{"id":12807,"date":"2017-10-15T10:28:55","date_gmt":"2017-10-15T08:28:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12807"},"modified":"2017-10-15T10:28:55","modified_gmt":"2017-10-15T08:28:55","slug":"noch-ne-raketenfirma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/10\/15\/noch-ne-raketenfirma\/","title":{"rendered":"IRC: Noch ne Raketenfirma"},"content":{"rendered":"<p>Bei all dem Trubel um SpassX ist einiges bei der letzten AIAA Tagung im September untergegangen, unter anderem auch die Pr&auml;sentation vom George Ford. Seines Zeichen CEO der Industrial Rocket Company (IRC). Wie man am Namen schon erraten kann \u2013 wieder eine Firma die Raketen bauen will. Allerdings mit einem komplett anderen Ansatz als SpassX oder Blaue Urspr&uuml;nge. W&auml;hrend die immer gr&ouml;&szlig;ere Tr&auml;ger entwickeln, f&auml;ngt die Firma klein an. Sie will zuerst den Markt kleinerer bis mittlerer Nutzlasten adressieren. Zumindest was den US-Markt angeht, ist das nicht so doof, denn da fehlt ein Tr&auml;ger. Zumindest ein zuverl&auml;ssiger und finanzierbarer Tr&auml;ger.<!--more--><\/p>\n<p>Alles was es gibt, ist entweder teuer wie die Minotaur 4-6 oder unzuverl&auml;ssig wie die Taurus, inzwischen in Minotaur C umbenannt. So bucht inzwischen die NASA f&uuml;r 1 t schwere Satelliten die Falcon 9 wie f&uuml;r Jason-3 oder Tess. International ist die Situation anders. Rockot, PSLV und Vega konkurrieren in dem Segment von 1-2 t Nutzlast. Nur bei rund 4 t Nutzlast gibt es auch international eine L&uuml;cke (die Dnepr, die es da gibt, l&auml;sst Russland auslaufen).<\/p>\n<p>Die Firma entwickelt als erstes nur eine Stufe. Es gibt nur wenige Daten von dem (wie bei Musk nur m&uuml;ndlich und per Projektor vorgetragenen Pr&auml;sentation). Sie soll 1,524 m Durchmesser (5 Fu&szlig;) haben, 16 m hoch sein , Lox und Kerosin einsetzen. Ein Triebwerk mit 445 kN Schub (1000 lbf) treibt sie an. Sie wiegt rund 27 t.<\/p>\n<p>Noch ist sie nur in der Planung. Derzeit laufen nur Komponententests des Triebwerks. Doch der Entwicklungsplan sieht so aus: Nach der erfolgreichen Triebwerkszertifikation wird die Stufe isoliert getestet. In dieser Phase wird IRC suborbitale Starts anbieten, allerdings nicht f&uuml;r Menschen, sondern wissenschaftliche Nutzlasten, also als H&ouml;henforschungsrakete.<\/p>\n<p>Danach folgt die erste Rakete, noch ohne Bezeichnung. Bei ihr umgeben sechs der Stufen eine siebte Stufe in einem Kreisring. Die &auml;u&szlig;eren sechs Stufen bidlen zusammen eine erste Stufe, die in der Mitte befindliche Stufe die zweite. Die rund 190 t schwere Rakete soll dann eine Nutzlast von 2,3 t (4000 lbs) haben. Jede Stufe hat einen eigenen Triebwerkskontroller, der das Triebwerk steuert und &uuml;berwacht. Gemeinsam f&uuml;r die sechs &auml;u&szlig;eren Stufen ist ein &uuml;ber dem &auml;u&szlig;eren Ring angebrachter Druckgastank. Die zweite Stufe hat einen zweiten, daneben angebrachten. Beide Stufen gemeinsam haben dann noch eine Nutzlastverkleidung und gemeinsame Steuerung.<\/p>\n<p>Die Abk&uuml;rzung Industrial Rocket Company ist n&auml;mlich Programm: auch diese Firma will die Startkosten senken, aber mit einem komplett anderen Ansatz. Im Vortrag wird verweisen auf Oneweb, die ihre Satelliten f&uuml;r 500.000 bis 700.000 Dollar bauen wollen. Der Schl&uuml;ssel dazu ist eine hohe St&uuml;ckzahl. In der Raumfahrt lohnt sich aufgrund der kleinen St&uuml;ckzahlen keine Automatisation. Man muss ja spezialisierte Werkzeuge und Roboter entwickeln. Es dominiert ein Zwischenschritt: montiert wird vorwiegend von Hand. Es gibt daf&uuml;r zahlreiche spezialisierte Kleinwerkzeuge, um das zu erleichtern. IRC will auch Raketenstufen in Serie fertigen. Danach werden diese Module zu gr&ouml;&szlig;eren Raketen gekoppelt.