{"id":13276,"date":"2018-03-02T12:20:41","date_gmt":"2018-03-02T11:20:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13276"},"modified":"2018-03-02T12:20:41","modified_gmt":"2018-03-02T11:20:41","slug":"die-proton-und-der-mond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/03\/02\/die-proton-und-der-mond\/","title":{"rendered":"Die Proton und der Mond"},"content":{"rendered":"<p>Schade, dass ich so aufmerksame Leser habe \u2013 Niemand ist auf die M&uuml;nchhausener Geschichte vorgestern hereingefallen. Doch eigentlich ist es keine M&uuml;nchhausener Geschichte, es ist reale Physik und daher dazu heute etwas mehr.<\/p>\n<p>Ich habe alles mit meiner neuen Aufstiegssimulation durchgerechnet, die inzwischen um einige Optimierungsfunktionen erg&auml;nzt wurde. Die Vega als Problemfall funktioniert nun auch. Ich werkele derzeit am Zweiimpulstransfer. Wenns fertig ist stelle ich es vielleicht mal hier vor. Aber die Proton in der Version Proton M Breeze M macht Probleme. Das liegt daran, dass die Proton mal als zweistufige ICBM entwickelt wurde. In der Version h&auml;tte der Sprengkopf etwa 8 bis 10 t gewogen. Nun wiegen dritte und vierte Stufe und Nutzlast zusammen 80 t. Schon die zweite Stufe hat eine Beschleunigung die anfangs unter 1 g liegt. Die oberen auch und am extremsten ist es bei der Breeze M. Bei einer Startmasse von rund 28 t betr&auml;gt der Schub nur 19,6 kN.<!--more--><\/p>\n<p>Daraus ergibt sich folgendes: damit die Breeze M nicht wieder in der Atmosph&auml;re vergl&uuml;ht bevor sie auch nur einen Parktorbit erreicht hat (schon dazu muss sie 6 Minuten lang brennen) m&uuml;ssen die ersten beiden Stufen eine hohe vertikale Geschwindigkeit aufbauen. Die Breeze M erreicht mit der angegebenen Masse von 21,17 t keinen GTO Orbit, dazu ist sie zu schwer. Reduziert man die Startmasse auf 17 t (in &Uuml;bereinstimmung mit den 23 t Nutzlast einer Proton M ohne vierte stufe f&uuml;r einen Erdorbit) so gelangt sie in einen GTO mit hohem Perig&auml;um (1165 km) und einer Nutzlast von 7,1 t. Allerdings mit einer Bahnneigung von 51,7 Grad. Bei den angegebenen 6,2 t f&uuml;r den GTO kann ich die Masse bis auf rund 20 t erh&ouml;hen um noch einen GTO zu erreichen. Das die Proton empfindlich gegen&uuml;ber kleinen Massen&auml;nderungen zeigt auch der Fehlstart eines Satelliten mit Block DM3 bei dem man diesen zu stark betankt hatte \u2013 er trat weil er zu <a href=\"http:\/\/www.russianspaceweb.com\/glonass43.html\">schwer war<\/a> wieder in die Atmosph&auml;re ein.<\/p>\n<p>Bei einem Standard GTO ben&ouml;tigt der Satellit von nun an noch 2420 m\/s um in einen Geo zu gelangen. Bei einer Bahnneigung von 6 Grad, wie sie vom CSG aus m&ouml;glich ist, sind es bei einer 250 x 35790 km Bahn nur 1491 m\/s. Das ist um fast 1000 m\/s ung&uuml;nstiger und untragbar, so gro&szlig;e Treibstoffvorr&auml;te haben die Satelliten nicht. Daher f&uuml;hrt die Breeze zahlreiche Man&ouml;ver durch wobei es heute zwei Strategien gibt: einen Orbit mit einem h&ouml;heren Perig&auml;um und abgesenkter Inklination und bisher nur wenige Male eingesetzt ein supersynchroner GTO. Er ist energetisch g&uuml;nstiger da in der gr&ouml;&szlig;eren Distanz die Geschwindigkeit kleiner ist und damit auch der Aufwand um die Bahnneigung zu verringern. Er erforderte aber Betriebszeiten von 24 bis 40 Stunden, w&auml;hrend die andere Strategie maximal 5-10 Stunden dauert.