{"id":13544,"date":"2018-10-05T09:33:10","date_gmt":"2018-10-05T07:33:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13544"},"modified":"2018-10-05T09:33:10","modified_gmt":"2018-10-05T07:33:10","slug":"die-groesste-panne-der-nasa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/10\/05\/die-groesste-panne-der-nasa\/","title":{"rendered":"Die gr&ouml;&szlig;te Panne der NASA"},"content":{"rendered":"<p>In meiner kleinen dreiteiligen Serie zum sechszigsten Geburtstag der NASA geht es heute um die gr&ouml;&szlig;te Peinlichkeit im US-Weltraumprogramm. Gut da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Was ist peinlich? Das h&auml;ngt vom Standpunkt und Zeitgeist ab. 1969 bekam die NASA jede Menge erboster Zuschriften als in einer brenzligen Situation Eugene Cernan ein \u201eson of a bitch\u201c rausrutschte. Aber das sehe ich das nicht als peinlich oder als Panne an. Ich habe mir einen Vorfall rausgesucht, der stellvertretend f&uuml;r ein Dauerproblem der NASA steht: Der Verlust des Mars Climate Orbiters (MCO). Zuerst mal die Geschichte:<\/p>\n<p>Am 23.9.1999 stand die Abbremsung des MCO in den Orbit an. Eine letzte Kurskorrektur, die noch m&ouml;glich gewesen w&auml;re, wurde als unn&ouml;tig befunden. Um den Treibstoffverbrauch beim Einschwenken in den Orbit zu minimieren, n&auml;hert sich der MCO dem Mars so nahe wie m&ouml;glich, um kurz vor Passage des marsn&auml;chsten Punktes das Haupttriebwerk zu z&uuml;nden. Es verlangsamt in 16 Minuten den Satelliten um 1.370\u00a0m\/s. Der MCO sollte in einen elliptischen Orbit mit einer Umlaufszeit von 14 Stunden einschwenken.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0cead80804484c30af14edbdc3c3a434\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Bei dem Man&ouml;ver ist keine Funkverbindung m&ouml;glich. Nach dem Einschwenken in den Orbit w&uuml;rde sich der<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mco.shtml\"> Mars Climate Orbiter<\/a> drehen und die Bodenstation kontaktieren. Wenn er hinter dem Mars auftaucht, besteht wieder Funkverbindung. Doch der Climate Orbiter blieb stumm. Normalerweise braucht man bei einem solchen Vorkommnis Wochen, um die Ursache zu finden. Beim Mars Observer, bei dem sechs Jahre vorher &Auml;hnliches passierte, wurde nie genau gekl&auml;rt, was passierte. Beim MCO fand man die Ursache innerhalb eines Tags.<\/p>\n<p>Man wertete die letzte Telemetrie aus, die sechs bis acht Stunden vorher &uuml;bertragen wurde. Aus dem Funksignal wurde &uuml;ber die Dopplervermessung die Geschwindigkeit der Sonde bestimmt und aus dieser wiederum, wo sich der MCO befand. Es zeigte sich, dass der marsn&auml;chste Punkt der Bahn 57\u00a0km &uuml;ber der Oberfl&auml;che lag, anstatt in 140 bis 150\u00a0km Distanz. Der Mars Climate Orbiter wurde in dieser H&ouml;he durch die Reibungshitze zerst&ouml;rt.<\/p>\n<p>Doch wie kam es dazu? Man ging zur&uuml;ck zur letzten Bahnanpassung am 15.9.1999. Die Flugkontrolle rechnete noch mit einer Kurskorrektur vor Eintreten in den Orbit, die aber nicht erfolgte. Man rechnete deswegen mit einer Korrektur, weil sich MCO bis auf 226\u00a0km an den Mars n&auml;hern sollte. Nach den Bahnvermessungen nach der letzten Bahnanpassung n&auml;herte er sich aber auf 110\u00a0km. Das war eine so hohe Abweichung, dass die Flugkontrolleure eine Korrektur der Distanz f&uuml;r notwendig erachteten. Die Projektleitung vertrat die Meinung, dass der Kurs sehr nah am Mars lag, aber doch noch au&szlig;erhalb der Gefahrenzone, die in 85\u00a0km H&ouml;he beginnt. Beim Aerobraking w&uuml;rde sich der MCO dem Mars auf bis zu 100\u00a0km n&auml;hern. Der Abstand war also noch gr&ouml;&szlig;er als in der n&auml;chsten Missionsphase.