei uns als Grundwasser vorliegt bzw. in dem Boden gewunden ist. F&uuml;r die Wassermenge, die die Erde hat, sogar die 3000-fache Menge. Damit das Klima aber stabil wird, w&auml;re noch etwas anderes n&ouml;tig: Man m&uuml;sste das gebundene Kohlendioxid und auch den Schwefel wieder aus dem Kreislauf entfernen. Die Oberfl&auml;che w&auml;re nach der T&auml;tigkeit der Bakterien global mehrere hundert Meter dick mit abgestorbenem orangenem Material bedeckt, alle Vertiefungen damit ausgef&uuml;llt.<\/p>\n<p>Der effektivste Weg w&auml;re es das Material durch Temperatur und Druck zu Kohle umzuwandeln. Das hat als Vorteil auch den Nebeneffekt, weil dann Wasser frei wird, gem&auml;&szlig;:<\/p>\n<p>C<sub>6<\/sub>H<sub>12<\/sub>O<sub>6<\/sub> \u2192 6 C + 6 H<sub>2<\/sub>O<\/p>\n<p>Die Kohle kann man dann relativ gut lagern, sie brennt anders, als das organische Material, erst bei hohen Temperaturen. Der einfachste Weg ist es das organische Material mit viel Gestein zu bedecken, dann l&auml;uft der Prozess durch den Druck von alleine ab, man braucht nur sehr viel Zeit.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Fazit:<\/h3>\n<p>Meine Meinung: Es mag theoretisch m&ouml;glich sein, doch technisch umsetzbar ist es heute nicht und ich denke auch in ferner Zukunft nicht. Wir k&ouml;nnen nicht mal einen kleinen Asteroiden umlenken, geschweige denn einen 1 km gro&szlig;en Kometen. Das ist die Hauptherausforderung. Bakterien genetisch zu modifizieren und auszubringen ist dagegen einfach, zumal sie sich ja vermehren sollen. Wie bei den Pl&auml;nen f&uuml;r die Kolonisierung des Mars, w&auml;re es um ein Vielfaches einfacher die Bedingungen auf der Erde vor allem in heute unbewohnbaren Gebieten wie W&uuml;sten oder der Arktis zu verbessern. Noch billiger w&auml;re es, das Bev&ouml;lkerungswachstum auf 0 zu bringen oder die Zahl der Menschen sogar zu reduzieren. Dann hat jeder genug Ressourcen f&uuml;r ein Leben, ohne zu hungern und Not zu leiden. Weiterhin hat trotz allem die Venus kein Magnetfeld. Doch das kann durch eine entsprechend dichtere Atmosph&auml;re ausglichen werden.<\/p>\n<p>Immerhin zwei Vorteile hat die Venus: Hat man erst mal eine lebenswerte Umwelt geschaffen, so ist sie stabil. Beim Mars verdampft laufend die Atmosph&auml;re. Zudem gibt es gen&uuml;gend Gase f&uuml;r einen Druck, den wir zum Leben brauchen. Beim Mars wird man, selbst wenn man alle gebunden Gase freisetzt, niemals eine Atmosph&auml;re erreichen, in der ein Mensch ohne Sauerstoffger&auml;t &uuml;berleben k&ouml;nnte. Aufgrund der langsamen Rotationsdauer w&auml;re die Venus aber niemals eine Schwester der Erde. Das Leben dort w&auml;re vergleichbar dem in hohen polaren Breiten auf der Erde, also n&ouml;rdlich oder s&uuml;dlich des Polarkreises. Es w&auml;re 121 Erdtage lang hell und dann ebenso lang dunkel.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/41088aa273c94a4c8d43e51428a4057d\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend manche schon von der Kolonisierung des Mars tr&auml;umen, hat sich bisher keiner mit der Besiedlung der Venus befasst. Zu extrem scheinen die Bedingungen zu sein. Am Boden herrschen im Mittel 480\u00b0C, und zwar unabh&auml;ngig von der Tageszeit. Dabei rotiert die Venus extrem langsam: einmal in 243 Tagen um die Achse. 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