{"id":13274,"date":"2018-02-28T09:36:17","date_gmt":"2018-02-28T08:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13274"},"modified":"2018-02-28T09:36:17","modified_gmt":"2018-02-28T08:36:17","slug":"die-neue-proton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/02\/28\/die-neue-proton\/","title":{"rendered":"Die neue Proton"},"content":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren hat ILS <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/ils-unveils-two-proton-variants-sized-for-smaller-satellite\/\">angek&uuml;ndigt<\/a> eine neue Version der Proton in Dienst zu stellen. ILS ist in einer schlechten Lage: die Proton hatte in den letzten Jahren viele Fehlstarts sowohl im Modell M das f&uuml;r kommerzielle wie russische Starts genutzt wie auch von Russland exklusiv genutzten Variante mit Block DM3.<\/p>\n<p>Solange ILS die einzige Konkurrenz zu Arianespace war, bekam die Firma trotzdem gen&uuml;gend Auftr&auml;ge. Es gab ja keine Alternative. Mit dem Ansteigen der Startrate von SpaceX blieben die aber weitestgehend aus. Noch schlimmer: Anders als Arianespace bef&ouml;rdert die Proton nur einen Satelliten. Das setzte sie bei nicht voll ausgenutzter Nutzlast unter Kostendruck. ILS musste schon die Kosten f&uuml;r einen Start bei kleineren Satelliten senken. Da die Rakete aber in der Herstellung immer gleich viel kostet auf die Dauer ein teures Zugest&auml;ndnis.<\/p>\n<p>So wurde im M&auml;rz 2017 die Proton M und Proton Light aus der Taufe gehoben. Bei der Proton Medium sollte die zweite Stufe wegfallen, bei der Proton Light zus&auml;tzlich noch zwei der Booster. Die Nutzlast sinkt so von 6,3 auf 5 bzw. 3,5 t.<!--more--><\/p>\n<p>Das Konzept wurde <a href=\"https:\/\/www.raumfahrer.net\/news\/raumfahrt\/11032017101433.shtml\">inzwischen<\/a> revidiert, anstatt der dritten wird bei der Proton Medium die zweite Stufe weggelassen, was bei vier Triebwerken wohl ein gr&ouml;&szlig;eres Einsparpotenzial ist und die Light-Variante wurde gestrichen. Derzeit laufen Verhandlungen mit einem <a href=\"http:\/\/spacenews.com\/ilss-pysher-proton-continues-to-reinvent-itself-to-compete\/\">Flottenbetreiber<\/a> &uuml;ber 5 Starts dieser Mediumvariante die durch eine Stufe weniger wohl kosteng&uuml;nstiger sein wird.<\/p>\n<p>ILS ist nach 12 erfolgreichen Starts der Proton seit 2015 zuversichtlich, dass die Auftr&auml;ge wieder hereinkommen, wenn es 15 Starts in Folge sind und ab 20 Starts ohne Patzer in Folge sieht man dann keinen Wettbewerbsnachteil der Proton mehr. Mal sehen ob sie dahin kommen. Bei den letzten Fehlstarts war es ja ein bunter Mix. Zum Teil waren es Fehler die es schon immer gab, aber wohl nur selten zuschlugen, wie bei der dritten Stufe. Zum Teil waren es aber auch Fertigungs- und Qualit&auml;tssicherungsfehler die vor allem bei russischen Starts zuschlugen.<\/p>\n<p>ILS hat sich nun auf die Proton eingestellt, anders machen die Investitionen in eine neue Variante keinen Sinn. Vor zehn Jahren sah ILS und Russland die Proton noch als Auslaufmodell, das bald von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/angara.shtml\">Angara<\/a> 5 abgel&ouml;st wird. Nominell mit etwas h&ouml;herer Nutzlast und preiswerter in der Fertigung tut sich bei der neuen russischen Rakete und auch dem Ausbau des neuen Kosmodroms Wostotschny in den letzten Jahren nicht sehr viel. Gerade mal zwei Starts der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus.shtml\">Sojus<\/a> gab