{"id":12906,"date":"2017-12-23T10:05:32","date_gmt":"2017-12-23T09:05:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12906"},"modified":"2017-12-23T10:08:21","modified_gmt":"2017-12-23T09:08:21","slug":"beim-dritten-mal-klappts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2017\/12\/23\/beim-dritten-mal-klappts\/","title":{"rendered":"Beim dritten Mal klappts"},"content":{"rendered":"<p>Heute will ich an den 24.sten Dezember 1979 erinnern. Doch die Geschichte beginnt neun Tage fr&uuml;her am 15.12.1979. In Franz&ouml;sisch Guyana steht die erste Ariane 1 auf der Startrampe ELA-1. Der Jungfernflug steht an. Der Countdown l&auml;uft herunter: Trois, Deux, Un, Feu!. Flammen treten aus, doch es tut sich nichts weiter. Acht Sekunden nach der Z&uuml;ndung geht die Rakete wieder aus.<!--more--><\/p>\n<p>Was war passiert? Nach der Z&uuml;ndung bleibt die Rakete noch einen kurzen Augenblick mit vier Hautklammern fixiert, w&auml;hrend der Computer einen letzten Check macht, ob alles okay ist. Erst dann gibt er das Signal f&uuml;r die Freigabe der Klammern und die Ariane hebt ab. Bei dieser &Uuml;berpr&uuml;fung stellte er einen zu geringen Schub in einem der Triebwrke fest und gab den Start nicht frei und schaltete die Triebwerke wieder ab. Wie sich zeigte, war das ein Irrtum. Die Ariane wurde enttankt und das System &uuml;berpr&uuml;ft. Am 20.12. begann man sie erneut zu betanken und am 23.12.1979 sollte der n&auml;chste Startversuch stattfinden.<\/p>\n<p>W&auml;hrend es am 15.12. alles glatt lief, gibt es diesmal genau 58 Sekunden vor dem Abheben ein Problem. Die Umschaltung von den Bodensystemen auf die Bordsysteme funktioniert nicht komplett. Nun muss man zu einem definierten Punkt, der synchronized Sequence, einige Minuten vor dem Start zur&uuml;ckkehren, doch dabei treten weitere Probleme auf induziert durch die nicht komplette &Uuml;bernahme der Kontrolle. Ein Ventil f&auml;llt aus, die dritte Stufe verliert an Druck, ein Filter friert zu. Als dann eine geschlossene Wolkendecke aufzieht, ist klar, dass diesmal kein Startversuch m&ouml;glich ist. Er soll schlie&szlig;lich von Kameras genau beobachtet werden.<\/p>\n<p>Diesmal wird nur die dritte Stufe enttankt. Die beiden anderen Stufen haben lagerf&auml;higen Treibstoff. Ein letztes Mal will man es am 24-sten probieren. Ausgerechnet zu Weihnachten.<\/p>\n<p>Zuerst sieht es auch am 24.sten Dezember 1979 nicht so aus, als w&uuml;rde es klappen. Im Gegenteil: 3 h 50 Minuten vor dem Abheben das erste Problem. Ein Ventil zur Druckbeaufschlagung der zweiten Stufe hat sich nicht ge&ouml;ffnet. Die Countdown-Uhr wird angehalten. Ein Techniker muss den Nabelschnurmast hochklettern, der eigentliche Montageturm wurde schon zur&uuml;ckgefahren. Er blockiert das Ventil auf \u201eOffen\u201c-Stellung und die Abdichtung erfolgt durch ein zweites Ventil in der Leitung. Es klappt, der Druck der Heliumdruckbeh&auml;lter in der zweiten Stufe steigt von 195 auf 300 Bar. Der Countdown kann nach etwas mehr als einer Stunde wieder aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Er geht weiter bis 2 Minuten 47 Sekunden vor dem Abheben, dann reagiert ein Ventil zu tr&auml;ge und 8 Sekunden sp&auml;ter h&auml;lt der Computer den Countdown an. 20 Minuten lang wird das Ventil ge&ouml;ffnet und geschlossen. Alles scheint in Ordnung zu sein. Nun k&ouml;nnte der Countdown wieder aufgenommen werden, doch ein Schl&uuml;sselkontakt versagt. Man kann den Schl&uuml;ssel drehen, wie man will, die Countdownuhr bleibt bei -2:47 stehen. Der Kontakt wird &uuml;berbr&uuml;ckt und die Uhr springt auf -5:59. Es geht weiter.