<\/p>\n<p>Die prim&auml;re Ursache f&uuml;r die Abweichung von der Sollbahn war ein Verfahren namens <b>A<\/b>ngular <b>M<\/b>omentum <b>D<\/b>esaturation (AMD). Durch das gro&szlig;e, einteilige Solarpanel bei der kleinen Masse des Orbiters bekam die Sonde durch die Sonnenstrahlung einen Drall. Das war schon bei der Konstruktion bekannt. Eine L&ouml;sung w&auml;re gewesen, die Sonde regelm&auml;&szlig;ig um 180 Grad zu drehen. Man w&auml;hlte jedoch eine andere Strategie. Die Drallr&auml;der kompensierten das Moment, doch bei Dauerbetrieb wurden sie immer schneller und das war gef&auml;hrlich. Man musste sie zyklisch herunterfahren. Also drehte man von Zeit zu Zeit den MCO mit den Lagekontrolltriebwerken, da das Herunterfahren der R&auml;der die Sonde sonst drehte. Dies war das AMD-Man&ouml;ver. Bei MCO war das AMD zehn bis 14-mal h&auml;ufiger als bei anderen Sonden, weil das Solarpanel unsymmetrisch am Sondenk&ouml;rper angebracht war.<\/p>\n<p>Der h&auml;ufige Einsatz der Triebwerke beeinflusste den Kurs. Man musste dies bei der Navigation ber&uuml;cksichtigen. Dazu gab es vom Hersteller des MCO, Lockheed Martin, eine AMD-Einheitentabelle, den AMD-Small-Forces-Files. Die Zahlen in dieser Tabelle waren bei Lockheed in amerikanischen (imperialen) Einheiten erstellt worden, die Impulse waren in der Einheit US-Pfund \u00d7 Sekunden angegeben. Bei der NASA wurde das weltweit gebr&auml;uchliche SI-System verwendet (Newton \u00d7 Sekunde). Diese beiden Systeme differieren um den Faktor 4,45. 1 lbs entsprechen 4,45 Ns. Die Tabellen wurden in ein Softwareprogramm des JPL zur Berechnung der erwarteten Abweichung eingelesen. Der MCO konnte die Kr&auml;fte, die das AMD-Man&ouml;ver verursachte, auch bestimmen. Er hatte Beschleunigungsmesser und Lasergyroskope an Bord. Doch erstaunlicherweise ignorierte man diese Daten.<\/p>\n<p>W&auml;hrend der ersten vier Monate nach dem Start konnte die NASA die AMD Tabellen wegen zahlreicher Softwarefehler (darunter \u201emultiple file format errors\u201c) nicht nutzen. Das JPL lie&szlig; sich von Lockheed Martin, die w&auml;hrend dieser Zeit die AMD-Man&ouml;ver im Auftrag durchf&uuml;hrten, per Email informieren. Als das JPL erstmals mit der Software arbeiten konnte, stellte sich heraus, dass man den Effekt wohl drastisch untersch&auml;tzt hatte (der Faktor 4,45 schlug nun zu). Da der Schub der Triebwerke senkrecht zur Sichtlinie erfolgte, konnte man den tats&auml;chlichen Effekt nicht durch Dopplermessungen verifizieren. So korrigierte die Flugkontrolle bei den Kurskorrekturen nicht nur das erwartete Drehmoment, sondern das 4,45-fache dieses Wertes und lenkte dadurch den MCO auf die zu nahe Bahn. Als man die Werte bei der Ursachenforschung korrigiert um den Faktor 4,45 erneut berechnete, zeigte sich, dass sich der MCO bis auf 57 anstatt 110\u00a0km dem Mars n&auml;hern w&uuml;rde. Auf dieser Bahn vergl&uuml;hte er schlie&szlig;lich.<\/p>\n<p>Als ich das h&ouml;rte, war ich baff. 1978 wurde bei uns das SI-System, das schon im wissenschaftlichen Bereich seit Langem eingesetzt wurde auch f&uuml;r den Alltag gesetzlich vorgeschrieben. Damals gab es eine siebenteilige ZDF-Serie &uuml;ber die Basiseinheiten (ja damals gab es noch Bildungsfernsehen, nicht nur Wissensfernsehen. Der Unterschied? Es gibt &uuml;berfl&uuml;ssiges Wissen, aber nicht &uuml;berfl&uuml;ssige Bildung). In der Schule hatte ich nur SI-Einheiten. Klar in der Physik, wo man es am h&auml;ufigsten in der Schule mit Einheiten zu tun hat, sind sie gang und g&auml;be. Auch weil man viele Berechnungen nur mit den SI-Einheiten machen kann. Wer