{"id":1352,"date":"2007-03-11T15:07:11","date_gmt":"2007-03-11T14:07:11","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=1352"},"modified":"2010-01-27T21:03:08","modified_gmt":"2010-01-27T20:03:08","slug":"raumfahrt-sicherheit-und-die-kosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2007\/03\/11\/raumfahrt-sicherheit-und-die-kosten\/","title":{"rendered":"Raumfahrt, Sicherheit und die Kosten"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/columbiaexplosion.jpeg\" border=\"0\" alt=\"Colmbia\" width=\"400\" height=\"222\" align=\"left\" \/>Auch bei der Raumfahrt gibt es Risikoanalysen. ein Tr&auml;ger wird f&uuml;r eine bestimmte &#8222;Zuverl&auml;ssigkeit&#8220; gebaut, d.h. man nimmt an dass ein Teil der Missionen schief gehen kann. Das klingt verbl&uuml;ffend, aber ihr Auto hat auch mal eine Panne oder ihr Computer einen Hardware Defekt. Nur bedeutet die bei einer Tr&auml;gerakete einen Verlust der Nutzlast.<\/p>\n<p>Ariane 1 wurde zum Beispiel. f&uuml;r eine Zuverl&auml;ssigkeit von 90 % entworfen &#8211; ein Wert der angesichts der mangelnden Erfahrungen Europas und der damaligen Zeit eine normale Gr&ouml;&szlig;e war. Ariane 5 dagegen f&uuml;r 98.5 % mit der Oberstufe EPS und 99 % ohne. Wie zuverl&auml;ssig eine Rakete sein muss ist prinzipiell eine finanzielle Frage. Je h&ouml;her der Wert ist desto teurer ist die Rakete. Ein Nachrichtensatellit ist etwa 2-3 mal teurer als die Tr&auml;gerrakete, dazu kommen 20-25 % Versicherung f&uuml;r beides. Man kann leicht ausrechnen, das die Versicherungspr&auml;mien erheblich h&ouml;her sind als das Risiko des Starts alleine, das heute je nach Tr&auml;gerrakete bei &lt;5 % liegt. Neben der Tatsache, dass die Versicherung Gewinn machen m&ouml;chte und es in der Vergangenheit erhebliche Fluktuationen bei den Ausf&auml;llen gab, die man durch hohe Pr&auml;mien ausgleichen will gibt es auch Risiken bei der Herstellung (Satelliten wurden dabei schon besch&auml;digt), Tests (Ein Satellit &uuml;berstand einen Sch&uuml;tteltest) ja sogar Startvorbereitung (Ein Kran fiel auf einen Insat Satelliten). Auch nach dem Start gingen Satelliten verloren, z&uuml;ndeten ihre Triebwerke nicht, so dass sie in einem unbrauchbaren Orbit strandeten oder es gab Probleme bei der Inbetriebnahme, wie der Verlust der halben Sendeleistung bei TV-SAT A dadurch dass man Transportklammern verga&szlig; zu befestigen.<\/p>\n<p>wer eine Tr&auml;gerrakete heute konzipiert oder auch nur eine vorhandene ver&auml;ndert w&auml;gt die Kosten daf&uuml;r und f&uuml;r die Herstellung mit dem zu erwartenden Risiko ab und sorgt f&uuml;r ein Optimum. Wer eine unzuverl&auml;ssige Tr&auml;gerakete hat, wie z.B. die Proton oder Zenit muss entsprechend die Starts billiger anbieten um Auftr&auml;ge zu erhalten. Hierzu noch ein Nachtrag: Der Fehlstart der Zenit am 30.1. hat nun zum umbuchen eines Starts auf eine Ariane 5 gef&uuml;hrt, welcher zus&auml;tzlich im August durchgef&uuml;hrt wird. Das letzte mal als dies vorkam war dies nach dem Fehlstart eines Intelsat 7 auf einer chinesischen Langen Marsch 1996, dies f&uuml;hrte letzten Endes dazu, dass die chinesische Tr&auml;ger vom Markt verschwanden.