{"id":13481,"date":"2018-09-01T09:30:25","date_gmt":"2018-09-01T07:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13481"},"modified":"2018-09-01T09:30:59","modified_gmt":"2018-09-01T07:30:59","slug":"besser-kann-man-den-niedergang-nicht-zeigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/09\/01\/besser-kann-man-den-niedergang-nicht-zeigen\/","title":{"rendered":"Besser kann man den Niedergang nicht zeigen &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Als mit der Ank&uuml;ndigung von Russland die Entwicklung der Proton M <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/proton-medium-international-launch-services-answer-to-falcon-9-put-on-indefinite-hold\/\"> einzustellen<\/a>. Die Proton M entstand erst vor knapp zwei Jahren. Anfangs gab es zwei Varianten: ohne zweite Stufe als Proton Medium mit 5 t GTO-Nutzlast und dann noch mit vier anstatt sechs Boostern als Proton Light mit 3,6 t Nutzlast<\/p>\n<p>Ein Jahr sp&auml;ter hatte man das Konzept revidiert. Nun entfiel die Light Variante und anstatt der zweiten entfiel die dritte Stufe was dann die Netzlast nur noch auf knapp unter 6 t (anstatt 5 t) senkte. Nun hat man alle Arbeiten eingefroren.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/295d9c2825f745029e7c4c278ebdfeee\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Ich fand das Konzept schon komisch, als es kam. An und f&uuml;r sich ist es nicht schlecht. So kann man die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/proton.shtml\">Proton<\/a> der Nutzlast anpassen, was bei anderen Tr&auml;gern durch Booster geht. Nur warum erst jetzt? Die Proton wurde seit Anfang der Neunziger Jahre vermarktet, die heutige Version Proton M wird seit knapp 20 Jahren produziert. H&auml;tte man nicht damals schon die Varianten einf&uuml;hren k&ouml;nnen, zumal Satelliten tendenziell eher schwerer werden, auch wenn der Trend sich in den letzten 10, 15 Jahren deutlich abflacht. Es ist aber ein Symptom f&uuml;r die russische Art ihre Raketen zu vermarkten. Nah dem Motto \u201eGeld verdienen immer, Investieren nimmer\u201c.<\/p>\n<p>Mal genauer betrachtet: Nach dem Ende des kalten Kriegs gab es f&uuml;r die russischen Hersteller von Raketen, die M&ouml;glichkeit ihre Raketen kommerziell zu vermarkten. Damals kamen auch etliche Kooperationen auf, von denen sich aber schlie&szlig;lich nur wenige etablierten und das lag am obigen Wahlspruch. Es lag immer am westlichen Partner die Investoren aufzubringen. So bei Sealaunch oder Arianespace. Wo der Partner nicht dazu bereit war, blieb das Gesch&auml;ftsmodell aus oder es gab nur wenige Starts. Dabei gab es genug Chancen.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/tsyklon.shtml\">Zyklon<\/a> und ihr Nachfolger Dnepr sind Raketen mit der Startmasse einer Titan II und noch schwerer. Mit einer guten Oberstufe h&auml;tten sie leichte Satelliten in den GTO bringen k&ouml;nnen. Die Ukraine begann sogar eine Zusammenarbeit mit Brasilien um sie von Alcantara aus zu starten. Doch ohne Investitionen in den Startplatz blieb es bei den Planungen. Die Dnepr wird inzwischen auch von Russland nicht mehr gestartet weil, obwohl gro&szlig;enteils aus Russland stammend, einige Elektronikteile aus der Ukraine kommen und das ist ja nun der Feind. Das verr&uuml;ckte dabei: die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/dnepr.shtml\"> Dnepr-Raketen<\/a> sind ausgemusterte ICBM, vorhanden m&uuml;ssen nur etwas umger&uuml;stet werden, kosten also nichts. Die Vermarktung der Rockot klappte, aber auch hier hat man praktisch nur die Rakete um eine schon existierende Stufe erweitert und startet sie wie die milit&auml;rische Rakete aus einem Silo aus. Die meisten Auftr&auml;ge stammen von der ESA und haben ihren Ursprung in der Verz&ouml;gerung des Jungfernflugs der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/vega-rakete.shtml\"> Vega<\/a>. Weitere sind nun aber nicht mehr in Sicht.