{"id":12928,"date":"2018-01-03T13:55:37","date_gmt":"2018-01-03T12:55:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=12928"},"modified":"2018-01-03T13:56:27","modified_gmt":"2018-01-03T12:56:27","slug":"schlecht-designte-raumsonden-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/01\/03\/schlecht-designte-raumsonden-teil-2\/","title":{"rendered":"Schlecht designte Raumsonden &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Kommen wir zum zweiten Teil. Da stehen heute eine europ&auml;ische und eine US-Mission auf der Liste. Die Gr&uuml;nde sind sehr unterschiedlich.<\/p>\n<p>Fangen wir mit OSIRIS-REx an. Die Mission gleicht in Geschwindigkeitsbedarf <a href=\"\/hayabusa-2.shtml\">Hayabusa <\/a>2 und wie bei ihr stellt sich die Frage, ob man es nicht ohne Erdvorbeiflug schaffen konnte. Der NASA Trajectory Browser liefert als n&auml;chste vergleichbare Bahn zu der nach dem Erdvorbeiflug folgende:<!--more--><\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>Original<\/th>\n<th>Alternative<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Start<\/td>\n<td>8.9.2015<\/td>\n<td>28.9.2017<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erdvorbeiflug<\/td>\n<td>22.8.2017<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ankunft bei Bennu<\/td>\n<td>18.11.2018<\/td>\n<td>7.12.2019<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Verlassen von Bennu<\/td>\n<td>3.3.2021<\/td>\n<td>19.6.2021<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ankunft Erde<\/td>\n<td>24.9.2023<\/td>\n<td>29.9.2023<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Ankunft bei der Erde ist fast gleich, auch der Startpunkt entspricht nahezu dem Zeitpunkt des Erdvorbeiflugs (die vorherige Phase kann man als \u201eParken in einem Sonnenorbit\u201c ansehen). Ansonsten l&auml;uft es aber auseinander.<\/p>\n<p>Der Trajectory Browser ermittelt f&uuml;r diese Bahn ein C3 von 28,5 km\u00b2\/s\u00b2 und eine Postinjektion Korrektur von 1,09 km\/s.<\/p>\n<p><a href=\"\/osiris-rex.shtml\">OSIRIS-REx<\/a> hat eine Startmasse von 2.110 kg bei einer Trockenmasse von 880 kg. Er setzt Hydrazin ein, was bei dem niedrigen spezifischen Impuls der Triebwerke von minimal 2246 m\/s eine Mindestkurskorrekturkapazit&auml;t von 1964 m\/s ergibt. Erster Ansatz: H&auml;tte man die 2.110 kg nicht auch direkt zu Bennu bringen k&ouml;nnen? Die 28,5 km\u00b2\/s\u00b2 entsprechen einer Startgeschwindigkeit von 12,23 km\/s, wenn die Fluchtgeschwindigkeit 11 km\/s betr&auml;gt. Ich errechne bei &Uuml;bernahme der angegebenen Nutzlast von 4.300 kg f&uuml;r die Atlas V 401 f&uuml;r eine Fluchtbahn eine Nutzlast von 2.495 kg f&uuml;r diese Geschwindigkeit. Mit der kleineren Atlas V 401 w&uuml;rde es nicht gehen, die liegt mit 1.786 kg f&uuml;r die Zielgeschwindigkeit zu niedrig. Damit w&auml;re auch ein direkter Flug zu Bennu m&ouml;glich, was fast 2 Jahre Missionszeit einspart. Bei dem hohen Kurskorrekturverm&ouml;gen (1964 m\/s m&ouml;glich, 1090 m\/s ben&ouml;tigt) w&uuml;rde sogar eine Atlas 401 ausreichen. Selbst dann sollte OSIRIS-REx noch den Kurs um 1589 m\/s &auml;ndern k&ouml;nnen \u2013 gen&uuml;gend Reserven f&uuml;r Man&ouml;ver oder noch etwas weniger Gewicht, weil ja noch ein Adapter zur Tr&auml;gerrakete hinzukommt. Erst recht wr&uuml;de es gehen, wenn man auf das Zweikomponentensystem &uuml;bergeht.