{"id":12824,"date":"2017-10-28T08:19:30","date_gmt":"2017-10-28T06:19:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12824"},"modified":"2017-10-28T08:19:30","modified_gmt":"2017-10-28T06:19:30","slug":"robust-ist-nicht-immer-besser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/10\/28\/robust-ist-nicht-immer-besser\/","title":{"rendered":"Robust ist nicht immer besser"},"content":{"rendered":"<p>So, nun habe ich wieder etwas Zeit f&uuml;r euch. Allerdings sehe ich doch relativ wenige Themen am Horizont, so dass ich mal heute einen kleinen Blog einschiebe. Ich habe in Nesselwang mein Manuskript &uuml;ber Teil 1 des Raumsondenbuchs fertiggestellt und werde es nun Korrekturlesen, was ich hoffentlich bis Mitte\/Ende November schaffe, dann geht es an die Korrekturleser elendsoft und Gairon und ich denke ich mache mich gleich an Teil 2. 384 Seiten sind es geworden. Darauf tummeln sich 165 Sonden, im zweiten Teil bin ich beim Abz&auml;hlen nach meiner Webseite nur auf rund 60 gekommen. Also doch etwas ungleichm&auml;&szlig;ig verteilt, trotzdem denke ich wird der zweite Band nicht viel d&uuml;nner werden?<\/p>\n<p>Warum das Missverh&auml;ltnis \u2013 nun die meisten erreichten gar keinen Erdorbit oder strandeten in diesem, vor allem bei Russland \u2013 &uuml;brigens zwei der drei Raumsonden die seitdem nicht die Erde verlie&szlig;en waren von Russland und das waren 100 % aller russischen Sonden seitdem. Aber auch viele andere fielen vorher aus.<!--more--><\/p>\n<p>Vor einigen Jahren habe ich mal eine Anzeige gesehen in der links der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/raumfahrt-faq.shtml\">Spacepen<\/a> abgebildet wurde, mit einer kurzen Erl&auml;uterung, wie viel er kostete und wie die NASA das Problem l&ouml;ste, das man in der Schwerelosigkeit schreiben kann. Auf der rechten Seite war nur ein Bleistift abgebildet mit dem Satz \u201eso l&ouml;ste Russland das Problem\u201c.<\/p>\n<p>Das Ganze ist nat&uuml;rlich eine Anzeige und wie viele irref&uuml;hrend. Zum einen sind alle Abbildungen eines \u201eSpacepens\u201c die eines kommerziellen Produkts, das niemals von der NASA in Auftrag gegeben wurde (der Hersteller hat sich auf eine Ausschreibung beworben, doch zur Umsetzung kam es nie). Vor allem funktioniert ein Kugelschreiber ohne Problem auch in der Schwerelosigkeit. Die Tinte haftet durch die Adh&auml;sionskraft des Papiers. Kleiner Test f&uuml;r Laien \u2013 jedes Schreibger&auml;t, das sie auch um 180 Grad gedreht (schreiben mit der Spitze nach oben) benutzen k&ouml;nnen basiert nicht auf der Schwerkraft und funktioniert auch in der Schwerelosigkeit. Trotzdem gab die NASA im Geminiprogramm 4.382,50 $ f&uuml;r Kugelschreiber aus, inflationskorrigiert heute rund 40.000 $. So teuer waren aber nicht die Kugelschreiber, die kosteten nur 1,75 $\/St&uuml;ck. Teuer war die Entwicklung und Anfertigung eines Geh&auml;uses mit Druckknopf, das man auch in klobigen Handschuhen bedienen konnte.<\/p>\n<p>Doch darum geht es nicht. Es geht um die Botschaft: Russland l&ouml;ste die Aufgabe pragmatisch und viel billiger. Nach dem Schreiben meines Buchs glaube ich das eher nicht. Russlands Ansatz war von Anfang an ein anderer als in den USA. Anstatt dass man eine Raumsonde entwirft, die den Weltraumbedingungen gerecht wird und dies intensiv auf der Erde testet z.B. in eigenen Kammern, die evakuiert sind und in denen Lampen auf der einen Seite die Sonne simulieren und fl&uuml;ssiger Stickstoff die andere Seite abk&uuml;hlt, hat man einfach die Bedingungen auf der Erde nachgestellt.