es in drei Planeten. Die Rampe f&uuml;r die Angara ist noch gar nicht eingeweiht worden. Gerade ILS br&auml;uchte die Angara und das Kosmodrom. Der Start von Baikonur aus ist energetisch ung&uuml;nstig. Bei der hohen Bahnneigung von 51,7 Grad braucht ein Satellit etwa 2.500 m\/s um in den GEO zu erreichen. Beim Start vom Cape Canaveral aus sind es 1.800 m\/s und beim Starts vom CSG aus 1.500 m\/s. Beim Start von<a href=\"http:\/\/www.spaceflightinsider.com\/organizations\/international-launch-services\/proton-m-returns-flight-launch-echostar-21\/\"> Echostar 21<\/a> wurde ein CCAF-Kompatibler Orbit angestrebt: 30,5 Grad <span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">\u00d7<\/span> 2.300 <span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">\u00d7<\/span> 35.786 km mit 1.780 m\/s Differenzgeschwindigkeit. Das dauert Stunden, weil die Breeze-M Oberstufe einen so kleinen Schub hat. Vor allem aber kostet es Nutzlast. Denn die Breeze-M muss die Differenzgeschwindigkeit von rund 800 m\/s ja aufbringen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist der Markt ja in Bewegung. So gibt es nun mehr und mehr Satelliten mit Ionentriebwerken und damit sehen auch die Betreiber der Satelliten die Situation anders. Fr&uuml;her war ein Argument gegen Ionentriebwerke, das sie Monate brauchen um den Endorbit zu erreichen. Das wird heute eher gegen&uuml;ber den ersparten Startpreis gegengerechnet.<\/p>\n<p>Das brachte ILS auf eine andere Idee. Die Breeze M entstand urspr&uuml;nglich aus der Breeze-K die auf der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/rockot.shtml\">Rockot<\/a> eingesetzt wird. Diese Stufe wiederum basiert auf dem bei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos.shtml\">Phobos<\/a><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos.shtml\"> 1 <\/a><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos.shtml\">und <\/a><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos.shtml\">2<\/a> eingef&uuml;hrten Traktorblock f&uuml;r Raumsonden, der in einer anderen Konfiguration auch in der Fregat genutzt wird. Diese Stufe ist prinzipiell f&uuml;r einen Betrieb &uuml;ber Monate ausgelegt, auch wenn sie in der Praxis maximal zwei Tage (bei SSGTO-Missionen) aktiv ist. 1999 brachte man den im Erdorbit gestrandeten <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/06\/07\/vor-15-jahren-ueber-den-mond-in-den-geo-orbit-asiasat-3a-hgs-1\/\">Asiasat 3A<\/a> &uuml;ber einen Mondkurs doch noch in den GEO. Ein Team bei ILS hat nun eine Strategie ausgearbeitet den Mond regul&auml;r f&uuml;r Bahnman&ouml;ver zu nutzen. Drei Profile werden derzeit mit potenziellen Kunden diskutiert:<\/p>\n<ul>\n<li>Fast-Transfer: Die Breeze M bringt den Kommunikationssatelliten auf einen Vorbeiflugkurs am Mond. Er wird nach 4 Tagen passiert und senkt die Bahnneigung ab und hebt das Perig&auml;um an. Danach wird die Breeze abgetrennt und der Satellit muss beim Passieren des Perig&auml;ums die Bahn zirkularisieren oder zumindest soweit absenken, dass die Bahn vom Mond nicht mehr gest&ouml;rt wird. Diese Strategie erm&ouml;glicht bei einem Vorbeiflug am Mond Bahnen mit einem <span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">\u0394<\/span>V von rund 1800 m\/s, etwa so viel wie beim Start vom CCAF aus. Das Perig&auml;um liegt unterhalb des GEO und die Bahnneigung bei 10 bis 15 Grad. Daf&uuml;r ist die Mission in 9 Tagen beendet.