<\/p>\n<h3>Trace Gas Orbiter<\/h3>\n<p>Die zweite Mission die ich heute betrachten will ist der Trace Gas Orbiter (TGO). Er ist die bisher schwerste europ&auml;ische Sonde, wiegt beim Start 4.322 kg. Selbst wenn man den Lander Schiaparelli abzieht, sind es noch 3.722 kg. Davon sind aber 2.290 kg Treibstoff. Das ist viel, vor allem wenn man bedenkt, dass der Orbiter Aerobraking einsetzt, was eigentlich den Treibstoffverbrauch reduzieren sollte. Der Anteil ist mit 61,5 % der Orbitermasse h&ouml;her als beim <a href=\"\/mars-observer.shtml\">Mars Observer<\/a> der ohne Aerobraking eine niedrige Marsumlaufbahn erreichen sollte weshalb?<\/p>\n<p>Nun startete Exomars etwas sp&auml;ter als geplant. Im Januar 2016 w&auml;re sie auf einer Typ II Bahn gestartet worden. So war es eine Typ I Bahn mit demselben Ankunftsdatum. Der NASA-Trajektorie-Browser liefert f&uuml;r beide Bahnen fast dieselbe Geschwindigkeit. 3,71 bzw. 3,81 km\/s &uuml;ber Kreisbahn beim Verlassen der Erde und 1,24 km\/s relativ zum Mars (Mindestgeschwindigkeit um in den Orbit einzubremsen). Das ist der Hauptgrund f&uuml;r die gro&szlig;en Vorr&auml;te. Das 2016-er Startfenster ist mit Abstand das ung&uuml;nstigste in den n&auml;chsten Jahren. H&auml;tte man die Mission um zwei Jahre auf 2018 verschoben, dann w&auml;ren beim Start am 10 Mai 2018 nur 0,82 km\/s n&ouml;tig.<\/p>\n<p>Von den Vorr&auml;ten gingen schon beim Transfer 430 kg weg, weil die Geschwindigkeit auf dem Weg zum Mars auf halber Strecke um 343 m\/s ge&auml;ndert wurde. Sie sind aber auch deswegen so gro&szlig;, weil das 400-N-Triebwerk inad&auml;quat f&uuml;r die Sonde ist. So was geht, wenn sich w&auml;hrend des Betriebs die Distanz kaum &auml;ndert, so z.B. bei <a href=\"\/Csssini.shtml\">Cassini<\/a>. Beim TGO dauerte das Abbremsen 139 Sekunden. In dieser Zeit w&uuml;rde ohne Ber&uuml;cksichtigung der Geschwindigkeitsabnahme die Distanz von &uuml;ber 22.000 auf 200 km abnehmen und dann wieder ansteigen. Aufgrund der Himmelsmechanik muss man, wenn man in 200 km Distanz eine Z&uuml;ndung durchf&uuml;hrt, die Geschwindigkeit weniger abbremsen als in 22.000 km Distanz. Man spricht von Gravitationsverlusten. Nach dem NASA Trajektorie Browser muss der TGO seine Geschwindigkeit um rund 1240 m\/s abbremsen, um eingefangen zu werden. F&uuml;r die erste Bahn mit der Apoapsis von 101.000 km w&auml;ren es 1322 m\/s. Es war in der Realit&auml;t aber 1550 m\/s. Also 230 m\/s mehr. <a href=\"\/maven.shtml\">MAVEN<\/a> als letzter Orbiter wiegt nur 2.454 kg, also ein Drittel weniger, hat aber 1.020 N Schub, rund 150 % mehr. Dabei hat auch er keine schubst&auml;rkeren Triebwerke. Im Gegenteil: Jedes hat nur 170 n Schub. Aber davon eben sechs St&uuml;ck. Die Frage ist, warum die ESA nicht zwei oder drei der 400 N Treibwerke eingebaut hat.<\/p>\n<p>Es bleibt ja nicht bei den 230 m\/s mehr. Die Gravitationsverluste sind n&auml;mlich keine echten Verluste. Es wird nur kinetische in potenzielle Energie umgesetzt. Potenzielle Energie ist in einem Gravitationsfeld ein h&ouml;herer Punkt &uuml;ber dem Planeten. Der TGO gelangte in eine 2.971 x 101.000 km Bahn. F&uuml;rs Aerobraking muss aber die Bahn abgesenkt werden. Um den marsn&auml;chsten Punkt von 2971 km auf 200 km abzusenken, braucht man weitere 52 m\/s. In der Summe sollte der TGO in der Endbahn vor dem Aerobraking Exomars noch 1.800 kg wiegen. Ohne die Verluste w&uuml;rde er 179 kg weniger Treibstoff brauchen. Das ist bei einer gesch&auml;tzten Restmasse von 1886 kg ein deutlicher Batzen.