<\/p>\n<p>Die Proton M wurde zwar leicht modernisiert und die neue Stufe Breeze M eingef&uuml;hrt. Doch so neu ist die auch nicht. Es ist die Oberstufe der Rockot erg&auml;nzt durch einen Zusatztank. Dabei blieb es. Besonders unverst&auml;ndlich f&uuml;r mich: Seit Jahren wird eine LOX\/LH2-Oberstufe postuliert. Nur wird sie nicht entwickelt. Dabei hat Russland schon eine solche Stufe f&uuml;r Indien entwickelt. Die Nutzlast der Proton mit der Stufe f&uuml;r die GSLV-Mark III w&auml;re nicht viel h&ouml;her gewesen, bei 6,6 t in einen Ariane kompatiblen GTO (ohne diese Einschr&auml;nkung: 8,4 t) aber man h&auml;tte die Stufe ja leicht vergr&ouml;&szlig;ern k&ouml;nnen und Optimierungen durchf&uuml;hren k&ouml;nnen die ja auch bei der Proton M noch etwas Nutzlast herauskitzelten.<\/p>\n<p>Wir sehen das Ph&auml;nomen auch bei der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/angara.shtml\">Angara<\/a>, die in der Form seit Jahrzehnten geplant wird. Inzwischen gab es die ersten Eins&auml;tze. Zwei Starts erfolgten 2014. Dabei blieb es aber auch.<\/p>\n<p>Wichtiger als Investitionen in die Raketen, w&auml;re es in eine &auml;quatornahe Startbasis zu investieren, zumindest wenn man an den Raketen was verdienen m&ouml;chte, aber auch von Vorteil f&uuml;r die eigenen russischen Satelliten. Jede russische Rakete, die von Baikonur aus startet hat drei Probleme:<\/p>\n<ul>\n<li>Bei der Inklination des Startgel&auml;ndes fehlen gegen&uuml;ber dem &Auml;quator rund 170 m\/s Geschwindigkeit<\/li>\n<li>Die Lage in der Kasachischen Steppe l&auml;sst eine wirkungsvolle Reduktion der Bahnneigung w&auml;hrend der Aufstiegsbahn nicht zu<\/li>\n<li>Die Bahnneigung in der ersten Erdumlaufbahn von 52 Grad ist dann so hoch, dass ein Satellit rund 1100 m\/s mehr aufbringen muss als wenn er von Kourou aus starten w&uuml;rde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bei der Sojus zeigt sich das am besten. Der Wechsel von Baikonur zum CSG erh&ouml;ht die Nutzlast von 1.500 auf 2.700 kg. Das ist eine Erh&ouml;hung um 80 Prozent!. Bei einem solchen Gewinn lohnt es sich, auch wenn man f&uuml;r eine Startbasis investieren muss. Die Startanlage f&uuml;r die Sojus kostete 344 Millionen Euro. Sie ist r&auml;umlich getrennt von den Startanlagen der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ariane-5-evolution.shtml\">Ariane 5<\/a> enth&auml;lt also auch die Infrastruktur f&uuml;r die Satellitenvorbereitung und Betankung. Nehmen wir mal an, Krunitschew h&auml;tte als 1992 die Vermarktung der Proton begann, einen Kredit aufgenommen, eine Startrampe nahe des &Auml;quators errichtet (es gibt dort gen&uuml;gend Inseln und kleine Nationen, die sicher nichts gegen einige Investitionen haben, das man nicht viel Infrastruktur braucht, zeigt ja nicht zuletzt <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/zenit.shtml\"> Sealaunch<\/a>).<\/p>\n<p>1998 w&auml;re die Startrampe er&ouml;ffnet und seitdem (20 Jahre lang) sechs kommerzielle Starts erfolgt. Angesichts der h&ouml;heren Nutzlast bei gleichen Herstellungskosten h&auml;tte man sicher einen Geldgeber gefunden. Bei einer Verzinsung von 4 % und linearem Abzahlen &uuml;ber 20 Zahlen h&auml;tte das aus den 400 Millionen Dollar mit Zinsen rund 924 Millionen Dollar zum Abzahlen gemacht. Diese Summe umgelegt auf 6 kommerzielle Starts pro Jahr (eher konservativ gesch&auml;tzt) h&auml;tten jeden Start um 8 Millionen Dollar verteuert, bei rund 105 bis 120 Millionen Dollar pro Start also nicht viel.