<\/p>\n<p>In meiner vereinfachten -rechnung, die ignoriert das zwischendurch noch 350 kg Masse von der Breeze (ein Zusatztank) abgesto&szlig;en werden, reichen die 912 kg mehr Nutzlast als von ILS angegeben, immerhin f&uuml;r 334 m\/s Geschwindigkeitskorektur. In der Praxis ist das Schubprofil komplexer, so gibt es nicht eine Z&uuml;ndung wie bei mir, sondern bis zu f&uuml;nf. Damit vermeidet man auch, dass das Perig&auml;um so stark ansteigt denn auch das ist energetisch ung&uuml;nstig,<\/p>\n<p>In jedem Falle ist aber die Korrektur am Apog&auml;um die energetisch optimale M&ouml;glichkeit. Weniger als diese 2420 m\/s (oder 2430 m\/s bei einem Perig&auml;um in 250 km H&ouml;he) wird es bei keiner Strategie sein.<\/p>\n<p>Da erscheint der Weg zum Mond doch eine Alternative zu sein. Startet man mit 10.951 m\/s aus einer 200 km Bahn, passiert den Mond in 384.403 km Distanz vom Erdmittelpunkt in 1.115 km Distanz zur Mondoberfl&auml;che so erreicht man eine Bahn von 385.850 x 35.876 km. Von da aus braucht man nur noch 1246 m\/s um von einer 51,6 Grad Bahn auf den GEO zu kommen. Die Rechnung w&uuml;rde im ersten Schritt also so aussehen:<\/p>\n<p>Standard-GTO: 10.205 m\/s + 2.430 m\/s = 12.635 m\/s<\/p>\n<p>Mond-Transfer: 10.951 m\/s + 1.246 m\/s = 12.197 m\/s<\/p>\n<p>Der Umweg &uuml;ber den Mond ist also schon mal um 438 m\/s g&uuml;nstiger. Das ist schon mit einem Vorbeiflug zu schaffen.<\/p>\n<p>Schwieriger ist die Inklination abzubauen. Sie h&auml;ngt eng mit der genauen Position des Mondes zusammen. Da der Mond um 5,2 Grad zum Erd&auml;quator geneigt die Erde umkreist, wird die Inklination in den seltensten F&auml;llen bei 0 Grad liegen. <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/06\/07\/vor-15-jahren-ueber-den-mond-in-den-geo-orbit-asiasat-3a-hgs-1\/\">Asiasat 3A<\/a> absolvierte auch zwei Vorbeifl&uuml;ge um die Bahn anzupassen, in einem konnte er nicht Inklination und Perig&auml;um auf die Zielwerte anpassen. Minimal sind aber in jedem Falle 6 Grad m&ouml;glich, je nach Position des Mondes auch weniger. Reduziert man die Bahnneigung auf 6 Grad so sinkt der Geschwindigkeitsaufwand noch weiter, auf 1059 m\/s. Dann sieht im zweiten Beispiel die Rechnung so aus:<\/p>\n<p>Standard-GTO: 10.205 m\/s + 2.430 m\/s = 12.635 m\/s<\/p>\n<p>Mond-Transfer: 10.951 m\/s + 1.059 m\/s = 12.010 m\/s<\/p>\n<p>Das sind nun schon 625 m\/s weniger und damit in etwa so viel wie man vom CCAF aus aufwenden muss (12.026 m\/s bei einer 27,9 Grad Bahn). ILS gibt die Nutzlast f&uuml;r eine Mondtransferbahn mit 5.650 kg an, ich komme auf nur 5.250 kg, allerdings reicht auch bei mir die Breeze-M Reserve nickt f&uuml;r die Geo-Man&ouml;ver aus. Ich vermute mal, man hat bei ILS eine weitaus ausgekl&uuml;geltere Aufstiegsbahn als mein einfaches Modell. Die 5.750 kg gegen&uuml;ber 6.180 kg f&uuml;r einen GTO sind zuerst weniger Nutzlast. Doch wenn man ber&uuml;cksichtigt, dass man 1246 bzw. 1059 anstatt 1.500 m\/s oder 1.800 m\/s aufwenden muss relativiert sich das. Bei einem spezifischen Impuls von 3100 m\/s f&uuml;r das Haupttriebwerk entspricht dies 486 bzw. 820 kg Treibstoff oder einer Masse von 5.360 bzw. 5.694 kg f&uuml;r einen CSG- oder CCAF-kompatiblen GTO. Also weniger als die 5.750 kg die auf den Mondtransferkurs bef&ouml;rdert werden. Dem m&uuml;sste man Masse entgegen rechnen die man br&auml;uchte f&uuml;r die l&auml;ngere Reise wie ein kleines Solarpaneel zur Stromversorgung, st&auml;rkere Sender und eine gr&ouml;&szlig;ere Empfangsantenne, dazu k&auml;men wahrscheinlich noch weitere Reserven f&uuml;r Lagenregelungstreibstoff. Das f&uuml;hrt dazu, das es in der Summe wahrscheinlich kein Gewinn an Nutzlast &uuml;brig bleibt.