{"id":12898,"date":"2017-12-14T12:47:23","date_gmt":"2017-12-14T11:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12898"},"modified":"2017-12-14T12:47:23","modified_gmt":"2017-12-14T11:47:23","slug":"bildverarbeitung-anno-dazumal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/12\/14\/bildverarbeitung-anno-dazumal\/","title":{"rendered":"Bildverarbeitung \u2013 anno dazumal"},"content":{"rendered":"<p>Zeit mal in einem Blog die Gesichte der Bildverarbeitung zu referieren. Schon die fr&uuml;hen US-Raumsonden lieferten Bilder. Eine Ranger in den letzten 20 bis 24 Minuten vor dem Aufschlag 4.000 \u2013 7.000 Surveyor bis zu 29.000 pro Mondtag (rund 14 Erdtage). Lunar Orbiter pro Mission maximal 212 \u2013 allerdings je eine Weitwinkelaufnahme von 80 MPixel und eine Teleaufnahme von 256 Mpixel, da zucken auch heute noch Fotografen mit den Augenbrauen. Ich kam wie &ouml;fters auf das heutige Thema, indem ich im Netz immer suche, wie viele Bilder eine Mission gemacht hat \u2013 die Rubrik im Datenblatt habe ich in Band 1 eingef&uuml;hrt, wo man von vielen Missionen die Bildzahl kennt. Bei neueren ist es sehr schwierig, die genaue Zahl zu ermitteln.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich aber wohl jeder gestellt hat \u2013 wie verarbeitet man solche Datenmengen mit der Technik der Sechziger und siebziger Jahre? Also mal ein &Uuml;berblick &uuml;ber wie die Bildverarbeitung immer leistungsf&auml;higer wurde.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium\" src=\"\/img\/amalthea.png\" width=\"989\" height=\"587\" \/>Die einfache Antwort \u2013 zuerst einmal gar nicht. <a href=\"\/ranger.shtml\">Ranger<\/a>, Surveyor und Lunar Orbiter &uuml;bertrugen keine digitalen Daten. Sie hatten TV-Kameras an Bord und &uuml;bertrugen das TV-Signal. Bei der Bodenstation wurde dann das Videosignal wie andere Videosignale auf Magnetband, auch hier analog aufgezeichnet. Lunar Orbiter hatte keine TV-Kamera an Bord, hier wurde Film durch eine Photodiode abgetastet und mit dem analogen Wert ein 300-kHz-Signal moduliert, das dann auf die Tr&auml;gerwelle gelegt wurde. Auch hier wurde am Boden alles auf Videob&auml;nder aufgezeichnet.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Wie kommt man dann zu Bildern?<\/h3>\n<p>Die Technik daf&uuml;r hielt sich lange: Man projizierte das Videosignal als \u201eStandbild\u201c auf einen Monitor und fotografierte diesen ab. So arbeitete man nicht nur bei Lunar Orbiter, sondern noch lange sp&auml;ter. Surveyor-Mosaike entstanden von Hand, indem man Fotografien &uuml;bereinanderlegte. 1972 erstellte die NASA einen Marsatlas, indem sie Fotos von Mariner 9 auf einen 1,2 m gro&szlig;en Globus <a href=\"https:\/\/planetarymapping.wordpress.com\/category\/type\/globe\/physical-globe\/\">klebte<\/a>. Die Vorgehensweise Bilder abzufotografieren scheint sehr lange g&auml;ngig gewesen zu sein. Anbei ein Ausschnitt aus Spektrum der Wissenschaft von 1980. Man erkennt sehr deutlich die Zeilenstruktur eines R&ouml;hrenmonitors. Das Abfotografieren vom Bildschirm war auch bei hochaufl&ouml;senden Computergrafiken in den Achtzigern &uuml;blich, daher auch die Bezeichnung \u201eScreenshot\u201c. Ich kannte damals f&uuml;r die Kopie des Bildschirminhalts meines Computers (mit weniger Farben und Aufl&ouml;sung) auf einem nur schwarz-wei&szlig;en Drucker die Bezeichnung \u201eHardcopy\u201c. Wobei dies eben nicht &uuml;ber eine Fotografie geschah, sondern durch Auslesen des Speicherinhalts und Umsetzung in Druckeransteuerung, was dann auch den Begriff einer Kopie eher trifft als die analoge Wiedergabe.