versucht nach <a href=\"https:\/\/www.uni-ulm.de\/fileadmin\/website_uni_ulm\/nawi.inst.251\/Didactics\/thermodynamik\/INHALT\/BOYLEGSZ.HTM\">Boyle-Mariotte<\/a> das Volumen oder den Druck eines Gases bei sich &auml;ndernder Temperatur zu berechnen und nimmt daf&uuml;r Celsius oder Fahrenheit, kann sogar negativen Druck und negatives Volumen raus bekommen. Ich habe in der Schule auch Energieangaben in Kilojoule gelernt, eine Einheit, die in den Medien bis heute noch <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2013\/04\/10\/warum-gibt-es-immer-noch-angaben-in-kalorien-und-kilojoule\/\">nicht angekommen<\/a> ist. Das es in den USA doch etwas anders l&auml;uft habe ich aber schon damals gemerkt. W&auml;hrend ich mich bei der Schreibweise einiger Elemente umgew&ouml;hnen musste, so Bismut anstatt Wismut und Iod anstatt Jod um sich der internationalen Nomenklatur anzun&auml;hern, blieben die Amis bei ihrem Potassium und Sodium und wie ich erst als ich mich mehr mit Raumfahrt besch&auml;ftigte auch beim Tungsten. Immerhin waren sie in anderen Dingen konsequenter. Bei ihnen hies es Cholesterol, nicht Cholesterin, da sieht man gleich das es ein Alkohol ist, auch wenn die Benennung als Sterin nicht falsch ist, wenn man Sterine als Substanzgruppe einf&uuml;hrt (analog sind ja auch Monosaccharide chemisch Alkohole trotzdem enden alle Zucker auf \u201eose\u201c als Kennzeichen zu dieser Gruppe). &Uuml;brigens hat die DDR diese Nomenklatur auch &uuml;bernommen, wie man schnell in DDR-Oranikb&uuml;chern sieht. Dort hei&szlig;t es auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benzol\">Benzen<\/a> und nicht Benzol. Wer h&auml;tte gedacht das die USA mal mehr Gemeinsamkeiten mit der DDR als BRD haben?<\/p>\n<p>Aber was hat das mit der Raumfahrt zu tun? Nun auch dort ist das SI-System in der Wissenschaft und Technik Standard. Alle fr&uuml;hen Raumfahrtb&uuml;cher, die ich hatte, nahmen SI-Einheiten wie N, m\/s, kg. Sie waren damals in Deutsch und geschrieben von Journalisten oder Ingenieuren. Gewundert habe ich mich &uuml;ber andere Dinge. Wie bestimmt man das Gewicht einer<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/atlas.shtml\"> Atlas Rakete<\/a> auf ein Kilogramm genau, denn so genau waren die Angaben. Warum hat sie einen Durchmesser von 3,05 m und nicht geraden 3.00 m. Naiverweise dachte ich damals daran, dass man den Durchmesser wohl durch genaue Rechnung f&uuml;r das geringste Startgewicht so festgelegt hat. Heute wei&szlig; ich es besser: Die genaue Kilogramm-Angabe kam nur durch die Umrechnung von US-Pfund (0,4536 kg) in Kilogramm zustande. In Wirklichkeit war die Angabe nur auf 1000 US-Pfund genau und auch der Durchmesser war nicht berechnet, sondern einfach fix auf 10 US-Fu&szlig; (0,3048 m) festgelegt worden.<\/p>\n<p>Mit der Zeit des Internets und immer mehr englischsprachigen Quellen habe ich mich dann gew&ouml;hnt US-Angaben umzurechnen, auch wenn man f&uuml;r manche den Taschenrechner braucht, wie so sinnige Angaben wie \u201eKubikfuss\u201c oder \u201ePfund pro Quadratzoll\u201c. Der Verlust des MCO war f&uuml;r mich trotzdem eine &Uuml;berraschung. Zum einen, wie er passieren konnte, was ja nicht gerade f&uuml;r die NASA spricht. Warum hat keiner die Programme bzw. die Tabellen von Lockheed-Martin &uuml;berpr&uuml;ft. In welchen Einheiten die arbeiten, muss ja dokumentiert sein. Das zugrunde liegende Problem ist aber das in der Luft &amp; Raumfahrtindustrie weiterhin mit \u201eimperialen\u201c Einheiten gearbeitet wird. Das ist ja nun mal keine Industrie mit Low-Tech, die nur f&uuml;r den lokalen Markt produziert. Die Raumfahrtindustrie ist international vernetzt