<\/p>\n<p>Alle russischen Raumsonden bestanden aus einem Bus, in dem der Mittenteil die Elektronik und einen Teil der Experimente aufnahm. Der stand unter Druck und war mit Stickstoff gef&uuml;llt. Ventilatoren w&auml;lzten den Stickstoff um \u2013 man hat das Vakuum also praktisch ausgetrickst. Leider klappte das nicht richtig. Bei mindestens zwei Sonden wurde der Beh&auml;lter undicht und Sender &uuml;berhitzten. Bei einigen anderen kam es zu anderen Ausf&auml;llen, weil z.B. die K&uuml;hlung nicht ausreichend dimensioniert war. Auch das h&auml;tte man in einer Vakuumkammer vorher testen k&ouml;nnen. Diese Entscheidung hatte auch Folgen, so hing Russland enorm lange dem Konzept, Film an Bord zu entwickeln. Die USA haben das nur bei den Lunar Orbitern eingesetzt, weil es keine Alternative gab. Mit Fernsehkameras h&auml;tten sie niemals ein so gro&szlig;es Gebiet abtasten k&ouml;nnen (mit vielen Aufnahmen schon, allerdings gestaltete sich das Zusammensetzen dieser damals schwierig, Computer hatten nicht die Kapazit&auml;t dazu, sodass man bei Mariner 9 z.B. die Bilder ausdruckte und die Fotos auf einen 1,2 m gro&szlig;en Marsglobus klebte. Aber Lunar Orbiters Bilder k&ouml;nnen heute noch gl&auml;nzen: bis zu rund 260 MPixel pro Bild. Da kann man auch mit nur 200 Bildern pro Mission einiges bewegen. Russlands Fotos soweit ver&ouml;ffentlicht waren qualitativ nicht sch&auml;rfer als die amerikanischer Sonden und hatten auch nur 1-2 Mpixel pro Aufnahme. Daf&uuml;r war der Vorrat begrenzt. 40 bis 440 Aufnahmen waren es je nach Mission bei den Marsorbitern. Vergleicht man dies mit &uuml;ber 7000 Aufnahmen von Mariner 9, so ist das d&uuml;rftig. Das Konzept findet man auch in anderer Form. Luna 10-12,14 und Luna 19-22 waren Variationen der Lander. Anstatt der Landeapparate f&uuml;hrte man bei Luna 10-14 einfach einen kleinen batterienbetriebenen Subsatelliten mit (der eigentliche gro&szlig;e Bus wurde also gar nicht genutzt), der noch dazu batteriebetrieben war, was ich noch weniger verstehe, denn damit ist die Betriebszeit doch minimal. Bei Luna 19 und 22 war man etwas schlauer: Es handelt sich bei den Mondsatelliten um die Lunochods mit der l&auml;ngsten Betriebsdauer. Wie bei der letzten Generation hat man einfach umgebaut. Diesmal die Lunochods. Sie wurden mit der Bremsstufe KT gelandet. Nun hat man einfach das Geh&auml;use ohne Fahrwerk fest auf die KT montiert, noch einige Solarzellen auf die freien Fl&auml;chen und Experimente angebracht und fertig war der Mondlander. Eigentlich gef&auml;llt mit das Konzept, etwas Vorhandenes nochmals zu benutzen, aber man kann es wirklich &uuml;bertreiben. Die NASA hatte mit Surveyor B auch mal so was vor: Surveyors, die in einen Mondorbit einschwenken sollten. Wie das aber mit dem Feststoffantrieb mit vorgegebenem Gesamtimpuls gehen sollte, blieb offen. Da fand ich die Lunar Orbiter eine bessere L&ouml;sung.<\/p>\n<p>Was mich erstaunte, war die enorme Unflexibilit&auml;t Russlands bei vielen Missionen. Man hat ja wenige Hintergrundinfos, aber die Bezeichnung \u201eAutomatische Interplanetare Station\u201c f&uuml;r die meisten Missionen kann man w&ouml;rtlich nehmen. Viele Missionen spulten ein fest vorgegebenes Programm ab. Okay, das war anfangs auch bei den USA so. Bei den Mariners war es, so das das Programm schon vor dem Start feststand. Damit auch der Passagezeitpunkt und die Distanz. Kurskorrekturen dienten nur dazu, den vorgegebenen Punkt genauer zu treffen. Aber bei Russland gibt es viele mysteri&ouml;se Dinge. Mars 2-7 hatten einen Bordcomputer, der von der N-1 stammte. Das Ding war einerseits den Sequencern von Marinern &uuml;berlegen (konnte bei Mars 4-7 nach Ausfall der Kommunikation z.B. noch automatisch die Lander absetzen und