<\/p>\n<p>Die ESA l&auml;sst sich auch Zeit beim Aerobraking. Obwohl er aus einer niedrigen Bahn startet, (33.000 km Apoapsis, bei US-Sonden lag sie anfangs bei 44.500 bis 79.000 km) braucht er mehr als ein Jahr daf&uuml;r. W&auml;hrend der Zeit braucht er 24 Stunden Unterst&uuml;tzung durch die Missionskontrolle, w&auml;hrend es sonst nur 8 Stunden sind. Das verteuert also die Mission. Mit dem zus&auml;tzlichen Treibstoff h&auml;tte man diese Phase verk&uuml;rzen k&ouml;nnen. Ich errechne, wenn der Treibstoff daf&uuml;r genutzt wird, eine Apoapsis von unter 12.000 km, was die Aerobrakingphase auf 4 Monate verk&uuml;rzt h&auml;tte.<\/p>\n<p>Es geht noch weiter: Man h&auml;tte aber auch mit dem einzelnen Triebwerk leben k&ouml;nnen, wenn man die Nutzlast der <a href=\"\/proton.shtml\">Proton<\/a> voll ausgesch&ouml;pft h&auml;tte. F&uuml;r die Nutzlast f&uuml;r planetare Bahnen gibt es keine aktuellen Daten f&uuml;r die Proton mehr. Doch sie hat am 2.7.2017 einen 6.404 kg schweren Satelliten (Intelsat 31, DLA-2) in einen 3.503 x 65.000 x 29,6 Grad Orbit gebracht. Dieser hat ohne Gravitationsverluste schon ein DV von 11.118 m\/s. Sie kann also auch 6.400 kg auf einen Fluchtkurs bringen, der hat ein kleines dV. F&uuml;r die Bahn vom TGO w&auml;ren es 11.573 m\/s. Eingesetzt in eine Absch&auml;tzung der Nutzlast (nicht so einfach weil die Breeze M einen Tank mit 650 kg Gewicht abwirft) komme ich auf 5.200 kg Nutzlast. Zieht man noch 300 kg f&uuml;r den Adapter ab, so sind dies 4.900 kg Startmasse anstatt 4322 kg.<\/p>\n<p>Selbst beim gleichen ineffizienten System w&auml;ren das 450 m\/s mehr Geschwindigkeits&auml;nderung, was die Aerobrakingphase noch st&auml;rker verk&uuml;rzt h&auml;tte oder eben mehr Treibstoffreserven. Wegen der hohen Ann&auml;herungsgeschwindigkeit h&auml;tte es aber auch so beim geforderten Mindestgewicht von 1.800 kg im Endorbit nicht gereicht, um Aerobraking voll auszunutzen.<\/p>\n<p>Doch bei rund 400 kg Resttreibstoff den <a href=\"\/exomars.sonde.shtml\">Exomars<\/a> ja jetzt schon im Endorbit hat, ist das geschenkt. Was mich mehr &auml;rgert, ist die Best&uuml;ckung an Experimenten. Obwohl selbst im Trockengewicht doppelt so schwer wie Mars Express, hat er weniger Experimente mit einem kleineren Gesamtgewicht an Bord: vier Experimente, davon nur zwei von der ESA. Mag sein, dass man mal wenige geplant hatte, schlie&szlig;lich sollte die Raumsonde mal mit einer Atlas 401 und damit einer Startmasse von etwa 2,6 t starten. Doch es gab vier Jahre Zeit, nachdem die ESA wusste, dass es nun mit einer Proton auf die Reise geht. Selbst wenn man kein Geld f&uuml;r Neuentwicklungen hat, (die Instrumente kommen ja von den Mitgliedsl&auml;ndern und werden von diesen finanziert) so h&auml;tte man doch schon entwickelte Experimente mitfliegen k&ouml;nnen. Das Naheliegende w&auml;re es, Kopien von <a href=\"\/mars-express.shtml\">Mars Express<\/a> zu nehmen. Allerdings wurden diese schon f&uuml;r Mars 96 entwickelt, sind also veraltet. Das einzig sinnvolle Experiment von Mars Express w&auml;re das PFS. Ein Kanal fiel n&auml;mlich bei Mars Express bald aus. Andererseits fiel das ganze Instrument