{"id":13606,"date":"2018-11-20T11:27:08","date_gmt":"2018-11-20T10:27:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13606"},"modified":"2018-11-20T11:27:08","modified_gmt":"2018-11-20T10:27:08","slug":"die-letzte-meile-im-orbit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/11\/20\/die-letzte-meile-im-orbit\/","title":{"rendered":"Die letzte Meile im Orbit"},"content":{"rendered":"<p>Derzeit herrscht in der Raumfahrt Goldgr&auml;berstimmung. Nicht nur das sich zig Firmen berufen f&uuml;hlen, neue Raketen zu entwickeln, es werden neue Konstellationen von Satelliten geplant \u2013 nicht nur die Riesenflotten von OneWeb und SpaceX, sondern auch kleinere. Kepler hat 140 Satelliten, Telsat 117 und Leosat 78. Zwar eine Gr&ouml;&szlig;enordnung kleiner als SpaceX aber immer noch mehr Satelliten als z.B. das bisher gr&ouml;&szlig;te Netz, Iridium hat.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d8fe7a5815fd4f8d8dab65d9903d2096\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Es gibt aber auch Firmen mit komplett neuen Gesch&auml;ftsideen. <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/space-tango-st-42\/\">Space Tango<\/a> will im Orbit fertigen lassen und der heutige Blog besch&auml;ftigt sich mit einem anderen Startup: Momentum. Die Firma hat 8,3 Millionen Dollar an Kapital gesammelt und viel vor: Ein Transfer eines 100 bis 200 kg schweren Satelliten vom niedrigen Erdorbit in einen Mondorbit soll 10 Millionen Dollar kosten. Anfangen will sie 2020 mit dem Transfer von 60 kg vom LEO in den GEO. Dann 250 kg vom niedrigen Erdorbit in einen Mondorbit oder 180 kg vom Mond in einen Marsorbit. 8,3 Millionen sind wenig, denn davon muss ja nicht nur die Entwicklung des Schleppers sondern such dessen Start finanziert werden, der derzeit f&uuml;r nicht weniger als 5,9 Millionen zu haben ist.<\/p>\n<p>Die Website wird dann etwas konkreter. Alle Module arbeiten mit Wasser als Arbeitsmedium. F&uuml;r den Laien bleiben da Fragezeichen. Der Experte wei&szlig;: Dann werden Plasmatriebwerke eingesetzt. Eine heute eher selten genutzte Abart der Ionentriebwerke, bei der das Arbeitsmedium in ein Plasma umgewandelt wird. Neben dem geringen spezifischen Impuls haben Plasmatriebwerke noch andere Nachteile. Der Wirkungsgrad ist viel kleiner als bei elektrostatischen Triebwerken, weil viel Energie in die Erzeugung des Plasmas gesteckt wird. Zus&auml;tzlich werden die Elektroden werden durch das Plasma gesch&auml;digt. Plasmatriebwerke haben daher eine vergleichsweise kurze Lebensdauer. Aerojet fertigt auch solche Triebwerke. Ihre MR-509\/510 Plasmatriebwerke liegen bei rund 2 kW Leistung, einem Schub von 0,2 bis 0,25 N und eine Lebensdauer von 1000 bis 1700 Stunden. Dabei muss man nach 1 Stunde Betrieb mindestens eine halbe Stunde Pause machen.<\/p>\n<p>Die Daten ihrer Module sind folgende:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<colgroup>\n<col width=\"85*\" \/>\n<col width=\"85*\" \/>\n<col width=\"85*\" \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"33%\">Parameter<\/th>\n<th width=\"33%\">Vigroide<\/th>\n<th width=\"33%\">Ardoride<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Startmasse<\/td>\n<td width=\"33%\">180 bis 300 kg<\/td>\n<td width=\"33%\">500 bis 1.250 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Nutzlast<\/td>\n<td width=\"33%\">60 kg LEO \u2192 GEO<\/td>\n<td width=\"33%\">180 kg LEO \u2192 Mondorbit<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">DV<\/td>\n<td width=\"33%\">&lt; 6.000 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">&lt; 6.000 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Spez impuls<\/td>\n<td width=\"33%\">&lt; 6.860 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">&lt; 6.860 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Elektrische Leistung<\/td>\n<td width=\"33%\">500 Watt<\/td>\n<td width=\"33%\">2.000 bis 3000 Watt<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Weiter unten steht dann noch ein Kalkulator, der aber nach einfacher Pr&uuml;fung vollkommen unsinnige Ergebnisse liefert. Sowohl Treibstoffverbrauch wie auch Transferzeit sind zu niedrig angegeben.