<\/p>\n<p>Nun l&auml;uft alles glatt. Bei -4 s schwenken die Betankungsarme der dritten Stufe zur&uuml;ck, die bis zuletzt den verdampfenden Treibstoff erg&auml;nzt haben. Die Kamera schwenkt nun auf den Boden der Basis. \u201eQuattre, Trois, Deux, un, feu &#8230;\u201c. Ein Wolke und kurz darauf eine rote Flamme erscheint, und nach endlosen Sekunden gibt diesmal der Bordcomputer den Start frei. Ariane hebt ab in einen nur m&auml;&szlig;ig bew&ouml;lkten Himmel (eine Ausnahme in Franz&ouml;sisch Guyana). Nicht nur das. Es gibt sogar das eigene Konfetti: Beim Start werden zwei B&auml;nder durchtrennt, die vorher Isolationspaneele um die zweite Stufe festhielten. Sie fliegen nun weg. Die zweite Stufe wird isoliert, weil NTO bei 28\u00b0C siedet \u2013 und solche Temperaturen gibt es in Franz&ouml;sisch Guyana. Die erste Stufe hat so viel Treibstoff, dass seine Erw&auml;rmung vernachl&auml;ssigbar ist. Bei der Dritten wird der verdampfende Treibstoff bis wenige Sekunden vor dem Start erg&auml;nzt.<\/p>\n<p>Mit jeder Stufentrennung beginnt die Spannung anzuwachsen. Als 9 Sekunden nach Trennung, der dritten von der zweiten Stufe die dritte z&uuml;ndet, kommt Jubel im Kontrollzentrum auf. Denn die dritte Stufe ist noch gar nicht qualifiziert. Sie ist noch im Testprogramm. Ziel des ersten Flugs ist es nur, die ersten beiden Stufen zu qualifizieren. Daher ist als Nutzlast auch nur eine Telemetrieeinheit an Bord die mit zahleichen Messf&uuml;hlern Daten sammelt, die sp&auml;ter bei den operationellen Fl&uuml;gen nicht erhoben werden und zum Boden &uuml;bertr&auml;gt. Erg&auml;nzt um 1215 kg Ballast in Form von Aluminiumk&uuml;gelchen. Zusammen 1.600 kg, das ist die Mindestnutzlast die Ariane 1 nach Auslegung transportieren soll. Nun schaut jeder auf den Schreiber, der die Aufstiegskurve plottet. Computerbildschirme gibt es noch nicht. Die Aufstiegskurve verl&auml;uft immer am oberen Rand der Toleranzkurve. Der Brennschluss naht \u2013 und 10 Sekunden vor dem Zeitpunkt meldet der Kommentator Brennschluss. Was war passiert? Eine Explosion kurz vor Ende? Nein, der Bordcomputer hatte die dritte Stufe abgeschaltet, als sie die Bahn erreicht hatte und zwar 10 Sekunden vor dem nominellen Zeitpunkt. Was das bedeutet wird schnell klar, wenn man bedenkt, was das hei&szlig;t. Das bedeutet, das rund 150 kg Treibstoff noch in den Tanks sind, oder die Nutzlast um 150 kg schwerer sein k&ouml;nnte. Schon vor dem Start rechnete man mit 1.700 kg Nutzlast f&uuml;r diese Nutzlast war die Brennzeit ausgerechnet, da es w&auml;hrend der Entwicklung Verbesserungen gab. So erhielten die Viking Triebwerken Lavalld&uuml;sen anstatt der Kegeld&uuml;sen und etwas h&ouml;heren Schub. Ariane 1 sollte eine Nutzlast von 1.865 kg aufweisen, rund 250 kg mehr als bei der Planung veranschlagt. Der Grund war, dass man den Schub und spezifischen Impuls der dritten Stfue nie unter Vakuumbedingungen bestimmen konnte, es gab damals keinen H&ouml;henteststand f&uuml;r ein solch gro&szlig;es Triebwerk in Europa. Im Vakuum war er leicht h&ouml;her als die berechneten 60 kN.<\/p>\n<p>Mit Ariane 1 begann meine Begeisterung f&uuml;r Raketen. An den Jungfernstart kann ich mich nicht mehr erinnern, da diese erst in der zweiten H&auml;lfte 1980 aufkam. Meine fr&uuml;heste Erinnerung war der Dritte, als wir auch den zweiten Meteosat gestartet haben. Dazu mit Apple die erste ausl&auml;ndische Nutzlast. Schon damals war ich stolz auf die Autonomie, die Europa erreicht hat, denn die Symphony Story kannte ich damals schon. Sich von den USA vorschrieben zu lassen, was man mit den eigenen Kommunikationssatelliten macht? Das geht gar nicht. Entsprechend nahm meine anf&auml;ngliche Begeisterung f&uuml;r das Space Shuttle ab. Lange Zeit sah es ja so aus, als k&ouml;nnte es tats&auml;chlich die Erwartungen erf&uuml;llen und die Kritiker, die meinten Europa wurde Milliarden f&uuml;r einen veralteten Tr&auml;ger ausgeben der keine Kunden angesichts des modernen Space Shuttles finden w&uuml;rde k&ouml;nnten recht behalten. Es gab in der Fr&uuml;hzeit zahlreiche kommerzielle Transporte. Doch sp&auml;testens 1986 war Schluss damit.