<\/p>\n<p>Bei bemannten Raumfahrzeugen ist es etwas anderes. Nun geht es um Menschenleben und der Sicherheitsaspekt war wichtig. In den 60 ern setzte man trotzdem Astronauten auf im Vergleich zu heute recht unzuverl&auml;ssigen Tr&auml;gerraketen. Zum einen hatte man eine andere Einstellung zum Risiko als heute, zum zweiten gab es einen Wettlauf um Erstleistungen und zum dritten glich man die mangelnde Zuverl&auml;ssigkeit der Tr&auml;gerakete durch andere Ma&szlig;nahmen aus,<\/p>\n<p>Eine Kapsel ist relativ massiv und h&auml;lt so einiges aus. Ein Fluchtturm kann sie bei einer Explosion schnell von der Rakete absprengen und so in sichere Entfernung bringen und zuletzt haben die Kapseln eine solche aerodynamische form, dass sie bei einem Wiedereintritt sich meist von alleine so orientieren, dass sie den Hitzeschutzschild korrekt ausgerichtet haben. Das war sowohl bei den Apollo Kapseln wie bei den Sojus Kapseln so.<\/p>\n<p>Da die Sojus Kapseln heute noch im Einsatz sind haben sie auch schon dies unter Beweis stellen k&ouml;nnen:<\/p>\n<ul>\n<li>Am 5.4.1975 z&uuml;ndete die dritte Stufe der Tr&auml;gerrakete nicht und die Kapsel wurde abgesprengt und ging 1600 km vom Startort entfernt nieder.<\/li>\n<li>Am 10.4.1979 explodierte das Haupttriebwerk von Sojus 33. Die Besatzung konnte mit dem besch&auml;digten Reservetriebwerk notlanden.<\/li>\n<li>Am 26.9.1982 explodierte die Tr&auml;gerrakete beim Start. Die Besatzung konnte durch das Rettungssystem aus der Gefahrenzone geschossen werden,<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Sojus Kapsel bietet ihrer Besatzung eine Menge Sicherheit, auch wenn bei ihrer Entwicklung 4 Tote zu beklagen gab. Der erste Flug scheiterte weil sich der Fallschirm verhedderte und bei Sojus 11 gab es ein Leck welches zur Dekompression f&uuml;hrte (und als Folge tragen die Kosmonauten bei Start und Landung seitdem Druckanz&uuml;ge).<\/p>\n<p>Doch wie ist dies beim Space Shuttle. Die NASA lie&szlig; nat&uuml;rlich Rettungsmechanismen untersuchen. Schludersitze gab es w&auml;hrend der Testfl&uuml;ge, doch nutzbar sind sie nur w&auml;hrend der ersten Phase des Starts bis in etwa 12 km H&ouml;he. Zudem konnte man so nicht die Besatzung im hinteren Teil (Missions- und Nutzlastspezialisten) retten, da es &uuml;ber ihnen keine Lucken gab. Eine abtrennbare Mannschaftskabine h&auml;tte die Nutzlast um ein Drittel abgesenkt und wurde deswegen verworfen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/img\/challenger.jpeg\" border=\"0\" alt=\"Challenger\" width=\"569\" height=\"462\" align=\"right\" \/>Man konzentrierte sich darauf die technischen System so zu verbessern, dass eine hohe Zuverl&auml;ssigkeit vorlag und man Fehler rechtzeitig erkennen und darauf reagieren kann. Die Haupttriebwerke sollten zum Beispiel. vor Columbia neue Triebwerkscontroller bekommen die mit mehr Sensoren einen Fehler so rechtzeitig erkennen sollten, dass sie das Triebwerk sanft herunterfahren k&ouml;nnen ohne das es zu einem katastrophalen Defekt (Explosion) kommt. Diese Ma&szlig;nahme wird nun wahrscheinlich ausblieben, weil die restlichen Space Shuttles ausgemustert werden.