<\/p>\n<p>Die Frage ist nat&uuml;rlich die der Sinnhaftigkeit. Ziel sind ja, wie man an den Satellitenmassen sieht Sekund&auml;rnutzlasten wie Klein- oder Kleinstsatelliten, bei der Vigroide ist sogar der ESPA-Ring als ein typischer Sekund&auml;rnutzlastadapter aufgef&uuml;hrt. Die meisten Starts dieser Sekund&auml;rnutzlasten gehen aber in sonnensynchrone Orbits. Da man da den Richtungsvektor der Inklination vom Transfer SSO in den GEO um rund 90 Grad drehen muss, reichen die 6 km\/s <span style=\"font-family: Arial Narrow, sans-serif;\">\u0394<\/span>V-Verm&ouml;gen nicht. Man braucht die 1,4-fache Bahngeschwindigkeit um die Inklination um 90 Grad zu &auml;ndern, und das sind, selbst wenn man das erst im GEO macht, noch &uuml;ber 3 km\/s. Dazu kommt noch das <span style=\"font-family: Arial Narrow, sans-serif;\">\u0394<\/span>V zwischen niedrigem Erdorbit und GEO von rund 4,5 km\/s. Aufgehen w&uuml;rde das Konzept nur, wenn der Start schon am Anfang eine Inklination von weniger als 30 Grad hat. Das w&auml;re z.B. bei einer GTO-Bahn der Fall, nur ist dass eben kein Transfer vom LEO in den GEO.<\/p>\n<p>Die zweite Sinnhaftigkeit ist die Antriebswahl. Plasmatriebwerke werden eingesetzt f&uuml;r kleine DV-&Auml;nderungen, da sowohl Gesamtimpuls wie auch Lebensdauer der Triebwerke gering sind. F&uuml;r 6 km maximales <span style=\"font-family: Arial Narrow, sans-serif;\">\u0394<\/span>V besteht bei dem niedrigen spezifischen Impuls des Antriebs das Gef&auml;hrt zu 60 % aus Treibstoff. Daneben ist der Wirkungsgrad bei den Aerojettriebwerken mit 35 % etwas halb so hoch wie bei elektrostatischen Triebwerken. Man w&uuml;rde also sowohl aus Gewichtsgr&uuml;nden wie auch Effizienz diese einsetzen, auch wenn die Drucktanks f&uuml;r Xenon viel mehr wiegen als die f&uuml;r Wasser. Das spart man bei dem Treibstoff wieder ein, man k&ouml;nnte sogar einen solchen Schlepper mehrfach einsetzen, um vom LEO zum GEO zu pendeln.<\/p>\n<p>Die Orbits sind teilweise auch relativ sinnfrei. Warum sollte man vom Mondorbit in den Marsorbit wechseln?<\/p>\n<p>Sinn machen w&uuml;rde f&uuml;r mich nur ein Transfer mit dem Ausgangsorbit der ISS. Da gibt es durch die Transporter pro Jahr mindestens vier Startgelegenheiten. Die werden auch schon genutzt, meist aber f&uuml;r Cubesats, doch Kleinsatelliten mitzuf&uuml;hren, w&auml;re nicht unm&ouml;glich. Die ISS ist aber zu erdnahe f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Satelliten, die l&auml;nger betrieben werden sollen und die Bahnneigung ist ung&uuml;nstig, zumindest f&uuml;r Satelliten welche, die ganze Erde beobachten sollen. Wegen des immer gleichen Beleuchtungsverh&auml;ltnisses w&auml;ren sonnensynchrone Umlaufbahnen sinnvoll. Um von einer 400 km hohen Bahn mit 51,6 Grad Bahnneigung in eine sonnensynchrone 600 km hohe Bahn mit 97,78 Grad zu wechseln, braucht man 5.888 m\/s, was gerade noch in das <span style=\"font-family: Arial Narrow, sans-serif;\">\u0394<\/span>V-Budget der Module von 6.000 m\/s passt. Wenn man allerdings wie oben angedeutet, daf&uuml;r 10 Millionen Dollar zahlen muss, dann kann man auch gleich einen Start buchen: Eine Vega kostet 32 Millionen Euro und kann rund 1,6 t in die 600 km hohe Umlaufbahn bringen. Rechnet man 300 kg f&uuml;r die Mehrfachstartvorrichtung ab, so w&auml;ren das f&uuml;nf der 250 kg schweren Nutzlasten und Startkosten von etwa 7 Millionen Dollar pro Kunde. Ab 2019 wird es mit der Vega-C noch billiger, da die Nutzlast bei gleichen Kosten um 30 % steigt. Dann steht auch ein neuer <a href=\"https:\/\/www.copernicus-masters.