<\/p>\n<p>Man habe viele Konzepte gepr&uuml;ft. Relativ schnell war klar, dass man als Treibstoffe LOX\/Kerosin einsetzen w&uuml;rde. Die Kombination liefert eine hohe Energieausbeute und ist am besten erforscht. Der einzige Nachteil von LOX-Kerosin ist das LOX dauernd vor dem Start nachgef&uuml;llt werden muss. Das ist bei sehr vielen Stufen sehr aufwendig. Im Vortrag erl&auml;utere Ford, das dieser Umstand die Parameter der Rakete am st&auml;rksten beeinflusst hat. Geplant waren urspr&uuml;nglich kleinere Stufen von 11 t Masse. Damit h&auml;tte man im Businessmodell eine Produktionszahl von 1.000 Stufen pro Jahr erreicht, eine magische Zahl, ab der sich Vollautomatisierung lohnt. Doch gr&ouml;&szlig;ere Raketen f&uuml;r heutige GTO-Satelliten h&auml;tten dann aus 150 Stufen bestanden und da war das Nachf&uuml;llen von LOX einfach nicht mehr m&ouml;glich. Die gr&ouml;&szlig;eren Stufen sind so konstruiert, das der LOX-Tank 10 % mehr Volumen hat, als er braucht. Der erste wird zwei Stunden vor dem Start ganz voll gef&uuml;llt, der n&auml;chste nicht mehr ganz so voll, bis 30 Minuten vor dem Start der letzte Tank gef&uuml;llt ist. Man l&auml;sst dann Sauerstoff verdampfen. Trotzdem verbleibt ein &Uuml;berschuss, um Verz&ouml;gerungen abzufangen, der wird dann nach dem Start verbrannt \u2013 in den ersten 30 s arbeitet das Triebwerk mit einer sauerstoffreichen Mischung, was auch den Schub erh&ouml;ht. Wegen der Verdampfungsverluste sei deswegen auch Methan und Wasserstoff ausgeschieden. Zudem h&auml;tte sich dann ein explosives Gasgemisch bilden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Schwerer fiel die Entscheidung, f&uuml;r einen gemeinsamen Druckgastank. Geplant war zusammen mit der Betankung jeden Tank unter Druck zu setzen und daf&uuml;r nur ein Teilvolumen zu nutzen. Die Triebwerke w&auml;ren dann rein druckgef&ouml;rdert gewesen. Der Vorteil w&auml;re, das die Technik sehr robust und wenig fehleranf&auml;llig ist. Der Nachteil war eine um 40 % h&ouml;here Trockenmasse und ein um 10 s niedriger spezifischer Impuls. Schlussendlich &uuml;berwogen die Nachteile. Die separaten Druckgastanks beeintr&auml;chtigen den Raum, den die Nutzlast einnehmen kann. Allerdings ist dieser sowieso relativ gro&szlig;. Bei der ersten Version hat die Rakete einen Durchmesser von 5,2 m bei einer H&ouml;he von nur 23 m.<\/p>\n<p>Das schwierigste war das Sicherheitskonzept. Schlussendlich kann jedes Triebwerk ausfallen. Eine Rakete f&uuml;r GTO-Missionen kann 16 bis 50 Triebwerke haben, je nach Satellitengr&ouml;&szlig;e. Besonders problematisch: F&auml;llt bei einer anderen Rakete ein Triebwerk aus, so kann dies, wenn sie gen&uuml;gend Triebwerke hat, sogar aufgefangen werden, zumindest einige Zeit nach dem Start. Bei dem Konzept von IRC k&ouml;nnen die Treibstoffe eines Triebwerks aber nicht von anderen genutzt werden. Man habe Cross-Feeding untersucht, aber befunden, das es f&uuml;r den Mehrnutzen, den es bietet, zu komplex und damit teuer ist. Stattdessen werden die Stufen nicht direkt verbunden, sondern an drei Seiten mit je zwei Verbindungen die einen Zwischenraum von etwa 18 cm (6 inch) lassen. Die Kopplungselemente verbinden zwei Module eines Rings miteinander (links und rechts) und mit dem inneren Ring (hinten). Das besondere ist das die Elemente auf Zug auskoppeln. So muss man nur ein Triebwerk abschalten und die Kopplungen &ouml;ffnen sich, weil dann die Stufe mit ihrem Eigengewicht zieht. Sie f&auml;llt nach