{"id":13497,"date":"2018-09-14T23:55:25","date_gmt":"2018-09-14T21:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13497"},"modified":"2018-09-14T23:55:25","modified_gmt":"2018-09-14T21:55:25","slug":"wie-viel-nutzlast-bringt-mehr-schub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/09\/14\/wie-viel-nutzlast-bringt-mehr-schub\/","title":{"rendered":"Wie viel Nutzlast bringt mehr Schub?"},"content":{"rendered":"<p>In den Anf&auml;ngen der Raumfahrt waren die Raketen relativ schubstark \u2013 wobei ich von den Oberstufen rede, denn die Basisstufen m&uuml;ssen nat&uuml;rlich mit mindestens der Erdbeschleunigung starten &uuml;berhaupt abheben zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Entwicklung hat man den Schub von Oberstufen immer weiter gesenkt, zumindest in Bezug auf die Masse. Aber auch klassische Stufen wurden durch Parallelstufen ersetzt, wobei die Zentralstufe meist einen geringen Schub hat. Den Effekt kann man sehr deutlich sehen, wenn man sich die H&ouml;he\/Zeit Kurve der Aufstiegsbahn ansieht. Hier als Beispiel eine Ariane 5 ECA.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b129ea5cc2b040799308b13f82c5db37\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/ariane5-ecahoehe.png\" alt=\"\" width=\"905\" height=\"600\" \/>Die Feststoffbooster bringen eine hohe Startbeschleunigung und anfangs startet die Rakete nahezu senkrecht, baut also vor allem eine Geschwindigkeit in der Vertikalen (H&ouml;he) auf. Sie dreht sich langsam, um schlie&szlig;lich parallel zur Erdoberfl&auml;che zu fliegen. Die horizontale Geschwindigkeit steigt also an, die vertikale nimmt ab. Die Erdanziehung zieht an der Vertikalen Geschwindigkeit und sie wird immer kleiner, bis sie 0 erreicht. Die Rakete erreicht einen Gipfelpunkt in der Bahn und f&auml;llt dann wieder. Auf der anderen Seite bedeutet die hohe horizontale Geschwindigkeit auch, das sich die Rakete tangential von der Erde entfernt, wodurch sie auch etwas H&ouml;he gewinnt, was das Absinken bremst. Diese Horizontalgeschwindigkeit wird immer gr&ouml;&szlig;er und wenn die Rakete schlie&szlig;lich die Orbitalgeschwindigkeit erreicht hat, dann sinkt sie nicht mehr sondern steigt nur noch durch die weitere Beschleunigung an.<\/p>\n<p>Bei der Ariane 5 ECA ist die Orbitalgeschwindigkeit nach 690 s erreicht und wie man sieht, steigt danach die Bahn immer weiter an.<\/p>\n<p>Die Kunst ist es nun den Schub und die Masse von Stufen so zu optimieren, dass die Nutzlast maximal wird und die Kosten minimal, denn schubst&auml;rkere Triebwerke kosten nat&uuml;rlich mehr als schubschw&auml;chere. Das geht zum einen indem man den Punkt bis zu dem die Bahn absinken darf w&auml;hlt. In der Grafik sind es 185 km. Das ist der 100-nm-Standardorbit. W&uuml;rde ich bei der Ariane 5 ECA 170 km ansetzen, dann steigt die Nutzlast um 200 kg, bei 200 km sinkt sie um 50 kg.<\/p>\n<p>Im Orbit angekommen w&auml;re prinzipiell der Schub egal, aber nur prinzipiell. Wie man an der Grafik sieht hat die ECS-A erst in &uuml;ber 600 km H&ouml;he Brennschluss. Wenn sie dauernd ansteigt, so hebt sie laufend das Perig&auml;um an, was energetisch auch ung&uuml;nstig ist. W&auml;hrend das Perig&auml;um der GTO-Bahn bei Ariane 4 noch bei 200 km lag, liegt es bei Ariane 5 E bei 250 km und beim Einsatz der alten EPS Stufe, die erst oberhalb 1.000 km Entfernung Brennschluss hatte, sogar bei rund 500 bis 600 km. Eine kurze Brennzeit ist also auch im Orbit sinnvoll, oder man muss so komplexe Bahnen fliegen wie die Proton M Breeze M. Die Breeze hat &uuml;ber 3.000 s Brennzeit und damit die Nutzlast nicht zu stark absinkt, teilt man das Z&uuml;nden auf mindestens drei Perioden auf.