{"id":13447,"date":"2018-08-04T20:14:43","date_gmt":"2018-08-04T18:14:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13447"},"modified":"2018-08-04T22:25:34","modified_gmt":"2018-08-04T20:25:34","slug":"die-helden-mit-einfluss-und-ohne-aufgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/08\/04\/die-helden-mit-einfluss-und-ohne-aufgabe\/","title":{"rendered":"Die Helden mit Einfluss und ohne Aufgabe"},"content":{"rendered":"<p>Derzeit bin ich bei der dritten Korrektur des Manuskripts des \u201e<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/06\/17\/oops-i-did-it-again-die-boesen-deutschen\/\">Mercury Programms<\/a>\u201c. Das ist die letzte nachdem ich bei den ersten noch laufend was erg&auml;nzt oder gel&ouml;scht habe. Ich habe sie heute beendet und dann ging sie an Mario als ersten Korrekturleser raus. Ich kam wegen der Hitze aber nur schwer vorw&auml;rts, weil nach Mittags ich ziemlich m&uuml;de bin und jetzt abends keine Lust noch weiter korrekturzulesen, so mache ich mich mal an einen Blog. Eigentlich wollte ich mich danach ja gleich an das n&auml;chste Buch &uuml;ber die Apolloraumfahrzeuge und Saturn V machen, aber bei der Hitze kann mich nicht dazu aufraffen.<\/p>\n<p>Wie meistens wenn ich ein Buch schreibe kommen mir Gedanken, vor allem wenn ich mich mit dem Thema vorher nicht so intensiv besch&auml;ftigt habe, wie es auch beim Mercuryprojekt der Fall war. Dazu sicher noch etwas mehr, heute geht es um die Mercury-Astronauten.<\/p>\n<p>Die waren von Beginn an Helden, lange bevor sie flogen. Sie erhielten einen Vertrag &uuml;ber 500.000 Dollar, damit sie nur exklusiv mit dem Magazin \u201elife\u201c zusammenarbeiteten. Das w&auml;ren heute rund 4,3 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Als ich das Buch schreib wurde mir eines klar: bei keinem anderen Programm hatten die Astronauten so viel Einfluss und so wenig Einfluss. Bei keinem anderen Programm waren sie so unentbehrlich und trotzdem &uuml;berfl&uuml;ssig und bei keinem anderen Programm mussten sie so wenig k&ouml;nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Widerspr&uuml;chlich? Arbeiten wir es auf!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/3e4da394e7374559b8456674f046ed34\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>Nun zum ersten Punkt dem Einfluss. Der Vertrag f&uuml;r die Kapsel wurde im Januar 1959 abgeschlossen, die erste wurde im April 1960 ausgeliefert. Das ist nicht nur damals Rekord gewesen. Die Astronauten wurden im April 1959 rekrutiert und kamen im Juli bis September 1959 erstmals zu McDonnell wo die Kapsel gebaut wurde. Man merkt: das Design stand bevor die Astronauten dazukamen. In der Tat war die gesamte Kapselauslegung schon gemacht, als die Astronauten dazukamen. Die Kapsel hatte ein festes Programm das nach dem Start ablief und notfalls noch vom Boden durch 6 Kommandos beeinflusst werden konnte. Das ging auch ohne Astronauten, wie die Fl&uuml;ge MA 1 bis MA-5 bewiesen.<\/p>\n<p>Warum schreibe ich dann, hatten sie so viel Einfluss? Weil die Astronauten sofort Stars des Programms waren. Wenn im von ihnen schon selbst wohlwollend geschriebenen \u201eAstronautenbuch\u201c steht, das die Arbeiter das Zittern anfingen, wenn sie als Gemeinschaft auftauchten, dann wird klar wie sie ihre Position ausnutzen. Sie setzten bei der Kapsel mehr &Auml;nderungen durch als bei jedem anderen Raumschiff. Die Apolloastronauten setzten vielleicht durch das es kein FAX-Ger&auml;t gab und die Shuttle Piloten, dass man das Fahrwerk nur manuell ausfahren konnte, doch bei Mercury hatte die zweite Serie an Kapseln erheblich mehr Neuerungen:<\/p>\n<p>&#8211; Manuelle &Uuml;bernahme des automatischen Systems<\/p>\n<p>&#8211; explosiv von innen &ouml;ffenbare Luke<\/p>\n<p>&#8211; gro&szlig;es Fenster<\/p>\n<p>&#8211; Umdesigntes Instrumentenpaneel mit vielen zus&auml;tzlichen Kontrollen und auswechselbaren Sicherungen<\/p>\n<p>Das war zu dem Zeitpunkt noch ein Zugest&auml;ndnis an die Astronauten die sich als Testpiloten und nicht als Passagiere sahen. Wie sich sp&auml;ter zeigte war das eine kluge Entscheidung, denn die Kapsel entpuppte sich als Murphy-Spacecraft. Es gab dauernd Probleme. Ein Dauerproblem waren zu hohe Kabinentemperaturen von 35 bis 40 \u00b0C, sich &uuml;berhitzende Inverter. Das automatische System zur Lagekorrektur war ein Spritfresser oftmals mit ausgefallenen Triebwerken die dauernd feuerten und zweimal verlor die Kapsel die Atmosph&auml;re. Unbemannt flog Mercury gerade einmal zwei Orbits, den dritten geplanten schaffte die MA-5 Mission schon nicht. Eine Mission mit 22 Orbits wie bei Coopers letzter Mission h&auml;tte das Raumschiff ohne manuellen Eingriff nicht geschafft. So waren die Astronauten unentbehrlich. Netterweise flogen die Mercury Seven auch mit Ausnahme von Shepard