<\/p>\n<p>Als man den Shuttle konzipierte 1972 hatte man ein anderes Sicherheitsdenken als heute. Nach 80 Fl&uuml;gen ohne Probleme hatte man sich aber daran gew&ouml;hnt dass die Fl&uuml;ge fehlerfrei waren, zumindest ohne Risiko f&uuml;r die Besatzung. Columbia zeigte, dass dem nicht so war. Schlussendlich f&uuml;hrte dies zum Einstellen des Shuttle Programms. Columbia zeigte, dass es eben immer noch Restrisiken gab die man nicht vorher beachtet hatte und das der Shuttle durch seine Leichtbauweise viel empfindlicher als eine Kapsel war. Als Folge wird das Orion Raumschiff wieder eine Kapsel sein, nur gr&ouml;&szlig;er.<\/p>\n<p>Was w&auml;re wenn das Space Shuttle niemals bemannt gewesen w&auml;re? Ich bin der &Uuml;berzeugung, dass man nach Challenger die Feststoffraketen nachgebessert h&auml;tte. einen Gro&szlig;teil der Sicherheits&auml;nderungen die etwa 2 Milliarden USD kosteten nicht gemacht h&auml;tte, genauso wie die Ver&auml;nderungen nach Columbia. Im Endeffekt haben sie der NASA sogar geschadet: Alle &Auml;nderungen zusammen f&uuml;hrten zu einer rapiden Abnahme der Fl&uuml;ge.<\/p>\n<ul>\n<li>Vor Challenger wusste man, dass 4 Orbiter etwa 12-15 Fl&uuml;ge pro Jahr durchf&uuml;hren k&ouml;nnen<\/li>\n<li>Nach Challenger waren es durch Sicherheitsaspekte nie mehr als 8<\/li>\n<li>Nach Columbia ist die Startzahl auf 4-5 geschrumpft. Rechnet man dies auf 4 Orbiter hoch, so sind es 5.3-6.7.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Startkosten sind in der gleichen Weise gestiegen auf etwa das dreifache von 1986. Bei einem kommerziellen Vehikel h&auml;tte man dies nicht mitgemacht und eher mit einer h&ouml;heren Ausfallwahrscheinlichkeit gelebt. Unter diesem Aspekt ist das Space Shuttle auch heute noch gut: Etwa ein Verlust auf 60 Fl&uuml;ge. Eine kommerzielle Rakete mit diesen Daten w&auml;re gut platziert. Leider ist dies eben genau ein Start zuviel f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit. Die Astronauten wussten immer das es ein Restrisiko gab und waren auch bereit es zu tragen.<\/p>\n<p>Man sollte dabei nat&uuml;rlich nicht vergessen, dass man heute schlauer ist. Das Space Shuttle wurde vor 35 Jahren konzipiert. Genauso wie man ein Auto dieses Alters, ohne 3 Punkt Gurt, Knautschzone, Airbags, Gurtstraffung, automatischer Vollbremsung durch Radarabstandsmessung nicht mit einem modernen Auto vergleichen kann ist es unfair einen Space Shuttle mit einem neu konzipierten Raumgleiter wie Kliper zu vergleichen. Doch die Allgemeinheit sieht dies anders und so werden die Space Shuttles in 3 Jahren Geschichte sein.<\/p>\n<p>Musiktipp f&uuml;r heute passend zum Thema: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=N1Hs2AQwDgA\">Peter Schilling Major Tom<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch bei der Raumfahrt gibt es Risikoanalysen. ein Tr&auml;ger wird f&uuml;r eine bestimmte &#8222;Zuverl&auml;ssigkeit&#8220; gebaut, d.h. man nimmt an dass ein Teil der Missionen schief gehen kann. Das klingt verbl&uuml;ffend, aber ihr Auto hat auch mal eine Panne oder ihr Computer einen Hardware Defekt. Nur bedeutet die bei einer Tr&auml;gerakete einen Verlust der Nutzlast. 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