f&uuml;hrte bei Mars 2+3 Bestimmungen der Position von Mars durch und berechnete anhand der Daten die Daten f&uuml;r das Einschwenken in den Orbit). Auf der anderen Seite kam Mars 3 in einen unplanm&auml;&szlig;igen Orbit, den man niemals korrigierte, obwohl es Treibstoff gab, viel hatte man ja nicht verbraucht und das Triebwerk mehrmals z&uuml;ndbar war. Bei Luna 19 schaffte man es nicht, den Orbit f&uuml;r das Fotografieren abzusenken. Das war die erste Phase der Mission bestand in einer Fotografiemission. Anstatt, dass man es nochmals probiert, hat man den Orbit genommen, der dann nur grob aufgel&ouml;ste Bilder hatte. Bei Luna 22 beendete man das, als das Perilun&auml;um abgesunken war \u2013 anstatt es einfach anzuheben. Dabei f&uuml;hrte Luna 22 in der sp&auml;teren Mission (in der keine Fotos gemacht wurden) sieben Kurskorrekturen durch.<\/p>\n<p>Bei den Veneras gibt es Hinweise daf&uuml;r, dass die Landesonden mit den verl&auml;ngerten Missionen (Design-Lebensdauer 32 bzw. 59 Minuten) wenig mehr an Daten lieferten. Auch hier gab es ein festes Programm. Bei Venera 11+14 fingen die Kameras erst nach 3,5 Minuten an, damit die Experimente vorher die Daten gewinnen und senden konnten. Danach schwiegen diese Experimente. Obwohl Venera 13 mehr als doppelt so lange &uuml;berlebte wie Venera 13 (genauer gesagt: Der Bus von Venera 13 konnte nur halb so lange Daten empfangen) sind die Bilder nicht farbiger \u2013 es gab ein festes Programm, das dann einfach wiederholt wurde, dieses Programm war aber nicht ausgelegt, die ganze Umgebung farbig zu fotografieren.<\/p>\n<p>Trotzdem gelten die Veneras als gr&ouml;&szlig;ter Triumph des russischen Planetenprogramms \u2013 klar, wenn ein K&ouml;rper nur wenige Stunden &uuml;berlebt, dann ist ein automatisches Programm die beste L&ouml;sung.<\/p>\n<p>Diesselbe Taktik findet man auch bei anderen K&ouml;rpern. Bei den Zenitfotoaufkl&auml;ren handelte es sich einfach um umgebaute Wostoks. In das Bullaugenfenster wurde einfach eine Kamera montiert. Einfach, aber wenn man an die enormen Startzahlen denkt, auf Dauer nicht billig. Die USA haben ja auch &auml;hnlich begonnen, haben dann aber immer mehr Film mitgef&uuml;hrt und den st&uuml;ckweise mit Kapseln zur&uuml;ckgef&uuml;hrt und so die Lebensdauer eines Aufkl&auml;rers von einer Woche auf mehrere Monate gestreckt. Russland hat bis in die Achtziger Jahre sie im w&ouml;chentlichen Abstand gestartet. Schlussendlich ist die Taktik nicht besser. Man wei&szlig; wenig &uuml;ber die Kosten von russischen Raumsonden. Die Venera 9-14 wurden auf 100 Millionen Rubel gesch&auml;tzt, in etwa so teuer wie die gleichzeitig ablaufende Pioneer Venus Mission. Phobos 1+2 kosteten 272 Millionen Rubel, das entsprach in etwa der gleichen Summe in Dollar, billiger als eine US-Raumsonde zu der Zeit, aber daf&uuml;r das keine Sonde ihre Mission erf&uuml;llt auch ziemlich teuer. Das Schlimme ist: es wurde ja nicht besser. Auch Mars 96 und Phobos Grunt gingen verloren. Das Argument, das man am Anfang Lehrgeld zahlt, zieht also nicht zumal Europa und Japan mit ihren ersten Raumsonden Erfolge verzeichnen konnte. Vor allem Giotto halte ich f&uuml;r eine erste Raumsonde bis heute f&uuml;r bemerkenswert.<img decoding=\"async\" src=\"\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/506250fbea4749e08bd931532ed7d5e7\"\" width=\"\"1\"\" height=\"\"1\"\" alt=\"\"\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, nun habe ich wieder etwas Zeit f&uuml;r euch. Allerdings sehe ich doch relativ wenige Themen am Horizont, so dass ich mal heute einen kleinen Blog einschiebe. 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