<\/li>\n<li>Long-Transfer: Es sind zwei Vorbeifl&uuml;ge am Mond n&ouml;tig, da einer alleine nicht die Geschwindigkeit soweit anhebt. Die Missionsdauer ist daher um einen Monat l&auml;nger. Nach dem zweiten Vorbeiflug wird ein Orbit mit 0 bis 6 Grad Bahnneigung und einem Apog&auml;um in 450.000 bis 520.000 km Distanz erreicht. Das <span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">\u0394<\/span>V f&uuml;r einen GEO ist sehr g&uuml;nstig, es sind nur 1100 bis 1200 m\/s. Also weniger als beim Start vom CSG aus, was die Lebensdauer eines Satelliten um mehrere Jahre bis zu einem Jahrzehnt verl&auml;ngern kann. Daf&uuml;r dauert dieses Szenario typisch 40 Tage.<\/li>\n<li>Full-Service: Das grunds&auml;tzliche Problem der beiden obigen Strategien ist, dass heutige Kommunikationssatelliten nur ein schubschwaches Triebwerk haben. Der Schub betr&auml;gt typisch 400 bis 500 N bei 6 t Gewicht. So ergeben sich lange Betriebsdauern in denen der Abstand sich laufend &auml;ndert. Heute l&ouml;sen das Satelliten dahingehend, dass sie nicht einmal ihr Triebwerk z&uuml;nden, sondern viele Male. Mindestens dreimal, bis zu siebenmal kam schon vor. Bei einer normalen GTO-Bahn mit Umlaufszeiten von 10 bis 24 Stunden kein Problem, bei den Transferbahnen nach dem Mondtransfers sind es aber 10 Tage pro Umlauf. Als letzte Option wird daher angeboten, das auch die Breeze den Satelliten in den GEO bringt. Ihr Triebwerk ist schubstark genug. Zudem hat der Betreiber nicht das Problem das er seinen Kommunikationssatelliten bis in Mondentfernung kontaktieren muss, immerhin zehnmal weiter von der Erde entfernt als im operativen Betrieb.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Meiner Meinung nach klingt der Full-Service zwar auf den ersten Blick f&uuml;r den Satellitenbetreiber am g&uuml;nstigsten, muss er doch seine Planungen f&uuml;r die Inbetriebnahme nicht anpassen. Er hat in dieser konservativen Branche, aber einen gravierenden Nachteil: Der Satellit kann dann nur noch von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/proton.shtml\">Proton<\/a> gestartet werden. Der Betreiber m&uuml;sste einen Gro&szlig;teil des internen Treibstoffs weglassen und nur noch den &uuml;brige lassen den der Satellit sp&auml;ter f&uuml;r Lageregelung und Orbit-Konstanthalten ben&ouml;tigt. Das ist eine L&ouml;sung. Dann k&ouml;nnte er auch woanders gestartet werden. Radikaler w&auml;re es, gleich kleinere Tanks zu nehmen, Heliumdruckgas wegzulassen und auf das Haupttriebwerk zu verzichten. Da Antriebssysteme eine hohe Trockenmasse haben macht das alleine einige Hundert Kilo Gewicht aus.<\/p>\n<p>Die &Auml;nderungen an der Breeze-M seien dagegen klein. Die Tanks sind schon gut isoliert und f&uuml;r einen langen Betrieb vorgesehen. Die Stufe w&uuml;rde ein kleines entfaltbares Solarpaneel bekommen zur Stromversorgung, dazu weitere Sender und Antennen f&uuml;r eine Kommunikation &uuml;ber gr&ouml;&szlig;ere Distanzen. Insgesamt wurde das Trockengewicht nur leicht ansteigen.