unten weg. Der Zwischenraum soll vermeiden, dass sie dabei mit den Nachbarmodulen kollidieren kann. So erfolgt auch die Stufentrennung. Dazu werden alle Module einer Stufe simultan abgeschaltet und l&ouml;sen sich dann durch Zug von der n&auml;chsten Stufe. Auf eine Nachfrage hin, best&auml;tigte Ford, dass sie nicht ausbrennen d&uuml;rfen, sonst k&ouml;nnte wegen leicht unterschiedlicher Brennzeiten ein asynchroner Schub entstehen. Die Stufe hat dann den Aufbau einer Zwiebel: ein &auml;u&szlig;erer Ring umgibt einen inneren und der wiederum eine einzelne Stufe. Der &auml;u&szlig;ere Ring kann auch aus zwei Ringen bestehen und der ganz &auml;u&szlig;erste muss nicht geschlossen sein. Innen k&ouml;nnen bei gro&szlig;en Raketen auch Ringe fehlen. Man kann die Rakete nach IRC-angaben skalieren in vielfachen von 400 kg EO-Nutzlast. Die kleinste Konfiguration aus 5 Modulen hat 1,5 t Nutzlast.<\/p>\n<p>Damit dieses Sicherheitskonzept funktioniert, muss es m&ouml;glich sein, ein Triebwerk rechtzeitig vor Auftreten von Ereignissen, die es zerst&ouml;ren k&ouml;nnen, abzuschalten. IRC stehe derzeit in Verhandlungen mit der NASA, um die Software zu erhalten, die diese f&uuml;r das <a href=\"http:\/\/klabs.org\/DEI\/Processor\/shuttle\/aiaa_2000_3622.pdf\">AHS<\/a> entwickelt hat. Das war ein System, dass die Triebwerkskontroller der Shuttletriebwerke ersetzen sollte. Es wurde nach dem Verlust der Columbia eingestellt. Das AHS war ein System aus FPGA und Signalverarbeitungsprozessoren das mehrere tausend Mal das Schwingungsspektrum des Triebwerks analysiert. Dieses ver&auml;ndert sich schon einige Sekunden vor eine Havarie, die vor allem von der Turbopumpe ausgeht. Es h&auml;tte die Sicherheit der Triebwerke von 1:275 auf 1:2000 angehoben. Jedes Triebwerk erh&auml;lt so einen Kontroller der den gesamten Betrieb &uuml;berwacht und auch steuert. Bei einem sich anbahnenden Vorfall bringt er das Triebwerk zuerst in Neutralstellung, damit keine seitw&auml;rts gerichtete Schubkomponente eine Kollision verursacht. Zudem wird dies dem Bordcomputer gemeldet. Danach wird es auf okay des Bordcomputers abgeschaltet. Offen ist ob es wie beim AHS des Shuttles vorgesehen, die Triebwerke auch nur im Schub zu reduzieren. Sobald der Schub ein bestimmtes Niveau unterschreitet l&ouml;st sich das Modul von alleine ab. Wie Ford eingestehen musste, ist das aber bisher nur ein Plan. Es seien aber Testfl&uuml;ge geplant bei dem man genau das erproben will.<\/p>\n<p>Der springende Punkt ist, das man so aber viele Module am Flie&szlig;band produzieren kann, das w&uuml;rde nicht nur die Kosten senken. Es bedeutet auch, dass man relativ kurzfristig einen Start anbieten kann. Man muss nur eine Rakete aus den Lagerbest&auml;nden zusammenbauen. Prinzipiell w&auml;re der Gr&ouml;&szlig;e keine Grenze gesetzt, die gr&ouml;&szlig;te Rakete, die man anstrebe habe aber 128 Module, so viele Steuerkan&auml;le soll der Bordcomputer aufweisen.<\/p>\n<p>Preise wollte Ford nicht nennen, aber \u201ein most cases better than our Competitors\u201c. Ich vermute, daher das die Rakete dann billiger ist, wenn man bei einem Konkurenzmodell nicht die volle Nutzlast ausnutzt, z.b. hat SpaceX dieses Jahr einen 3,5 t schweren Satelliten in den GTO gebracht, aber auch einen 6,5 t schweren. Beide Kunden buchen aber dieselbe Rakete.