{"id":13524,"date":"2018-10-03T09:02:21","date_gmt":"2018-10-03T07:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13524"},"modified":"2019-01-13T19:04:12","modified_gmt":"2019-01-13T18:04:12","slug":"die-schwaerzeste-stunde-der-nasa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/10\/03\/die-schwaerzeste-stunde-der-nasa\/","title":{"rendered":"Die schw&auml;rzeste Stunde der NASA"},"content":{"rendered":"<p>Heute folgt Teil 2 meiner kleinen Serie &uuml;ber die Geschichte der NASA, die am 1.10.2018 ihren 60-sten Geburtstag feierte. Wie der Titel schon sagt, geht es um die schw&auml;rzeste Stunde der NASA in den letzten 60 Jahren. W&auml;hrend man &uuml;ber die Sternstunde der NASA sicher diskutieren kann, senke ich ist die Auswahl bei der schw&auml;rzesten Stunde einfach. Es ist eine bemannte Mission, denn bei unbemannten Missionen ist sowohl das &ouml;ffentliche Interesse, wie auch die Betroffenheit viel geringer \u2013 es mag zwar ein finanzieller Verlust aufgetreten sein, aber niemand wurde get&ouml;tet. Daneben sind die finanziellen Folgen in der bemannten Raumfahrt viel h&ouml;her, selbst wenn man es mit Megapannen bei unbemannten Programmen vergleicht, wie dem Totalverlust des <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mars-observer.shtml\">Mars Observers<\/a>, oder der geringen Datenmenge von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/galileo-mission2.shtml\">Galileo<\/a> oder der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/hst-missionen.shtml\">Kurzsichtigkeit von Hubble<\/a> und die daraus resultierenden Kosten f&uuml;r die Reparatur. Doch selbst wenn man Galileo als Totalverlust ansieht, sind deren Kosten von 900 Millionen Dollar (bis zur Entdeckung des Defekts) klein im Vergleich zu den Kosten die die folgenden drei Ungl&uuml;cke generierten. Auch die Auswirkungen auf das Programm, das in jedem der F&auml;lle mindestens 18 Monate stand, sind viel gr&ouml;&szlig;er als bei unbemannten Programmen, wo man einfach die n&auml;chste Mission startete \u2013 auch wenn wie bei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ranger.shtml\">Rang<\/a><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ranger.shtml\">e<\/a><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ranger.shtml\">r<\/a> nur die letzten drei von neun Sonden erfolgreich waren. (Ein bemanntes Programm h&auml;tte man schon weitaus fr&uuml;her eingestellt).<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/f41e6024af204344896343a74d204607\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Es gab drei Ungl&uuml;cke in der Geschichte der NASA, in der Astronauten starben \u2013 auch wenn es ungerecht ist, denn es gab nat&uuml;rlich etliche andere Ungl&uuml;cke bei denen es Tote gab. Die Sicht fokussiert sich leider nur auf die toten Astronauten. Z&auml;hlt man alle anderen Toten der USA die es durch die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_spaceflight-related_accidents_and_incidents\">Raumfahrt gab<\/a> zusammen, so sind dies mehr als die get&ouml;teten Astronauten.<\/p>\n<p>Nun es gab drei Katastrophen bei denen Astronauten starben:<\/p>\n<ul>\n<li>Apollo 1: Bei einem Probecountdown bricht in der Apollokapsel ein Feuer aus. Obwohl die Ursache nie ganz genau gekl&auml;rt wird was den Brand ausl&ouml;ste, gehen die meisten Fachleute davon aus, das die Kapsel nicht gen&uuml;gend gegen die Brandgefahr gesichert war. Es wurden viele flammenempfindliche Materialien verwendet. Das Redesign des CM verz&ouml;gert das Programm um 18 Monate. Eine Zeit, die aber auch f&uuml;r weitere unbemannte Tests genutzt wurde und nicht zuletzt waren auch Saturn V und LM zum Zeitpunkt des geplanten Starts von Apollo 1 nicht einsatzbereit. Der Nettoeinfluss auf Apollo war somit nicht so gro&szlig;, wie die 18 Monate Verz&ouml;gerung zwischen geplantem Startdatum von Apollo 1 und der Apollo 7 Mission (mit denselben Missionszielen) suggeriert.<\/li>\n<li>STS 51L: 72 s nach dem Start explodiert der Wasserstofftank des Space Shuttles und das Shuttle selbst wird zerst&ouml;rt. Alle sieben Astronauten sterben. Anders als bei Apollo wird die prim&auml;re Ursache rasch gefunden. Es ist ein durchgebrannter Dichtungsring aus Gummi zwischen zwei Segmenten der Feststoffbooster. Er war bei den niedrigen Starttemperaturen zu unelastisch. Das Space Shuttle Programm stand f&uuml;r zweieinhalb Jahre. Eine neue F&auml;hre musste gebaut werden.