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/SSMS-Proof-of-Cocept-Flight-User-Manual.pdf\">Dispenser<\/a> zur Verf&uuml;gung, der drei unterschiedliche Konfigurationen erlaubt. In einer kann die Vega acht Mikrosatelliten von maximal 200 kg Gewicht und 12 Cubesats oder Nanosats bef&ouml;rdern. Das macht einen solchen Schlepper weitestgehend &uuml;berfl&uuml;ssig,<\/p>\n<p>Transfers von einem SSO in einen anderen sind wegen der geringen Bahnneigungsunterschieden energetisch viel g&uuml;nstiger. Vom 600 km hohen in den 800 km SSO zu gelangen, muss man die Bahnneigung nur um 0,9 Grad erh&ouml;hen, das <span style=\"font-family: Arial Narrow, sans-serif;\">\u0394<\/span>V liegt dann bei 143 m\/s, das schafft auch die Oberstufe. Die Vega hat schon mehrfach Satelliten in unterschiedlichen Orbits ausgesetzt. Daf&uuml;r br&auml;uchte man dann kein Modul, bzw. selbst wenn der Launch Service Provider den Service nicht bietet, kann man das mit einem einfachen monergolen Antrieb auf Hydrazinbasis bei kleinem Zusatzgewicht selbst machen.<\/p>\n<p>Das &uuml;berhaupt jemand auf diese Idee kommt ist der derzeitigen Praxis von Sekund&auml;rstarts zu verdanken. Es gibt zwar standardisierte Mitnahmem&ouml;glichkeiten, f&uuml;r Atlas und Delta der ESPA-Ring, bei Ariane 5 die ASAP-5 Plattform, f&uuml;r die Vega die VESPA, aber sie werden viel zu wenig eingesetzt, vor allem bei Arianespace. Verglichen mit der Ariane 4 gab es nur wenige Eins&auml;tze der ASAP-5. Es gibt im Jahr rund 20 Starts in den GTO. Eine Sekund&auml;rplattform wiegt nicht viel, so um die 100 bis 200 kg, ein Mikrosatellit ebenfalls in der Region, da k&ouml;nnte man Sekund&auml;rnutzlasten bei fast jedem Start einer Ariane 5 mitf&uuml;hren, bei der die Nutzlast nicht voll ausgenutzt wird (sie wird bei allen Raketen als Ring an dem Konus befestigt der zwischen Durchmesser der Standardsatellitenadapter von maximal 2,624 m und dem Durchmesser der Oberstufe von je nach Typ 3,05 bis 5,4 m vermittelt). Ebenso sieht es bei ISS-Starts aus, zumindest die der Dragon sind ja nicht nutzlastbegrenzt, sondern volumenbegrenzt. Die Dragon wurde schon bei der Falcon \u201eerster Versuch\u201c eingesetzt, mit 60 % der heutigen Nutzlast. Da g&auml;be es gen&uuml;gend Masse f&uuml;r weitere Nutzlasten. Die anderen fRachter werden wohl die maximale Nutzlast der Tr&auml;gerrakete ausnutzen.<\/p>\n<p>Das ist ja inzwischen so weit gediehen, dass Unternehmen Startauftr&auml;ge sammeln und einen eigenen Flug buchen: Der n&auml;chste <a href=\"http:\/\/spaceflight.com\/spaceflight-prepares-historic-launch-of-more-than-70-spacecraft-aboard-spacex-falcon-9\/\">Falcon 9 Start in Vandenberg<\/a> ist so einer: Spaceflight Industries hat ihn gebucht und startet 70 Satelliten auf einmal \u2013 bei 15 Mikosatelliten und 56 Cubesats nutzt man bei den maximalen Gewichtsgrenzen von 25 kg f&uuml;r Cubesats und 200 kg f&uuml;r Mikrosatelliten die Nutzlast mit 4.400 kg nur zu einem Bruchteil aus. Aber es war wohl einfacher einen Start zu buchen, als zu warten, bis man irgendwo eine Mitfluggelegenheit bekommt.<\/p>\n<p>Dagegen w&uuml;rde Druck helfen. Zumindest die Starts f&uuml;r Regierungen, sei es Weltreimbeh&ouml;rden, Verteidigungsministerien oder Wetterorganisationen sollte eine Mitnahme Pflicht sein. Darauf entfallen immer noch viele Starts. Sie m&uuml;ssten drauf dringen, das Sekund&auml;rnutzlasten bei jedem ihrer Starts mitgef&uuml;hrt werden, sofern m&ouml;glich. Das war auch fr&uuml;her so. Die Amateurfunkorganisation AMSAT hat in den sechziger und siebziger Jahren serienweise Satelliten als Sekund&auml;rnutzlast mit milit&auml;rischen Starts in den Orbit gebracht, dann wurden neue b&uuml;rokratische Strukturen eingef&uuml;hrt und das h&ouml;rte auf. Zeit das Rad wieder zur&uuml;ckzudrehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit herrscht in der Raumfahrt Goldgr&auml;berstimmung. Nicht nur das sich zig Firmen berufen f&uuml;hlen, neue Raketen zu entwickeln, es werden neue Konstellationen von Satelliten geplant \u2013 nicht nur die Riesenflotten von OneWeb und SpaceX, sondern auch kleinere. 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