auch bei Venus Express aus und der Vorg&auml;nger bei Venera 15 auch kurz nach Missionsbeginn. Also vielleicht doch keine so tolle Idee. Aber es gibt ja noch eine zweite aktuelle Planetenmission: <a href=\"\/bepicolombo.shtml\">BepiColombo<\/a> und dort brachte man 11 Instrumente in weniger Gewicht unter als beim TGO. Schaut man sich die Liste durch, so gibt es einige Instrumente, die auch beim TGO sinnvoll sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Simbo-Sys: Das Kamerasystem wurde schon bei Cassis verwendet, man hat allerdings das abbildende Spektrometer weggelassen. Das k&ouml;nnte man hinzunehmen.<\/li>\n<li>BELA: Der Laserh&ouml;henmesser kann die Messungen von MOLA erg&auml;nzen. Es w&auml;re der erste Einsatz an einer europ&auml;ischen Marssonde.<\/li>\n<li>MERMAG: Das Magnetometer kann Restmagnetisierungen in dem niedrigen Orbit erfassen.<\/li>\n<li>MIXS\/SIXS: Das R&ouml;ntgenfluoreszenzspektrometer erlaubt es, die chemische Zusammensetzung der Oberfl&auml;che zu bestimmen.<\/li>\n<li>ISA: Die hochempfindlichen Beschleunigungssensoren kann man beim Aerobraking einsetzen und damit die Dichte der oberen Atmosph&auml;re bestimmen.<\/li>\n<li>SERENA: Die Suite zur direkten Detektion von geladenen und neutralen Teilchen funktioniert auch beim Mars, nur sind es dort eben Teilchen der Hochatmosph&auml;re und nicht Ionen der Oberfl&auml;che\/des Sonnenwinds.<\/li>\n<li>MERTIS: Das IR-Spektrometer w&uuml;rde ACS und NOMAD erg&auml;nzen. Es reicht weiter ins mittlere IR und der Radiometerkanal w&auml;re ohne Konkurrenz.<\/li>\n<li>Beim MGNS w&auml;re zumindest das Gammaspektrometer einsetzbar. F&uuml;r die Detektion von Neutronen gibt es mit FREND ein leistungsf&auml;higeres Instrument an Bord.<\/li>\n<li>PHEBUS: Es w&auml;re ein w&uuml;rdiger Nachfolger des ASPERA-3 Instrumentes. Anders als dieses k&ouml;nnte es wie MAVEN ein Bild der Exosph&auml;re im UV anfertigen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So wie ich es sehe, sind sechs Instrumente eine direkte Erg&auml;nzung zu den vorhandenen des TGO, da es keine &Uuml;berlappung zu deren Eigenschaften g&auml;be. Bei drei weiteren w&auml;ren zumindest Teile der Instrumente nutzbar.<\/p>\n<p>Die Frage ist warum die ESA diese Chancen verstreichen lies. Irgendwie passt es zum Gesamtbild der 2016-er Mission, denn auch Schiaparelli blieb ja unter seinen M&ouml;glichkeiten. Er war nur batteriebetrieben. Man verzichtete sogar darauf auch nur das Deck mit Solarzellen zu belegen, soweit das ging. Selbst wenn das nicht f&uuml;r den dauerhaften Betrieb gereicht h&auml;tte, so h&auml;tte man die Batterielebensdauer damit strecken k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Soviel f&uuml;r heute. Morgen kommen die beiden letzten Kandidaten dran: BepiColombo und <a href=\"\/insight.shtml\">Insight<\/a>.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/06852ecfd4bf4feea93347b67fdd70f6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommen wir zum zweiten Teil. Da stehen heute eine europ&auml;ische und eine US-Mission auf der Liste. Die Gr&uuml;nde sind sehr unterschiedlich. Fangen wir mit OSIRIS-REx an. Die Mission gleicht in Geschwindigkeitsbedarf Hayabusa 2 und wie bei ihr stellt sich die Frage, ob man es nicht ohne Erdvorbeiflug schaffen konnte. 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