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r w&auml;re der Nutzlastgewinn enorm. Man m&uuml;sste nicht mal eine neue vierte Stufe einf&uuml;hren, die ja auch Geld kostet und schuld an einigen Fehlstarts hatte. Die Proton M in der dreistufigen Version kann 8,3 t in den GTO bringen wenn sie bei 5 Grad Inklination startet. Mit der KVRB, die f&uuml;r die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/gslv.shtml\">GSLV<\/a> produziert wurde, w&auml;ren es sogar 11 t. Man k&ouml;nnte sogar Doppelstarts durchf&uuml;hren. W&uuml;rde man f&uuml;r die man 10 % weniger als Arianespace berechnen, so w&uuml;rde jeder Start 55 Millionen Dollar zus&auml;tzlichen Gewinn einbringen \u2013 da w&auml;re bei nur einem Doppelstart pro Jahr die Startrampe in acht Jahren refinanziert. Selbst die Sojus, mit nur wenigen Starts von Kourou aus, sollte die Kosten der Startrampe in 7 bis 9 Jahren wieder einspielen.<\/p>\n<p>Warum man es nicht macht? Ich kann es mir nicht erkl&auml;ren. Die sinnvollste Erkl&auml;rung die ich gefunden habe ist das Russlands Raumfahrtunternehmen bis heute nicht in der Marktwirtschaft angekommen sind. Sie warten eben drauf das die Regierung was macht oder eben ein Investor aus dem Ausland. Selbst etwas zu unternehmen das scheint im kommunistischen System nicht vorgesehen zu sein.<\/p>\n<p>Die Regierung ist ja auch nicht so viel schlauer. Zuerst schlie&szlig;t man mit Kasachstan ein langfristiges (50 Jahre laufendes) Abkommen &uuml;ber die Nutzung von Baikonur ab, das so praktisch eine Exklave von Russland ab. Dann will man einen neuen Weltraumbahnhof als Ersatz bauen, hat aber offensichtlich nicht das Geld daf&uuml;r, denn seit Jahren macht Woschody kaum Fortschritte. Viele Starts werden auch nicht umziehen. Vor allem bringt er hinsichtlich der geographischen Breite wenig. Wenn ich die Wahl gehabt h&auml;tte, ich h&auml;tte einen neuen Weltraumbahnhof auf den Kurillen eingerichtet. Die von Russland im Zweiten Weltkrieg okkupierten Inseln, liegen n&ouml;rdlich von Japan und bei einem Start nach Osten passiert man nur den Pazifik. Jede Bahnneigung ist m&ouml;glich und die kleinste geographische Breite liegt bei 45 Grad. Nicht viel weniger als bei Baikonur, bringt aber immerhin 200 m\/s Geschwindigkeitseinsparung oder wenn ich auf mein Eingangsbeispiel komme 9.300 kg mit der KVRB in die &Uuml;bergangsbahn die nur 36 anstatt 41 Grad geneigt ist. Das entspricht wenn man mit einer zweiten Z&uuml;ndung eine 4.000 x 35.887 x 23 Grad km Bahn anstrebt. 7,5 t in einen CSG-kompatiblen Orbit (\u0394V=1500 m\/s). Immerhin rund 10 Prozent mehr als von Baikonur aus.<\/p>\n<p>Auch bei den Raketen dasselbe Chaos. So hat man die<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus-varianten.shtml\"> Sojus 2.1V<\/a> eingef&uuml;hrt. Das ist eine Sojus ohne Booster mit einem NK-33 Triebwerk als Zentraltriebwerk. Obwohl die ja bei der Antares und den Tests im Stennis Testcenter nicht so gut aussahen. Das Triebwerk wird nicht mehr gebaut, die Rakete ist mit ihrer Nutzlast eine Konkurrenz zur kleinsten Angaraversion mit nur einem URM \u2013 sie macht daher nicht viel Sinn.<\/p>\n<p>Das einzige was im neuen Russland noch genauso gut funktioniert wie fr&uuml;her im Kommunismus sind die Ank&uuml;ndigungen. Andauernd kommen neue Konzepte f&uuml;r Raketen auf, oder wie schon Otto Piffel in 1-2-3 sagte \u201eAber mit unserem neuen 25-Jahresplan werden wie die Kapitalisten &uuml;berholen\u2026.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als mit der Ank&uuml;ndigung von Russland die Entwicklung der Proton M einzustellen. Die Proton M entstand erst vor knapp zwei Jahren. 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