<\/p>\n<p>Mich hat schon immer interessiert, wie die Nutzlast einer Ariane 5 mit ad&auml;quatem Schub in der Zentralstufe aussieht und ich habe das mal durchgerechnet. Ich habe, bei ansonsten gleichen Parametern den Schub der EPC um jeweils 250 kN von 1390 auf 1600, dann 1850 und zuletzt 2100 kN erh&ouml;ht. Die Masse der Stufe habe ich dabei um jeweils 300 kg erh&ouml;ht f&uuml;r das Mehrgewicht beim Triebwerk. Man erh&auml;lt folgende (theoretische) Nutzlasten. Theoretisch, weil sie mit meiner Aufstiegssimulation, also einem vereinfachten Modell gewonnen wurden:<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/ariane5-ecavergleich.png\" alt=\"\" width=\"1297\" height=\"546\" \/><\/p>\n<table>\n<colgroup>\n<col \/>\n<col \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr>\n<th>Schub<\/th>\n<th>Nutzlast GTO<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>1.390 kN<\/td>\n<td>11.500 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1.600 kN<\/td>\n<td>11.600 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1.850 kN<\/td>\n<td>12.030 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2.100 kN<\/td>\n<td>12.350 kg<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Wie man sieht, nimmt die Nutzlast zuerst wenig, dann deutlich zu. Sinkt dann aber wieder ab. Das liegt daran, das sobald der Buckel aus der Aufstiegsbahn verschwunden ist, und das ist bei 1850 kN der Fall, nun der Gewinn kleiner wird.<\/p>\n<p>Den Nutzlastgewinn muss man gegenrechnen. Ein Vulcain 2 kostet in der Fertigung 15 Millionen Euro. Ein Triebwerk mit 2.100 kN Schub wahrscheinlich dann 50 % mehr also 7,5 Millionen Euro mehr und das f&uuml;r 850 kg mehr Nutzlast.<\/p>\n<p>Das Optimum ist aber auch von der Oberstufe abh&auml;ngig. Hier dieselbe Rechnung f&uuml;r Ariane 5 ECB:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/ariane5-ecabvergleich.png\" alt=\"\" width=\"1297\" height=\"546\" \/><\/p>\n<table>\n<colgroup>\n<col \/>\n<col \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr>\n<th>Schub<\/th>\n<th>Nutzlast GTO<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>1.390 kN<\/td>\n<td>12.500 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1.600 kN<\/td>\n<td>13.150 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>1.850 kN<\/td>\n<td>14.050 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2.100 kN<\/td>\n<td>14.550 kg<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>W&auml;hrend bei der ECS-A die Nutzlast nur um 850 kg anstieg sind es hier 2.050 kg. Der Grund ist ganz einfach: ECS+B und Nutzlast wiegen 15 t mehr als die ECS-A mit Nutzlast. Entsprechend st&auml;rker sinkt die Rakete ab und entsprechend st&auml;rker ist der Gewinn durch mehr Schub.<\/p>\n<p>Ich denke das ist auch ein Grund f&uuml;r die Konzeption der Ariane 6. Bei gleichem Schub des Vulcain wird diese nur 149,5 anstatt 170,3 t Treibstoff zuladen, was die Rakete nach Brennschluss der Feststoffbooster 20 t leichter macht. Dann kann man auch wieder eine etwas schwerere Oberstufe zuladen, denn diese wird 30 t Treibstoff aufnehmen, bei der ECS-B waren es noch 28 t. 20 t weniger Treibstoff entsprechen, wenn sich sonst an der Massebilanz der Rakete nichts &auml;ndert und das ist in etwa gegeben einer Schuberh&ouml;hung um 200 kN, wenn der Treibstoff zugeladen worden w&auml;re.<\/p>\n<p>Zuletzt noch \u2013 was bringt mehr Schub bei der Oberstufe. Daf&uuml;r habe ich bei der ECS-A in Gedanken ein zweites HM-\/B eingebaut und 140 kg f&uuml;r das Triebwerk addiert. Das Ergebnis: es bringt nichts. Nahezu die gleiche Nutzlast. Lediglich wenn die Geschwindigkeit noch h&ouml;her ist, z.B. bei einer Fluchtbahn mit einem C3 von 10 km\u00b2\/s\u00b2 f&uuml;r eine Marsbahn dann ist die Nutzlast um etwa 200 kg h&ouml;her.<\/p>\n<p>Zuletzt noch eine Bemerkung, warum ich das mit der Ariane 5 durchexerziert habe. Zum einen weil sie ein Extrembeispiel ist, zum anderen weil von der Ariane 6 nur die Treibstoffmassen bekannt sind, nicht die aber f&uuml;r die korrekte Simulation n&ouml;tigen Trockenmassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Anf&auml;ngen der Raumfahrt waren die Raketen relativ schubstark \u2013 wobei ich von den Oberstufen rede, denn die Basisstufen m&uuml;ssen nat&uuml;rlich mit mindestens der Erdbeschleunigung starten &uuml;berhaupt abheben zu k&ouml;nnen. Im Laufe der Entwicklung hat man den Schub von Oberstufen immer weiter gesenkt, zumindest in Bezug auf die Masse. 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