<\/li>\n<li>STS 107: Beim Wiedereintritt vergl&uuml;ht die Raumf&auml;hre Columbia. Als Ursache stellt sich ein beim Start abgel&ouml;stes St&uuml;ck Schaumstoff von der Rampe, an der die F&auml;hre am Tank befestigt ist, heraus. Es prallte auf die Fl&uuml;gelkante und riss dort ein Loch in ein RCC-Panel durch das beim Wiedereintritt Plasma eintreten konnte. Erneut steht das Programm f&uuml;r zweieinhalb Jahre. Diesmal wird keine neue F&auml;hre gebaut, stattdessen der Beschluss zur Einstellung des Space Shuttle Programms gefasst.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Welches ist nun meiner Meinung nach die gr&ouml;&szlig;te Katastrophe, die schw&auml;rzeste Stunde? Wartet bevor ihr weiterlest und denkt selbst erst mal nach.<\/p>\n<p>Mein Kriterium ist bei einer solchen Katastrophe ist die Vermeidbarkeit. Man k&ouml;nnte auch die finanziellen, zeitlichen oder organisatorischen Auswirkungen nehmen. Gehen wir mal die drei Katastrophen durch:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/schlamperei.shtml\">Apollo 1<\/a>: Der Brand beruht darauf, dass man damals in den US-Raumfahrzeugen eine reine Sauerstoffatmosph&auml;re, wenn auch unter reduziertem Druck einsetzte. Eigentlich ist logisch, das eine solche Atmosph&auml;re Br&auml;nde f&ouml;rdert. Doch es gab bei den bisherigen Eins&auml;tzen im Mercuryprogramm und Geminiprogramm keinerlei Probleme \u2013 also &uuml;ber 6 Jahre Einsatz auf &uuml;ber zwei Dutzend Missionen. Im Mercuryprogramm hatte man auch eine Verfahrensvorschrift f&uuml;r Br&auml;nde: Helm schlie&szlig;en, Kabinenatmosph&auml;re in den Weltraum entlassen. Das Ungl&uuml;ck besteht aus zwei Teilen. Das eine war die untersch&auml;tzte Brandgefahr. Das andere waren tats&auml;chliche Vers&auml;umnisse von North American bei der Konstruktion. Man entdeckte bei der folgenden Untersuchung zahlreiche Fertigungsdefizite und versteckte M&auml;ngel bei den Raumschiffen. Das war auch dem Wettrennen um den Mond geschuldet. Es gibt &uuml;brigens auch andere Stimmen. Wenn die M&auml;ngel erst bei einem Flug aufgetreten w&auml;ren, dann h&auml;tte man die Besatzung auch verloren, jedoch mit wesentlich gr&ouml;&szlig;eren Auswirkungen auf das Programm und vor allem, ohne das man eine Kapsel gehabt h&auml;tte, in der man nach der Ursache des Brandes suchen konnte. Falls das passiert w&auml;re, so vermuten Kenner des US-Raumfahrtprogramms h&auml;tte man wahrscheinlich Apollo eingestellt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/columbia-iss.shtml\">STS-107<\/a>: Die Ursache war eine Kombination aus mehreren Ungl&uuml;cksfaktoren. Es gab immer wieder abgel&ouml;ste Schaumstoffst&uuml;cke vom Tank. Sie waren nie ein Problem. Diesmal war es ein gro&szlig;es St&uuml;ck, das nur von einer Stelle, der Verbindung des Tanks zur F&auml;hre abgehen konnte, woanders war die Isolierung nur d&uuml;nn und h&auml;tte die Sch&auml;den nicht verursacht. Der Verlust der F&auml;hre konnte nur passieren weil das St&uuml;ck auf die Fl&uuml;gelvorderkante aufprallte. Auf der Oberseite w&auml;re es unkritisch gewesen, da diese maximal 280\u00b0C hei&szlig; wird, weit unterhalb der Erweichungstemperatur des Fl&uuml;gels. Auf der Unterseite auch, weil die Str&ouml;mung durch die Fl&uuml;gelform &uuml;ber ein Loch ohne Kacheln, aber mit Fl&uuml;gelunterstruktur hinweggezogen w&auml;re. Die Fl&uuml;gel w&auml;ren an der Stelle h&ouml;her thermisch belastet worden, h&auml;tten aber wahrscheinlich gehalten. Die Kante ist d&uuml;nn, hat viel weniger Fl&auml;che. Das sie getroffen wurde ist Zufall gewesen. Zudem war es sehr gro&szlig;es St&uuml;ck. Ein kleineres St&uuml;ck h&auml;tte wesentlich weniger folgen gehabt.<\/p>\n<p>Zuletzt musste das Schaumstoffst&uuml;ck in einer H&ouml;he abgehen in der die F&auml;hre schnell ist. In zu niedriger H&ouml;he ist die Aufprallgeschwindigkeit zu klein, in zu gro&szlig;er H&ouml;he ist die Atmosph&auml;re so d&uuml;nn, dass der Druck nicht ausreicht, Schaumstoff abzul&ouml;sen. Man hat danach noch mehr getan, um die F&auml;hren abzusichern. Aber ich halte das Vorkommnis, auch wenn mancher es anders sieht, als Restrisiko. Denn das die F&auml;hren so sicher wie eine Kapsel sein w&uuml;rden, das war von Programmbeginn klar.