und hat ziemlich viel mit Technologie und Physik zu tun. Zumindest in Letzterem wird man SI-Einheiten einsetzen. Sind diese Einheiten im Alltag schon etwas komisch \u2013 man kann nur schwer zwischen ihnen umrechnen. W&auml;hrend man von Millimetern in Meter und Kilometer nur um den Faktor 1000 multiplizieren muss, gibt es zig verschiedene Umrechnungsfaktoren von Inch zu Fu&szlig; zu Yard zu Meilen bzw., nautischen Meilen. Oder von Unzen zu Pfund zu Tonnen (nein nicht metrischen Tonnen). In der Technik gibt es aber zahlreiche aus den 7 SI-Basiseinheiten abgeleitete physikalische Gr&ouml;&szlig;en und dann wird es wirklich skurril wie die f&uuml;r den spezifischen Impuls (Einheit Sekunden! &#8211; also eine Zeit f&uuml;r eine Impulsgr&ouml;&szlig;e) oder eben so was wie Fu&szlig;\/Sekunde, Pfund pro Quadratzoll.<\/p>\n<p>Das Schlimme ist. Es hat sich in 50 Jahren eigentlich nichts ge&auml;ndert. Schon in den Sechzigern gab es f&uuml;r Apollo Dokumente vom <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/centers\/marshall\/home\/index.html\">MFSC<\/a> in metrischen Einheiten und von der US-Industrie oder anderen NASA Zentren in imperialen Einheiten, wie ich gerade bei der Recherche sehe. Ratet mal, wo die Deutschen die Leitung hatten. Bis heute ist es in den &ouml;ffentlichen Auftritten der NASA unterschiedlich. Es gibt Websites mit metrischen Einheiten, die sind aber die Ausnahme, dann gemischte (ein System folgt dann immer in Klammern) und dann auch nur Auftritte mit US-Einheiten.<\/p>\n<p>Was mich wirklich &auml;rgert, ist das auch in Europa, obwohl wie das SI-System haben einige US-Einheiten eingezogen sind, seit ehemalige Astronauten, die nie Luft &amp; Raumfahrttechnik studiert haben aber ihre Ausbildung als Astronaut in den USA absolviert haben, als Professoren Studenten unterrichten, wie den spezifischen Impuls. Da findet man auch in deutschen oder ESA-Publikationen die US-Einheit. Vielleicht ist es aber auch nur ein Ausdruck des weltweiten PISA-Syndroms und des R&uuml;ckgangs der Qualit&auml;t der Ausbildung, da man ja alles im Internet nachlesen kann. Da muss man ja auch die Einheiten von dem, wo man abschreibt, &uuml;bernehmen. Ich denke das es auch nicht gut gehen kann in zwei Systemen zu arbeiten und der Verlust des MCO sicher nicht das einzige Vorkommnis bleiben wird.<\/p>\n<p>Doch Abhilfe sehe ich nicht. Die Angaben bleiben gemischt. Sogar innerhalb eines Unternehmens. Webseiten von ULA sind z.B. in imperialen Einheiten, die Dokumente f&uuml;r Kunden, wie der Users Guide f&uuml;r Raketen in SI-Einheiten. Die einzige Firma, die ich kenne, die sich da positiv abhebt, ist ausgerechnet SpaceX.<\/p>\n<p>Ich verstehe auch nicht, warum, die Industrie nicht das SI-System &uuml;bernimmt. In der NASA ist es ja intern vorgeschrieben und die d&uuml;rfte ein wichtiger Kunde sein. Das ist ja v&ouml;llig unabh&auml;ngig von dem in der Allgemeinheit verwendeten System. Da k&ouml;nnen sie ja gerne bei Fu&szlig;, Unzen und Faraday bleiben. Bei uns gibt es ja auch noch Nischen f&uuml;r Nicht-<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Basisgr%C3%B6%C3%9Fe\">SI Einheiten.<\/a> Temperaturen geben wir immer noch in Celsius und nicht Kelvin an und die von mir schon erw&auml;hnte Kalorie oder die von den Autofahrern so geliebten PS sind auch noch ein Beispiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner kleinen dreiteiligen Serie zum sechszigsten Geburtstag der NASA geht es heute um die gr&ouml;&szlig;te Peinlichkeit im US-Weltraumprogramm. Gut da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Was ist peinlich? 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