<\/p>\n<p>Die Nutzlast w&uuml;rde dagegen deutlich ansteigen. Eine Transferbahn zum Mond ist energetisch g&uuml;nstiger als die bisherige Bahnanpassung. Schon alleine deswegen w&uuml;rde die Nutzlast ansteigen. Die Geschwindigkeitsdifferenz zum GEO ist dann bei dem Long-Transfer kleiner als bei anderen Tr&auml;gern, was ebenfalls Treibstoff spart. ILS nennt eine Nutzlast von 6,7 t auf einen Mondtransferkurs. Bei einem Long-transfer w&auml;ren das dann &auml;quivalent 7,6 t in einen CSG-kompatiblen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/orbits.shtml\">Orbit<\/a> oder 8,7 t f&uuml;r einen CCAF kompatiblen Orbit. Beim Fast-Transfer sind es 6,7 t in einen CCAF kompatiblen Orbit, das ist aber nicht g&uuml;nstiger als die 6,6 t die heute schon die Proton in diesen Orbit transportiert. Der Full-Service ist dagegen ung&uuml;nstiger, denn die rund 2 t schwere Breeze gelangt so auch in einen GEO. Netto gelangen so nur noch 3,9 t in dem GEO, das entspricht 6,3 t in einem Orbit mit einem <span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">\u0394<\/span><span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">v von 1.500 m\/s. Nur wenn der Satellitenhersteller das Antriebssystem einspart wird es ein Nettogewinn (rund 300 kg mehr). ILS h&auml;lt es trotzdem f&uuml;r die bessere L&ouml;sung, vor allem f&uuml;r die neuen Satelliten mit Ionentriebwerken, denn diese durchquere nun nicht mehr die Van Allen Strahlungsg&uuml;rtel was Solarzellen und Elektronik sch&auml;digen soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Arial Narrow', sans-serif;\">Bleibt noch die Frage der Startfenster \u2013 diese sollen nicht kritischer sein als sonst. Es gibt jeden Tag ein Startfenster zum Mond, das auch nicht k&uuml;rzer als das in den GTO ist.<\/span><\/p>\n<p>Die Pl&auml;ne zeigen in welcher Bredouille ILS ist. Auf der einen Seite das Qualit&auml;tsproblem der Proton, auf der anderen Seite neue Konkurrenz durch SpaceX. Man hat sicher Hoffnungen auf das neue Kosmodrom gesetzt. Mit einer Bahnneigung von minimal 31 Grad w&uuml;rde das die Nutzlast der Proton f&uuml;r vergleichbare Umlaufbahnen deutlich anheben. Neben SpaceX als Konkurrenz f&uuml;r Einzelstarts hat nun eine russische Firma auch die Startplattform von Sealaunch &uuml;bernommen und zw&ouml;lf neue <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/zenit.shtml\">Zenit<\/a> in Auftrag gegeben. Der erste Start wird 2019 <a href=\"http:\/\/tass.com\/science\/990437\">erfolgen<\/a>. Nominell ist die Zenit zwar um fast ein Drittel kleiner, aber der Start vom &Auml;quator aus spart 1100 m\/s gegen&uuml;ber Baikonur ein, sodass die Nutzlast fast gleich hoch sind.Wenn die Zenit die neue Oberstufe Block DM3 einsetzt werden es ebenfalls einige Hundert Kilo mehr werden.<\/p>\n<p>Warum ILS nicht anstatt neuer Versionen einfach einen Start vom &Auml;quator aus anstrebt? Die Nutzlast w&auml;re dort betr&auml;chtlich h&ouml;her, rund 9 bis 10 t in den GTO. Sealaunch zeugt ja das es mit einer Plattform geht, ansonsten g&auml;be es gen&uuml;gend &auml;quatornahe Inseln wo man einen Startplatz bauen k&ouml;nnte. Zumindest zwischen der Ukraine und Brasilien gab es mal die Idee die Zyklon von Alc\u00e2ntara aus zu starten. Das h&auml;tte man schon vor Jahrzehnten angehen k&ouml;nnen. Langfristig ist es billiger als dauernd an der Proton nachzubessern.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/52fbd344b1324f03872be5272c9d18b1\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren hat ILS angek&uuml;ndigt eine neue Version der Proton in Dienst zu stellen. ILS ist in einer schlechten Lage: die Proton hatte in den letzten Jahren viele Fehlstarts sowohl im Modell M das f&uuml;r kommerzielle wie russische Starts genutzt wie auch von Russland exklusiv genutzten Variante mit Block DM3. 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