alle mit dem umdesignten Raumschiff. Trotzdem: Herr der Kapsel (ab 1962: Spacecraft) waren sie immer noch nicht. Die Bodenkontrolle konnte zwar das Raumschiff nicht steuern, sondern nur sechs feste Kommandos senden die im Prinzip Ein\/Aus-Aktionen waren. Aber darunter war auch das Ausl&ouml;sen der Rettungsraketen und Glenn und Carpenter mussten Chris Kraft in Simulationen davon &uuml;berzeugen, das sie auch ohne Sprechverbindung die Daten morsen konnten. Der h&auml;tte n&auml;mlich sonst die Retroraketen gez&uuml;ndet. Russland machte das bei Wostok 3 auch so, da allerdings weil man das d&auml;mliche Codewort \u201eBeobachte Gewitter\u201c als Signal f&uuml;r eine Notlandung ausmachte und dann sah Popowitsch St&uuml;rme &uuml;ber dem Golf von Mexiko und meldete das &#8230;<\/p>\n<p>Warum hatten sie dann nichts zu tun? Weil die bemannte Mission anfangs nicht anders als die unbemannte war. Die Astronauten d&uuml;rften Biowerte und Werte des Umweltkontrollsystems durchgeben das war\u2018s dann auch. Sie konnten nachkorrigieren wenn das automatische System versagte und machten das auch \u2013 sowohl Glenn wie Carpenter kamen mit nahezu leeren Tanks zur&uuml;ck. Jemand der eigenst&auml;ndig sich als Pilot sieht h&auml;tte das automatische System wahrscheinlich abgeschaltet und erst vor dem Wiedereintritt selbst das Raumschiff ausgerichtet. Daf&uuml;r wurden sie ja trainiert. Bei den beiden letzten Fl&uuml;gen machte man das dann auch. Sp&auml;ter hat man dann Experimente mit hinzugenommen, doch ehrlich gesagt ich konnte nicht raus finden das da viel rauskam. Das meiste was zus&auml;tzliche Hardware ben&ouml;tigte funktionierte nicht, was mich bei dem Raumschiff, das ja auch zehnmal vor dem ersten bemannten Start unbemannt getestet wurde und dauernd nachgebessert werden musste nicht so wundert. Selbst Fotoaufnahmen der Missionen findet man heute nur wenige. Selbst in offiziellen Missionsreporten findet man den Passus das sie mangels Qualit&auml;t nicht ausgewertet wurden.<\/p>\n<p>Vielleicht &uuml;berforderte das auch die Astronauten. Denn die k&ouml;rperlichen Anforderungen waren zwar ziemlich hoch, aber ansonsten wurde nicht so viel verlangt. Das zeigte sich bei einem Theorieblock von gerade mal 50 Stunden. Dank des einfachen Aufbaus der Kapsel und der einfachen Mission \u2013 in den Orbit gelangen, dort die Ausrichtung halten und dann wieder landen mussten sie auch beim Flug nicht k&ouml;nnen. Glenns Handbuch f&uuml;r alle Notsituationen in einem Format zwischen DIN-A5 und A-6 hat 61 Seiten f&uuml;r alle Systeme inklusive Notf&auml;lle. Die Normalmission umfasst gerade mal 18 Seiten und das sind locker beschriebene Seiten mit Schritt f&uuml;r Schritt Anleitungen. Neun S&auml;tze erkl&auml;ren den Abort, die belegen schon zwei Seiten. Wenn ich mal denke was ich f&uuml;r mein Hauptstudium lernen musste, die Studiendauer im Hauptstudium die Ausbildungsdauer bei Mercury ist ja vergleichbar werde ich ganz neidisch. Kein Wunder das die das auswendig konnten und das auch Zeil des Trainings war.<\/p>\n<p>Heute ist die Zeit vorbei. In vielem kann man Mercury mit CCDev nicht vergleichen. CCDev braucht 10 Jahre vom Auflegen bis zum ersten Flug. Mercury war nach 4,5 Jahren und 22 Starts abgewickelt. Daf&uuml;r sind hoffentlich die Raumschilfe zuverl&auml;ssiger als das von Mercury. Eine Parallele gibt es: Die Astronauten haben heute genauso wenig zu tun wie damals, auch Dragon 2 und Starliner sind komplett autonom.<\/p>\n<p>An den Hype wurde ich auch erinnert als mich jemand fragte ob er meine Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber bemannte und unbemannte Raumfahrt bei einer Aktion gegen Mittelk&uuml;rzungen an der uni Greifswald verwenden kann, mit Hinweis auf die Mittel die Deutschland in die bemannte Raumfahrt investiert. Da musste an den Rummel um \u201eAstroalex\u201c denken, wo dann selbst etwas bessere Medien jegliche Selbstkritik fallen lassen. Da machte Quarks &amp; Co eine Sondersendung mit Astroalex die vor allem aus einem Interview von Yogeshwar bestand. Also einen ausgewogenen Beitrag stelle ich mir anders vor, da hatte doch viele von Hofberichtserstattung etwas gemischt mit der Berichterstattung von Gala &uuml;ber den Adel. Immerhin kommt der hoffentlich nicht auf so dumme Ideen wie Rollen von Geldst&uuml;cken in den Orbit und zur&uuml;ck zu bringen. Die sind sehr hinderlich, wenn man notwassert und Wasser in den Anzug eindringt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit bin ich bei der dritten Korrektur des Manuskripts des \u201eMercury Programms\u201c. Das ist die letzte nachdem ich bei den ersten noch laufend was erg&auml;nzt oder gel&ouml;scht habe. Ich habe sie heute beendet und dann ging sie an Mario als ersten Korrekturleser raus. 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