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Auswertungsmethode gab man damals auch die Aufl&ouml;sung pro Zeilenabstand und nicht pro Pixel an wie heute. Siehe die Beschriftung beim Bild.<\/p>\n<p>Man verschenkte dabei enorm viel Potenzial. Das wurde deutlich an das <a href=\"https:\/\/loirp.arc.nasa.gov\/loirp_gallery\/\">LOIRP<\/a> (Lunar Orbiter Image Restauration Projekt) nach der Jahrtausendwende daran ging, die Bilder zu restaurieren. Das bedeutete zum einen Artefakte durch Unterbrechungen der &Uuml;bertragung zu entfernen, dann heutige Bildverarbeitungsmethoden wie Kontrasterh&ouml;hung und Scharfzeichner anzuwenden. Da die Lunar Orbiter Fotos sehr gro&szlig; sind hier ein Link zu einer damals publizierten <a href=\"https:\/\/nssdc.gsfc.nasa.gov\/imgcat\/hires\/lo1_h102_123.gif\">Originalaufnahme<\/a> und dieselbe Aufnahme vom LOIRP. Wenn man auf die Wolkenstrukturen achtet, dann sieht man es ist dieselbe Aufnahme. Die restaurierte Aufnahme macht auch heute noch eine gute Figur.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Bildverarbeitung<\/h3>\n<figure style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/mme_034.061.png\" alt=\"mme_034.061\" width=\"800\" height=\"726\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">mme_034.061<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch auf Dauer war man auch bei der NASA nicht damit zufrieden, nur Bilder auszudrucken. Das verschenkte doch viele M&ouml;glichkeiten die Daten, die in den Bilder steckten, auszuwerten und Rauschen und andere Artefakte zu reduzieren.1963 wurde die Hardware konstruiert, um die Videosignale in digitale Signale zu &uuml;bersetzen. Das Programm zum Digitalisieren wurde dann 1964 auf einem IBM 7094 Computer geschrieben. Eine IBM 7094 war eine 36 Bit Maschine die 0,35 MFlops erreichte, bei einem Arbeitsspeicher von 32 KWorten, rund 192 Kbyte (damals noch 1 Byte = 6 Bit). Das ist in etwa die Geschwindigkeit eines 386 mit Coprozessors.<\/p>\n<p>Was wir heute unter Bildverarbeitung verstehen ist jedoch mehr. Anbei hier eine Originalaufnahme von Mariner 9. Sie hat einige Defekte. Zum einen fehlen ganze Bildzeilen, dann gibt es helle Spikes durch kosmische Strahlen. Der Helligkeitsbereich, der vom eigentlichen Bild abgedeckt wird, ist klein und damit auch der Kontrast. Zus&auml;tzlich sieht man die Kr&uuml;mmung der Vidiconr&ouml;hre und daher auch das Gitter &uuml;ber dem Chip, um die Verzerrung zu bestimmen. Das machte aber erst bei digitalen Aufnahmen der Sinn. Die gab es erstmals mit Mariner 9. Vorher wurden zwar Bilder von Mariner 4,6,7 digital &uuml;bertragen, aber vorher war die innere Verarbeitung analog, was sich dann in sehr vielen Artefakten niederschlug, wie man bei Originalaufnahmen von Mariner sieht. Bei den rund 200 Aufnahmen von Mariner 6+7 ging das noch, aber nicht bei Tausenden von Aufnahmen bei Ranger und Surveyor.<\/p>\n<p>Schon bei <a href=\"\/mariner89.shtml\">Mariner 9<\/a> ging man an die elementaren Bildverarbeitungsschritte die damals so aussehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Reduktion der Bilddaten von 9 auf 6 Bits (letzte 3 Bits weggelassen) spart Platz, ein Bildpunkt ist bei einem Computer auf 6-Bit-Byte Basis dann genau 1 Byte gro&szlig;, was die Verarbeitung erleichtert. Offizieller Grund, das menschliche Auge kann nur 25 Graustufen unterscheiden.<\/li>\n<li>Ersetzen aller Pixels die um 32 Helligkeitswerte von der Umgebung abweichen durch die Nachbarwerte \u2013 blendet diese hellen Pixels aus.