<\/p>\n<p>Nun meine Meinung: Das Konzept ist nicht neu. Man f&uuml;hlt sich sofort an das <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/otrag1.shtml\">OTRAG-Konzept<\/a> erinnert. Anders als dieses basiert es aber nicht auf absoluter Low-Tech und dem Verwenden von Dingen aus anderen Bereichen wie Scheibenwischermotoren. Stattdessen scheint es normale Raketentechnik zu sein. Die Kostenreduktion kommt dann durch die Serienbauweise. Ob das Modultrennungskonzept funktioniert, wird sich zeigen. Verbindungen die sich auf Zug l&ouml;sen, haben sich schon bew&auml;hrt. So werden seit 60 Jahren die Au&szlig;enbooster der R-7 abgetrennt. Allerdings haben die auch gen&uuml;gend Platz, wenn sie nach au&szlig;en wegfallen. Ob 18 cm Zwischenraum reichen, das Module \u201edurchfallen\u201c? Man wird es erproben m&uuml;ssen. Ich bin da eher skeptisch.<\/p>\n<p>Beim Nachdenken komme ich auf andere Knackpunkte. So werden ja alle Raketen gleich hoch sein (16 m ohne Nutzlastverkleidung) aber unterschiedlich breit. Will man dann zig verschiedene Nutzlastverkleidungen anfertigen? Wohl kaum. Ich vermute, es wird einige Modelle geben, jeweils kreisf&ouml;rmig im Durchmesser um jeweils eine Stufendurchmesser ansteigend.<\/p>\n<p>Eine andere Sache ist die Startplattform. Man braucht dort zum einen ein System das so flexibel ist das man 5 Stufen aber auch bis zu 128 Stufen betanken kann. Beim Kerosin geht das noch sequentiell lange vor dem Start, aber bei LOX selbst mit dem Verdampfungskonzept wohl nicht sequentiell. Wie will man sonst 128 Module bei einem Zeitfenster von 2 Stunden bef&uuml;llen?<\/p>\n<p>Ebenfalls ungel&ouml;st wie die Rakete festgehalten werden soll. Normale Raketen werden vor dem Start von Klammern festgehalten, bis der Bordcomputer den Start frei gibt. Reine Feststoffraketen werden nicht festgehalten, da sie ihren Schub innerhalb von Millisekunden entwickeln. Doch hier sind es Triebwerke mit fl&uuml;ssigen Treibstoffen bei denen der Schub langsam ansteigt und ob alle Triebwerke simultan z&uuml;nden und genau den gleichen Schubanstieg habe, dass man darauf verzichten k&ouml;nnte? Ich glaube, dass ist doch sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Der f&uuml;r mich logische Schritt w&auml;ren mehrere Startrampen oder zumindest mehrere Starttische, z.b. f&uuml;r 2-Ringe, 3-Ringe, 4-Ringe etc&#8230; F&uuml;r maximal 128 Module br&auml;uchte man 7 Ringe. Mithin sechs verschiedene Plattformen und Nutzlastverkleidungen.<\/p>\n<p>Offen ist auch das Konzept, ob das Abschalten einzelner Triebwerke so funktioniert. Vor allem muss man dann auch Reserven vorsehen. Man verliert ja einen Teil der Raketenmasse. Ob es diese Reserven gibt, wurde nicht gesagt. SpaceX hatte die ja mal nicht vorgesehen. Nach dem ersten Triebwerksausfall k&uuml;rzte man dann die Nutzlast von 5,5 auf 4,5 t GTO. Jetzt nach rund 30 Starts ohne weiteren Ausfall steigt sie laufend an, wahrscheinlich, weil man nun keine Reserven mehr vorsieht.<\/p>\n<p>Also ich bin skeptisch. Derzeit dr&auml;ngen ja viele neue Firmen auf den Markt. Am unteren Rand die Elektron, am oberen die New Glenn. W&auml;hrend hinter Blue Origin immerhin ein Milliard&auml;r steht, wei&szlig; man nicht mal &uuml;ber wie viele Finanzmittel IRC verf&uuml;gt. Nicht zuletzt wird ja bald mit der BFR eine Rakete zur Verf&uuml;gung stehen, die zehnmal billiger als eine Falcon 9 ist, bei der zehnfachen Nutzlast. Ob damit IRC mithalten kann?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/327febba99f34c468471551dcc28509e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei all dem Trubel um SpassX ist einiges bei der letzten AIAA Tagung im September untergegangen, unter anderem auch die Pr&auml;sentation vom George Ford. Seines Zeichen CEO der Industrial Rocket Company (IRC). Wie man am Namen schon erraten kann \u2013 wieder eine Firma die Raketen bauen will. 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