<\/p>\n<p>Etwas problematisch ist, allerdings wie schon geschrieben der Betrieb der Ionentriebwerke. Wenn man das Perig&auml;um in die H&ouml;he des GEO legt wird jeder Betrieb oberhalb des GEO auch das Perig&auml;um absenken. Um das zu verhindern m&uuml;sste man den erdn&auml;chsten Punkt niedriger legen. Das geht wegen des Van-Allen-G&uuml;rtels aber auch nicht zu tief. Unterhalb von 20.000 km sind aber die G&uuml;rtel zu aktiv. Nun die schlechte Nachricht: Damit dies in einem Jahr klappt, muss der spezifische Impuls sehr klein sein, weil die Umlaufdauer anfangs so gro&szlig; ist. Ein rein mit Ionentriebwerken ausgestatteter Satellit w&auml;re daher f&uuml;r den Mondkurs ungeeignet. Sinnvollerweise wird er daher mit einem chemischen Antrieb die Startbahn absenken. Mit 300 m\/s w&auml;re sie auf ein Apog&auml;um von 120.000 km absenkbar. In 220 Tagen kann dann ein Satellit mit 15 kW Leistung und 5.750 kg Startmasse den GEO erreichen, wenn das Startperig&auml;um beim Start in 20.000 km H&ouml;he ist. In jedem Falle ist die Dauer l&auml;nger als beim Transfer vom LEO aus.<\/p>\n<p>Man sieht: es gibt zu viele Einschr&auml;nkungen. Deswegen wird es auch nicht gemacht.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/52fbd344b1324f03872be5272c9d18b1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Was ich allerdings nicht verstehe ist warum man niemals Anstrengungen unternommen hat, einen &auml;quatornahen Startplatz auszusuchen, wie dies kommerziell doch bei der Zenit und Sojus klappte. Es h&auml;tte sich finanziell gelohnt. Die Startrampe der Sojus im CSG kostete mit Zusatzgeb&auml;uden f&uuml;r Nutzlast und Raketenintegration 468 Millionen Euro, eine &auml;hnliche Summe wurde in Sealaunch investiert. Die Proton M \/ Breeze M wird seit 2001 eingesetzt, die Breeze M seit 1999. Sie wurde eigens f&uuml;r kommerzielle Starts entwickelt, Russland nutzt f&uuml;r eigene Regierungsnutzlasten immer noch Block DM-2 bzw. 3. Sie ist gegen&uuml;ber dem Block DM auch nur in einem Punkt von Vorteil: durch den lagerf&auml;higen Treibstoff ist die Betriebsdauer l&auml;nger. Block DM3 hat aber den h&ouml;here Schub (kleinere Gravitationsverluste) und den h&ouml;heren spezifischen Impuls. H&auml;tte Russland sich die Entwicklung der Breeze M die ja auch Geld gekostet hat gespart und 450 Millionen Dollar in einen &auml;quatornahen Startplatz investiert, sie h&auml;tten das l&auml;ngst wieder rein geholt. Wenn der Startplatz wie die Proton M 2001 verf&uuml;gbar gewesen w&auml;re, so h&auml;tten sie seitdem bei 5 kommerziellen Starts pro Jahr 85 kommerzielle Starts durchgef&uuml;hrt. Auf jeden w&uuml;rden so Abschreibungskosten von 5,3 Millionen Dollar entfallen um die der Start teurer w&auml;re. Demgegen&uuml;ber w&auml;re die Nutzlast h&ouml;her. Sie betr&auml;gt meinen Berechnungen nach 10,2 t mit Block DM 3 und nur 8,7 t mit der Breeze M. Das w&uuml;rde Doppelstart erlauben, wenn man eine Doppelstarteinrichtung einf&uuml;hrt, alternativ w&uuml;rde die Proton Medium so ohne Problem die Nutzlast der gr&ouml;&szlig;ten Satelliten erreichen und diese w&auml;re durch die eingesparte Stufe sogar billiger. Langfristig k&ouml;nnte Russland so Baikonur aufgeben. Sie braucht den Startplatz eigentlich nur f&uuml;r ISS und GEO-Starts. Zur Iss kann man nun von Wostotschny aus starten und einen &auml;quatornahen Startplatz gibt es dann f&uuml;r die Proton. Die restlichen Starts f&uuml;r sonnensynchrone Bahnen sind auch von Plessezk aus durchf&uuml;hrbar wo es f&uuml;r die kleinen Tr&auml;ger schon Startrampen gibt. Bei Pachtbetr&auml;gen in dreistelligen Millionenbereich pro Jahr die an Kasachstan zu bezahlen sind lohnt sich das.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schade, dass ich so aufmerksame Leser habe \u2013 Niemand ist auf die M&uuml;nchhausener Geschichte vorgestern hereingefallen. 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