<\/li>\n<li>Strecken der verbliebenen Helligkeitswerte auf den ganzen Bereich<\/li>\n<li>Scharfzeichner, indem von jedem Pixel der Durchschnitt der umgebenden 25 Pixel abgezogen wird.<\/li>\n<li>Die Verarbeitung geschah im Batchbetrieb. Dazu diente eine IBM 360\/44, ein f&uuml;r Realzeitdatenverarbeitung optimiertes Modell der IBM 360 Familie. die selbst in der gr&ouml;&szlig;ten Ausbaustufe nur 256 KByte Speicher hatte. Das reichte nicht mal f&uuml;r ein komplettes Mariner 9 Bild aus 700 x 832 Punkten.<\/li>\n<\/ul>\n<figure style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/mme_034.061neu.png\" alt=\"mme_034.061\" width=\"800\" height=\"726\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">mme_034.061<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Situation verbesserte sich in der zweiten H&auml;lfte der Siebziger Jahre als Minicomputer einzogen und nun zum ersten Mal die interaktive Bearbeitung m&ouml;glich war. Verwendet wurden die Super-Minis VAX 11\/780. Das Problem war nur: f&uuml;r bestimmte Operationen ben&ouml;tigte man enorm viele Rechenoperationen. F&uuml;r einen Scharfzeichner, der den Durchschnitt aus 35 x 35 Pixeln bestimmte, bei einem 1000 x 1000 Pixel Bild z. B. 1,225 Milliarden Rechenoperationen, was bei einer VAX mit maximal 1 MIPS selbst einem Pixel pro Operation (in der Praxis mehr) &uuml;ber 21 Minuten dauert. Die L&ouml;sung waren spezielle VLSI Chips, die in die VAX eingebaut wurden und die so f&uuml;r die VAX die Operation von 1225 auf 1 dr&uuml;ckten.<\/p>\n<p>Heute ist das alles kein Problem mehr. Inzwischen erstellen Amateure aus alten Bildern ansprechende Produkte, sind manchmal schneller als die Raumfahrtagenturen so bei <a href=\"\/huygens.shtml\">Huygens<\/a>: Es gab nat&uuml;rlich eine Software die Mosaike erstellen konnte. Das Problem war, dass es auf den Linsen Tr&ouml;pfchen gab und diese Artefakte verwirrten die Software. Bis diese angepasst war, hatten schon etliche Amateure eigene Mosaike erstellt und ver&ouml;ffentlicht.<\/p>\n<p>Heute gibt es glaube ich ein anderes Problem. Die Bilderflut. Es ist sicher kein Problem diese automatisiert zu Mosaiken zu verarbeiten, doch wie sieht es damit aus, die Bilder auch zu betrachten? Also nach Ungew&ouml;hnlichem zu untersuchen. Beim MRO setzte man schon auf Klickworker, um Krater zu z&auml;hlen. Der <a href=\"\/lro.shtml\">LRO<\/a> hat in 8 Jahren &uuml;ber 2 Millionen Bilder gemacht, also rund 700 pro Tag. Ich vermute die NASA setzt auf die wissenschaftliche Gemeinde, schlie&szlig;lich werden alle im <a href=\"https:\/\/pds.nasa.gov\/\">PDS<\/a> ver&ouml;ffentlicht.<\/p>\n<p>Nun noch was zur Mariner 9 Aufnahme. Ich habe diese zuerst mit einem eigenen Programm verarbeitet. Das entfernt helle Pixel (bis zu einem bestimmten Grad), erg&auml;nzt fehlende Zeilen und reduziert die Masken. Danach in Affinity einen Scharfzeichner angewandt und den Helligkeitsbereich &uuml;ber das ganze Spektrum gestreckt. F&uuml;r eine vollst&auml;ndige Bildverarbeitung m&uuml;sste man noch die Bildfeldw&ouml;lbung der R&ouml;hre korrigieren und ausgekl&uuml;geltere Algorithmen verwenden.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/0d6919cf416a47deba9a51f3cef09204\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit mal in einem Blog die Gesichte der Bildverarbeitung zu referieren. Schon die fr&uuml;hen US-Raumsonden lieferten Bilder. Eine Ranger in den letzten 20 bis 24 Minuten vor dem Aufschlag 4.000 \u2013 7.000 Surveyor bis zu 29.000 pro Mondtag (rund 14 Erdtage). 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