<\/p>\n<p>Unabh&auml;ngig von der Pr&auml;gung halte ich die Ariane 1 f&uuml;r eine sch&ouml;ne Rakete. Sie hat diese typische Raketenform \u2013 nach oben hin schlanker werdend, nicht so perfekt wie die Saturn, aber die breite Nutzlastverleidung macht sie sogar ein bisschen schicker. Dazu die perfekte Silhouette, nicht so pummelig wie eine Ariane 5, nicht so ein Stangenspargel wie die Falcon 9. Mit den, bei der Treibstoffkombination, deutlich sichtbaren Fallenstrahlen und dem Konfetti beim Start sieht sie auch eindrucksvoll aus.<\/p>\n<p>Ariane 1 war schon als sie startete nicht das technisch neueste Modell. Trotzdem war sie erfolgreich und sie war f&uuml;r mich ein Symbol der Unabh&auml;ngigkeit und daf&uuml;r das wir Europ&auml;er es doch hinbekommen, nicht selbstverst&auml;ndlich nach dem Debakel mit der Europarakete. Mit den folgenden Modellen stieg die Nutzlast und der kommerzielle Erfolg und auch die Fehlschl&auml;ge wurden seltener.<\/p>\n<p>Von den neusten Modellen Ariane 5 und 6 bin ich weitaus weniger &uuml;berzeugt. Ariane 5 hielt ich als sie genehmigt wurde f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig \u2013 warum f&uuml;r einen riesigen Betrag (viermal teurer als die Ariane 1-4 Entwicklung) eine neue Rakete bauen, wenn noch nicht mal Ariane 4 geflogen ist? Vor allem gefiel mir das Konzept nicht. Man baut zwei leistungsf&auml;hige erste Stufen und setzt dann so eine kleine Stufe mit mittelenergetischen Treibstoffen drauf. Das ist verschenktes Potenzial. Die nachfolgenden Oberstufen lieferten dann zwar mehr Nutzlast, technisch optimal kann man sie angesichts der enormen Leermasse nicht nennen \u2013 die ESC-A basiert auf der Ariane 1-4 Drittstufe, nur wog diese bei 11,5 t Treibstoff leer 1,36 t, die ESC-A bei 14,6 t Treibstoff 3,3 t \u2013 das sind mindestens 1,5 t zu viel und &auml;hnliche Bleigewichte gab es auch bei den ESC-B Konzepten und meiner Berechnung der Ariane 6 wohl auch hier \u2013 ich komme bei realistischen Stufenmassen, die sich bei anderen Modellen orientieren auf mindestens 13 t Nutzlast.<\/p>\n<p>Immerhin es gibt andere Rekorde. Ariane 5 hat 83 Starts ohne Fehlstarts hinter sich. Damit liegt sie auf Platz zwei der Tr&auml;ger mit einer kontinuierlichen Liste von erfolgreichen Starts. Platz 1, gehalten von der R-7 sie 147 Starts ohne Fehlstart in Folge schaffte wird sie wohl nicht mehr erreichen. Die Vega kann, wenn die n&auml;chsten 7 Starts klappen, aber auf Platz 1 der Tr&auml;ger mit 100 % Zuverl&auml;ssigkeit aufr&uuml;cken. Der wird derzeit von der Minotaur mit 17 Starts gehalten, gefolgt von der Saturn mit 16 Starts (wenn man den Flug von Apollo 4 als nicht voll erfolgreich einstuft, die NASA z&auml;hlt ihn ja als vollen Erfolg, da das CSM den vorzeitigen Brennschluss der Saturn ausgleichen konnte)<\/p>\n<p>Was sich aber nicht ge&auml;ndert hat: Ariane ist eine europ&auml;ische Rakete. Sie wird in Europa gebaut und sie sichert Arbeitspl&auml;tze auch in Deutschland. Deswegen wird sie immer meine Unterst&uuml;tzung erhalten.<\/p>\n<p>37 Jahre sp&auml;ter hat die Arianegroup (so hei&szlig;en nach mehreren Namens&auml;nderungen derzeit die Firmen die die Rakete bauen) das man nun in die Fertigung der ersten Ariane 6 &uuml;bergeht. Sie soll im Juli 2019 starten. Wer wei&szlig;, vielleicht verz&ouml;gert sich das noch und es wird Weihnachten. W&auml;re sch&ouml;n, wenn es dann auch wieder klappen w&uuml;rde. Mit diesen Worten entlasse ich euch in die Festtage. Ich w&uuml;nsche allen Bloglesern ein frohes, stressfreies und entspanntes Fest. Wir sehen uns dann nach Weihnachten wieder.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/12799cca291345b183af14cda1f7f3be\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/airnae1start.jpg\" width=\"1000\" height=\"998\" class=\"alignnone size-medium\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute will ich an den 24.sten Dezember 1979 erinnern. Doch die Geschichte beginnt neun Tage fr&uuml;her am 15.12.1979. In Franz&ouml;sisch Guyana steht die erste Ariane 1 auf der Startrampe ELA-1. Der Jungfernflug steht an. Der Countdown l&auml;uft herunter: Trois, Deux, Un, Feu!. 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