<\/p>\n<p>Was die Auswirkungen angeht, ist der Verlust von STS-107 nat&uuml;rlich der einzige der drei Katastrophen die zur Einstellung des Programms f&uuml;hrten. Allerdings hat der nichts mit dem Verlust zu tun. Er fiel erst als George W. Bush sein Constellation Programm aus der Taufe hob und das Geld, dass die Space Shuttles verschlangen, daf&uuml;r brauchte. Er wollte ja auch die ISS einstellen und die war damals noch nicht mal fertig gebaut. Man wollte den Beschluss auch umkehren, als die F&auml;hren einige Jahre ohne Probleme flogen und daf&uuml;r Constellation eingestellt war, da war es aber dann schon zu sp&auml;t.<\/p>\n<p>Bleibt der Verlust von STS-51L &uuml;brig. Ich halte ihn f&uuml;r die schw&auml;rzeste Stunde der NASA. Aus mehreren Gr&uuml;nden. Der f&uuml;r mich offensichtlichste ist, das er viel mehr als die anderen beiden Ereignisse vorhersehbar war. Die Ringe hatten bei drei vorhergehenden Fl&uuml;gen Probleme gemacht und man wusste, das dies mit niedrigen Temperaturen zusammenhing und es war beim Start so kalt wie bisher bei keinem Shuttle-Start. Techniker von Thiokol, dem Hersteller der Feststoffraketen, sprachen sich auch gegen den Start aus. Das NASA-Management &uuml;bte Druck auf, das f&uuml;hrte dazu das schlie&szlig;lich auch das Thiokol-Management ihre eigenen Techniker dazu bewog, den Start freizugeben. Anders als bei den anderen Katastrophen war diese vorhersehbar und vermeidbar. Es war eine Folge einer NASA-Politik die Flugrate &uuml;ber Sicherheit stellte.<\/p>\n<p>Die sp&auml;tere Untersuchung zeigte denn auch zahlreiche andere M&auml;ngel auf. So hatte man zu wenig Ersatzteile, was dazu f&uuml;hrte das man bei defekten oder besch&auml;digten Zeilen, welche aus den F&auml;hren ausbaute, die beim Hersteller bei der &Uuml;berholung waren oder aus F&auml;hren die gerade nicht flogen. Das nannten die Techniker \u201eKannibalisierung\u201c. Man hatte das Ziel wirklich viele Fl&uuml;ge durchzuf&uuml;hren. Es gab ja mal ein Manifest mit 48 Fl&uuml;gen pro Jahr. 1985 hatte man neun Fl&uuml;ge absolviert und das obwohl die Atlantis als letzter Orbiter erst im Oktober zur Flotte kam und die Columbia zur Umr&uuml;stung bei Rockwell war. Nur zwei F&auml;hren &#8211; Discovery und Challenger hatten sieben der neun <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/space-shuttle-starts.shtml\">Fl&uuml;ge<\/a> absolviert. Da erschienen bei vier F&auml;hren die 13 bis 16 geplanten Fl&uuml;ge f&uuml;r 1986 sogar m&ouml;glich. Nie mehr sollte man aber neun Fl&uuml;ge wieder erreichen. Denn die Fl&uuml;ge vorher waren meist nicht ohne Probleme: Startabbr&uuml;che, Abort to Orbit, Ausfall des Lebenserhaltungssystems und Missionsverk&uuml;rzung, unbrauchbare Raumanz&uuml;ge, Computerausf&auml;lle, platzende Reifen bei der Landung, sich entz&uuml;ndendes Hydrazin bei der Landung. All das kam bei den vorherigen Missionen vor. Man ging dar&uuml;ber hinweg, anstatt die Probleme zu l&ouml;sen. Der Unfall war nur der Schlusspunkt eines NASA-Systems das sich gewandelt hatte. Nach dem Verlust von Apollo 1 war die Sicherheit der Astronauten das Wichtigste und nun war es die Flugrate, wobei die meisten Missionen nicht einmal bemannt sein mussten &#8211; sie transportieren Satelliten, die auch unbemannt h&auml;tten gestartet werden k&ouml;nnen, einige Missionen waren sogar rein kommerziell, nicht f&uuml;r die NASA oder das DoD.<\/p>\n<p>Aufgrund dessen ist f&uuml;r mich die Challenger-Katastrophe die schw&auml;rzeste Stunde der NASA. Was meint ihr. Was ist eure schw&auml;rzeste Stunde der NASA? &Uuml;bermorgen kommt der dritte und letzte Zeil der kurzen Serie \u2013 die gr&ouml;&szlig;te Panne der NASA. Panne im Sinne von: \u201eDas h&auml;tte man auch vermeiden k&ouml;nnen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute folgt Teil 2 meiner kleinen Serie &uuml;ber die Geschichte der NASA, die am 1.10.2018 ihren 60-sten Geburtstag feierte. 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